„Melencolia I“ gehört neben „Der große Reiter“ und „Hieronymus im Gehäus“ zu den drei Meisterstichen Albrecht Dürers, die allesamt in den Jahren 1513 und 1514 entstanden sind.
Kein anderes Werk hat in der kunsthistorischen Forschung so viele Anschauungen, Deutungen und kontroverse Interpretationen erfahren, wie dieser Kupferstich.
Dürer gelang es, 1514 ein Meisterwerk zu schaffen, dessen einzelne Bildelemente sondiert zwar interpretierbar sind, das sich jedoch einer zusammenhängenden, vollendeten Bildinterpretation entzieht.
Unzählige Kunsthistoriker versuchten dieses Werk Dürers zu analysieren, doch keiner von ihnen kam zu einer vollständigen und eindeutigen ikonologischen Analyse.
Ziel dieser Arbeit ist es, eine Darstellung der Temperamentenlehre bis zur Zeit Dürers zu liefern, insbesondere die Entwicklung des Melancholikers.
Des Weiteren werde ich eine Interpretation der einzelnen Bildelemente, beziehungsweise des ganzen Stiches vornehmen, die sich auf dieses Temperament bezieht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklung der Humoralpathologie und der Temperamentenlehre bis zur Zeit Dürers
2.1. Zusammenfassung der Temperamente des Cholerikers, des Phlegmatikers und des Sanguinikers
2.2. Der Melancholiker
2.2.1. Charaktereigenschaften, Wesenszüge und Erkennungsmerkmale
2.2.2. Der Einfluss des Saturns
2.2.3. Die Todsünde acedia
3. Melencolia I
3.1. Ikonographische Analyse
3.2 Vorstudie der Melencolia
3.3. Ikonologische Analyse unter dem Aspekt der Temperamentenlehre
4. Schlussteil
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, die historische Entwicklung der Temperamentenlehre bis zur Zeit Albrecht Dürers darzustellen und eine ikonologische Interpretation seines Kupferstichs „Melencolia I“ unter dem spezifischen Aspekt der Melancholie vorzunehmen.
- Geschichte der Humoralpathologie und Temperamentenlehre
- Charakterisierung des melancholischen Temperaments und Einflüsse des Saturns
- Ikonographische Bestandsaufnahme der Bildelemente von „Melencolia I“
- Analyse der allegorischen Bedeutung der Melancholie im Werk Dürers
Auszug aus dem Buch
3.1. Ikonographische Analyse
Im Zentrum des 191 x 242 mm großen Stichs befindet sich eine geflügelte Frauengestalt, die sinnierend auf einer flachen Steinplatte sitzt. Ihren mit einem Blätterkranz und akkurat gescheitelten Haar geschmückten Kopf stützt sie auf die Faust ihres linken Armes, den sie angewinkelt auf ihrem linken Knie lagert.
In ihrer rechten Hand hält sie einen Zirkel, jedoch schweift ihr Blick aus einem dunkel düsteren Gesicht in die Ferne.
Die Frauengestalt trägt ein langes Gewand, das ihr bis zu den Füßen reicht und sich in unzählige schwere Falten legt. Ein Buch ist ihr zwischen die Beine geglitten, das aber geschlossen ist.
An ihrem Gürtel trägt sie einen Schlüssel und einen Beutel. Die Flügel des weiblichen Wesens sind nicht ausgebreitet, sondern sind dicht an ihren Körper gelegt.
Begleitet wird die Gestalt von zwei weiteren Wesen: Zu ihrer Linken sitzt ein Putto auf einem Mühlrad und ist damit beschäftigt, etwas zu schreiben oder zu zeichnen. Auch er besitzt Flügel, die er an seinen Körper gelegt hat. Seine Körperhaltung bildet eine Parallele zu der, der Frauengestalt. Jedoch ist sein Blick auf die Tafel, gerichtet und scheint er beschäftigt.
Das zweite Wesen liegt zu ihren Füßen. Es ist ein abgemagerter, zusammengerollter Hund, ein oft gesehenes Tier in den Werken Dürers, der scheinbar schläft oder zumindest vor sich hin döst.
