Die Devotio Moderna und die Brüder vom Gemeinsamen Leben


Hausarbeit, 2001

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

A. Geert Groote - wie alles anfing

B. Verbreitung und Organisation der Bewegung

C. Die Problematik der via tertia

D. Das Alltagsleben der Brüder

E. Die Grundlagen der Frömmigkeit

Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einführung

Die Devotio Moderna [1] war eine religiöse Erneuerungsbewegung, die ihren Ausgangspunkt in der Ijssel-Region des späten 14. Jahrhunderts hatte und das geistige und geistliche Leben im nordwestlichen Europa tief beeinflußte. Sie übte eine solche Anziehungskraft aus, wie man sie bei keiner anderen Reformbewegung des späten Mittelalters, weder bei den monastischen und kanonikalen Reformkongregationen, noch bei den Observanzen der Bettelorden beobachten kann. Der in den vier Büchern der Imitatio Christi formulierte Lebens- und Frömmigkeitsstil der Devoten hat das Leben unzähliger Gläubiger geformt und findet selbst heute noch, innerhalb und außerhalb von Kirche und Christenheit, seine Resonanz.[2] In dem Vorwort zu seiner Groote-Biographie drückt es van Zijl so aus:

"Among movements of reform and renewal of ecclesiastical life in the Late Middle Ages the Devotio Moderna stands out as one of the most remarkable and fruitful. It revitalized the religious interest of the laity, contributed to the reform of discipline in numerous monasteries, and promoted a greater devotion to duty among the clergy."[3]

Im Unterschied zu vielen anderen Neugründungen und Reformbewegungen des ausgehenden Mittelalters, war die Devotio Moderna jedoch nicht auf die monastische Welt beschränkt. Sie entstand nicht im Kloster, sondern in den Handelsstädten der Ijsselgegend. Im Laufe der Zeit bildeten sich zwei tragende Pfeiler heraus: der weltliche, zu denen die Brüder und die Schwestern vom gemeinsamen Leben gehörten und der monastische, der von der Windesheimer Kongregation zusammengefaßt wurde.

In meiner Arbeit werde ich das Phänomen Devotio Moderna unter dem Blickwinkel der Bruderschaft vom gemeinsamen Leben betrachten, obwohl natürlich viele Aspekte, die ich ansprechen werde, auch auf die Schwestern und die Windesheimer zutreffen (wie etwa der Frömmigkeitsstil oder ihr gemeinsamer Ursprung). Ich habe mich aber bewußt auf die Brüder beschränkt, da eine Untersuchung, die etwa auch die Windesheimer umfassen wollte, Punkte mit einschließen müßte, die den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden (z.B. die Rolle der Devoten innerhalb der monastischen Observanzbewegung).[4]

Was war es also, das in einer Zeit, welche viele Historiker mit Schlagwörtern wie "Verfall" oder "Niedergang" in Verbindung gebracht haben, eine solche Eigendynamik zu entwickeln imstande war? Probleme jedenfalls gab es genug im religiösen Sektor: die zunehmende Verweltlichung der Orden, Konflikte durch konkurrierende Ordens- und ordensähnliche Gemeinschaften oder der allgemeine Mitgliederschwund aufgrund des Massensterbens durch Pest und Kriege. In seinem Aufsatz über Verfall und Erneuerung des Ordenswesens im Spätmittelalter beobachtet Elm, daß die Welle der Ordensgründungen im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts ausrollte. Außerdem hätte nicht nur die Zahl der Neugründungen abgenommen, sondern noch bezeichnender: Es hätten auch die bestehenden Orden - von wenigen Ausnahmen abgesehen - aufgehört, neue Klöster zu gründen.[5]

Was also war das Besondere an der Devotio Moderna ? In meiner Arbeit möchte ich versuchen, ihr komplexes Wesen ein wenig zu Fassen zu bekommen und zu beschreiben, wohl eingedenk Alois Schröers Worte: "Die Frage nach dem Wesen dieser Neuen Frömmigkeit ist viel erörtert, aber noch nie befriedigend beantwortet worden."[6] Dieses will ich mir auch nicht anmaßen; ich hoffe lediglich, ihre bedeutenderen Charakteristika einigermaßen übersichtlich darzustellen.

