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Dichtung und Anthropologie in Ludwig Tiecks 'Der Runenberg'

Title: Dichtung und Anthropologie in Ludwig Tiecks 'Der Runenberg'

Term Paper (Advanced seminar) , 1998 , 45 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Lutz Eisele (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Die Anthropologie Lessings ist durch die göttliche Vorsehung fundiert: Sie garantiert, daß der Mensch für das Gute offen ist, daß es günstige Zufälle und Gelegenheiten gibt, in denen er sich incooperatiomit dem Göttlichen bewähren kann, daß das Unbewußte nicht zur großen Unbekannten wird, die alle menschlichen Bemühungen untergräbt, sondern der freie Wille sein trotziges ‘kein Mensch muß müssen’ sprechen kann. Sie stattet den Menschen mit Sprache aus, mit der er in der Lage ist, sich selbst und die Welt zu ergründen, sich und andere zu bilden. Alles ist getragen von dem Glauben an die Realpräsenz des Göttlichen in der Welt und im Menschen: Introite, nam et hic dii sunt.
Bei Ludwig Tieck scheint der Fall anders zu liegen, seine Figuren machen eher einen getriebenen Eindruck; sie sind sich selbst und anderen ein unerklärliches Rätsel. Offensichtlich hat zwischen beiden Werken ein Wandel stattgefunden; die Anthropologie muß eine grundlegende Veränderung erfahren haben. Dem soll nun nachgegangen werden; im Zentrum des Interesses steht also die Anthropologie. Die Grundlagen einer nach Maßgabe des Kunstmärchens glücklichen Existenz sollen erfragt werden. Ganz besonders im Mittelpunkt steht die Überlegung, in welcher Weise sich die religiöse Grundlage verändert hat und welche Folgen sich daraus für alles andere ergeben.
Um dieser Problematik näher zu kommen, soll zunächst der Weg nachgezeichnet werden, den Christian im Runenberg geht.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Aufhebung der Individualität ins Absolute bei Christian

