Didaktische Möglichkeiten einer erfolgreichen Werteerziehung


Seminararbeit, 2006

24 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführende Gedanken
1.1 Begriffsklärung
1.2 Schwierigkeiten des Wertbildungsprozesses

2. Werte- und Sozialerziehung in der Familie
2.1 Voraussetzungen
2.2 Schwierigkeiten
2.3 Didaktische Möglichkeiten
2.4 Kritische Stellungnahme

3. Werteerziehung in der Schule
3.1 Voraussetzungen
3.1.1 Grundwerte
3.1.2 Werturteilsfähigkeit
3.1.3 Kind als Person
3.1.4 Lehrer als Modell
3.1.5 Werten als Unterrichtsprinzip
3.1.6 Bezug zur Realität und Erfahrung der Schüler
3.2 Schwierigkeiten
3.3 Didaktische Möglichkeiten
3.3.1 Die Konstanzer Methode der Dilemmadiskussion
3.3.2 Werteerziehung im Mathematik-Unterricht
3.4 Kritische Stellungnahme

4. Weiterführende Gedanken

5. Literaturverzeichnis

1. Einführende Gedanken

Um die didaktischen Möglichkeiten einer erfolgreichen Werterziehung adäquat diskutieren zu können ist es zunächst unerlässlich, sich die Ausgangsproblematik zu verdeutlichen, die diesem Thema zugrunde liegt.

Wir befinden uns in einer postmodernen Gesellschaft, die sich unter dem Druck eines wachsenden moralischen Pluralismus ständig verändert. Die ehemals gemeinsam anerkannte Wertorientierung wird durch das Eindringen verschiedenster Subkulturen beziehungsweise Kontrakulturen irritiert. Diese beschleunigten Transformationen und Umbrüche führen zu einem Wertwandel, der eine tiefe Verunsicherung des Einzelnen mit sich bringt. Das eigene Wertsystem wird durch die ständige Konfrontation mit anderen maßgeblich erschüttert, was zur Orientierungslosigkeit bis hin zur Sinnkrise führen kann. Besonders bei jungen Menschen entsteht oft der Wunsch nach allgemein anerkannten Verbindlichkeiten und Leitideen.

Immer deutlicher wird nun erkannt, dass eine Gesellschaft umso harmonischer funktioniert, je mehr Übereinstimmung unter ihren Mitgliedern bezüglich des gemeinsamen Wertekanons herrscht.

Natürlich kann einer stetig wachsenden pluralistischen Gesellschaft kein allgemein verbindliches Wertsystem oktroyiert werden. Es wird vielmehr immer wichtiger, nach dem größten gemeinsamen Nenner zu fragen. Es gilt jene Werte, die dieses Aussiebverfahren überstehen, zu artikulieren und auch zu vermitteln. Dabei müssen sowohl die Freiheit des Einzelnen in seiner Entwicklung zur mündigen Persönlichkeit als auch die Interessen der Gemeinschaft berücksichtigt werden.

An diesem Punkt kann nun die Diskussion um die didaktischen Möglichkeiten einer erfolgreichen Werterziehung einsetzen. Nach einer kurzen allgemeinen Einführung in die begriffliche Klärung und die sich ergebenden Schwierigkeiten bezüglich des Wertbildungsprozesses soll besonders auf die Werte - beziehungsweise Sozialerziehung in Familie und Schule eingegangen werden. In beiden Bereichen sollen Voraussetzungen, Schwierigkeiten und pädagogische Möglichkeiten genauer betrachtet und mit Beispielen veranschaulicht werden. Eine kritische Stellungnahme der Verfasser soll beide Beiträge sinnvoll abrunden. Abschließend sollen weiterführende Gedanken andere interessante Aspekte des Themas eröffnen.

1.1 Begriffsklärung

Bevor auf das Thema dieser Arbeit intensiver eingegangen werden kann, müssen zunächst seine wichtigsten Begriffsfelder geklärt werden. Diese sind „Didaktik“, „Erfolg“ und „Werterziehung“.

