Der Mensch zwischen Natur, Instinkt und Geist. Die Stellung des Menschen in der Welt


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Natur und Instinkt

3. Der Geist
3.1 Der Geist nach Max Scheler
3.2 Der Geist nach Nicolai Hartmann

4. Das Verhältnis zwischen Natur und Geist
4.1 Die Stellung des Menschen nach Max Scheler
4.2 Mögliche Problemstellung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Nichts ist seltener und schwieriger als wirkliche Selbsterkenntnis. [Der Geist] weiß für gewöhnlich von sich nur das, was er im Leben von sich erfährt. So erfährt der Mensch die Wahrheit über seine Gesinnungen erst, wo sie ihm in seinen Taten greifbar werden.“ 1

Was den Menschen auszeichnet, ist seine Stellung in der Welt: Als ein von seiner Umwelt abhängiges Wesen gehört er zu ihr und verfügt gleichzeitig über die Fähigkeit, sich im Hinblick auf die Schaffung einer eigenen Lebenswelt von ihr zu distanzieren. Allerdings büßt der Mensch durch die Industrialisierung sowie die generelle Modernisierung der Welt seine Verbundenheit mit der Natur ein. Eine mögliche Folge dieser Einbuße besteht darin, dass er unfähig wird, das für ihn Wesentliche in der Welt auszumachen. Ein immer schmaler werdender Grat zwischen der Natur und der tatsächlichen Lebenswelt des Menschen wirft Fragen auf, welche die Natur sowie die eigentliche Stellung des Menschen in der Welt betreffen.

In der vorliegenden Arbeit soll der Mensch vor dem Hintergrund des Begriffs der Natur, des Instinktes wie auch des Geistes betrachtet werden. Aufgrund der Vielschichtigkeit der zentralen Begriffe Natur und Geist und der Vielzahl an unterschiedlichen Konzeptionen erfolgt die Auseinandersetzung durch ausgewählte Autoren. Berücksichtigt werden muss, dass die Begriffe nur mit solchen Definitionen unterlegt werden, die für diese Arbeit als Werkzeuge tauglich sind. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Ausarbeitungen der Philosophen Max Scheler und Nicolai Hartmann. Die weitreichende Frage danach, ob die allgegenwärtige Modernisierung der Welt den Menschen von seiner Natur entfernt, dient als zentrales Motiv und stellt die Möglichkeit für die unterschiedlichsten Denkansätze dar.

Im ersten Abschnitt wird auf der Basis von Texten aus der Philosophiegeschichte eine erste Annäherung an den Begriff der Natur und des Instinktes vorgenommen. Daraufhin erfolgt eine Ausführung des jeweiligen Begriffes von Max Scheler und Nicolai Hartmann. Anschließend soll das Verhältnis der beiden Begriffe herausgearbeitet werden, um die Stellung des Menschen nach Scheler zu definieren. Bezugnehmend auf die aufgestellte These erfolgt anhand des Kontextes der gesamten Arbeit die Auseinandersetzung mit einer aufkommenden Problemstellung: die Reizüberflutung des modernen Menschen und der daraus resultierende Verlust seiner Verbundenheit mit der Natur. Abschließend wird ein Fazit gezogen.

2. Natur und Instinkt

Natur wird im philosophischen Sinne grundlegend als „der Inbegriff aller von selbst, ohne unser Zutun entstehenden, nur den Naturgesetzen unterworfenen Wirklichkeit, im Unterschied zum Menschenwerk, zu den Schöpfungen des menschlichen Geistes und der Kultur“ begriffen.2 Das Wort Natur ist aus dem lateinischen Wort natura abgeleitet, dessen Inhalt im Wesentlichen dem frühgriechischen Wort physis entspricht.3 Letzterem liegt der Begriff des „Werdens, Wachsens, Blühens oder Aufsehens als auch die Beschaffenheit oder das Wesen eines Dinges“ zugrunde.4 Betrachtet man die Anfänge der Naturphilosophie, stößt man unweigerlich auf die Vorsokratiker: Heraklit stellt die „Veränderlichkeit der Natur“ in den Vordergrund und knüpft damit an die ionische Naturphilosophie an, für welche das „Entstehen und Vergehen, der Formenwechsel und die Vielfalt der Natur ein zentrales Thema“ war.5 Ein Merkmal dieser Philosophie ist es, den „Wandel der Welt“ durch ein einheitliches Prinzip zu begreifen:

