Individuum, Identität und Gesellschaft in Monika Marons Roman „Die Überläuferin“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Einleitung

1 Begriffsdefinitionen
1.1 Definition ICH-Identität
1.2 Definition Teilidentität
1.3 Definition Identitätskrise

2 Rosalinds Identität und Identitätskrise
2.1 Weibliche Identität
2.2 Der „schielende Blick“
2.3 „Mit dem Kopf durch die Wand“

3 Trennung Kopf-Körper

4 Individuum und Gesellschaft
4.1 Die Zwischenspiele

5 Alter Ego Figuren Martha und Clairchen
5.1 Martha
5.2 Clairchen

Resümee

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Themen Individuum, Identität und Gesellschaft in Monika Marons Roman „Die Überläuferin“.

Zunächst werden die Begriffe ICH-Identität, Teil-Identität und Identitätskrise definiert. Daran knüpft die Analyse der Protagonistin Rosalind, ihrer Identität und Identitätskrise, an. Vertiefend erfolgt die Beschäftigung mit den Aspekten weibliche Identität, „der schielende Blick“ und „mit dem Kopf durch die Wand“.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Kapitel Trennung von Kopf und Körper. Danach werden die Aspekte Individuum und Gesellschaft behandelt.

Abschließend wird auf die Alter Ego Figuren Martha und Clairchen eingegangen.

Aufgrund des vorgegebenen Rahmens kann diese Arbeit nur einen Überblick über die vorgestellten Themen geben und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

1 Begriffsdefinitionen

1.1 Definition ICH-Identität

Der Begriff der ICH-Identität geht auf eine von Erikson 1956 eingeführte Bezeichnung zurück. Mit der Bezeichnung ICH-Identität „soll ein spezifischer Zuwachs an Persönlichkeitsreife angedeutet werden, den das Individuum am Ende der Adoleszenz der Fülle seiner Kindheitserfahrungen entnommen haben muss, um für die Aufgaben des Erwachsenenlebens gerüstet zu sein.“[1]

Mit dem ICH in Verbindung mit Identität will Erikson „jene ausgleichende Funktion im seelischen Leben [eine Menschen], welche Dinge unter den Gesichtspunkten des Handelns zurechtrückt [beschreiben]. [Dabei] vermittelt das ICH zwischen äußeren Ereignissen und inneren Reaktionen. “[2] Der Begriff ICH-Identität beinhaltet außerdem die Definition einer Person „als einmalig und unverwechselbar durch die soziale Umgebung wie durch das Individuum selbst.“[3]

Daraus geht hervor, dass ICH-Identität mindestens zwei Komponenten hat:

Die Person, für die sich das Individuum selbst hält (privates Ich) und die Person,

für die andere die Person halten (kollektives Ich).[4]

Karsten Dümmel übernimmt den Begriff „ICH-Identität“ von Erikson und bezeichnet damit auch „den selbstbewussten und selbstbestimmten ´Prozess gleichzeitiger Reflexion und Beobachtung` des Individuums, das in die Komplexität und somit in die Widersprüchlichkeit der Welt eindringt und sich zu ihr in Beziehung setzt.“[5]

Laut Dümmel konstituiert sich ICH-Identität dabei stets autonom, paradoxerweise selbst im Scheitern.[6]

1.2 Definition Teilidentität

Mit Teilidentität meint man, dass innerhalb einer Person getrennte, anscheinend unterschiedliche Identitäten vorhanden sind. Die einzelnen Komponenten stehen dabei zueinander in einem Bezug und können nicht losgelöst von der ICH-Identität gesehen werden.[7]

Die fünf wichtigsten Teilidentitäten sind das natürliche Selbst, das sexuelle Selbst,

das familiäre Selbst, das berufliche Selbst und das ethnische Selbst.

Jede dieser Teilidentitäten muss für sich erworben und übernommen werden.[8]

1.3 Definition Identitätskrise

„Identitätskrise bezeichnet zunächst hochkomplexe, konfliktbeladene Phasen der Ichorganisation in der lebenslangen Entwicklung eines Individuums.“[9]

Eine Identitätskrise kann mehrere Ursachen haben, wobei selten nur ein einzelner Faktor der Auslöser für die Krise ist. Zum Einen können Identitätskrisen aus einer Spannung zwischen privatem und kollektiven Ich innerhalb einer Teilidentität heraus entstehen. Außerdem kann eine Krise von einer Spannung zwischen natürlichem Selbst und Rollenidentität ausgelöst werden, ohne dass das reflektiert wird.

