Organisatorische Veränderungen seitens der Juden in der Zeit zwischen den Kriegen ( 70 n. Chr. - 132 n. Chr.)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Quellenlage
2.1 Allgemein
2.2 Flavius Josephus
2.3 Die Evangelien
2.4 „Dokumente aus der Wüste Judäas“
2.5 Rabbinische Literatur

3. Forschungsstand

4. Das jüdische Volk vor dem 1. Jüdischen Krieg
4.1 Der Tempel
4.2 Die Hohepriester
4.3 Die Sekten
4.4 Der Sanhedrin

5. Die Reorganisation des Judentums nach 70 n.C.
5.1 Rabban Johanan ben Zakkai und Rabban Gamaliel II
5.2 Entstehung des „Lehrhauses“ in Jabne
5.3 Die rabbinischen Lehre
5.4 Zusammensetzung der Versammlung in Jabne
5.4.1 Forschung
5.4.2 Argumente für Fortsetzung der pharisäischen Bewegung
5.4.3 Argumente für „Große Koalition“
5.4.4 Zwischenzusammenfassung
5.5 Administrative Funktionen des „Lehrhauses“ in Jabne
5.5.1 Ausübung der Legislative
5.5.2 Ausübung der Judikative
5.5.3 Zwischenzusammenfassung
5.6 Die personelle Führung - Die Anfänge des Patriarchats
5.6.1. Das Patriarchat
5.6.2 Rabban Johanan ben Zakkai
5.6.3 Rabban Gamaliel II
5.6.4 Zwischenzusammenfassung

6. Fazit

7. Quellen

8. Literatur

1. Einleitung

Die Eroberung Jerusalems durch die Römer und die damit einhergehende Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.C. markierte in Judäa das Ende einer Epoche, die von der Existenz des Tempels geprägt war. Während die Römer Judäa in eine prätorische Provinz umwandelten und weitere Präventivmaßnahmen gegen neue Aufstände ergriffen, die sie auf eine ruhigere Zukunft hoffen ließen, befand sich das jüdische Volk in einem geistigen und institutionellen Krisenzustand.[1] Die Vernichtung des Tempels hatte die jüdische Nation um ihr Identifikationszentrum und den Mittelpunkt ihres organisierten Lebens beraubt. Sie hinterließ somit ein Vakuum im Geist und im Alltag des jüdischen Volkes und hatte eine an Verzweiflung grenzende Depression zur Folge. Es gab jedoch unter der Bevölkerung Judäas einige Juden, die die Initiative zum Wiederaufbau des innerjüdischen Lebens ergriffen.

Hauptgegenstand dieser Arbeit soll es nun sein, diese Neuorganisation des jüdischen Volkes in der Zeit zwischen 70 n.C- 132 n.C. zu untersuchen. Dabei möchte ich der Frage auf den Grund gehen, inwiefern sich die Organisation seitens des jüdischen Volkes im Vergleich zu der Zeit vor dem 1. Jüdischen Krieg verändert hat. Unter dem Begriff Organisation verstehe ich nun im folgenden die Gestaltung der jüdischen Gesellschaft. Darunter fallen Aspekte der Praktizierung des Glaubens, der Selbstverwaltung und der internen Führung sowie auch der Homogenität der Gesellschaft. Um jedoch Aussagen über Veränderungen treffen zu können, möchte ich zunächst einmal kurz darlegen, wie die Juden ihr Leben vor dem 1. Jüdischen Krieg organisierten. Basierend auf diesen Kenntnissen werde ich dann die Zeit zwischen 70 n.C. und 132 n.C. auf etwaige Veränderungen hin untersuchen. Meine Ausführungen konzentrieren sich im folgenden auf die Stadt Jabne, die in der Nähe der westlichen Mittelmeerküste Judäas gelegen ist, und die Aktivitäten der dort wirkenden Juden, denn gemeinhin gilt dieser Ort als das Zentrum der jüdischen Neuorganisation. So wird die Zeit zwischen der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n.C. und dem Beginn des Bar Kochba- Aufstands im Jahr 132 n.C. aus jüdischer Sicht auch als „Jabne-Periode“ bezeichnet.

