Vertrauen zum Ganzen - Skizze eines philosophisch vernachlässigten Begriffs


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1998

20 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Trust in the Whole - The Outline of a Notion Philosophically Neglected Summary

Confiance en totalité - Esquisse d’une notion philosophique negligée Résumée

Die fundamentale Bedeutung des Vertrauens

Was ist Vertrauen?
Der Begriff als Wertbeziehung
Formen des Vertrauens
Weltvertrauen
Persönliches Vertrauen
Urvertrauen

Die schöpferische Kraft des Vertrauens
Vertrauens- und Mißtrauensspirale
Implikationen für die Ethik
Empirische Befunde

Der Ur-sprung des Vertrauens

Literatur

Vertrauen zum Ganzen –

Skizze eines philosophisch vernachlässigten Begriffs

Zusammenfassung

Vertrauen ist eine wichtige Grundbefindlichkeit des Menschen. Es ermöglicht ein Zusammenleben in relativer Ruhe und Sicherheit. Mit seinem Vertrauen erwartet jemand die Permanenz der natürlichen und sozialen Ordnung (Weltvertrauen), die Konsistenz im Umgang miteinander (persönliches Vertrauen) und die zuverlässige Orientierung in den Wagnissen des Lebens (Urvertrauen). Vertrauen hat eine schöpferische Kraft, mit der es Paradigmen des Erkennens, Handelns und Hoffens konstituieren kann. Es kann sich in einer Art Spirale selbst verstärken, und damit auch ganze Gruppen zu mehr Offenheit, Kommunikation und Zusammenarbeit bewegen. Nicht zuletzt deshalb haben vertrauensbildende Maßnahmen zwischen Ost und West zum Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs beigetragen. Vertrauen zum Ganzen als Voraussetzung des Lebens ergänzt auch den Ansatz von Richard Wissers philosophischer Anthropologie. Kritik und Krise können nur mit Hilfe des Vertrauens zum Ganzen sich immer mehr dem Ursprung nähern.

Trust in the Whole - The Outline of a Notion Philosophically Neglected Summary

Trust is an important element of a basic human attitude. It makes it possible to enjoy relative peace and safety in the life of a community. Due to trust, humans expect the permanence of natural and social orders (trust in the world), consistency in mutual relations (personal trust) and safe guidance through life (proto-trust). There is a creative power in trust that can constitute the paradigms of knowledge, action and hope. Trust can itself grow in a spiral and induce whole groups to move to higher levels of open-mindedness, communication and common efforts. Trust-inducing activities have contributed to the breakdown of Iron Curtain between East and West. Richard Wisser’s philosophical anthropology adds to the trust in the whole as a life precondition. Critic and crisis can approach to the origins with trust in the whole.

Confiance en totalité - Esquisse d’une notion philosophique negligée Résumée

La confiance est une des qualités fondamentales qui caractérisent l’homme. Elle nous permet de vivre dans une relative tranquillité et sécurité. En développant sa confiance, chacun de nous s’attend à la permanence de l’ordre social et naturel (confiance dans la monde), à la coexistence dans le comportement mutuel (confiance personnelle) et à la possibilité d’une sûre orientation dans les tours périlleux que la vie peut nous réserver (pré-confiance). La confiance possède une force créatrice avec laquelle elle peut constituer les paradigmes de connaissance, d’action et d’espoir. Elle peut se faire d’elle-même plus ferme, plus solide dans une espèce de spirale, et ainsi elle est à même de diriger des groupes entiers vers une plus grande ouverture, vers la communications et le travail en commun. Il faut souligner en autre que ce sont précisément ces mesures capables de créer la confiance qui ont contribué à l’effondrement du rideau de fer séparant l’Ouest de l’Est. La confiance dans la totalité conçue comme prémisse de la vie se trouve aussi complété par le concept de l’anthropologie philosophique de Richard Wisser. Ce n’est que par la confiance dans la totalité que la critique et la crise s’approchent progressivement de leur origine.

Die fundamentale Bedeutung des Vertrauens

Als am 1. November 1755 ein Erdbeben Lissabon zerstörte, brachen nicht nur Häuser, sondern auch ein Jahrhunderte gültiges Weltbild zusammen. Die Katastrophe, bei der 30.000 Menschen ihr Leben verloren hatten, ausgerechnet Kirchen zerstört worden, die Bordelle aber verschont geblieben waren, konnte nicht länger als Strafe Gottes gerechtfertigt werden.[1] Die Menschen verloren ihr Vertrauen zum Ganzen, in dem sie diese Welt trotz aller Übel für die beste aller möglichen Welten gehalten hatten. Die Angst des Menschen konnte nicht länger mit spitzfindigen Glaubenssätzen unter Kontrolle gehalten werden. Übrig blieben Technik, Wissenschaft und Handel, mit denen man den erlittenen Verlust zu kompensieren glaubte. Vielleicht war es deshalb kein Zufall, daß sich von nun an die Industrialisierung geradezu explosionsartig ausbreitete und eine neue Form der Sicherheit bot.

Ähnlich wie damals stehen auch wir heute vor dem baufälligen Gebäude eines zugrundegehenden Weltbildes, in dem Vertrauen nicht mehr übernatürlichen Mächten, sondern sozialen Systemen entgegengebracht wird. Unser Vertrauen in die grenzenlose Machbarkeit der Technik, in die restlose Wahrheitsfindung der Wissenschaft und in das ungehinderte Ausbreiten der Wirtschaft ist grundlegend erschüttert. Die politischen, sozialen und ökonomischen Zusammenbrüche sowie die ökologischen Folgelasten der letzten Jahrzehnte scheinen den Verlust des Vertrauens und das Ausbreiten von Mißtrauen zu begünstigen.

Doch ist Mißtrauen die Lösung unserer Probleme? Es ist These dieses Beitrags, daß Mißtrauen zumeist diejenige Krise verschärft, die zu seinem Anlaß wurde. Seine Lösung ist Verschlossenheit, Kontrolle und Rivalität. Vertrauen hingegen weicht starre Fronten auf und vermittelt ein Klima, in dem neue, zum Teil ungeahnte Lösungen aufgrund von Offenheit, Kommunikation und Zusammenarbeit fruchtbar werden können. So haben “vertrauensbildende Maßnahmen”[2] zwischen Ost und West immerhin zum Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs beigetragen.

[...]


[1] Gerald Deckart et al.: Katastrophen, die die Welt erschütterten. Stuttgart 1991, S. 94 ff sowie Ernst Sander: Nachwort zu Voltaires Candid - Oder die beste der Welten. Stuttgart 1963, S. 144.

[2] Vgl. Andreas Windel: Vertrauensbildende Maßnahmen - Historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff und Versuch einer anwendungsorientierten Konzeption. München 1983, S. 7 ff; Zielinski, Michael: Vertrauen und Vertrauensbildende Maßnahmen - Ein sicherheitspolitisches Instrument und seine Anwendung in Europa. Frankfurt a. M./ New York 1985.

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Details

Titel
Vertrauen zum Ganzen - Skizze eines philosophisch vernachlässigten Begriffs
Autor
Jahr
1998
Seiten
20
Katalognummer
V56087
ISBN (eBook)
9783638508759
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vertrauen, Ganzen, Skizze, Begriffs
Arbeit zitieren
Dr. Mathias Schüz (Autor), 1998, Vertrauen zum Ganzen - Skizze eines philosophisch vernachlässigten Begriffs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56087

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