1. Christian allein im Gebirge: Gespannt auf etwas Unbekanntes

1.1. Die Kluft zwischen Ich und Welt als hermeneutisches Problem und als Aufgabe der Phantasie

1.2. Subjekt-Objekt-Spaltung oder Persönlichkeitsproblem?

1.3. Zusammenfassung und Weiterführung: Die Wurzel als Symbol des Todes

1.3.1. Zur Bedeutung von Symbolen im Runenberg

2. Christians Erlebnis auf dem Runenberg

2.1. Annäherung von Innen und Außen vor der Übergabe der Tafel

2.2. Die Tafel als Symbol der Frau

3. Christians Aufenthalt im Dorf und seine Rückkehr in die Welt des Gebirges

3.1. Das Dorf: aufgehoben und beschränkt im Zyklus von Werden und Vergehen

3.2. Christians Aufbruch aus dem Zyklus

3.2.1. Christians Beziehung zu Menschen

3.2.2. Christians Verhältnis zu seiner Arbeit

3.2.3. Christians Fähigkeit zur Phantasie, seine Erkenntnisfähigkeit

4. Die Rückkehr in die Dorfwelt

5. Christians Entwicklung - Zusammenfassung

III. Christian als romantischer Künstler - mit besonderer Rücksicht auf Novalis

1. Christian als romantischer Künstler

1.1. Christian unter dem Zugriff des Fremden: Die Berufung zum Dichter

1.2. Christians Bearbeitung der Steine als poetische Verwandlung der Welt

1.3. Reaktionen, die Christian hervorruft: die Schwierigkeit der Rezeption

1.4. Poetische Reflexion auf Poesie

2. Grundlegende Differenzen zwischen Christian und Heinrich von Ofterdingen

IV. Der Vater als Gegenentwurf: Dichtung in Demut

1. Die Differenz zwischen Vater und Sohn als unterschiedliche Stellung zur Todesfrage

2. Die Differenz zwischen Vater und Sohn im Blick auf ihr Verständnis von Persönlichkeit und Künstlertum

V. Die Verunsicherung des Lesers als Grundlage für seine Romantisierung

1. Textimmanente Interpretation

1.1. Erzählhaltung und Charakterisierung der Personen

1.2. Motive und Wortfelder

2. Mögliche Folien für die Interpretation

3. Der offene Schluß

4. Zusammenfassung: Poetisierung als radikale Verunsicherung

VI. Zusammenfassung und Ausblick - Dichtung und Anthropologie

1. Der haltlose Mensch als Ausgangspunkt

2. Die Begegnung mit dem Absoluten und die Folgen für die Identität

3. Die Rolle der Dichtung in diesem Prozeß

4. Ausblick

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht die anthropologische Dimension in Ludwig Tiecks Erzählung Der Runenberg. Dabei steht die Forschungsfrage im Zentrum, wie sich die religiösen und existentiellen Grundlagen bei Tieck gegenüber der Aufklärung verändert haben und welche Auswirkungen dies auf die Identitätsbildung und Künstlerexistenz der Romanfigur Christian sowie deren Verhältnis zur Welt hat.

  • Anthropologischer Wandel vom Aufklärungsdenken zur Romantik.
  • Die existenzielle Krise und Identitätsfindung Christians im Spannungsfeld zwischen Dorf und Bergwelt.
  • Die Rolle von Symbolen (Alraunwurzel, Tafel, Gold) als Auslöser für Wandlungsprozesse.
  • Vergleichende Analyse des Künstlertums bei Tieck, Novalis und Wackenroder.
  • Die poetologische Struktur der Erzählung und ihre Wirkung auf die Verunsicherung des Lesers.

Auszug aus dem Buch

1.2. ‘Subjekt-Objekt-Spaltung’ oder Persönlichkeitsproblem?

Tatsächlich leidet Christian nicht nur darunter, nicht in die Welt zu passen, sondern auch die Einheit seiner eigenen Persönlichkeit ist ein Problem; die Spaltung zwischen Innen und Außen setzt sich im Ich selbst fort.

So ist zunächst nicht klar, ob er sich in der Natur abbildet oder ob umgekehrt er selbst ein Spiegel der Dinge ist. Schon im ersten Satz könnte gefragt werden, ob Christian darum ‘nachdenkend’ sitzt, weil er sich im ‘innersten Gebirge’ befindet (252f.), ob also der Raum seinen eigenen Zustand determiniert; hinzu kommt, daß die Gegend mit dem Attribut ‘Einsamkeit’ belegt wird (254): Ist es die Einsamkeit des jungen Jägers, in der sich die Natur ausbreitet, oder ist die Natur an sich selbst einsam? Diese Unklarheit hält sich durch und wird sprachlich signalisiert durch das charakteristische ‘indem’ (252, 2634, vgl. 2615), das Naturerscheinungen und Seelenvorgänge in ein Verhältnis der Gleichzeitigkeit bringt und somit die kausale Verknüpfung offenläßt. Es ist demnach nicht klar, ob Christian überhaupt genug Selbständigkeit, Willensfreiheit, d.h. Autonomie besitzt, um sich durch besseres Verstehen zu irgend etwas in Beziehung setzen zu können.

Hinzu kommt, daß seine Willenskraft unsicher ist, was sich vor allem an der wichtigen Entscheidung, von zu Hause wegzugehen, zeigen läßt: Er selbst erlebt das nur zum Teil als eigenen Entschluß, bisweilen auch als Wirkung einer unerklärlichen fremden Macht. Dem entspricht, daß er sich immer wieder überrascht selbst findet (vgl. 2510, 273f., 2722f.) - gerade so, als sei er permanent zwischen Wachen und Träumen. Er ist auch nachdenklich und verwundert über seinen eigenen bisherigen Weg (vgl. 252-12), scheint ihn also unbewußt gegangen zu sein.

Christian ist offenbar so wenig bei sich selbst oder fest in sich gegründet, daß er immer wieder zu sich zurückgebracht werden muß. Ihm fehlt eine Mitte, von der aus alles andere regiert wird; die anthropologische Zentralinstanz, die als Vernunft, Herz, Gewissen oder anders bestimmt wurde, ist Christian verloren gegangen.

