Vertrauen ist eine wichtige Grundbefindlichkeit des Menschen. Es ermöglicht ein Zusammenleben in relativer Ruhe und Sicherheit. Mit seinem Vertrauen erwartet jemand die Permanenz der natürlichen und sozialen Ordnung (Weltvertrauen), die Konsistenz im Umgang miteinander (persönliches Vertrauen) und die zuverlässige Orientierung in den Wagnissen des Lebens (Urvertrauen). Vertrauen hat eine schöpferische Kraft, mit der es Paradigmen des Erkennens, Handelns und Hoffens konstituieren kann. Es kann sich in einer Art Spirale selbst verstärken, und damit auch ganze Gruppen zu mehr Offenheit, Kommunikation und Zusammenarbeit bewegen. Nicht zuletzt deshalb haben vertrauensbildende Maßnahmen zwischen Ost und West zum Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs beigetragen. Vertrauen zum Ganzen als Voraussetzung des Lebens ergänzt auch den Ansatz von Richard Wissers philosophischer Anthropologie. Kritik und Krise können nur mit Hilfe des Vertrauens zum Ganzen sich immer mehr dem Ursprung nähern.
Inhaltsverzeichnis
DIE FUNDAMENTALE BEDEUTUNG DES VERTRAUENS
WAS IST VERTRAUEN?
Der Begriff als Wertbeziehung
Formen des Vertrauens
Weltvertrauen
Persönliches Vertrauen
Urvertrauen
DIE SCHÖPFERISCHE KRAFT DES VERTRAUENS
Vertrauens- und Mißtrauensspirale
Implikationen für die Ethik
Empirische Befunde
DER UR-SPRUNG DES VERTRAUENS
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht Vertrauen als eine philosophisch vernachlässigte Grundbefindlichkeit des Menschen und analysiert dessen konstitutive Kraft für Weltbezug, zwischenmenschliches Zusammenleben und Selbstentfaltung. Dabei wird die These vertreten, dass Vertrauen – integriert als Weltvertrauen, persönliches Vertrauen und Urvertrauen – die menschliche Krise schöpferisch gestaltet und als notwendiges komplementäres Gegenstück zur Kritik fungiert.
- Die philosophische Fundierung des Begriffs Vertrauen als Wertbeziehung.
- Unterscheidung der Vertrauensformen: Weltvertrauen, persönliches Vertrauen und Urvertrauen.
- Die schöpferische Kraft des Vertrauens und die Dynamik von Vertrauens- und Mißtrauensspiralen.
- Die Bedeutung von Vertrauen in der Ethik und in wirtschaftlichen Organisationskontexten.
- Die anthropologische Rolle des Vertrauens in der Bewältigung existentieller Krisen.
Auszug aus dem Buch
Die fundamentale Bedeutung des Vertrauens
Als am 1. November 1755 ein Erdbeben Lissabon zerstörte, brachen nicht nur Häuser, sondern auch ein Jahrhunderte gültiges Weltbild zusammen. Die Katastrophe, bei der 30.000 Menschen ihr Leben verloren hatten, ausgerechnet Kirchen zerstört worden, die Bordelle aber verschont geblieben waren, konnte nicht länger als Strafe Gottes gerechtfertigt werden. Die Menschen verloren ihr Vertrauen zum Ganzen, in dem sie diese Welt trotz aller Übel für die beste aller möglichen Welten gehalten hatten. Die Angst des Menschen konnte nicht länger mit spitzfindigen Glaubenssätzen unter Kontrolle gehalten werden. Übrig blieben Technik, Wissenschaft und Handel, mit denen man den erlittenen Verlust zu kompensieren glaubte. Vielleicht war es deshalb kein Zufall, daß sich von nun an die Industrialisierung geradezu explosionsartig ausbreitete und eine neue Form der Sicherheit bot.
