Laura Restrepos "Delirio" als postmoderner Roman


Seminararbeit, 2006

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Zielsetzung und Aufbau

2. Begriffsklärung Moderne / Postmoderne

3. Merkmale des postmodernen Romans
3.1 Allgemeine Merkmale
3.2 Intertextualität
3.3 Metafiktion / Metatextualität / Selbstreferentialität
3.4 Pluralismus
3.5 Fragmentarisierung
3.6 Unbestimmtheit

4. Zum Roman
4.1 Inhalt
4.2 Aufbau
4.3 Stilistische Besonderheiten und Merkmale postmodernen Schreibens in „Delirio“
4.3.1 Metatextualität
4.3.2 Fragmentarisierung
4.3.3 Das Nicht-Zeigbare
4.3.4 Zusammenfassung

1. Zielsetzung und Aufbau

Ziel der Arbeit soll sein, Merkmale postmodernen Schreibens an Laura Restrepos Roman „Delirio“ nachzuweisen. Das setzt voraus, sich des Begriffes der Postmoderne bewusst zu werden und unweigerlich damit verbunden, ihn von der Moderne abgrenzen zu können. So wird es in Kapitel 2 auf Grundlage literatur- und kulturwissenschaftlicher Lexika (Hawthorn, Nünning, von Wilpert) allgemein um das Phänomen der Moderne bzw. Postmoderne auf kultureller, künstlerischer und gesellschaftlicher Ebene gehen, bevor im 3. Kapitel distinktive Merkmale des postmodernen Romans wie z.B. Intertextualität, Metafiktionalität, Pluralismus oder Fragmentarisierung erläutert werden. Als Quelle hiefür dienten vor allem Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion, die von Wolfgang Welsch zusammengestellt wurden, einem der wichtigsten deutschsprachigen Theoretiker der Postmoderne, aber auch literaturtheoretische Standardwerke (Nünning, Stenzel u.a.).

Im 4. Kapitel geht es dann konkret um Laura Restrepos Roman „Delirio“. In 4.1 werden kurz der Inhalt zusammengefasst und die Protagonisten vorgestellt, 4.2 befasst sich mit dem Aufbau des Romans. In 4.3 geht es um stilistische Besonderheiten und unter Bezugnahme der in den vorangegangenen Kapiteln herausgearbeiteten theoretischen Grundlagen schließlich um die postmodernen Merkmale innerhalb dieses Romans.

2. Begriffsklärung Moderne / Postmoderne

Eine Definition des Begriffes Postmoderne gestaltet sich in sofern schwierig, da es seit erstmaligem Auftauchen des Begriffes 1870[1] und verstärkt seit den 1960er Jahren eine Fülle von Diskussionen und nicht unbedingt eindeutigen Definitionen gibt. Zumindest eindeutig schon in der Bezeichnung selbst verankert ist die Tatsache, dass die Postmoderne zeitlich nach der kulturgeschichtlichen Epoche der Moderne anzusiedeln ist. Beide Begriffe sind nur schwer unabhängig voneinander zu definieren, da sie über nationale, kulturelle und gattungsspezifische Grenzen hinausgehen und diese auch je nach Sprachgebrauch unterschiedliche gezogen werden[2].

Allgemeinsprachlich steht die Moderne zunächst für den Umbruch in allen Bereichen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens gegenüber der Tradition und wird heute überwiegend mit den Entwicklungen des 18. und 19. Jahrhunderts in Verbindung gebracht: geistesgeschichtlich mit der Aufklärung, politisch mit der französischen Revolution, ökonomisch mit der Industrialisierung[3]. Als modern gilt das, was gegenwärtig, aktuell, neu und nicht vergangenheitsorientiert ist[4]. Auf die Künste bezogen steht die Moderne für den Bruch mit den die Literatur und Kunst beherrschenden Konventionen des 19. Jahrhunderts, v.a. denen des Realismus, wobei die Ähnlichkeit mit der Realität nicht lämger als Prüfkriterium gelten sollte. Damit ist jedoch nicht gemeint, dass die Künstler nicht mehr versuchten, die außerliterarische Welt zu verstehen oder darzustellen. Es wurden lediglich die im 19. Jahrhundert geltenden Normen, die sich zu Konventionen verhärtet hatten und keine Infragestellung mehr zuließen, abgelehnt.[5] Insgesamt herrschte eine pessimistische Sicht auf die moderne Welt, sie wurde als fragmentarisch und im Verfall begriffen verstanden, in der eine Verständigung zwischen den Menschen schwierig oder unmöglich geworden war. Die immer mächtiger werdenden wirtschaftlichen Kräfte standen Verbesserungen auf menschlicher und kultureller Ebene unüberwindbar gegenüber, sodass die Vertreter der Moderne eher Skeptiker oder gar Feinde der Entwicklungen in Technik und Wissenschaft waren. Durch eine neue, sich immer schneller ausbreitenden Fülle von Perspektiven und Möglichkeiten, auch in Bezug auf die Festlegung seiner eigenen Rolle in der Gesellschaft, seiner eigenen Persönlichkeit, sah sich der Mensch mit einer neuen Freiheit konfrontiert, mit der er nur schwer zurecht kam. Eine Problematisierung der menschlichen Individualität und Identität war die Folge, die die Frage nach dem „Wer bin ich?“ laut werden ließ.