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einleitung: Darstellung der anthropologischen Wende von Lessing hin zu einer von Treiben und Rätseln geprägten Weltsicht bei Tieck.

II. Aufhebung der Individualität ins Absolute bei Christian: Analyse von Christians Entwicklung, die durch den Übergang vom dörflichen Zyklus hin zum Absoluten der Bergwelt gekennzeichnet ist.

III. Christian als romantischer Künstler - mit besonderer Rücksicht auf Novalis: Vergleich der Figur Christian mit frühromantischen Künstlerkonzepten und deren Verständnis von Poesie.

IV. Der Vater als Gegenentwurf: Dichtung in Demut: Untersuchung des Vaters als konträre Künstlerfigur, die Sterblichkeit und dörfliche Bindung in Demut bejaht.

V. Die Verunsicherung des Lesers als Grundlage für seine Romantisierung: Betrachtung der narrativen Strategien, die den Leser durch Ambiguität und Entzug von Sicherheiten in einen Prozess der Verunsicherung führen.

VI. Zusammenfassung und Ausblick - Dichtung und Anthropologie: Fazit über das Scheitern von Identität im modernen Verständnis und die Rolle der Dichtung als Medium des Absoluten.

Schlüsselwörter

Ludwig Tieck, Der Runenberg, Frühromantik, Anthropologie, Identitätskrise, Subjekt-Objekt-Spaltung, Christian, Romantisierung, Symbolik, Alraunwurzel, Künstlertum, Novalis, Naturphilosophie, Verunsicherung des Lesers, Poetologie

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die anthropologischen Grundlagen und die Identitätsentwicklung des Protagonisten in Ludwig Tiecks Der Runenberg vor dem Hintergrund frühromantischer Poetik.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Fokus stehen das Spannungsfeld zwischen der dörflichen Ordnung und der Welt des Gebirges, das Symbolverständnis, der Vergleich zu Novalis sowie das Verhältnis des Menschen zur Natur.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das Ziel ist es, den anthropologischen Wandel von der aufklärerischen Vorsehung zur romantischen Weltsicht aufzuzeigen und zu klären, wie Identität durch die Begegnung mit dem Absoluten in dieser Erzählung konstituiert oder aufgelöst wird.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine textimmanente Interpretation vorgenommen, ergänzt durch literaturhistorische Vergleiche mit zeitgenössischen Diskursen der Frühromantik und der Naturphilosophie.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert schrittweise Christians Weg, die Funktion zentraler Symbole, den Kontrast zum Vater sowie die ästhetische Strategie der bewussten Verunsicherung des Lesers.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Frühromantik, Identitätsverlust, symbolische Weltdeutung, Poetisierung der Wirklichkeit und die ambivalente Rolle des Künstlers definieren.

Warum spielt die Unterscheidung zwischen dem Dorf und dem Gebirge eine so zentrale Rolle?

Das Dorf repräsentiert die Ordnung der Endlichkeit, des Zyklus und der Sterblichkeit, während das Gebirge für das Absolute, das Unendliche und die Auflösung der Individualität steht; dieser Gegensatz bildet den Motor der Identitätsentwicklung Christians.

Wie unterscheidet sich die Haltung des Vaters von der Christians?

Der Vater praktiziert eine Form von Dichtung in Demut, die Sterblichkeit und soziale Bindung integriert, während Christian radikal das Individuelle zugunsten einer Verschmelzung mit dem Absoluten aufgibt.

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Details

Title
Dichtung und Anthropologie in Ludwig Tiecks 'Der Runenberg'
College
University of Tubingen  (Deutsches Seminar)
Course
Seminar (IV): Frühromantik
Grade
1,0
Author
Lutz Eisele (Author)
Publication Year
1998
Pages
45
Catalog Number
V55809
ISBN (eBook)
9783638506687
ISBN (Book)
9783656797562
Language
German
Tags
Dichtung Anthropologie Ludwig Tiecks Runenberg Seminar Frühromantik
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Lutz Eisele (Author), 1998, Dichtung und Anthropologie in Ludwig Tiecks 'Der Runenberg', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55809
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