Der Begriff der „Didaktik“ kommt von dem Griechischen Wort didaskein und bedeutet ursprünglich sowohl lehren und unterweisen als auch lernen und belehrt werden[1] . Deshalb versteht man unter Didaktik im weitesten Sinne die „Theorie des Lehrens und Lernens“[2]. Im engeren Sinne die „Theorie des (schulischen) Unterrichts“[3]. Sie beschäftigt sich also mit der Frage nach den Inhalten und Methoden des Lernens und Lehrens und wie diese begründbar sind.

Der Begriff des „Erfolgs“ beschrieb ursprünglich ganz allgemein den Verlauf eines Geschehnisses. Im Zuge der Industrialisierung erhielt der Begriff eine Einengung und wurde positiv konnotiert. Er beschrieb die Erreichung einer Zielsetzung eines Unternehmens.

In der heutigen Bedeutung wird besonders das planvolle Handeln im Hinblick auf die Zielsetzung betont.

„Erfolg wird als das Erreichen eines definierten oder allgemein als erstrebenswert anerkannten Ziels verstanden. Dieses Ziel kann sich auf die Entwicklung eines Menschen oder auf materielle Komponenten beziehen. Der komplexe Bezugsrahmen, die Betrachtung des jeweiligen Systems und die damit verbundenen Bewertungskomponenten führen zu dem Problem einer objektiven Erfolgsdefinition. In welcher Form oder mit welchem Aufwand Ziele "erfolgreich" erreicht werden, hängt vom jeweiligen kulturellen Blickwinkel ab.“[4]

Diese Definition des Erfolgsbegriffs weist bereits auf die Problematik einer objektiven Bewertung von Erfolg hin. Besonders im Bereich der Erziehung wird diese Thematik brisant, wenn die Erfolgsvorstellungen aus der Sicht von Erzieher und Zögling diskutiert werden. Diese kritische Sichtweise ist besonders in Bezug auf das Thema der vorliegenden Arbeit zu berücksichtigen.

„Werteerziehung“ gehört in die Kategorie jener Begriffe, die sowohl den Vorgang als auch das Ergebnis des Prozesses beinhalten. Als Erziehung kann man ganz allgemein jene Maßnahmen beschreiben, „die den Menschen zu Autonomie und Mündigkeit hinleiten und ihm helfen, alle seine Kräfte und Möglichkeiten zu aktuieren und in seine Menschlichkeit hineinzufinden.“[5] Diese Definition von Erziehung schließt somit auch die Internalisierung von Werten mit ein. Nach Karl-Heinz Hillmann können Werte wie folgt definiert werden:

„Werte wirken als Standards selektiver Orientierung für die Richtung, Ziele, Intensität und für die Auswahl der Mittel des Handelns einer bestimmten Kultur und Gesellschaft.“[6]

Für den Bereich der Werterziehung ist weiterhin folgender Teil der Definition besonders interessant:

„Die während der Sozialisation vom Individuum im Zusammenhang mit Normen und Rollen internalisierten (...) Werte kommen in persönlichen Wertorientierungen und – vorstellungen zum Ausdruck, die wiederum die konkreteren, lebenspraktisch ausgerichteten Einstellungen, Interessen, Sinnvorstellungen, Präferenzen und Wünsche stark beeinflussen. Infolge dieser Internalisierung und Verflechtung ist sich der einzelne gemeinhin nicht der Tatsache bewusst, daß seine eigenen individuell-subjektiven Zielvorstellungen und persönlichen Motivationen großenteils durch gelernte Werte geprägt worden sind.“

Zusammenfassend muss also festgehalten werden, dass Werte sowohl gesellschaftliche als auch persönliche Dimensionen umfassen. Dabei muss betont werden, dass Werte größtenteils gelernt werden und somit auch vermittelbar sind. Eine Erziehung, die nach didaktischen Möglichkeiten fragt, um Werte erfolgreich vermitteln zu können, muss sich also folgendermaßen gestalten:

Es müssen Inhalte und Methoden entworfen werden, die ein planvolles Handeln auf ein Ziel hin darstellen sollen. Dabei sollen sowohl die Interessen der Gesellschaft gewahrt werden, als auch die Würde des Individuums, welches zu Autonomie und Mündigkeit geführt werden soll.

