Prophet oder Scharlatan? Diese Frage stellte sich sinngemäß schon George W. Coats in seinem viel zitierten Artikel„Balaam: Sinner or Saint?“aus dem Jahr 1973. Einiges ist seither dazu geschrieben worden, angeregt wurde die Diskussion nicht zuletzt durch die 1976 und nochmals 1989 von Jacob Hoftijzer publizierten Ausgrabungsergebnisse welche einmalig in der Forschungsgeschichte - eine biblische Person des neunten vorchristlichen Jahrhunderts außerbiblisch zu bezeugen scheinen.
Ausgehend von einer möglichst knappen Definition wollen wir Magie bzw. Zauberei auf die Folie des Alten Testaments legen und anhand der Perikope über den heidnischen Magier Bileam in Numeri 22-24 herausfiltern, wie der kanonisierte Text damit umgeht. Schlaglichter auf die Umwelt des Alten Orient und die Nachwirkung des biblischen Textes sollen schließlich die Sicht der Dinge vervollständigen und abrunden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zauberei und Magie
2.1 Magie
2.1.1 Definition
2.1.2 Magie im Alten Testament
2.2 Zauberei
3. Die Bileamperikope (Num 22-24)
3.1 Die Erzählung und ihr Kontext
3.2 Zur Gestalt des Bileam
3.2.1 Bileam innerhalb des Alten Testaments
3.2.2 Bileam in den Inschriften von ∆ειρ (Αλλα
3.3 Die unterschiedlichen Charakterisierungen Bileams
3.3.1 Num 22-24 als Einheit
3.3.2 Die Bezeichnungen der Gestalt Bileams
3.4 Resümee
3.5 Wirkungsgeschichte der Gestalt Bileams
4. War Bileam ein Zauberer?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die ambivalente biblische Gestalt des Bileam in Numeri 22-24, mit dem Ziel, seine Rolle zwischen "Prophet" und "Scharlatan" zu klären. Dabei wird die wissenschaftliche Forschungsfrage verfolgt, wie der kanonisierte Text die Figur des Bileam charakterisiert und wie sich das Bild dieses fremdländischen Sehers im Laufe der alttestamentlichen Überlieferung sowie in der späteren Wirkungsgeschichte gewandelt hat.
- Definition und Abgrenzung von Magie und Zauberei im Alten Orient und Alten Testament.
- Analyse der Bileamperikope (Num 22-24) als vielschichtiger Erzähltext.
- Untersuchung der historischen und traditionsgeschichtlichen Einordnung der Bileamgestalt.
- Vergleich biblischer Überlieferungen mit außerbiblischen Inschriftenfunden (Deir Alla).
- Rezeptionsgeschichtliche Betrachtung der negativen Umdeutung Bileams in der Tradition.
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Bileam in den Inschriften von ∆ειρ (Αλλα
Dass eine biblische Gestalt wie die des Bileam, dessen Name sich auf einer 1967 im ostjordanischen Tell ∆ειρ (Αλλα (=Sukkot) gefundenen Wandinschrift findet, außerbiblisch bezeugt ist, blieb bisher ohne Analogie. Darin ist der Name „Bileam, Sohn des Beor“ dreimal bezeugt, zweimal davon vollständig. Etymologisch stammt der Name aus dem Aramäischen und bedeutet in der Wurzel „sehr beredt“, was auf einen Seher oder Wahrsager hindeutet dessen Wort als wirksam geschätzt wurde.
Untersuchungen der Tonscherben nach der C-14 Methode ordnen diese in den Zeitraum von 880 bis 770 v. Chr. ein. Wir wissen auch von einem schweren Erdbeben aus der Zeit des Propheten Amos (um 760 v. Chr.) das sich auf beide Seiten des Jordan erstreckte; möglicherweise ist die Inschrift dabei zerstört worden. Ein Teil des Textes auf den Tontafeln weist zudem beträchtliche Abnutzungserscheinungen auf, er scheint demnach schon einige Zeit vor der Zerstörung der betroffenen Gebäude dort angebracht worden zu sein. Das würde bedeuten, dass eine Gestalt namens Bileam im 9. Jh. v. Chr. oder noch früher anzusiedeln wäre.
Die zu zwei Kombinationen rekonstruierte Inschrift liefert eine Parallele zu den Sehersprüchen in Num 24,3-9 bzw. 24,15-19. Sie erwähnt eine „Schrift Bileams, des Sohnes Beors, des Sehers der Götter“ und stammt aller Wahrscheinlichkeit nach von einer Prophetengemeinschaft die dort ihre Versammlungsstätte hatte und sich auf Bileam berief.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob Bileam als Prophet oder Scharlatan einzustufen ist, und skizziert das methodische Vorgehen unter Einbeziehung aktueller Ausgrabungsergebnisse.
2. Zauberei und Magie: Dieses Kapitel definiert die Begriffe Magie und Zauberei und beleuchtet deren Stellenwert sowie die Praxis innerhalb des Alten Testaments.
3. Die Bileamperikope (Num 22-24): Das Kapitel analysiert den biblischen Erzählkontext, die literarische Gestalt Bileams und deren Wandlungsprozess innerhalb der verschiedenen Überlieferungsschichten.
4. War Bileam ein Zauberer?: Das abschließende Kapitel führt die Erkenntnisse zusammen und stellt fest, dass die Frage nach der historischen Person Bileams für seine Deutung als multidimensionale literarische Figur letztlich zweitrangig ist.
Schlüsselwörter
Bileam, Numeri, Magie, Zauberei, Altes Testament, Prophetie, Deir Alla, Seher, Jahwist, Priesterschrift, Wirkungsgeschichte, Auslegung, Exegese, Religionsgeschichte, Tradition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der biblischen Gestalt des Bileam aus der Erzählung in Numeri 22-24 und untersucht, wie sein Charakter in verschiedenen Traditionsschichten beurteilt wird.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Zentrale Felder sind die religionsgeschichtliche Definition von Magie, die literarische Analyse der Bileamperikope sowie die historische Entwicklung des Bileambildes von einem positiven Seher zu einem negativen Verführer.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie der Text mit der Ambivalenz zwischen dem fremdländischen, heidnischen Magier und dem Diener Jahwes umgeht und warum sich dieses Bild historisch gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es wird eine literarkritische und traditionsgeschichtliche Untersuchung durchgeführt, die biblische Texte mit außerbiblischen archäologischen Befunden in Verbindung setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsdefinition von Magie, die textnahe Untersuchung der Bileam-Erzählung, den Vergleich mit den Deir-Alla-Inschriften und die Analyse der innerbiblischen Fortschreibung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Bileam, Magie, Prophetie, traditionsgeschichtlicher Wandel, Deir Alla und die Rezeptionsgeschichte der Bileamgestalt.
Welche Rolle spielen die Inschriften von Deir Alla für die Argumentation?
Die Inschriften dienen als außerbiblischer Beleg für eine Seherfigur namens Bileam und helfen dabei, die historische Verwurzelung der Erzählung im 9. Jahrhundert v. Chr. zu verorten.
Wie erklärt die Arbeit den Wandel vom positiven zum negativen Bileam-Bild?
Die Arbeit deutet den Wandel als eine theologisch motivierte Umdeutung, bei der Bileam im Laufe der nachexilischen Zeit zum Prototyp des fremdländischen Einflusses und zum Verführer Israels stilisiert wurde.
- Citation du texte
- Johannes Fraiss (Auteur), 2005, Prophet oder Scharlatan? Eine Untersuchung der Gestalt Bileams in Numeri 22-24, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55730