Heraklit bezeichnet dieses Prinzip mit dem griechischen Ausdruck logos, der näherungsweise mit dem deutschen Wort Sinn oder Gesetz übersetzt werden kann. Nur ein göttliches Wesen kann den logos begreifen und heißt auch selbst logos.6

Dieses Prinzip der Einheit geht auf ein diametrales Weltbild zurück; so spricht Heraklit davon, dass „jedes Merkmal […] polar auf ein anders bezogen“ ist.7 Indem ein solches Prinzip eingehalten wird, finden die Dinge ihre Existenzgrundlage:

Ein gesunder Mensch ist von Krankheit frei; was warm wird, muß kalt gewesen sein […], die Gegensätze stehen sich nicht starr gegenüber, sondern sind in ständiger Bewegung, schlagen ineinander um und führen so zu einem unablässigen Wandel der Dinge.8

Heraklit geht als erster Naturphilosoph „von der Ewigkeit der Welt aus“, denn sie entsteht und vergeht „fortlaufend neu“.9 Platon entwickelt in seinem Dialog Timaios eine Grenzziehung zwischen einer Ideenwelt und der sichtbaren Welt, wonach er „die Natur als das Werden, Entstehen und Vergehen der sichtbaren Dinge […] [dem] Reich der Ideen unter[ordnet], die er als das zeitlos Vernünftige, Schöne und Gerechte an sich charakterisiert. Sie gelten als das eigentlich Seiende.“10 Sein Nachfolger Aristoteles nutzt Platons Naturvorstellung und stellt ihr die seinige entgegen. Aristoteles betont die Sonderstellung des Menschen, die seines Handelns und der von ihm hergestellten Dinge.11 Die Technik und die Kunst grenzt er dabei deutlich von der Natur ab, betont aber, dass „Künstliches und Natürliches […] sich wechselseitig als Gegenbegriffe“ definieren.12 Mit Aristoteles lässt sich die Natur als überdauernde, von den Menschen unabhängige Instanz einer Welt begreifen, zu welcher der Mensch „in seinen natürlichen Lebensvollzügen“ zwar gehört, gleichzeitig aber „durch seine Handlungen […] eine Gegenwelt“ schafft.13 Die Aktualität der aristotelischen Naturvorstellung liegt in der Annahme, dass die Natur für den Menschen unverfügbar ist, denn „Technik kann Natur nur nachahmen oder vollenden“, niemals aber kann der Mensch die Natur schaffen.14 Vielmehr fußt die Kennzeichnung der Technik auf der Vorstellung, dass es sich bei ihr um ein „spezifisch menschliches Produkt“ handelt, das stets der Einflussnahme von außen unterliegt, während „sich die Naturdinge von selbst“ bilden.15 An diese aristotelische Sicht der Natur knüpft das neuzeitlichere Denken Hannah Arendts an, bei welcher ebenfalls die Unterscheidung von Natur und Welt zu finden ist.16 Arendt spricht bei der von Menschen künstlich errichteten Welt, also jener Welt, die produzierte Konsumgüter zur Verfügung stellt, von einer Dingwelt, in der die Güter „von selbst verderben und umkommen, wenn sie nicht durch Verbrauch verzehrt werden“:

Das Leben ist ein Vorgang, der überall das Beständige aufbraucht, es abträgt und verschwinden läßt, bis schließlich tote Materie, das Abfallprodukt vereinzelter, kleiner, kreisender Lebensprozesse, zurückfindet in den alles umfassenden ungeheuren Kreislauf der Natur selbst, die Anfang und Ende nicht kennt und in der alle natürlichen Dinge schwingen in unwandelbarer, todloser Wiederkehr.17

Dieser zerstörerische Aspekt des Lebens lässt die Interpretation einer technisch-zivilisierten Welt zu, welche sich durch Vergänglichkeit auszeichnet und dabei in Abhängigkeit zur Natur begriffen werden kann, wobei sie dieser letztlich unterliegt. Ein solches Abhängigkeitsverhältnis knüpft an das diametrale Bild der Natur an, das der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling zeichnet. Dieser schreibt, dass die Natur „in dieselbe Dialektik verwickelt [ist] wie das Ich; eben deshalb ist sie schöpferisch und wirkend.“18 Weiter heißt es, dass die Natur sich in einem kontinuierlichen Prozess befindet – dem Prozess des Werdens.19 Dabei „gibt [sie] das Schauspiel eines endlosen Kampfes“ wieder, der sich darin äußert, dass „sie immer auf dem Wege zu sich, aber auch immer auf dem Wege von sich fort“ ist.20 Die Natur ist demnach als Organismus zu verstehen, dessen Teile „immer im Entstehen und Vergehen begriffen sind“, wobei sie niemals zu „einem stehenden Sein gelangt, […] denn das Leben ist ein fortwährendes Kämpfen des Organismus um seine Identität.“21