Ähnlich wie damals stehen auch wir heute vor dem baufälligen Gebäude eines zugrundegehenden Weltbildes, in dem Vertrauen nicht mehr übernatürlichen Mächten, sondern sozialen Systemen entgegengebracht wird. Unser Vertrauen in die grenzenlose Machbarkeit der Technik, in die restlose Wahrheitsfindung der Wissenschaft und in das ungehinderte Ausbreiten der Wirtschaft ist grundlegend erschüttert. Die politischen, sozialen und ökonomischen Zusammenbrüche sowie die ökologischen Folgelasten der letzten Jahrzehnte scheinen den Verlust des Vertrauens und das Ausbreiten von Mißtrauen zu begünstigen.
Doch ist Mißtrauen die Lösung unserer Probleme? Es ist These dieses Beitrags, daß Mißtrauen zumeist diejenige Krise verschärft, die zu seinem Anlaß wurde. Seine Lösung ist Verschlossenheit, Kontrolle und Rivalität. Vertrauen hingegen weicht starre Fronten auf und vermittelt ein Klima, in dem neue, zum Teil ungeahnte Lösungen aufgrund von Offenheit, Kommunikation und Zusammenarbeit fruchtbar werden können. So haben “vertrauensbildende Maßnahmen” zwischen Ost und West immerhin zum Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs beigetragen.
Zusammenfassung der Kapitel
DIE FUNDAMENTALE BEDEUTUNG DES VERTRAUENS: Dieses Kapitel veranschaulicht anhand historischer und gegenwärtiger Krisen die existenzielle Notwendigkeit von Vertrauen als stabilisierendes Element im Weltbild.
WAS IST VERTRAUEN?: Es erfolgt eine begriffliche Bestimmung von Vertrauen als relationale Wertbeziehung und die Differenzierung in die Formen Weltvertrauen, persönliches Vertrauen und Urvertrauen.
DIE SCHÖPFERISCHE KRAFT DES VERTRAUENS: Hier wird analysiert, wie Vertrauen positive Dynamiken verstärkt, ethische Handlungsspielräume erweitert und den Erfolg in organisationalen Zusammenhängen fördert.
DER UR-SPRUNG DES VERTRAUENS: Das abschließende Kapitel reflektiert den Ursprung des Vertrauens als anthropologische Grundbefindlichkeit und dessen Rolle bei der Überwindung der menschlichen Existenzkrise.
Schlüsselwörter
Vertrauen, Weltvertrauen, Urvertrauen, Persönliches Vertrauen, Schöpferische Kraft, Insecuritas Humana, Ethik, Krise, Kritik, Weltbild, Soziale Ordnung, Interaktion, Kooperation, Anthropologie, Existenzgrund.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Analyse des Begriffs Vertrauen und dessen zentraler Bedeutung für die menschliche Existenz sowie das soziale Zusammenleben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören die Begriffsdefinition als Wertbeziehung, die verschiedenen Arten des Vertrauens, dessen schöpferische Kraft sowie die Rolle von Vertrauen in der Ethik und im Management.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das vernachlässigte philosophische Konzept des Vertrauens aufzuarbeiten und aufzuzeigen, wie es Krisen schöpferisch gestalten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine philosophisch-anthropologische Herangehensweise, ergänzt durch psychologische und soziologische Theorien sowie empirische Verweise aus der Managementforschung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bestimmung der Vertrauensbegriffe, die Analyse der Wirkungsmacht von Vertrauen in sozialen Prozessen und die Betrachtung des Ur-Sprungs des Vertrauens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Vertrauen, Urvertrauen, Schöpferische Kraft, Insecuritas Humana, Ethik und existenzielle Krise.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Vertrauen und Mißtrauen in der Ethik?
Während eine mißtrauensfundierte Ethik auf Kontrolle und Verbote setzt, vertraut eine auf Vertrauen basierende Ethik auf das Gute im Menschen und fördert dieses durch vorbildliches Handeln.
Welche Bedeutung hat das "Urvertrauen" für die psychische Gesundheit?
Laut dem Text ist Urvertrauen ein lebenslanges Gefühl der Verlässlichkeit, dessen Störung zu psychosomatischen Problemen führen kann, während es gleichzeitig die schöpferische Kraft des Menschen entfaltet.
- Quote paper
- Dr. Mathias Schüz (Author), 1998, Vertrauen zum Ganzen - Skizze eines philosophisch vernachlässigten Begriffs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56087