In diesem Fall leidet die betreffende Person unter einer körperlichen und seelischen Spannung, die zu Krankheiten führen kann.[10]

Darüber hinaus kann sich der Betroffene in einer Identitätskrise Stück für Stück eine autonome Rolle aneignen, sich also von bestimmten übernommenen Mustern lösen.

Die Krisensituation beinhaltet auch den Prozess der Selbstkorrektur, der sich aus der Spannung zwischen alter und neuer Selbstwahrnehmung des privaten Ich ergibt.[11] Letztendlich meint der Begriff der Identitätskrise „das Aufbrechen der Rollenidentität in einem radikal veränderten Umfeld, die Korrektur und Neuorientierung des kollektiven Ich also. Damit korrespondieren Wertverlust, Minderwertigkeitsgefühl und Orientierungslosigkeit.“[12]

2 Rosalinds Identität und Identitätskrise

In Monika Marons „Die Überläuferin“ kann man durchgehend eine „stetige Zurücknahme des privaten Ich hinter die Normen des kollektiven Ich, das heißt,

eine Verkümmerung der ICH-Identität“[13] feststellen. Weiterhin kann man beobachten, dass das Verhältnis des Individuums zu sich, sein Subjektbewusstsein, von der Autorin als chronisch gestört skizziert wird.[14]

Der Protagonistin Rosalind gelingt „es weder im familiären Selbst, noch im beruflichen Selbst, den zwei wichtigsten Teilidentitäten ausreichend sie selbst zu sein. Auch den Balanceakt des Ich-Findungsprozess schafft sie nicht.[15]

Die Ursachen, warum Rosalind nicht sie selbst sein kann, „sind in den über Familie, Schule, Universität (kollektives Ich) vermittelten Verhaltensmustern und moralischen Wertvorstellungen zu suchen.“[16] Rosalind steht somit in einem Spannungsverhältnis zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Durch diesen Druck gerät sie in eine Identitätskrise, deren Auslöser der unterdrückte Körper oder das verdrängte natürliche Selbst sind. Dem natürlichen Selbst, als unbewusstem rebellischem Moment, oder dem Körper im allgemeinen, kommt daher in Marons Text eine besondere Bedeutung zu.

Karsten Dümmel sieht hierin eine Möglichkeit für die Autorin, innere Widersprüche, Fremdprojektion und Rollenidentität zu thematisieren.[17]

Der Körper oder das natürliche Selbst werden als Ort dargestellt, an dem Indoktrination und Selbstunterdrückung erfahren werden.

Daneben findet – laut Dümmel- eine Verunsicherung der Rollendefinition des familiären und beruflichen Selbst, insbesondere eine Verunsicherung der Rollendefinition des sexuellen Selbst statt.[18]

Der Vorläufer von „Die Überläuferin“, „Flugasche“, hat mit der Konstruktion seiner Hauptfigur begonnen. Daran schloss sich die der Versuch an, dieses ´Ich` in der gesellschaftlichen ´Realität` einzulösen.[19] „Die Überläuferin“ hingegen „setzt mit einer ´dekonstruierten` Figur und der These von Antagonismus zwischen Individuum und Gesellschaft ein. Rosalind kommt ´zerstört` ins Bild, als ´Fragment`.“[20]

Im Gegensatz zu „Flugasche“ wird ihr Ich nicht mehr konstruiert und dann versucht, dieses Konstrukt in der ´Realität` zu behaupten und in ´Realität` zu überführen.

Dies liegt daran, dass Rosalind als Individuum in ihrer Gesellschaft nicht mehr existent ist, ihre individuellen Eigenschaften sind (aus)gelöscht[21] „wie ein Programm aus dem Computer.“[22] Über diesen Verlust, ihrer Individualität und Intimität ist sich Rosalind durchaus bewusst: „Ich bin nicht privat, ich weiß gar nicht, was das ist. [...] Ich gehöre mir nicht.“[23]

Rosalind ist aber nicht nur Opfer des Systems, sie wird auch gleichzeitig als Täterin gezeigt. In der Opferrolle befindet sie in ihrem Alltagsleben, ihrer Ausbildung, ihrer Arbeit, wo sie dem „instrumentalen Denken[s], das sich immer noch Vernunft nennt“[24], zu dem sie erzogen wurde und das ihr persönliches Ich verkümmern ließ, unterliegt.[25]