Der Begriff des Instinktes stammt aus dem Lateinischen und meint so viel wie Anreiz oder Naturtrieb.22 Er ist eine angeborene, nur in geringem Grade plastische, der Übung nicht bedürftige Verhaltensweise, die ein Lebewesen zu oft sehr komplizierten, im Interesse der Selbst- und Arterhaltung höchst zweckmäßigen und sinnreichen Verhaltensweisen besonders auf dem Gebiet der Nahrungssuche [veranlasst].23

Weiter heißt es, dass der Instinkt eng verbunden mit einem angeborenem Trieb ist.24 Er „steht zwischen der im Dienst eines bewußten Zweckes planenden praktischen Intelligenz des Menschen und dem einfachen Reflex als einer automatisch durch einen Reiz ausgelösten Bewegung.“25 Da der Mensch einen Mangel an instinktiven Handlungen aufweist, steht die intelligente Handlung diesen gegenüber.26 Sie sorgt dafür, dass die menschlichen Verhältnisse aufrechterhalten werden können, denn der „menschliche Mangel an ausspezialisierten Instinkten ist zugleich die Voraussetzung für die ungleich größere Fähigkeit des Menschen, bei unterschiedlichsten Lebensbedingungen zu existieren.“27

Max Scheler beschreibt die Instinkte als „eine primitivere Form des Seins und Geschehens als die durch Assoziationen bestimmten seelischen Komplexbildungen“ und somit als unveränderlich.28 Die instinktiven Verhaltensweisen gehen in genetischer Hinsicht den psychischen Abläufen voraus.29 Aus diesem Grund ist der Instinkt bei höheren Tieren am stärksten ausgeprägt, wohingegen der Mensch einen „stark zurückgebildete[n] Instinkt besitzt“, da bei ihm die Intelligenz „am höchsten entwickelt ist“.30 Der Instinkt ist nach Scheler „das Wissen, das [in ihm] liegt, nicht sowohl ein Wissen durch Vorstellungen und Bilder oder gar durch Gedanken, sondern ein Fühlen wertbetonter und nach Werteindrücken differenzierter, anziehender und abstoßender Widerstände.“31

Für diese Arbeit relevant ist die Annahme, dass zwischen dem Instinkt des Menschen und der Natur ein möglicher Zusammenhang besteht. Da der Instinkt meist körperliche Bedürfnisse bedient und beim Menschen aufgrund seiner Intelligenz weniger zum Vorschein kommt, soll angenommen werden, dass der Zusammenhang zwischen dem Instinkt und der Natur in der für den Menschen unterschätzten Wichtigkeit besteht, die Natur als zentralen Bestandteil seines Daseins zu begreifen. Wo ein Instinkt im primitiven Sinne für die Nahrungssuche ausschlaggebend sein kann, kann er gleichfalls für das allgemeine Wohlbefinden relevant werden – so ist eine Welt ohne Natur kaum vorstellbar; vielmehr liegt die Schlussfolgerung nahe, dass der Mensch sowohl physisch als auch psychisch darunter leiden würde, sollte ihm die Natur vollständig entzogen werden. Anknüpfend an die aristotelische Sicht der Natur ergibt sich hier die Bedingtheit des Menschen durch die Natur, da er seine geschaffene Lebenswelt auf deren Grundlage aufbaut. Wenn folglich der Instinkt des Menschen aufgrund seiner meist mit Intelligenz ausgeführten Tätigkeiten und generellen Fähigkeiten abgeschwächt und in der Folge weniger genutzt wird, kann sich die Frage ergeben, ob die dauerhafte Missachtung dieses Naturtriebs in Bezug auf die Gegebenheiten der Natur zu einem Verkennen der eigenen Lebenswelt und deren Wert führen kann. Der endlose Kampf der Natur, von welchem bereits Schelling spricht, gibt Anlass, die Natur und den Menschen in seiner niedersten Form, durch seinen Instinkt, als in stetiger Wechselbeziehung zueinander zu begreifen.