Es wird nun bereits in der Erklärung des Themas deutlich, wie viele mögliche Fragen und Konflikte sich bei diesen Überlegungen ergeben können.

1.2 Schwierigkeiten des Wertbildungsprozesses

Außer den Konflikten, die sich bereits aufgrund der Themenstellung bilden, birgt der Prozess der Wertbildung als solcher ebenfalls Schwierigkeiten. Diese sollen kurz dargestellt werden, um vor diesem Hintergrund das sinnvolle pädagogische Handeln zu diskutieren.

Gleich zu Beginn muss festgehalten werden, dass der Wertbildungsprozess eines Menschen zum größeren Teil im Rahmen seines sozialen Handelns stattfindet und meist nur zu einem kleineren Teil durch gezielte Werterziehung unter pädagogischem Einfluss.

Die erste Schwierigkeit ist deshalb das diffuse Verhältnis von Werten und sozialem Handeln. Das Kind orientiert sich zunächst an den sozialen Handlungen seiner Bezugspersonen. Diese Handlungen können durchaus von Wertvorstellungen geleitet sein, das Kind kann diese jedoch nur schwer erkennen. Daraus folgt, dass es sein eigenes Verhalten ebenfalls noch nicht auf der abstrakten Ebene der Werte hinterfragen kann. „Solange seine [des Kindes] Aktivitäten einigermaßen konfliktfrei verlaufen, verspürt es auch keine Notwendigkeit, sein Handeln im Hinblick auf die dahinter stehenden Werte oder Motive zu reflektieren“[7]. Der Wertbildungsprozess verläuft somit vom Kind unbemerkt.

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus dem Wertepluralismus in der heutigen Gesellschaft. Auf der ersten Ebene betrifft dieser vor allem die verschiedenen sozialen Orte, an denen sich das Kind aufhält. Die Wertsysteme in Elternhaus, Jugendgruppe, Kirche oder Schule können sich teilweise widersprechen. Auf der zweiten Ebene betrifft dieser aber auch die Gesellschaft allgemein, die besonders durch das Eindringen anderer Kulturen von einem steten Wertwandel betroffen ist[8]. Die sich daraus ergebenden Wertkonflikte können zu einer tiefen Verunsicherung des Kindes führen.

Das Kind steht deshalb unter dem Druck, die Kompetenz zu entwickeln, im jeweiligen Umfeld möglichst konfliktfrei zu agieren, aber auch seine eigenen Interessen gegenüber anderen artikulieren zu können.

Doch Wertkonflikte spielen sich nicht nur in der Außenwelt zwischen verschiedenen Kontrahenten ab. Auch im eigenen Wertsystem des Kindes können sich durchaus Konflikte ergeben. So muss beispielsweise die individuelle und kollektive Dimension von Werten berücksichtigt werden. Beispielsweise setzt der vom Kind angestrebte Wert der „Sicherheit“ eine stabile und positive Bindung zu seinen Bezugspersonen voraus, der Wert der „Individualität“ oder „Selbstverwirklichung“ könnte allerdings eine genau gegenläufige Situation einfordern. Ein weiterer Konflikt kann sich aus der Ambivalenz eines Werts ergeben. In einer Jugendgruppe kann der Wert „Solidarität“ zunächst als durchaus positiv angesehen werden, er könnte aber auch Feindschaft bis hin zur Gewalt gegenüber anderen Gruppen beinhalten[9].

Zusammenfassend muss also festgehalten werden, dass der Wertbildungsprozess zahlreiche Schwierigkeiten für das Kind beinhaltet. Umso wichtiger ist es daher für Eltern und Lehrer, sich dieser Tatsache bewusst zu werden, um mögliche Orientierungshilfen anbieten zu können und das Kind kritisch und ermutigend zu begleiten.

2. Werte- und Sozialerziehung in der Familie

Zunächst soll nun genauer auf die heutige Situation der Familie eingegangen und Möglichkeiten der Werterziehung aufgezeigt werden.