Dadurch, dass sie dieses Denken aber verinnerlicht, wird sie auch zugleich Täterin,

was man am deutlichsten daran sieht, wie sie ihren Körper behandelt: „Sie wird ihre eigene Feindin.“[26]

Um sich von dieser dem Individuum feindlich gesonnenen Ideologie und den (selbst)zerstörerischen Denkmustern zu lösen, muss Rosalind klar werden, wie sie in das System eingebunden ist und wie sie davon beeinflusst wird. „Die Analyse dieser Verstrickung ist in der Überläuferin Voraussetzung für einen Ich Entwurf.“[27]

2.1 Weibliche Identität

Laut Alison Lewis ist bei Monika Maron die Frage des Engagements mit der Geschlechtsidentität auf engste verbunden. Somit ist „die Handlungsfähigkeit des Subjekts in erster Linie von seinem Geschlecht abhängig, denn die Grenzen seiner Welt sind die Grenzen seines Geschlechts.“[28] Ihrer Ansicht nach ist eine Betrachtung des Topos des weiblichen Handelns in Marons Werk ohne die Einbeziehung des weiblichen Körpers unvollständig, „denn der Körper ist in allen Inszenierungen weiblichen Subjektivität ein wichtiger Mitspieler.“[29]

Marons Roman erschien zwar nach den feministischen Debatten der siebziger Jahre und in einem Land, in dem die traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern weitgehend abgebaut worden war. Doch diese Emanzipation erfolgte hauptsächlich im Bereich der Erwerbstätigkeit, denn nach wie vor waren es in DDR vorwiegend Frauen, die um Kinder und Haushalt kümmern mussten.[30]

Rosalind versucht, zwischen den beiden Polen, Dissidenz und Immanenz eine alternative Existenz zu leben.[31] Dieser Weg führt zunächst über Asozialität und Kriminalität, dann in die innere Emigration.

Doch auch „in der Privatheit ihrer eigenen vier Wände wird Rosalind von inneren Dämonen und belästigenden Machtfiguren heimgesucht.“[32] In Rosalinds Wohnzimmer erscheinen „unerwünschte Figuren und surrealen Bildern, die die nunmehr verinnerlichten staatlichen Imperative von Ordnung und Sauberkeit intonieren.“[33]

Das Verführerische dieser dominanten Verhaltensmuster wird durch eine fantasierte Figur, die wie Robert Redford aussieht, verkörpert:

„Ihnen fehlt ein Ziel, Frau Polkowski, sagt er mit Sorge in der Stimme. Sie haben keinen Lebensinhalt. In die Einsamkeit, in die Trunksucht, in die Kriminalität, in den Selbstmord. Sie müssen Ihren Platz in der Gesellschaft finden.“[34]

Rosalinds entgegnet trotzig: „Um ein Ziel vor Augen zu haben, brauche ich inzwischen einen Spiegel.“[35] „Mein Ziel bin ich“[36], ist gleich ihr Programm.[37]

2.2 Der „schielende Blick“

Wenn Siegrid Weigel vom „schielenden Blick“ spricht, meint sie damit, dass eine Autorin im Patriarchat immer die verinnerlichten Geschlechtsrollen durchqueren muss und diese nicht einfach ablegen kann. Damit betont Weigel auch das subjektive Moment in der Frauenliteratur: Der schielende Blick ist vorwiegend ein Blick nach innen,

auch wenn es gilt, gegen die Macht Widerstand zu leisten, weil die Machtspiele so stark verinnerlich worden sind.[38]

Sylvia Klötzer bezieht diese These vom „schielenden Blick“ auch auf Marons Figur der Rosalind. Dadurch dass im „schielenden Blick“ Rosalinds „die Zerstörung des Ichs und der Entwurf eines Ichs aufeinander projiziert werden“[39] kann die Besinnung auf die Zerstörungen und Verluste dazu beitragen, ihr Ich neu zu bestimmen.

Bevor diese Neudefinition des Ichs möglich ist, ist es notwendig, dass Rosalind sich an die Verluste erinnert, dass ihr ihre Defizite bewusst werden, und dass sie sich mit ihrem (selbst)zerstörerischem Denken und Leben auseinandersetzt und sich schließlich davon verabschiedet.[40]

Der Entwurf einer zerstörten Figur und die Erzählung ihrer Zerstörung im literarischen Projekt hat laut Klötzer eine Doppelfunktion: Einerseits dient er der Antizipation einer mehrdimensionalen Figur, die einer erneuten Festlegung auf eine Rolle widerstehen soll.