Auffällig ist, dass keines der Wesen einen Blickkontakt zu einem Anderen hat. Nicht einmal die Frauengestalt zu dem Putto, obwohl sich dieser auf Augenhöhe des weiblichen Wesens befindet. Auch der Betrachter wird nicht angeschaut.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung bettet den Kupferstich in Dürers Werk ein und definiert die methodische Beschränkung der Arbeit auf die Humoralpathologie und Temperamentenlehre zur Bildanalyse.
2. Die Entwicklung der Humoralpathologie und der Temperamentenlehre bis zur Zeit Dürers: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Verlauf der Säftetheorie von Hippokrates über Aristoteles bis zu Ficino nach und etabliert das theoretische Fundament.
2.1. Zusammenfassung der Temperamente des Cholerikers, des Phlegmatikers und des Sanguinikers: Eine systematische Übersicht der Eigenschaften, Attribute und Zuordnungen der drei anderen Haupttemperamente.
2.2. Der Melancholiker: Detaillierte Untersuchung des melancholischen Temperaments in Bezug auf seine Merkmale, astrologische Einflüsse und moraltheologische Kontextualisierung.
2.2.1. Charaktereigenschaften, Wesenszüge und Erkennungsmerkmale: Analyse der typischen physischen und psychischen Merkmale des Melancholikers sowie deren Darstellung durch Attribute.
2.2.2. Der Einfluss des Saturns: Erörterung der Verbindung zwischen dem Planeten Saturn und der Melancholie als zentralem astrologischen Bedeutungshintergrund.
2.2.3. Die Todsünde acedia: Untersuchung der historischen Verknüpfung der Melancholie mit der religiösen Todsünde der Acedia (Trägheit).
3. Melencolia I: Der Hauptteil widmet sich dem konkreten Werk und dessen Analyse.
3.1. Ikonographische Analyse: Eine deskriptive Bestandsaufnahme aller im Stich sichtbaren Figuren und Gegenstände.
3.2 Vorstudie der Melencolia: Vergleich der Endfassung mit der Vorstudie zur Identifikation zentraler Abweichungen und künstlerischer Intentionen.
3.3. Ikonologische Analyse unter dem Aspekt der Temperamentenlehre: Deutung des Werkes unter Anwendung der zuvor erarbeiteten theoretischen Grundlagen der Temperamentenlehre.
4. Schlussteil: Zusammenfassende Reflexion über die Bedeutung des Stichs als Allegorie und die Einordnung als Meisterwerk.
Schlüsselwörter
Albrecht Dürer, Melencolia I, Humoralpathologie, Temperamentenlehre, Melancholie, Viersäftelehre, Ikonologie, Saturn, Acedia, Kupferstich, Kunstgeschichte, Hippokrates, Allegorie, Gelehrsamkeit, Mittelalter
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht Albrecht Dürers berühmten Kupferstich „Melencolia I“ unter dem theoretischen Blickwinkel der historischen Temperamentenlehre.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der Humoralpathologie, die spezifische Charakterisierung des Melancholikers und die ikonologische Entschlüsselung des Stiches.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es, den Bedeutungshintergrund des Stiches durch die Darstellung der Temperamentenlehre bis zur Zeit Dürers zu erhellen und die einzelnen Bildelemente vor diesem Hintergrund zu interpretieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine ikonographische und ikonologische Analysemethode angewandt, die durch historische Literaturstudien zur Naturphilosophie und Medizin untermauert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgen die detaillierte Beschreibung der Bildinhalte, der Vergleich mit einer Vorstudie sowie die wissenschaftliche Interpretation der Symbole und der Hauptfigur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Dürer, Melancholie, Temperamentenlehre, Humoralpathologie und Ikonologie beschreiben.
Warum wird in der Arbeit die Vorstudie von „Melencolia I“ verglichen?
Der Vergleich dient dazu, Dürers künstlerische Entwicklung vom einfachen Melancholiker-Porträt hin zur komplexen allegorischen Darstellung der Melancholie nachzuweisen.
Welche Rolle spielen der Saturn und die Jupitertafel im Stich?
Der Saturn dient als astrologischer Bestimmer des Melancholikers, während die Jupitertafel als Gegensymbol gedeutet wird, das eine schützende Wirkung gegen die melancholischen Einflüsse entfalten soll.
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- Stefanie Marx (Author), 2006, Albrecht Dürers Meisterstich 'Melencolia I' - Eine Interpretation unter dem Aspekt der Humoralpathologie, bzw. Temperamentenlehre, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56092