2. Quellenlage

2.1 Allgemein

Die Quellenlage für die Zeit zwischen den beiden Kriegen lässt insgesamt zu wünschen übrig, vor allen Dingen jedoch im Hinblick auf die Neuorganisation seitens der Juden. Kein antiker Geschichtsschreiber thematisiert die innerjüdische Geschichte nach der Zerstörung des Tempels. Die Werke des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus beschreiben ausschließlich die Verhältnisse in Judäa vor dem Jahr 70 n.C. Wie sich die jüdische Gesellschaft nach der Zerstörung des Tempels entwickelt hat kann man höchstens indirekt in seinen Werken erkennen. Da sie in den ersten 25 Jahren nach Kriegsende entstanden sind, enthalten sie möglicherweise „versteckte Informationen“ über ihre Entstehungszeit. Aufgrunddessen und auch auf Grund der Tatsache, dass er Belege für die Organisation der jüdischen Gesellschaft in der Vorkriegszeit liefert werde ich ihn kurz vorstellen. Indirekte Hinweise auf die Zeit zwischen den Kriegen liefern eventuell auch die Evangelien. Als weitere brauchbare Quellen kommen die „Dokumente aus der Wüste Judäas“ und vor allen Dingen die Werke der rabbinischen Literatur in Betracht.

2.2 Flavius Josephus

Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus wurde als Joseph ben Mathitjahu 37 n.C. in Jerusalem geboren und lebte dort bis zum Aufstand des Jahres 66 n.C. als Priester und Anhänger der Pharisäer. Zu Beginn des 1. Jüdischen Krieges war er Militärkommandeur in Galiläa. Als er jedoch 67 n.C. von den Truppen Vespasians gefangen genommen wurde, wechselte er auf die Seite der Römer und beriet sie bei der Besetzung Jerusalems. Er versuchte vergeblich zwischen Römern und Juden zu vermitteln. Nach der Zerstörung Jerusalems begab Josephus sich mit Titus nach Rom. Dort erhielt er das römische Bürgerrecht, nahm den Namen Flavius an, lebte als kaiserlicher Pensionär im früheren Wohnhaus Vespasians. Hier verfasste er mehrere Geschichtswerke. In den Jahren 75-79 n.C. schrieb er die Geschichte des Jüdischen Krieges (De bello Judaico), in der er den Kampf der Juden gegen die Fremdherrschaft in der Zeit von 174 v.C. bis 70 n.C. schildert. In seinem darauffolgenden Werk Jüdische Altertümer (Antiquitates Judaicae), das er 94 n.C. fertig stellte, beschreibt er die Geschichte des jüdischen Volkes von der Schöpfung bis zum Beginn des Aufstandes im Jahre 66 n.C. Ca. um 96 n.C. erschienen noch einige kleinere Werke, unter anderem auch seine Selbstbiographie (Vita). Bei der Heranziehung der Werke des Josephus muss man nun also berücksichtigen, dass er zwar eigentlich ein Jude war, jedoch unter der Aufsicht der Römer seine Bücher verfasste. Josephus verleugnete niemals seine Religion, doch schrieb er sicherlich auch nichts nieder, was den Unmut der Römer erregt hätte.[2]

2.3 Die Evangelien

Die vier Evangelienbücher berichten über die Taten und das Schicksal Jesu, also über die Zeit vor der Zerstörung des Tempels. Jedoch sind sie alle zwischen 70 n.C. und 100 n.C. verfasst worden, also in einem Zeitraum, der in dieser Arbeit auch thematisiert werden soll. Die meisten Gelehrten gehen davon aus, dass die Evangelien nicht die historischen Verhältnisse zur Lebenszeit Jesu reflektieren, sondern die Situation unter der die frühen christlichen Gemeinden lebten und die Überlieferungsstücke über Worte und Taten Jesu von den Evangelisten zu einem Ganzen zusammengefügt worden sind.[3] Somit enthalten sie möglicherweise auch Hinweise auf die Organisation der jüdischen Gesellschaft nach der Vernichtung des Tempels.

