Die Lüge bei Bertolt Brecht und die Lüge, eine ethische Betrachtung


Hausarbeit, 2005
31 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Teil I: Die Lüge eine ethische Betrachtung (Zur Erlangung eines EPG 2-Scheines)
1. Lügen – eine Definition
2. Lügentypen
2.1. Die Alltagslüge
2.2 Die Soziale Lüge
2.3. Die Asoziale Lüge
2.4. Die Antisoziale Lüge
3. Lassen sich Lügen rechtfertigen?
4.G etäuschter vs. Täuschender

Teil II: Die Lüge bei Bertolt Brecht ( Zur Erlangung eines Proseminar-Scheines)
1. Einleitung
2. Galileo Galilei
3. Der gute Mensch von Sezuan und Die heilige Johanna der Schlachthöfe oder Ist in dieser Gesellschaft ist ein Überleben ohne Lügen möglich?
4. Mann ist Mann
5. Furcht und Elend des Dritten Reiches
6 Fazit
7. Literatur

I. Die Lüge - Eine ethische Betrachtung

1. Lügen – eine Definition:

Den Begriff „Lüge“ genauer zu definieren stellt sich ausgesprochen schwierig dar, dabei ist dieses Phänomen Teil unseres täglichen Lebens.

Man kann sich einer Definition aber durch Abgrenzung nähern: Die Lüge ist klar vom Irrtum zu unterscheiden. Das Ergebnis eines Irrtums und einer Lüge sind zwar oft ähnlich, denn in beiden Fällen wird faktisch die Unwahrheit gesprochen aber bei einem Irrtum handelt es sich um eine unabsichtliche Täuschung. Die fälschliche Aussage basiert in diesem Fall meist auf dem Glauben die Wahrheit zu sagen und wird durch äußere Einflüsse, beispielsweise durch falsche Informationen, beeinflusst. Ein Lügner hingegen verfälscht bewusst die Wahrheit und verfolgt mit seiner Tat ein gewisses Ziel.

Eine Lüge ist also durch die Absicht und Intension des Sprechenden gekennzeichnet. Darüber hinaus gibt es Lügen, die nicht als solche zu erkennen sind. Sie werden oft indirekte Lügen genannt.[1] Gemeint ist eine Aussage, die an sich, gesondert betrachtet, nicht als Lüge identifiziert werden kann. Dies können zum Beispiel Gegenfragen sein: Person X stellt Person Y eine Wissensfrage, aber anstatt eine Antwort zu geben, stellt Person Y eine Gegenfrage: „Glaubst du etwa, das weiß ich nicht?“ Die Gegenfrage soll dem Fragenden glaubend machen, dass es keinerlei Gründe gibt an dem Wissen von Person Y zu zweifeln, egal ob er die Frage wirklich hätte beantworten können oder nicht und implizieren, dass Zweifel vollkommen unberechtigt sind. Man täuscht durch eine eigentlich nicht falsche Aussage, die aber mehrdeutig interpretiert werden kann, Wissen vor und nutzt sich damit selber.

Es bleibt also festzuhalten: Es gibt falsch Aussagen, die aber trotzdem keine Lügen sind, da sie nicht mit der Absicht getätigt wurden, die Wahrheit zu verfälschen à Irrtum. Und auf der anderen Seite gibt es Aussagen, die nichts Unwahres beinhalten, aber dazu beitragen einen falschen Eindruck zu erwecken à Indirekte Lüge.

Meist werden Lügen mit Worten und Aussagen in Verbindung gebracht. Doch Täuschung und Schwindel sind auch auf anderem Wege, über Bilder, Fotos und die modernen Medien denkbar. Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg ist bekannt, wie gut Fotos manipuliert werden können und man über Propagandafilme ein ganzes Volk belügen kann. Doch trotzdem neigt der Mensch eher dazu Gesprochenes als Bilder und andere Darstellungen anzuzweifeln.

