Deutsche Mode ...? Zur Untersuchung des kulturpolitischen Konstrukts des Deutschen Mythos der Nibelungen und dessen Niederschlags in Drama und Bekleidung zwischen 1876 und 1924


Diplomarbeit, 2006
70 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Vom Deutschen
Deutsch: Inszenierungen zwischen Ursprung und Zukunft
„Es gibt keine deutsche Mode.“
Ziel der Arbeit
Begriff: Mythos
Problemfeld: Deutscher Mythos

2 Das Nibelungenlied
Warum das Nibelungenlied?
Hintergrund und Bearbeitungen des Original-Stoffs
Der Kern des Mythos
Die Wiederbelebung der Nibelungen
Das Nationalepos: der Deutsche Mythos
Die Rekonstruktion der Nibelungen
Drei Phasen der Nibelungen-Rezeption

3 Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen
„Der Hügel, das ist unser Olymp.“
Das Schmieden des Rings
Der Mythos der künstlerischen Tat
Ein nationales Denkmal
Wotan
Siegfried
Brünnhilde

4 Fritz Lang: Die Nibelungen
„Dem Deutschen Volke zu eigen“
Dolchstoß
Verlebendigung des Mythos
Heilige Räume
Hagen
Siegfried
Kriemhild

5 Deutsche Mode..?
Deutsch?
Mythos: Marke
Marke: Deutsch!
Müller vs. Schleef – 1 : 0

Quellen

Bildnachweis

1 Vom Deutschen

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Deutsch: Inszenierungen zwischen Ursprung und Zukunft

Während der Zeit der Verhandlungen zwischen den alliierten Gegnern des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg und Vertretern beider deutscher Staaten über die Zukunft eines neuen, womöglich wieder vereinigten Deutschlands nach dem Fall des so genannten Eisernen Vorhangs, kam es von vielen Seiten aus zu Formulierungen des Unbehagens. Es waren Befürchtungen einer Wiederholung von Geschichte, dem Wiedererwachen eines Deutschen Bösen. Diese Kritiker einer deutschen Wiedervereinigung waren letztlich nur mit dem Hinweis auf eine historisch begründete, autonome Problematisierung des eigenen Bildes und der eigenen Geschichte, der Begriffe deutsch und Deutschtum, zum Teil zu beruhigen.

Seit der vollzogenen Wiedervereinigung sind nun mehr als fünfzehn Jahre ins Land gegangen – und es ist, als ob sich mancher Kritiker nicht geirrt zu haben schien: in der Krise, die Deutschland heute erlebt, geht der Blick wieder zurück. Allerdings nicht, wie befürchtet, in die Zeit des Nationalsozialismus; es ist vielmehr ein Blick zurück nach innen, in die Seele der Nation – eine Rückbesinnung als Selbstvergewisserung.[1]

Schon vor den Jahren der bürgerlichen Revolution im Jahr 1848 war es in der Zeit des Biedermeier zu einer ähnlichen Verinnerlichung, damit zu einer scheinbaren Entpolitisierung der Begrifflichkeiten des Deutschen gekommen: deutsch und Deutsche Nation waren zu psychologischen, zu archaischen Seelen-Begriffen mutiert (worden) – die romantische Idee einer Definition europäischer Landschaften als Deutsche Nation auf der Basis gemeinsamer Sprache wurde im Biedermeier in eine endgültige Idee einer Nation aus gemeinsamer Kultur weiterentwickelt: Sprache war damit nicht nur Definitivum, sie geriet zum Seelen-Ausdruck der Nation.

In dieser Abkehr vom politischen, hin zu einem mythischen Denken, in der Suche nach dem Ursprung des Deutschen in archaischen Lehren, Mustern und Narrationen, in der Hinwendung zugunsten einer Deutschen Religion wurden die Grundlagen für die Irrtümer, Verbrechen und Irrationalitäten geschaffen, welche später so eng mit dem Begriff des Deutschen in direkte Beziehung gesetzt wurden. Es setzte sich ein Deutsches Gefühl, ein Erfühlen und Ersinnen des Deutschen durch, dessen Vorlagen bereits vor dem hier zu besprechenden Zeitraum zwischen 1876 und 1924 erdacht, innerhalb dieses Zeitraums in ästhetische Produktion sowohl ikonographischer, episch-poetischer wie dramatischer Natur umgesetzt wurden.

Es soll hier aber nicht um die Darstellung einer historischen Epoche, nicht nur um das Hinterfragen der Formulierung eines deutschen Wir, nicht nur um die tatsächlich formulierte ästhetische wie ästhetisierende Findung eines Nationalkollektivs in Werken der Kunst von Richard Wagner und des Wiener Film-Regisseurs Fritz Lang gehen. Sondern auch um die Frage eventueller Zusammenhänge zwischen dem zu untersuchenden Zeitraum und dem Bild, das Deutschland heute von sich hat.