Ich denke, daß sich einige wesentliche Wesensmerkmale deutlich zu erkennen geben, wenn man dieses komplizierte Gebilde in mehrere seiner Teilaspekte aufsplittert. Im Folgenden möchte ich deshalb fünf Teilbereiche herausnehmen und anhand dieser einige wesentliche Züge der Bewegung verdeutlichen, in der Hoffnung, daß nachher ein - wenn auch grob lückenhaftes - Gesamtbild entsteht.

A. Geert Groote - wie alles anfing

Geert Groote war unbestritten die erste Schlüsselfigur innerhalb der Devotio Moderna. Van Zijl drückt es so aus: "This revival was the immediate result of the teachings and activities of Master Gerard Groote of Deventer, ... "[7] Er ist ihr Gründer und hat sie entscheidend geprägt. Ich denke, daß es sich deshalb lohnt, einen näheren Blick auf sein Leben zu werfen. Man wird viele Dinge darin finden, die das Wesen der Bewegung klarer machen. So lassen sich etliche ihrer Eigentümlichkeiten erklären, wenn man sich das Beispiel Grootes in seiner Funktion als ersten Repräsentanten der Devoten unter die Lupe nimmt.[8]

Geert Groote wurde 1340 als Sohn eines einflußreichen Tuchhändlers in Deventer in der Ijssel-Region geboren. Nachdem beide Eltern an der Pest gestorben waren, kam er zu seinem Onkel Johannes van Ockenbroeck, der ihn im Alter von 15 Jahren auf die Universität nach Paris schickte. Sein Neffe sollte in die Fußstapfen seines Vaters treten und im politischen[9] und geschäftlichen Bereich Karriere machen. Ungewöhnlich schnell kam er zu seinen akademischen Würden. Bereits nach zwei Studienjahren erlangte er den Bakkalaureus der Philosophien und nach einem weiteren den Magister Artium (was einer allgemeinen Lehrbefugnis gleichkam). In den folgenden zehn Jahren setzte er seine Studien fort, studierte und lehrte auch in Köln und Prag - allerdings ohne weiteren Abschluß. Er beschäftigte sich v.a. mit den Fachrichtungen Jura, Ethik und den Naturwissenschaften, welche zu dieser Zeit aus einer Mischung aus Medizin und Astrologie bestanden und teils seriöse, teils pseudowissenschaftliche Elemente besaßen. Später begann er noch mit dem Studium der Theologie und bekam auch 1368 Pfründen in Aachen und 1371 kirchliches Einkommen in Utrecht.

Einer von Grootes Biographen,[10] Peter Hoorn, drückt seine Lebenslage wie folgt aus:

"Er tat sich in erstaunlichem Maße durch seinen Lerneifer und sein Glück in dieser Welt hervor. Er hatte viel Geld, war stolz auf sein umfangreiches Wissen, hatte das Wohlwollen der Menschen, seiner Auszeichnungen wurden immer mehr, er war im besten Alter, alle Welt schmeichelte ihm und er kam zu strahlendem Ruhm."[11]

Doch dieses Leben (das die vita-Schreiber so gerne als ausschweifend und gottlos bezeichnen), sollte jäh unterbrochen werden. Anfang 1372 erkrankte Groote, der gerade auf Besuch in seiner Heimatstadt war, so schwer, daß schon ein Priester zur Austeilung der letzten Sakramente gerufen wurde. Groote erholte sich zwar wieder, aber die alte Unbeschwertheit war wohl dahin. In der Zeit nach der Krankheit änderte er sein Leben von Grund auf. Groote suchte den Kontakt zu Heinrich Eger von Kalkar, einem alten Studienfreund aus Paris, der zu dieser Zeit die Stellung des Prior im Karthäuser-Kloster von Monnikhuizen bekleidete. Es ist wohl stark dessen Einfluß zu verdanken, daß Groote ein persönliches Bekehrungserlebnis hatte. Er machte eine allgemeine Beichte, gab seine Pfründen auf und entschloß sich, von nun an allein Gott zu dienen und auf das eigene Seelenheil Acht zu geben.[12]

In der Folgezeit (wohl ab Ende 1374) lebte er als Gast in eben jenem Karthäuser-Kloster. Es ist anzunehmen, daß Groote hier die Schrift conclusa et proposita, non vota [13] verfasste. Obwohl sie eine sehr persönliche Note hat, ist sie doch zugleich Ausdruck einer Einstellung, die später die gesamte Devotio Moderna entscheidend prägen sollte.[14] Deshalb möchte ich an dieser Stelle einige der darin enthaltenen Vorsätze aufführen.