Wie oben bereits angeführt, wird eine Lüge über eine Absicht, die dahintersteckt, gekennzeichnet. Es kann sich hierbei um ganz verschiedene Motive handeln. Im Allgemeinen kann man vier Lügentypen klar unterscheiden:

2. Lügentypen

2.1 Die Alltagslüge

Bei der Alltagslüge handelt es sich um die wohl häufigste Form und um die harmloseste Variante. Die Alltagslüge tritt in verschiedenen Ausprägungen auf. So gehören zum Beispiel konventionell gewählte Floskeln, wie „Schön dich zu sehen!“, zu dieser Gruppe. Solche Äußerungen werden aus Höflichkeit und Gewohnheit getätigt. Dabei spielt es keine Rolle, ob man sich tatsächlich freut oder nicht. Ähnliches trifft auf die konventionell häufig gestellte Frage: „Wie geht es dir?“ zu. Man erwartet in der Regel keine ehrliche Antwort, sondern lediglich ein kurzes „Danke, gut.“ Hier ist es wiederum egal, ob es einem wirklich gut geht. Fällt eine Antwort anders als gewohnt und vielleicht wahrheitsgemäß aus, reagieren wir sogar irritiert. Es scheint, als sei uns eine kleine Lüge lieber als die Wahrheit.

Auch Schmeicheleien sind Bestandteil unseres Lebens und eine Form der Alltagslüge. Kommt unser Gegenüber vom Friseur, fühlen wir uns gezwungen, das neue Werk lobend zu erwähnen und spätestens, wenn wir gefragt werden, wie uns denn die Frisur gefalle, greifen wir häufig doch lieber zur Lüge als zur ehrlichen Antwort. Diese Schmeicheleien sind meist sehr harmlos. Es wird kein Schaden angerichtet, vielmehr dienen sie sogar häufig der Aufmunterung.

Eines haben diese beiden Varianten der Alltagslüge gemein: Es ist nicht oder nur ausgesprochen schwer nachweisbar, dass man gelogen hat. Da man eine angebliche Meinung beziehungsweise einen Eindruck preisgibt, kann die Lüge nicht klar bewiesen werden. Woher möchte ein anderer schließlich wissen, was man selber denkt. Aus diesem Grund bleiben diese Lügen harmlos, da sie kein Lügengeflecht nach sich ziehen. Doch trotz allem ist es nicht auszuschließen, dass auch harmlose Lügen lediglich einen Einstieg für größere Lügen bieten können.

Auch zu den harmlosen Lügen gehören einfache Ausreden, wenn man beispielsweise keine Lust hat irgendetwas zu tun. Der Fall, dass sich Menschen am Telefon verleugnen lassen oder behaupten, keine Zeit zu haben, um sich vor ungeliebten Aufgaben zu drücken, liegt an der Tagesordnung. Lügen dieser Art lassen sich jedoch leichter nachweisen, da es sich hier im eine Handlung und nicht um eine reine Äußerung von Gedankengut handelt.

Die Alltagslüge ist in der Regel nicht geplant, so kann man beispielsweise nicht ahnen, dass man auf jemanden trifft, der so eben beim Frisör war, oder dass Person X oder Y anrufen wird. Meist geschieht die Alltagslüge folglich aus dem Affekt und der gegeben Situation heraus.

2.2 Die Soziale Lüge

Mit einer sozialen Lüge beabsichtigt man genau das zu tun, wo für Lügen normalerweise nicht typisch sind. Man möchte seine Mitmenschen schonen oder ihnen sogar nutzen. Die soziale Lüge geht hier weit über die unbedachten Schmeicheleien der Alltagslüge hinaus. Es sind mehrere Fälle, wie die Schonung eines Kranken oder auch das Behalten eines Geheimnisses, als Freundschaftsdienst denkbar.

Wird man bei einer sozialen Lüge ertappt, wird einem in der Regel leichter verziehen als wenn man aus eigennützigen Gründen zur Lüge greift.

Eine soziale Lüge bedarf einer größeren Planung als die Alltagslüge. Weiß man, dass man am Nachmittag seine Oma im Krankenhaus besuchen wird, nimmt man sich beispielsweise schon im Vorfeld vor, ihr nicht zu erzählen, dass das geliebte Kätzchen erkrankt ist. Es kann aber auch passieren, dass man spontan und ungeplant zum sozialen Lügner wird, sobald die Person, die man eigentlich schonen möchte, eine ungünstige Frage stellt. Darüber hinaus ist es typisch, dass man entweder durch eine Frage zum sozialen Lügner wird oder man Dinge verschweigt. So ist es eher unwahrscheinlich, dass man beispielsweise eine Geschichte erfindet, wie gut es doch dem geliebten Kätzchen geht und dass es munter von Ast zu Ast springt. Ohne eine Frage nach dem lieben Tier, wird man eher den Mund halten, vom Thema ablenken und anderen Gesprächsstoff suchen.