[...]


[1] Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main 1993, S. 123.

[2] Erik H. Erikson: Dimensionen einer neuen Identität. Frankfurt am Main 1975, S. 103 ff.

[3] Rolf Oerter und Leo Montana: Entwicklungspsychologie. 2. neu bearb. Aufl. Weinheim 1987, S.296.

[4] Vgl. Rolf Oerter und Leo Montana: Entwicklungspsychologie. Weinheim 1987, S.296.

[5] Karsten Dümmel: Identitätsprobleme in der DDR-Literatur der siebziger und achtziger Jahre.

Frankfurt am Main 1997, S. 19.

[6] Vgl. ebd.

[7] Rolf Oerter und Leo Montana: Entwicklungspsychologie. Weinheim 1987, S. 307.

[8] Vgl. ebd., S. 297 und 310 ff.

[9] Karsten Dümmel: Identitätsprobleme in der DDR-Literatur. Frankfurt am Main 1997, S. 25.

[10] Vgl. ebd.

[11] Karsten Dümmel: Identitätsprobleme in der DDR-Literatur. Frankfurt am Main 1997, S. 25.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Vgl. ebd., S. 221.

[15] Vgl. ebd.

[16] Ebd.

[17] Vgl. ebd.

[18] Karsten Dümmel: Identitätsprobleme in der DDR-Literatur. Frankfurt am Main 1997, S. 221.

[19] Vgl. Sylvia Kloetzer: Mitläufer und Überläufer. Erzählte Ich-Krise in der DDR-Literatur der Achtziger Jahre, Christoph Hein und Monika Maron. Phil. Diss. University of Massachusetts 1992, S. 266.

[20] Ebd.

[21] Vgl. ebd.

[22] Monika Maron: Die Überläuferin. Frankfurt am Main 1986, S. 12.

[23] Ebd., S. 65.

[24] Christa Wolf: Die Dimension des Autors. Aufsätze, Essays Gespräche, Reden. Bd. II.

Berlin/ Weimar 1986, S. 156.

[25] Vgl. Sylvia Kloetzer: Mitläufer und Überläufer. Massachusetts 1992, S. 245 f.

[26] Sylvia Kloetzer: Mitläufer und Überläufer. Massachusetts 1992, S. 245 f.

[27] Ebd.

[28] Alison Lewis: ´Die Sehnsucht nach einer Tat`: Engagement und weibliche Identitätsstiftung in den Romanen Monika Marons. In: Monika Maron in Perspective. Hg. Von Elke Gilson. Amsterdam/ New York 2002, S. 75-91. Zitat: S. 75 f.

[29] Ebd.

[30] Vgl. Boa, Elisabeth: Schwierigkeiten mit der ersten Person: Ingeborg Bachmanns Malina und Monika Marons Flugasche, Die Überläuferin und Stille Zeile Sechs. In: Pichl, Robert und Alexander Stillmark (Hg.): Kritische Wege der Landnahme. Ingeborg Bachmann im Blickfeld der neunziger Jahre.

Wien 1994, S. 125-145. Zitat: S. 140.

[31] Vgl. Alison Lewis: ´Die Sehnsucht nach einer Tat.` Amsterdam/ New York 2002, S. 81.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

[34] Monika Maron: Die Überläuferin. Frankfurt am Main 1986, S. 64.

[35] Ebd.

[36] Ebd.

[37] Vgl. Alison Lewis: ´Die Sehnsucht nach einer Tat.` Amsterdam/ New York 2002, S. 81.

[38] Weigel Sigrid: „Der schielende Blick. Thesen zur Geschichte weiblicher Schreibpraxis.“

Die verborgene Frau. Sechs Beiträge zur feministischen Literaturwissenschaft. Mit Beiträgen von

Inge Stephan und Sigrid Weigel. Berlin 1983, S. 83- 117.

[39] Sylvia Kloetzer: Mitläufer und Überläufer. Massachusetts 1992, S. 246 f.

[40] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Individuum, Identität und Gesellschaft in Monika Marons Roman „Die Überläuferin“
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V55684
ISBN (eBook)
9783638505727
ISBN (Buch)
9783656775713
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Individuum, Identität, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Caroline Debelt (Autor), 2003, Individuum, Identität und Gesellschaft in Monika Marons Roman „Die Überläuferin“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55684

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