Allem geht der allgemeine Grundsatz voraus, daß kein weltliches Gut Vorrang vor seinem eigenen Seelenheil darf:

"1. Zu Gottes Ruhm, Ehr und Dienst bin ich bedacht, mein Leben zu ordnen, und zum Heil meiner Seele. Kein zeitlich Gut an Leib, Ehre, Habe oder Wissenschaft dem Heil meiner Seele voransetzen!..."[15]

Die folgenden Punkte sind im Grunde konsequente Schlußfolgerungen hieraus. Groote war ein logischer Denker, der bei allem den praktischen Nutzen im Hinterkopf hatte. Alles hatte diesem einen Ziel zu dienen. So verpflichtete er sich u.a., nicht mehr nach Besitz zu streben, da die Gefahr bestünde, sich daran zu binden und aus der alleinigen Abhängigkeit von Gott zu fallen. Seine Zeit sollte allein für die Arbeit für Gott genutzt, und nicht mehr mit, für ihn zu Zeitverschwendung gewordener, Beschäftigung mit den Wissenschaften vergeudet werden. Wissenschaft um ihrer selbst willen besaß für Groote keinen Wert mehr. Sie hatte nur dann noch eine Existenzberechtigung, wenn sie praktisch nutzbar gemacht werden konnte, wie etwa die Ethik. Über diesen Punkt schreibt er:

"9. ... Item ist's ein unnützer Zeitverbrauch und nützt nichts zum Leben. 10. Item unter allen Wissenschaften der Heiden sind die Moralwissenschaften am wenigsten zu verabscheuen: die oft recht nützlich und förderlich sind sowohl für die eigene Person wie für das Belehren anderer. ... auf daß man immer neben der Erkenntnis das rechte Handeln finden könnte. 11. ... auf daß aus der natürlichen Wissenschaft eine verdienstliche werde."[16]

Auch um akademische Anerkennung wollte sich Groote nicht mehr kümmern. So verpflichtete er sich, keine akademischen Grade mehr zu erstreben und keine Bücher mehr zu schreiben oder Wortklaubereien zu führen, allein um sich oder anderen etwas zu beweisen.

Einer Auflistung von Dingen, denen er den Rücken zuzukehren beabsichtigte, schließt sich eine Aufzählung von aktiven Vorsätzen an. Christus in praktischer, täglicher Nachfolge zu dienen, war von nun an sein höchstes Ideal. Aktivitäten, die ihm dazu dienlich sein sollten, waren z.B. die Lektüre von geistlichen Büchern (u.a. die Evangelien, die paulinischen Briefe, Augustinus, Bernhard, aber auch die griechischen und römischen Moaralphilosophen wie etwa Seneca),[17] das strikte Einhalten der Kirchenvorschriften (täglicher Meßgang, demütige Annahme der Heiligen Kommunion, regelmäßige Gebetszeiten, etc.) und die tägliche Meditation über Christi Lebensweg. Seine Frömmigkeitsmethode war keine neue. Das "Fleisch dem Geist untertänig zu machen" war ein für viele Mystiker und Asketen wichtiges Motto gewesen. Aber im Unterschied zu vielen von jenen besaß für Groote die Kasteiung des Körpers keinen Wert mehr an sich; vielmehr war sie einzig Mittel zum Zweck, nämlich Gott näher zu kommen. Wenn er sich seine eigenen Fastenzeiten auferlegte, sich vornahm, niemals den Appetit gänzlich zu sättigen oder ausschließlich ausgetragene Kleidung zu tragen, hatte er die Frage nach der Nützlichkeit der jeweiligen Aktivität immer vor Augen. Oft standen für Groote auch ganz praktische Gründe neben den geistlichen:

"38. Item möchte ich, solange ich gesund bin, nie ohne Ursache Wein trinken können, um nicht gegen die Lehre des Paulus zu handeln: denn darin ist Üppigkeit (Eph. 5, 18). Item allzu große Kosten. ... Während der Arbeit und nach der Arbeit durchaus erst trinken, wenn die Erhitzung vorüber ist: dies ist Leib und Seele gesund. ..."[18]

Das eigene Handeln, die eigenen Gedanken und Gefühle sind durch ständiges asketisches Bemühen in Eintracht mit Gottes Willen zu bringen.[19] Das Selbstbild ist geprägt von Mißtrauen gegenüber der eigenen Unzulänglichkeit und Sündhaftigkeit, von Demut und von der Abhängigkeit von Gott auch in den kleinsten Dingen.