Die Postmoderne, als deren Ausgangspunkt meist die künstlerischen, politischen und medialen Umbrüche in den USA der 1960er Jahre gesehen werden[6], wird nun von den einen als Vollendung der Moderne, von anderen wiederum als deren Rückweisung gesehen - in jedem Falle aber als Reaktion. So ist sie zunächst gekennzeichnet durch die Weiterführung oder aber den Bruch mit den Techniken und Konventionen der Moderne, ohne in realistische oder vormoderne Strukturen zurückzufallen[7]. Die in der Moderne angelegte Erkenntnisskepsis und Repräsentationskrise wird fortgesetzt und radikalisiert; dem aufklärerischen Projekt einer gänzlichen Erfassung und Erklärung der Welt wird abgesagt. Die von Lyotard[8] als „sinnstiftende, große Erzählungen“ der Religion und Wissenschaft bezeichneten Theorien, Philosophien und Ideologien werden durch fragmentarische und vorläufige Wissensmodelle abgelöst.[9] Der Weg zur Erkenntnis verläuft über verschiedene Zugänge, indem es weniger darum geht, die Wirklichkeit in ihrer Ganzheit zu erfassen, sondern vielmehr darum, Teile davon zu sichtbar zu machen. Ohnehin stehen die postmodernen Menschen den Veränderungen ihrer Zeit im Unterschied zur Moderne positiver gegenüber. Sie akzeptieren sie und sehen im Verlust gewisser traditioneller Muster und auch der damit verbundenen Orientierungslosigkeit eine Chance. Sie sehnen sich nicht aus ihrer Situation hinaus, sondern versuchen das Beste daraus zu machen, suchen nach neuen Wegen und Möglichkeiten, definieren schon Vorhandenes neu.

Im Gegensatz zum Postmodernismus, der für typische literarische Stilrichtungen und kulturelle Phänomene dieser Epoche steht, beschränkt sich der Begriff der Postmoderne (wie auch der der Moderne) nicht nur auf Kunst und Kultur, sondern auf alle Aspekte der modernen Gesellschaft. Die Begriffe stellen auch in sofern eine Schwierigkeit dar, da sie im spanischsprachigen Raum schwer zu unterscheiden sind und der postmodernismo nach Oníz lediglich eine relativ kurze literarische Epoche zwischen dem modernismo (1896-1905) und ultramodernismo (1914-1932) umfasst[10].