Laut einer Statistik, die im Journal of Personality and Social Psychology erschienen ist, sind 25 % aller Lügen soziale Lügen. Darüber hinaus greifen Frauen wesentlich häufiger zu diesem Lügentypus als Männer und auch die Betroffenen und Belogenen sind meist Frauen.[2]

2.3 Die Asoziale Lüge

Die asoziale Lüge unterscheidet sich hinsichtlich der damit verbundenen Absicht und Intention grundlegend von der sozialen Lüge. Trotzdem kann das äußere Erscheinungsbild einer asozialen Lüge manchmal nur schwer von der einer sozialen Lüge unterschieden werden, denn auch mit der asozialen Lüge will man jemandem nutzen, aber eben sich selber. Das Ich steht im Mittelpunkt und dabei scheint es vollkommen unwichtig zu sein, wie es anderen Menschen dabei ergeht. Diese sehr egozentrisch geprägte Lüge wird seltener und schwerer verziehen, selbst wenn der Nutzen der gleiche ist, wie bei einer sozialen leichter zu verzeihenden Lüge.

Es gibt zwei zu unterscheidende Bewegungsgründe, warum man zu einer asozialen Lüge greift. Bühler und Haas erwähnen als Hintergrund zwei verschieden Gefühlslagen. Die eine ist die Furcht vor irgendetwas und die andere die Gier.[3] Auch hier kann man sagen, dass Lügen, die aus der Furcht heraus entstehen, von der Allgemeinheit eher akzeptiert werden, als solche, die aus Gier heraus entstanden sind.

Die durch die Furcht ausgelöste Lüge beabsichtigt, Unangenehmes von sich selber abzuwenden. Oft ist der Übergang zwischen der zweiten Form der harmlosen Lüge, der Ausrede und der Abwendung von Unangenehmen leicht verwischbar. Ein Unterschied besteht aber sehr wohl in der Reichweite. Die harmlose Ausrede bewirkt den Unmut eines anderen, aber es schadet ihm nicht persönlich und der Lügner hat in diesem Fall auch niemals die Absicht, dem anderen Leid zuzufügen. Bei der asozialen Lüge nimmt man das aber häufig billigend in Kauf. Es handelt sich auch selten um so banale Dinge wie die Unlust, irgendetwas zu tun. Neben der einen Absicht, dem Abwenden von Unangenehmen, gibt es einen zweiten Beweggrund, der durch Gier ausgelöst wird, mit dem Ziel sich Angenehmes zu beschaffen. Diese Lüge ist noch egoistischer geprägt. Man möchte sich nicht selber vor etwas schützen, sondern sich bereichern.

Eine Ausprägung der asozialen Lüge ist die Fantasielüge. Hierbei wird bewusst ein Tatbestand unkorrekt dargestellt. Es gibt mehrere Gründe für Fantasielügen. Ein Grund ist ein gesteigertes Geltungsbedürfnis, was auch oft als Hochstaplerei bezeichnet wird. Man beschönigt und gestaltet eine Situation besonders aus, um sich selber aufzuwerten und sich über andere zu stellen oder um sich einfach nur interessant zu machen. Bei Kindern führt oft die Lust am Geschichtenerfinden und ein verzerrtes Wahrnehmungsbild zu Fantasielügen und wird deshalb auch selten als richtiges Lügen bewertet. Erwachsene, die häufig zur Fantasielüge greifen, leiden dagegen häufig unter einem mangelnden Selbstbewusstsein und dem Drang sich selber aufzuwerten und besser zu stellen. Mit der Fantasielüge schadet der Lügner in der Regel keiner dritten Person, sondern nur sich selber. Durch das Erfinden immer absurderer und waaghalsiger Geschichten ist die Gefahr groß, dass man dem Lügner auf die Schliche kommt, ihn als notorischen Hochstapler abstempelt und ihm selbst dann nicht mehr glaubt, wenn das Erzählte wahr ist.

2.4 Die Antisoziale Lüge

Die Antisoziale Lüge kann wiederum in zwei verschiedenen Ausprägungen auftreten, die in ihrer Härte und Intensität klar unterschieden werden müssen. Eines verbindet beide Ausprägungen: In Folge der antisozialen Lüge wird immer eine oder mehrere Personen geschädigt. In der ersten Form nimmt man diese Schädigung wissentlich und billigend in Kauf, sie ist aber nicht das eigentliche Ziel der Lüge. Die Ziele können oft mit der der asozialen Lüge identisch sein. Es gibt ausgesprochen viele Mischformen dieser beiden und auch anderer Formen, da es oft so ist, dass andere Menschen geschädigt werden, wenn man sich aus Gier Angenehmes beschaffen möchte oder versucht sein eigenes Leben oder das von anderen zu schützen und zu bewahren.