Obwohl Groote von dem Lebensstil der Karthäuser sehr angetan war, war sein missionarisches Pflichtbewußtsein doch größer als die Verlockung, Ordensmitglied zu werden. Nach knapp dreijährigem Aufenthalt verließ er das Kloster und begann im Jahre 1377 mit seiner Missionstätigkeit, die man in zwei große Arbeitsbereiche gliedern kann. Zum einen war Groote darum bemüht, einfach durch sein bewußt vorbildliches Leben Menschen zu Gott zu führen; andererseits führte er auch eine umfangreiche Predigt- und Schreibtätigkeit.

An dieser Stelle möchte ich einige Beispiele zu seinem Lebensstil anbringen, um die Figur Grootes ein wenig mit Leben zu füllen. Wie bereits erwähnt, trug er alte, ausgetragene Kleider. Von seiner Entschiedenheit hierin berichtet der vita-Schreiber Rudolph Dier. Nachdem Groote einmal das Angebot eines neuen Mantels bekommen hatte, gab er nach Dier dem Spender zur Antwort: "Willst du mir etwa meine Armut wegnehmen?"[20] Daneben beherbergte er oft Gäste, vornehmlich ärmere Leute oder einfache Bürger. Im Umgang mit Frauen war Groote extrem zurückhaltend. Mit den Schwestern vom gemeinsamen Leben kommunizierte er nur durch ein verhängtes Fenster hindurch. Einmal angesprochen auf seine Zurückhaltung, berichtet uns Thomas von Kempen von Grootes Entgegnung: "Wenn ich könnte, würde ich mir auch meine Ohren zustopfen, daß ich ihre Stimmen nicht höre; zuviel Vorsicht schadet nie."[21]

1380 wurde Groote vom Bischof in Utrecht zum Diözesandiakon ernannt, was ihm das Recht verlieh, in den Kirchen der gesamten Utrechter Diözese Predigtdienst zu verrichten. Noch im selben Frühjahr begann er damit, von Kirche zu Kirche zu ziehen und zu predigen. Die Hauptinhalte waren Furcht vor Gottes Gericht, die notwendige Buße, um diesem zu entgehen, die himmlische Ewigkeit und besonders die Nachfolge Christi im Alltag, d.h. durch tägliches Nachdenken über Christi Leben zu einer praktischen Nachfolge zu kommen. Auf geistliche Gefühle oder mystische Erlebnisse legte er keinen großen Wert; Tugenden und greifbare Ergebnisse waren die Hauptsache. Die vita-Schreiber berichten uns von dem großen Erfolg, den seine Predigten hatten. Die Kirchen waren voll; viele Zuhörer wurden angesprochen und kehrten um zu einem gottesfürchtigen Leben. Thomas von Kempen berichtet, daß Groote manchmal drei Stunden lang predigte, oft zweimal am Tag am selben Ort. Die Leute hatten dann die Möglichkeit, in der Zwischenzeit zum Mittagessen nach Hause gehen, während er in der Kirche blieb, betete und meditierte bis sie zurückkamen.[22]

Daneben schrieb Groote viele Briefe an Freunde und Bekannte. Inhalte waren meistens praktische Lebensanweisungen, Warnungen vor falschen Wegen und Aufrufe zur Umkehr. Er zeigte einen starken Eifer um die geistliche Gesundheit seiner Freunde. Für Groote war jeder Einzelne wichtig im Reich Gottes. Kam einer auf einen falschen Weg, so schwächte dies den ganzen Leib Christi.