2.1 Voraussetzungen

Um auf Möglichkeiten der Werterziehung in der Familie angemessen eingehen zu können, soll die historische Entwicklung der Familie im Hinblick auf heutige Tendenzen kurz deutlich gemacht werden.

Es muss berücksichtigt werden, dass die Familie in früheren Zeiten viel stärker in einen verbindlichen kollektiven Kontext eingebunden war. Kirche und Traditionen vermittelten konkrete Vorstellungen von Kindererziehung, an denen sich die Eltern orientieren konnten. Auch für die Kinder ergab sich somit ein relativ eindeutiges Regelsystem.

Giesecke schreibt dazu weiterhin:

„Diese kollektive Einbindung war Orientierung und Sozialkontrolle in einem. Die sozialen Orte, in denen die Kinder sich bewegten, waren quantitativ relativ überschaubar (Familie, Schule, Kirche, Straßengruppe) und unterlagen im Prinzip den gleichen Normen, Ansprüchen und Erwartungen. Die Werte, die die Kinder an diesen Orten lernten, waren im Wesentlichen kongruent (...).“[10]

Agrarische und proletarische Familien einte ebenfalls die Arbeit am gemeinsamen Betrieb. Die Produktion des Lebensunterhalts schrieb jedem Mitglied eine spezifische Funktion und Rolle zu. Diese natürliche Ordnung kann heute nicht mehr existieren, da all diese Bereiche von darauf spezialisierten Institutionen übernommen wurden. Für die Erziehung und Bildung sorgen Staat oder private Organisationen. Auch religiöse Unterweisung und Freizeitaktivitäten werden außerhalb des Hauses angeboten. Und der Einfluss von Gleichaltrigen und den Massenmedien nimmt stetig zu.

[...]


[1] Vgl. Böhm, Winfried: Wörterbuch der Pädagogik. 15. Auflage. Stuttgart: Kröner 2000. S.131.

[2] Böhm, Winfried: a.a.O., S.131.

[3] Böhm, Winfried: a.a.O., S.131.

[4] Internetlexikon Wikipedia: „Erfolg“ URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Erfolg (Stand 19.02.2006).

[5] Böhm, Winfried: a.a.O., S.157.

[6] Hillmann, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie. 4. Auflage. Stuttgart: Kröner 1994. S. 928.

[7] Giesecke, Hermann: Wie lernt man Werte? Grundlagen der Sozialerziehung. Juventa Verlag. Weinheim und München 2005. S. 34.

[8] Vgl Hillmann, Karl-Heinz: Werte und Werterziehung im gegenwärtigen Krisenzeitalter. Das Wertproblem aus soziologischer Sicht. In: Bayerische Schule, 55Jg., Heft 3. 2002. S.92.

[9] Vgl. Giesecke, Hermann: Wie lernt man Werte? Grundlagen der Sozialerziehung. Juventa Verlag. Weinheim und München 2005. S. 36.

[10] Giesecke, Hermann: a.a.O. S. 102.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Didaktische Möglichkeiten einer erfolgreichen Werteerziehung
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Werteerziehung
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V56296
ISBN (eBook)
9783638510202
ISBN (Buch)
9783638680448
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Immer häufiger tauchen in den Medien und auch in privaten Gesprächen die Begriffe Wertediskussion, Werte-Erziehung, Werteverfall, Werteverlust und Wertewandel auf. Wenn der mit diesen Bezeichnungen umschriebene Sachverhalt zutrifft, werden in unserer Gesellschaft Werte dringend benötigt. Und gerade für die Erziehung wird der Ruf nach neuen - oder auch alten - Werten immer wieder vernommen. Doch wie sieht es mit der Durchführbarkeit dieser Werteerziehung aus? Welche Schwierigkeiten gilt es dabei zu beachten und welche didaktischen Möglichkeiten gibt es?
Schlagworte
Didaktische, Möglichkeiten, Werteerziehung, Werte, Moral, Ethik, moralisch, ethisch, Schule, Unterricht
Arbeit zitieren
Frank Alibegovic (Autor), 2006, Didaktische Möglichkeiten einer erfolgreichen Werteerziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56296

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