3. Der Geist

Im Kontext philosophischer Untersuchungen kann der Geist allgemein als „der menschliche Verstand, das Denken, die Vernunft im Menschen, [sowie die] schöpferische Intelligenz“ bezeichnet werden.32 Eine konkretere Position findet sich bei dem Philosophen Pirmin Stekeler-Weithofer, welcher den Geist als „das anerkannte System der Praxisformen und Institutionen, welche kooperatives Handeln, kommunikatives Sprechen und damit auch individuelles Handeln und Denken allererst möglich macht“ definiert.33 Hierin besteht der Unterschied zwischen der Vernunft und dem Geist: „Während aus der Gewissheit heraus, alle Realität zu sein, die Vernunft je bloß subjektiv aufgerufen wird“, stellt der Geist ein anerkanntes System dar.34 Die geistigen Fähigkeiten des Menschen meinen „wesentlich solche des Lernens, an gemeinsamen Handlungsformen teilzunehmen.“35 Hieraus ergibt sich die mit der Außenwelt verflochtene Beziehung des Geistes: All das, was er erfasst, erfasst er aufgrund von Reizen, die er außerhalb seiner selbst aufnimmt. Der Philosoph merkt an, dass der Geist als „kooperative Form humanen Lebens“ dient, wobei er zugleich auf die Einsicht des Vorsokratikers Heraklit eingeht, der den Geist als „die besondere soziale Lebensform des Menschen“ begreift.36 Da es keinen Geist „außerhalb des Rahmens eines kooperativen Lebens und Handelns der Menschen“ gibt, führt Stekeler-Weithofer weiter aus, dass Tiere und Maschinen keinen Geist haben, da sie nicht die Fähigkeit besitzen, das „Falsche bzw. die Richtigkeiten der normativen Sphären des Wahren, Guten oder Schönen in ihrem eigenen Verhalten […] selbst [zu] kontrollieren.“37

[...]


1 Hartmann, Nicolai (1962), S. 52.

2 Kirchner, Friedrich / Michaëlis Carl / Hoffmeister Johannes / Regenbogen Arnim / Meyer Uwe (2013), S. 440.

3 Vgl. Schiemann, Gregor (1996), S. 12.

4 Ebd., S. 12.

5 Ebd., S. 13.

6 Ebd., S. 14.

7 Ebd., S. 14.

8 Ebd., S. 14.

9 Ebd., S. 15.

10 Ebd., S. 17.

11 Vgl. ebd., S. 19-20.

12 Ebd., S. 20.

13 Ebd., S. 20.

14 Ebd., S. 20.

15 Ebd., S. 20-21

16 Vgl. Arendt, Hannah (2002), S. 114.

17 Ebd., S. 115.

18 Kroner, Richard (1961), S. 17.

19 Vgl. ebd., S. 17.

20 Ebd., S. 17.

21 Ebd., S. 18.

22 Vgl. Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl / Hoffmeister, Johannes / Regenbogen, Arnim / Meyer, Uwe (2013), S. 318.

23 Ebd., S. 318.

24 Vgl. ebd., S. 318.

25 Ebd., S. 318.

26 Vgl. ebd., S. 319.

27 Ebd., S. 319.

28 Scheler, Max (1995), S. 20.

29 Vgl. ebd., S. 21.

30 Ebd., S. 21.

31 Ebd., S. 22.

32 Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl / Hoffmeister, Johannes / Regenbogen, Arnim / Meyer, Uwe (2013), S. 244.

33 Stekeler, Pirmin (2014), S. 115.

34 Ebd., S. 115.

35 Stekeler-Weithofer, Pirmin (2012), S. 60.

36 Ebd., S. 61.

37 Ebd., S. 59.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Mensch zwischen Natur, Instinkt und Geist. Die Stellung des Menschen in der Welt
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V556114
ISBN (eBook)
9783346155412
ISBN (Buch)
9783346155429
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Max Scheler, Nicolai Hartmann, Natur, Instinkt, Geist, Hegel
Arbeit zitieren
Julia Kleemayr (Autor), 2020, Der Mensch zwischen Natur, Instinkt und Geist. Die Stellung des Menschen in der Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/556114

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