Die Kontrollprozesstheorie von Carver und Scheier: Hilfreiche Neuerung oder Pseudoinnovation?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Emotionsbegriffs

3. Einordnung der Theorie

4. Grundlegende Theorien
4.1. Das TOTE-Modell
4.2. Die Hierarchische Organisation des Verhaltens
4.3. Selbstaufmerksamkeit und Erwartungen

5. Die Kontrollprozesstheorie

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei der Kontrollprozesstheorie von Carver & Scheier handelt es sich um eine Theorie, die versucht die Entstehung und Funktion von Emotionen beim menschlichen Handeln zu erklären, indem sie frühere von einander unabhängige Ansätze zum menschlichen Verhalten miteinander verknüpft. Ziel dieser Arbeit ist es, zu untersuchen, ob diese Theorie wirklich eine Neuerung darstellt. Bedienen sich Carver & Scheier lediglich bei ihren Vorgängern, oder ermöglicht ihre Verknüpfung verschiedener Ansätze eine neue Sichtweise auf die Entstehung von Emotionen? Ich werde im Folgenden versuchen, diese Frage zu beantworten, indem ich zunächst die grundlegenden Theorien, auf denen Carver & Scheiers Ansatz aufbaut, präsentiere. Danach werde ich ihre Kontrollprozesstheorie erläutern und untersuchen, worin die neue Idee ihres Ansatzes besteht. Am Ende dieser Arbeit werde ich schließlich versuchen, ein Urteil abzugeben, indem ich die Theorie mit ihren Schwachstellen konfrontiere und diese diskutiere.

2. Definition des Emotionsbegriffs

Der Begriff Emotion leitet sich aus dem lateinischen Wort „movere“ für „bewegen“ ab. Das Präfix „e“ von lateinisch „ex“, bedeutet „hinweg“ oder „heraus“. Emotion kann somit als „hinweg“ oder „heraus bewegen“ übersetzt werden. In seiner ursprünglichen Verwendung bezog sich das Wort „Emotion“ ausschließlich auf physikalische Bewegungsvorgänge, wie die Migration von Menschen oder die Bewegung der Erde, z.B. bei einem Erdbeben. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch zur Bezeichnung von psychischen Erregungszuständen verwendet (vgl. Müsseler & Prinz, 2002, S. 338). Im Zuge der wissenschaftlichen Untersuchung des Phänomens Emotion, wurde eine Vielzahl unterschiedlichster Theorien entwickelt. Da das Feld der Emotionen unheimlich komplex ist und es immer darauf ankommt, mit welchem Aspekt oder welcher Art von Emotionen man sich beschäftigt, enstanden zudem sehr viele verschiedene Definitionen des Emotionsbegriffs. Versuche eine allgemeine Definition zu formulieren, enden meist in einem sehr weit gefassten Kompromiß. So versuchten Kleinginna & Kleinginna (1981), mit folgender Arbeitsdefinition den kleinsten gemeinsamen Nenner aus nicht weniger als 92 verschiedenen Definitionsversuchen zu formulieren:

Emotion is a complex set of interactions among subjective and objective factors, mediated by neural/hormonal systems, which can (a) give rise to affective experiences such as feelings of arousal, pleasure/displeasure; (b) generate cognitive processes such as emotionally relevant perceptual effect, appraisals, labelling processes; (c) activate widespread physiological adjustments to the arousing conditions; and (d) lead to behaviour that is often, but not always, expressive, goal-directed, and adaptive” (Kleinginna & Kleinginna 1981, S. 355).

Die Verwendung einer so ausführlichen Definition ist für die Kontrollprozesstheorie von Carver & Scheier jedoch nicht nötig. Vielmehr beschäftigen sich Carver & Scheier mit einer sehr speziellen Art von Emotionen, die leicht abzugrenzen ist. Sie versuchen zu erklären, wie positive und negative Emotionen, bei Handlungen wie z.B. dem Problemlösen entstehen und welche Funktion sie innerhalb des Handlungsprozesses haben. Hierbei reicht es völlig, nur zwischen negativen und positiven Emotionen bezüglich ihrer motivationalen Wirkung zu unterscheiden. Also Angst im Sinne von Hoffnungslosigkeit und Freude im Sinne von Zuversicht.