2.4 „Dokumente aus der Wüste Judäas“

Einige Informationen über die innerjüdischen Verhältnisse der hier zu untersuchenden Periode enthalten die Dokumente, die in der Wüste Judäas gefunden wurden und offensichtlich in der Zeit zwischen 70 n.C. und 135 n.C. entstanden sind. Bei diesen papyrologischen Quellen handelt es sich um Ehe- und Scheidungsverträge, Kaufurkunden, Quittungen, Erbverträge und andere „Belege“, die die persönlichen Angelegenheiten von jüdischen Privatpersonen betreffen. Sie sind also in erster Linie für die Erforschung der Sozialgeschichte interessant[4]. Leider ist ein Großteil dieser Dokumente noch nicht veröffentlicht worden, so dass die Arbeit mit ihnen nur schwer möglich ist.

2.5 Rabbinische Literatur

Bei der Erforschung der innerjüdischen Verhältnisse nach der Zerstörung des Tempels ist man in erster Linie auf die rabbinische Literatur angewiesen. Die Literatur des rabbinischen Judentums, die als das mündliche Gesetz der Juden, also als die „mündliche Torah“, verstanden wird, entstand in der Zeit zwischen 70 n.C. bis 1040 n.C. Die wesentlichsten Werke der rabbinischen Literatur sind Mischna, Tosefta, Talmud und verschiedenen Midrasch-Werke. Diese stammen nicht jeweils von einem Autor, sondern setzen sich aus Einzelüberlieferungen zusammen, die zunächst mündlich weitergegeben und dann in einem komplexen Prozess, der mehrere Jahrhunderte andauerte, zu größeren Werken kompiliert wurden. Unter diesen ist die Mischna die älteste autoritative Gesetzessammlung des nachbiblischen Judentums. Sie ist ca. 200 n.C. aus älteren Materialien zusammengestellt worden. Einen ersten Entwurf der Mischna lieferte jedoch schon der Rabbi Akiba ben Joseph, der in der Zeit zwischen den Kriegen einer der führenden Rabbinen war. Die Aussagen der Mischna bilden nun wiederum den Ausgangspunkt für weitere Überlegungen und Diskussionen. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist die sogenannte „Gemara“. Aus der Gemara und der Mischna setzt sich dann der Talmud zusammen. Da in der oben genannten Entstehungszeit zwei Zentren jüdischer Gelehrsamkeit existierten, entstanden zwei verschiedene Talmudim: Der Palästinische Talmud, der auch Jerusalemer Talmud genannt wird, und der Babylonische Talmud. Der Palästinische Talmud wurde ca. 450 n.C. fertiggestellt, der Babylonische Talmud wohl erst im 8. Jahrhundert n.C. An den babylonischen Talmud angeschlossen finden sich einige kleinere Traktate aus späterer Zeit, so zum Beispiel das Traktat Abot de Rabbi Natan. Die Tosefta ist eine Sammlung von Überlieferungen aus den ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderten, möglicherweise handelt es sich bei den Inhalten um „nicht-kanonisches“ Material, das man bei der Redigierung der Mischna nicht aufgenommen hat. Daneben gibt es nun noch den sogenannten Midrasch. Unter diesem Begriff wird eine Vielzahl von Einzelauslegungen der Torah zusammengefasst. Dazu zählen zum Beispiel Sifre Deuteronomium, Deuteronomium Rabbah u.v.m.[5]

Die Nutzung dieser umfassenden Werke der rabbinischen Literatur als historische Quellen gestaltet sich allerdings problematisch. Das rabbinische Material behandelt hauptsächlich gesetzliche, religiöse und rituelle Thematiken. Die wenigen Passagen und Anekdoten in denen tatsächlich historisch relevante Ereignisse geschildert werden, sind mit größter Vorsicht zu behandeln.[6] Die meisten Forscher stimmen mittlerweile darin überein, dass ein Großteil der rabbinischen Anekdoten „künstlich“ und damit historisch nicht verwertbar ist.[7] Trotzdem gibt es in der rabbinischen Literatur auch brauchbaren Stoff für die Erforschung der Organisation des Judentums nach 70 n.C. Man muss aus dem Gros des wenig tauglichen Materials eben das verwertbare herausfiltern und einer strengen Kritik unterwerfen.