3. Merkmale des postmodernen Romans

3.1 Allgemeine Merkmale

Wie schon im vorangegangenen Kapitel der Fall, gestaltet sich auch die Definition des postmodernen Romans als schwierig, da es keine eindeutigen Kriterien zur Abgrenzung von den Werken anderer Epochen gibt. Jedoch lassen sich eine Reihe von Merkmalen feststellen, die in zeitgenössischen Romanen vermehrt auftauchen und eine postmoderne Befindlichkeit[11] darstellen. Dazu gehören phantastische und autoreflexive Formen des Erzählens, die das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion thematisieren. NEUSCHÄFER stellt fest, dass in der spanischen Gegenwartsliteratur jene Erzähltexte als romantechnisch besonders fortschrittlich zu gelten scheinen, die zum Ziel haben „[…] die Einbildungskraft über die Schranken der Alltagswirklichkeit triumphieren zu lassen, die Kategorien von Realität und Fiktion aus einem metafiktionalen Standpunkt zu relativieren, verschiedene Vorbilder intertextuell miteinander zu vermitteln, die Problematik des Schreibens zum Gegenstand des Schreibens selbst zu machen und schließlich auch die Ungewissheit der menschlichen Existenz, vor allem die mit der Einsamkeit verbundenen, zu thematisieren und psychoanalytisch auszuloten.“[12] So wie das sich in einem Informationschaos befindende Individuum des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts und des 21. Jahrhunderts den Glauben an gesellschaftliche Utopien und Ideologien sowie auch seine Autonomie, Persönlichkeit und Identität verloren hat, kommt es auch in den postmodernen Texten zu einer fragmentierten Wirklichkeitswahrnehmung und der Auflösung des Ich. Die eigene Persönlichkeit wird durch multiperspektivische Darstellungen versucht zu rekonstruieren, gesetzte Wahrheiten werden als Mythen und Lebenslügen demaskiert.[13]

Als Spiegelbild der postmodernen Gesellschaft, die sich von einer Fülle von Produkten, Informationen und Möglichkeiten überschwemmt sieht und sich somit in einem komplizierten, oft undurchdringlichen Netzwerk befindet, ist auch der Leser postmoderner Romane gezwungen, dass fragmentarisch und unchronologisch dargestellte Geschehen selbst zu rekonstruieren. Im Gegensatz zur Moderne, in der eine pessimistische Sicht auf die Welt vorherrschte und sich die Menschen aus ihrer chaotischen Situation heraussehnten, geben sie sich in der Postmoderne damit zufrieden, in gesellschaftlicher und existenzieller Fragmentation zu leben[14]. So ist es den Protagonisten eines postmodernen Romanes verwehrt, zu selbstbestimmten Subjekten zu werden. Die Möglichkeit einer Entwicklung wird geleugnet, die Protagonisten bleiben gleich oder degenerieren. Sie werden als fremdgesteuert und konditioniert geschildert, die ihr Leben nicht als Ergebnis eigener, frei gewählter Entscheidungen erfahren.[15]

[...]


[1] Zur Geschichte des Terminus Postmoderne vgl. Welsch, Wolfgang (1988) S. 7ff.

[2] Vgl. Hawthorn, Jeremy (1994): S. 204f.

[3] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Postmoderne

[4] Vgl. Nünning, Ansgar (2004): S. 467

[5] Vgl. Hawthorn, Jeremy (1994): S. 206f.

[6] Vgl. Nünning, Ansgar (2004): S. 543

[7] Vgl. Hawthorn, Jeremy (1994): S. 210

[8] S. Lyotard, J.-F. (1979): Das postmoderne Wissen. Wien: 1982.

[9] Vgl. Nünning, Ansgar (2004): S. 543

[10] Vgl. hierzu: Welsch, Wolfgang (1988): S. 8

[11] Vgl. Stenzel (2001) S. 206

[12] Vgl. Neuschäfer (1997): S. 398

[13] Vgl. Stenzel (2001): S. 206f.

[14] Vgl. Hawthorn, Jeremy (1994): S. 211f.

[15] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Postmoderner_Roman

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Laura Restrepos "Delirio" als postmoderner Roman
Hochschule
Universität Leipzig  (Romanistik)
Veranstaltung
Proseminar Literatur zur Postmoderne / Texte lateinamerikanischer Autorinnen
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V55587
ISBN (eBook)
9783638504935
ISBN (Buch)
9783638773461
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit stellt Merkmale der Postmoderne im Gegensatz zur Moderne dar und versucht Laura Restrepos Roman "Delirio" als postmodernes Werk zu identifizieren. Abstract auf Spanisch: El trabajo presente tiene como objetivo identificar la novela 'Delirio' de Laura Restrepo como novela postmoderna. Para lograrlo hace falta una definición del concepto 'postmodernismo' a diferencia del modernismo o sea tener una idea de ambos conceptos...
Schlagworte
Laura, Restrepos, Delirio, Roman, Proseminar, Literatur, Postmoderne, Texte, Autorinnen
Arbeit zitieren
Nadine Seidel (Autor), 2006, Laura Restrepos "Delirio" als postmoderner Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55587

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