Ein folgenreiches Resultat seines Wirkens war, daß sich um ihm herum eine kleine, mit einem Jüngerkreis vergleichbare, Gruppe von engeren Freunden herausbildete. Diese entwickelte sich zu einer Lebensgemeinschaft von Männern, die zusammen wohnten (seit 1381 im Haus des Florenz Radewijns), beteten und arbeiteten.[23] Groote und seine Leute entschieden sich bewußt gegen die Gründung eines neuen Ordens. Man wollte in der Welt Gott dienend leben und dort eine Vorbildfunktion übernehmen. Das war ein neuer Ansatz. Stupperich bringt diese Haltung auf den Punkt:

"Im Unterschied zu seiner Zeit sah Groote auch für den in der Welt lebenden Menschen die Möglichkeit, ein volles geistliches Leben zu führen und zur Gemeinschaft mit Gott zu gelangen.".[24]

Neben der geistlichen Erneuerung von Einzelpersonen ging es Groote aber auch um die Gesamtheit der Kirche. In dem moralischen Verfall des Klerus sah Groote eine wesentliche Ursache der Krise, mit der die Kirche zu jener Zeit mit aller Macht zu kämpfen hatte.[25] Auf der einen Seite bewunderte Groote die enorme Verantwortung, die die Priester innehatten. Für ihn hatten sie eine Mittelstellung zwischen Gott und Mensch, waren die Hüter der Christenheit und die Stimme der Kirche. Auf der anderen Seite entging Groote nicht, wie hier skrupellos Handel mit geistlichen Ämtern getrieben wurde, wie sich die sexuelle Sittenlosigkeit verbreitete oder daß die priesterlichen Pflichten allgemein nicht allzu ernst genommen wurden. Groote kämpfte für die Rückkehr zu einer vorbildlichen Lebensweise der Hirten. Er schrieb Briefe an einzelne Priester, allgemeinere theologische Abhandlungen und hielt Predigten darüber. Im Jahre 1383 wurde er vom Utrechter Bischof, Florenz van Wevelinckhoven, auf die Diözesansynode eingeladen, um zu den versammelten Klerikern über das Thema der Unkeuschheit innerhalb des Priesterstandes zu sprechen. Hier hielt er seine berühmte sermo contra focaristas. Seine Kompromißlosigkeit wird daran deutlich, daß er - unter Zuhilfenahme von kirchenrechtlichen Texten - argumentierte, daß ein unkeuscher (d.h. im Konkubinat lebender) Priester ipso facto aus seinem Amt enthoben sei. Dazu bräuchte es noch nicht einmal einen bischöflichen Beschluß.

Diese und andere provokativen Vorgehensweisen beschworen Opposition herauf. Mit der Zeit bildeten sich drei große Gruppen von Gegnern Grootes heraus. Zum einen stellten sich viele Weltgeistliche gegen Groote, der sie ja so heftig attackiert hatte. Daneben waren die Bürger der Stadt Kampen Groote Feind, weil er rechtlich gegen einen Prediger aus ihren Reihen vorgegangen war. Dieser war daraufhin als Häretiker verurteilt worden, was zur Folge hatte, daß die ganze Stadt einen schlechten Ruf bekommen hatte. Und zuletzt sahen wohl einige Mitglieder aus den Bettelorden in Groote unerwünschte Konkurrenz. Genau wie sie durfte er predigend herumreisen, er war beliebt, und auch, was die Mißstände bei den Mendikanten betraf, nahm er kein Blatt vor den Mund - etwa bezüglich der heiklen Frage nach Privatbesitz unter den Mönchen.

Im Herbst 1383 - nachdem seine sermo contra focaristas ein geteiltes Echo hervorgerufen hatte - reichten Kampener Bürger und einige Mitglieder des Dominikanerordens beim Utrechter Bischof eine Petition ein mit dem Inhalt, Groote die Predigterlaubnis zu entziehen. Diesem Ersuch wurde stattgegeben.

[...]


[1] Übersetzt: "Neue Frömmigkeit". Auch die Devoten selber bezeichneten sich auf diese Weise.

[2] Elm, K., Mittelalterliches Ordensleben in Westfalen und am Niederrhein, Paderborn 1989; S. 214.

[3] van Zijl, T. P., Gerard Groote, Ascetic and Reformer, Washington, D.C. 1963.

[4] Über die Windesheimer siehe u.a. die drei - chronologisch geordneten - Kapitel in: Post, R. R., The Modern Devotion, Leiden 1968; S. 293 bis 313; 502 bis 520; 632 bis 676. Über die Schwestern: Ebd.; S. 259 bis 272; 493 bis 501.