Bei der zweiten Form der antisozialen Lüge nimmt man die Schädigung einer dritten Person nicht als Nebenprodukt billigend in Kauf, vielmehr möchte man durch die Lüge erst den Schaden zufügen.

Eine antisoziale Lüge erfordert viel mehr Planung als beispielsweise die Alltagslüge. Sie geschieht nicht aus dem Affekt, sondern muss, um erfolgreich sein zu können, akribisch ausgearbeitet werden. Schon alleine aus diesem Grund und weil man viel Zeit hatte, sich mit seinem falschen Handeln auseinander zu setzen, wird eine Antisoziale Lüge nur in den seltenen Fällen verziehen.

3. Lassen sich Lügen rechtfertigen?

Es stellt sich nun die Frage, ob man Lügen immer nur verurteilen muss oder ob es auch Situationen gibt, in denen man geradezu gezwungen ist, die Wahrheit zu verfälschen oder zumindest irgend etwas zu verschweigen. Wie heißt es doch so schön im deutschen Volksmund: „Reden ist Silber, schweigen ist Gold.“

Man kann die Welt der Philosophen in zwei Parteien einteilen. Die einen akzeptieren keine Art von Lüge. Kant gehört eindeutig zu dieser Gruppierung. Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sind für ihn eine Menschenpflicht. Kant schreibt: „ Die größte Verletzung der Pflicht gegen sich selbst, bloß als moralisches Wesen betrachtet (die Menschheit in seiner Person), ist das Widerspiel der Wahrhaftigkeit: die Lüge.“ [4] Und auch Kants kategorischer Imperativ impliziert, dass Lügen nicht gut sein können. Dort heißt es: „ Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ [5] Da die meisten Lügner auch nicht belogen werden möchten und selbst, wenn sie angeben, dass es ihnen recht sei, kann ein logisch denkender Mensch keine Welt verantworten, in der Lüge und Betrug an der Tagesordnung liegen. Somit muss Kant die Lüge verurteilen und kann auch die Notlüge nicht akzeptieren.

Die zweite Gruppierung ist auch keine Vertreter von ständigen unnützen Lügen, aber sie akzeptieren die Notwendigkeit von Notlügen in manchen Situationen. Die Utilitaristen gehören dieser Gruppe an. Eine Handlung wird dann für gut gehalten, wenn sie möglichst vielen nützt. Dies schließt ein egoistisches Handeln also aus. Die Utilitaristen wägen das Handeln nach dem größten Nutzen, für den größten Teil der Menschheit, ab. Es muss hierbei zwischen dem Präferenzutilitarismus und dem negativen Utilitarismus unterschieden werden. Die einen erstellen eine Kosten – Nutzen-Bilanz hinsichtlich der Frage inwieweit das Handeln Interessen befriedigt, die anderen beurteilen das Handeln danach, wie viel Leid und Unheil vermindert werden kann. Beide Formen haben gemeinsam, dass sie Lügen akzeptieren, sobald ein Großteil einen Nutzen davon hat

So ist es möglich, zumindest drei der vier Lügentypen unter Umständen und bei angemessener Situation zu rechtfertigen:

[...]


[1] Vgl. Jeanette Schmid: Über Techniken andere hinters Licht zu führen. Sozialpsychologische Einblicke in das Repertoire von Täuschungen und Verzerrungen. In: Robert Hettlage (Hrsg.) Verleugnen, Vertuschen, Verdrehen: Leben in der Lügengesellschaft. Konstanz 2003, S. 51-64.

[2] Vgl. Bella DePaulo (u.a): Lying in everyday life. Journal of Personality and Social Psychology, Mai 1996 Vol 70 (5) S. 979-995

[3] Charlotte Bühler und Johanna Haas: Gibt es Fälle, in denen man Lügen muss? Wien 1924.

[4] Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten. Stuttgart 1990, S.312

[5] Wilhelm Weischedel (Hrsg.): Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Band IV, Darmstadt 1983, S.421

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Lüge bei Bertolt Brecht und die Lüge, eine ethische Betrachtung
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
31
Katalognummer
V55933
ISBN (eBook)
9783638507622
ISBN (Buch)
9783638664219
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lüge, Bertolt, Brecht, Betrachtung
Arbeit zitieren
Svea Oberg (Autor), 2005, Die Lüge bei Bertolt Brecht und die Lüge, eine ethische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55933

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