3. Forschungsstand

Die Reorganisation des jüdischen Volkes in der Zeit zwischen 70 n.C. und 132 n.C. wird in der Sekundärliteratur sehr ausführlich in Alons Werk The Jews in their land in the Talmudic Age (70- 640 C.E.) behandelt. Der Autor erörtert im 1. Band dieses Werkes auf Grundlage der zur Verfügung stehenden Quellen, die er auch explizit angibt, sehr genau, wie sich eine neue jüdische Führung etabliert hat und in welcher Beziehung diese zum Volk und zu den Römern stand. Daneben befasst sich Solomon Zeitlin im 3. Band seines Werkes The Rise and Fall of the Judean State mit der Zeit von 66 n.C. – 120 n.C. Hierbei widmet er gut ein Drittel seines Buches dem Aufstand, ein knappes Drittel den Veränderungen innerhalb der jüdischen Gesellschaft und ein Drittel dem religiösen Leben und dem Glauben. Die Informationen, die er zu den organisatorischen Veränderungen bietet, belegt er größtenteils mit Quellen, die er jedoch teilweise zu unkritisch verwertet.

Safrais Publikation Das Zeitalter der Mischna und des Tamuds (70-640) behandelt die für unsere Fragestellung interessante Zeitspanne auf knapp 30 Seiten. Vieles wird sehr vereinfacht dargestellt und nicht mit Quellen belegt. Ein ähnliches Problem stellt sich bei Smallwoods Monographie The Jews under Roman Rule. Die Zeit zwischen den Kriegen in Judäa wird nur sehr knapp dargestellt, über die organisatorischen Veränderungen seitens der Juden wird lediglich auf 6 Seiten berichtet. Auch hier ist zu bemängeln, dass Quellenbelege entweder fehlen oder fast kritiklos verwertet werden. Aufschlussreicher sind dagegen einige der zahlreichen Publikationen Jacob Neusners. So bietet sein Aufsatz The Formation of Rabbinic Judaism: Yavneh (Jamnia) from A.D. 70 to 100 gut sortierte Informationen über Entstehung und Zusammensetzung der rabbinischen Bewegung in Jabne. Auch sein Werk über das Leben und die Taten des Initiators der jüdischen Neuorganisation A Life of Yohanan ben Zakkai. Ca 1-80 C.E. liefert viele wertvolle Angaben hinsichtlich des jüdischen Wiederaufbaus. Allerdings spielt bei Neusner auch die theologische Komponente eine sehr große Rolle, was die Verwertbarkeit seiner Arbeiten für den Historiker manchmal schwierig macht. Die neuesten Forschungsergebnisse zum Thema der jüdischen Neuorganisation werden in Stembergers Aufsatz Die Umformung des palästinischen Judentums nach 70: Der Aufstieg der Rabbinen zusammengefasst. Hierbei vergleicht der Autor die Erkenntnisse der jüngsten Forschung mit denen der älteren und kommt zu der Ansicht, dass vieles, was bisher über die Rekonstruktion des palästinischen Judentums bekannt war, nicht als historisch sicher gelten kann.

[...]


[1] vgl. Smallwood 1976, S.331

[2] Vgl. Clementz 1967, S.3ff, Siegert (u.a.) 2001, S. 1ff

[3] Vgl. Stemberger 1999, S.88f

[4] Vgl. Cotton 1999, S.221ff, Goodblatt 1999, S. 104ff

[5] Vgl. Ego 2001 , S. 738ff

[6] vgl Smallwood 1976, S.331

[7] vgl. Goodblatt 1999, S.106f

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Organisatorische Veränderungen seitens der Juden in der Zeit zwischen den Kriegen ( 70 n. Chr. - 132 n. Chr.)
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Seminar für Alte Geschichte)
Veranstaltung
HS II: Römische Herrschaft über Judäa
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
34
Katalognummer
V55816
ISBN (eBook)
9783638506755
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Organisatorische, Veränderungen, Juden, Zeit, Kriegen, Römische, Herrschaft, Judäa
Arbeit zitieren
Birgit Lüke (Autor:in), 2004, Organisatorische Veränderungen seitens der Juden in der Zeit zwischen den Kriegen ( 70 n. Chr. - 132 n. Chr.), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55816

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