[5] Elm,K., Verfall und Erneuerung des Ordenswesens im Spätmittelalter, in: Max-Planck-Institut für Geschichte (Hg.), Untersuchungen zu Kloster und Stift, Göttingen 1980; S. 191. Elm gibt hier einen differenzierten Lagebericht über die zahlenmäßige Schrumpfung und das Abweichen von Idealen im klösterlichen Bereich dieser Epoche. Daneben stellt er Begriffe wie "Verfall" und "Abweichung von Idealen" in Frage und plädiert für einen vorsichtigeren Umgang mit Wertungen diesbezüglich. Hier ist freilich noch darauf hinzuweisen, daß nicht allzu lange nach der Entstehung der Devotio Moderna, auch die klösterlichen Observanzbewegungen langsam einzusetzen begannen.

[6] Schröer, A., Die Kirche in Westfalen vor der Reformation, Münster 1967; S. 279 f.

[7] van Zijl, Gerard Groote; Vorwort.

[8] Die folgende Schilderung über Grootes Leben aus: Ebd.

[9] Geerts Vater, Werner Groote, war Mitglied im Senat der Stadt und zeitweilig Bürgermeister.

[10] Eine Übersicht über die biographischen Quellen zu Grootes Leben ebenfalls in: Ebd.; S. 1 - 30.

[11] Gefunden in: Ebd.; S. 62 (die englische Übersetzung des Originaltextes übersetzt ins Deutsche). Bei der Herannahme von Zitaten aus Quellen von Groote-Biographen ist selbstverständlich Vorsicht geboten. Diese Schreiber hatten mit ihren Texten ein bestimmtes Ziel für den Leser vor Augen. Ich denke aber, daß solche Texte von Nutzen sein können, um die geschichtliche Person Grootes ein wenig mit Leben zu füllen.

[12] Eine der ersten Entscheidungen nach seiner Bekehrung war die Übereignung des Grooteschen Familienhauses an die Stadt zur Aufnahme von frommen Witwen und noch ledigen Frauen (im September 1374). Dies markierte den Beginn der Schwestern vom gemeinsamen Leben.

[13] "Beschlüsse und Vorsätze, keine Gelübde". Die Übersetzung ins Neudeutsche in: Janowski, H. N. (Hg.), Geert Groote, Thomas von Kempen und die Devotio moderna, Olten u. Freiburg 1978; S. 45 - 61.

[14] Natürlich gab es auch einige auf die große Masse der Devoten kaum anwendbare Punkte, wie etwa der fünfte: "Item willst du niemals eines Herrn Astrolog werden. ...". Aus: Ebd.; S. 46.

[15] Aus: Ebd.; S. 45.

[16] Aus: Ebd.; alles S. 48.

[17] Seine Schrift enthält sogar ein eigenes Kapitel: "Vom Studium geistlicher Bücher". In: Ebd.; S. 53 f.

[18] Aus: Ebd.; S. 59.

[19] Dabei legte Groote - im Unterschied zu vielen Geistlichen jener Zeit - keinen großen Wert auf theologische Grundsatzdiskussionen oder mystische Spekulationen. Die Seinige war eine sehr einfache Art zu glauben.

[20] Aus: van Zijl, Gerard Groote; S. 129.

[21] Aus: Ebd.; S. 131.

[22] Aus: Ebd.; S. 167.

[23] Eine sehr heterogene Gruppe, bestehend aus Laien und Geistlichen gleichermaßen.

[24] Stupperich, R. (Hg.), Das Fraterhaus zu Herford. Teil 2. Statuten, Bekenntnisse, Briefwechsel, Münster 1984; S. 9.

[25] Das Große Schisma (1378 - 1417) fällt in diese Zeit.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Devotio Moderna und die Brüder vom Gemeinsamen Leben
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie)
Veranstaltung
Seminar: "Kloster- und Ordensreformen im Spätmittelalter"
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V56315
ISBN (eBook)
9783638510301
ISBN (Buch)
9783656525721
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Devotio, Moderna, Brüder, Gemeinsamen, Leben, Seminar, Kloster-, Ordensreformen, Spätmittelalter
Arbeit zitieren
Thomas Eger (Autor), 2001, Die Devotio Moderna und die Brüder vom Gemeinsamen Leben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56315

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