Anders als Carver & Scheier, die in ihrer Theorie ausschließlich von „positiv and negative affect“ schreiben, werde ich im Folgenden das Wort „Emotion“ zur Bezeichnung dieser Gefühlszustände verwenden. Diese Entscheidung beruht auf der unterschiedlichen Verwendung der Wörter im englischen und im deutschen Sprachraum. Im Englischen wird „affect“ meist als Synonym für „emotion“ oder „mood“ benutzt und zudem häufig als Oberbegriff für jegliche Art von Gefühlen eingesetzt. Im Deutschen bezeichnet der Begriff „Affekt“ jedoch eher eine emotionale Reaktion auf einen kurzen und besonders intensiven emotionalen Zustand (vgl. Müsseler & Prinz, 2002, S. 342). Im Zusammenhang mit der Theorie von Carver & Scheier würde die Verwendung des Wortes „Affekt“, meiner Meinung nach, in eine falsche Richtung leiten.

3. Einordnung der Theorie

Das Rubikon-Modell von Heckhausen und Gollwitzer stellt den Versuch dar, den komplexen Geschehensablauf des Motiviertseins in verschiedene Phasen zu unterteilen (vgl. Heckhausen, 2003, S.203) und eignet sich besonders gut, um Carver & Scheiers Kontrollprozesstheorie von anderen Emotionstheorien zu unterscheiden.

Das Rubikon-Modell teilt den Ablauf bei der Durchführung einer intentionalen Handlung in vier zeitlich aufeinanderfolgende Phasen auf, welche deutlich von einander abgerenzt sind. In der prädezisionalen Phase werden zunächst verschieden Handlungsalternativen gegeneinander abgewogen. Welches Ziel in dieser Phase schließlich ausgewählt wird, hängt von Prinzipien ab, wie sie in Erwartung-Wert-Modellen (siehe Kap. 4.3.) beschrieben werden (vgl. Müsseler & Prinz, 2002, S. 288). Damit der Prozess des Abwägens nicht endlos andauert, wird von einer Fazit-Tendenz ausgegangen, die bei längerer Unentschlossenheit dazu drängt, eine Entscheidung zu treffen. Wurde eine Intention gebildet, beginnt mit dem Überschreiten des Rubikon, die präaktionale Phase, in der die konkrete Umsetzung der zu realisierenden Handlung geplant wird. Der Beginn der darauf folgenden aktionalen Phase markiert den Übergang von der Planung zur tatsächlichen Umsetzung einer Intention. Wurde die Aktion beendet, schließt sich mit der postaktionalen Phase eine Bewertung der vollzogenen Handlung an. Hier wird überprüft, inwieweit das erzielte Ergebnis mit der zuvor gebildeten Zielintention übereinstimmt. Die erste und die letzte Phase werden auch als motivationale Phasen bezeichnet, während die beiden mittleren unter dem Begriff Volition zusammengefasst werden (Heckhausen, 2003).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die vier Handlungsphasen des Rubikon-Modells (entnommen aus: Heckhausen, 2003, S. 212)

Um nun eine Abgrenzung zwischen der Kontrollprozesstheorie von Carver & Scheier und anderen Emotionstheorien vorzunehmen, möchte ich kurz auf die Attributionstheorie von Bernard Weiner (1982, 1984) eingehen. Weiner erklärt die Entstehung von Emotionen als Folge vorgenommener Attribution von Ursachen. Grundlage seiner Theorie ist die Annahme, dass Menschen dazu neigen, Phänomene wie Erfolg und Misserfolg nicht nur zu registrieren, sondern sie auf bestimmte Ursachen zurückzuführen. Er geht davon aus, dass man für Erfolg und Misserfolg innere (internale) und äußere (externale) Gründe annehmen kann. Internale Ursachen liegen in der Person selbst (Anstrengung, Begabung), während externale Ursachen der Situation (Schwierigkeit, Zufall) zugeschrieben werden. Zudem können Gründe zusätzlich stabil (z.B. Begabung) oder variabel (z.B. Anstrengung), also über die Zeit andauernd oder veränderlich sein. Nach Weiner hängt die Art der entstehenden Emotion davon ab, welche Ursache einem Ereignis zugeschrieben wird. Wird z.B. nach dem erfolgreichen Lösen einer Aufgabe oder eines Problems, eine internal-stabile Attribution auf die eigenen Fähigkeiten vorgenommen, so löst dies eine positive Emotion in Form von Freude und Stolz aus. Wird der Erfolg jedoch auf external-variable Ursachen, also auf glückliche Umstände zurückgeführt, fällt die ausgelöste Emotion nicht mehr so positiv aus, wie im vorherigen Fall (Weiner, 1982, 1984).

Wenn wir die Attributionstheorie von Weiner im Hinblick auf das Rubikon- Modell von Heckhausen & Gollwitzer betrachten, wird schnell klar, dass sich die Theorie im Grunde mit den beiden motivationalen Phasen befasst. Zum einen wird die Entstehung von Emotionen in der postaktionalen Phase untersucht, da die Attribution von Ursachen, der Bewertung einer Handlung entsprechen. Desweiteren geht Weiner davon aus, dass vorgenommene Attributionen und durch sie hervorgerufene Emotionen, einen Einfluß auf zukünftige, ähnliche Emotionen hat. Somit ist auch die prädezisionale Phase Gegenstand seiner Theorie.

Im Gegensatz zu Weiners Emotionstheorie, beschäftigt sich die Kontrollprozesstheorie von Carver & Scheier ausschließlich mit der volitionalen Phase des Rubikon-Modells. Die Theorie versucht zu erklären, wie bei der Planung und Ausführung intentionaler Handlungen Emotionen entstehen und welchen Einfluß sie auf das weitere Verhalten bei der Verfolgung des Ziels haben.

4. Grundlegende Theorien

4.1. Das TOTE-Modell

Wie alle Diskrepanzreduktionsmodelle hat auch die Kontrollprozesstheorie von Carver & Scheier ihren Ursprung in der Kybernetik (von gr.: kybernetes = Steuermann), der Wissenschaft von der Struktur und Steuerung komplexer Systeme. Die Kybernetik beschäftigt sich mit den Regelungs- und Steurungsmechanismen von Systemen verschiedenster Art, wie dem lebenden Organismus, soziologischen, sowie technischen Systemen.

Wichtigstes Element jedes kybernetischen Systems ist der Regelkreis (Feedback-Loop). Ein Regelkreis besteht im Wesentlichen aus einer Input-Funktion, einem Referenzwert, einem Vergleichsprozessor und einer Output-Funktion. In einem technischen System, wie z.B. dem Thermostat, entspricht der Referenzwert oder Sollwert der gewünschten Raumtemperatur. Über die Input-Funktion, welche Informationen aus der Umwelt in das System bringt, erhält das Thermostat den aktuellen Ist-Zustand, also die momentane

Raumtemperatur. Der Vergleichsprozessor oder Komparator vergleicht Ist- und Soll-Zustand und veranlasst die Output-Funktion, im Falle einer gemessenen Diskrepanz, zur Regulierung. Das heisst also, das Thermostat erhöht oder verringert die Heizleistung in Abhängigkeit von der gemessenen Diskrepanz zwischen aktueller und gewünschter Raumtemperatur, damit sich der Ist-Wert dem Soll-Wert annähert. Ob dies jedoch tatsächlich gelingt, hängt nicht nur vom Output ab, sondern zusätzlich von Störfaktoren aus der Umwelt. Die Heizleistung muss, z.B. wenn es draußen kalt ist, höher sein, als wenn ein mildes Wetter herrscht, um die erwünschte Raumtemperatur zu erreichen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Kontrollprozesstheorie von Carver und Scheier: Hilfreiche Neuerung oder Pseudoinnovation?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für Kognition und Kommunikation)
Veranstaltung
Angewandte Kognitionspsychologie: Problemlösen und Handeln in CBT
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V56330
ISBN (eBook)
9783638510363
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kontrollprozesstheorie, Carver, Scheier, Hilfreiche, Neuerung, Pseudoinnovation, Angewandte, Kognitionspsychologie, Problemlösen, Handeln
Arbeit zitieren
Simon Gall (Autor), 2006, Die Kontrollprozesstheorie von Carver und Scheier: Hilfreiche Neuerung oder Pseudoinnovation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56330

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