Und darüber hinaus wird es vor allem um Bekleidung, sozusagen: um Deutsche Mode(n) bei Wagner, Lang und in unseren Tagen gehen, weshalb hier mit einem Blick in eines der Mode-Magazine begonnen werden soll, die für diese Arbeit einer der persönlichen Ausgangspunkte war.

„Es gibt keine deutsche Mode.“[2]

Diese pauschalisierende Aussage Bernhard Willhelms trägt in sich die Kluft von Sicht und Ansicht vom und auf das Deutsche: zwar kann tatsächlich von einer Mode ohne einen speziell deutschen Charakter aus der Sicht eines deutschen Mode-Designers gesprochen werden, doch wird dies unmöglich, sobald die von ihm gestaltete Mode und der Mode-Designer selbst von Dritten als deutsch definiert werden, definierend betrachtet werden. Die Frage dieser Arbeit soll deshalb nicht sein, ob es Deutsche Mode gibt oder nicht, sondern ob Mode als eine solche gesehen wurde und wird. Und in einem zweiten Schritt: eine Überprüfung, ob es sich bei der als deutsch gewollten und / oder definierten Mode tatsächlich um eine Übertragung von Inhalten und Formen des Deutschtums handelt, ob aus dieser Mode heraus wiederum Deutsches formuliert wird.

Der Einstieg ist, wie schon zuvor angedeutet, ein Weg über aktuelle Mode- und Lifestyle-Zeitschriften: die Zahl der Magazine, die sich in den letzten Jahren einer neu zu formulierenden Ästhetik des Deutschtums verschrieben haben, ist um einige fashion-orientierte Mainstream-Titel angewachsen: Ach†ung, Deutsch, Stamm – um nur einige zu nennen. Diese Magazine suchen oder spekulieren dabei keinesfalls über ein neues Bild vom Deutschen, sondern präsentieren vielmehr fertige historische Zitate aus dem Fundus des kulturellen Gedächtnisses des typisch Deutschen. Es handelt sich hierbei um bewusste Rückgriffe auf althergebrachte ästhetische Lehren und Formulierungen des Deutschtums. Das Pathos[3] des Deutschen, wie es hier präsentiert wird, kann in einer analytischen Einordnung nur als ambivalent beschrieben werden; einer deutlichen Unentschiedenheit, die in ihrer Lust am bösen Symbol ebenso zweifelhaft wie verkaufsfördernd ist.[4]

Die in diesen Magazinen oder auch in aktuellen Kollektionen verwandte,[5] zwar modern erscheinende, doch spezifisch (alt-)deutsch konnotierte Symbolik, hat offenbar ihren historischen Schrecken verloren; geblieben ist dagegen den Meisten eine Ahnung vom deutschen Symbol als ein Unberührbares, ein Böses an sich. In der Betrachtung des seit einigen Jahren wieder erstarkenden national-konservativen Teils des Kulturbetriebs wird eines deutlich: Deutsch-Sein ist nicht nur einer der wichtigsten ästhetischen Trends der letzten und wohl auch der kommenden Jahre; Deutschtum beziehungsweise Deutsch-Sein ist auch auf dem Weg, wieder eine von der Geschichte losgelöste Selbstverständlichkeit zu werden, die ihren Ursprung im zeitlos-mythischen sucht und findet.[6]

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Ziel der Arbeit

Diese Arbeit will einen kurzen historischen Ausschnitt der Fundamente deutscher Selbstdefinition, wie sie in der zu behandelnden Zeit zwischen 1876 und 1924 gelegt wurden, anhand eines der wichtigsten, als so genannten nordisch-germanisch postulierten mythischen Stoffs: des Nibelungenlieds – und seiner Bearbeitung durch Richard Wagner, Thea von Harbou und Fritz Lang – untersuchen. Der besondere Blick wird sich auf die dargestellte wie darstellende Kleidung der angesprochenen Werke richten: wie diese das Mythisch-Deutsche stützen, wie sie den Mythos selbst fortzuschreiben helfen, ob diese, eine Definition einer das Deutsche suchenden Kleidungen, überhaupt als derartige Bedeutungsträger funktionieren konnten. Der sich durch die Uraufführung der Opern-Tetralogie Der Ring des Nibelungen und der Premiere des Doppelfilms Die Nibelungen ergebende Zeitraum wird in vorangehende wie nachfolgende Geschehnisse gerahmt werden. Zuletzt wird ein erneuter, ein zusammenfassender Blick auf die zeitgenössischen Mode-Mythos-Deutschland-Zusammenhänge geworfen werden.

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Begriff: Mythos

In der aktuellen Medienberichterstattung ist Mythos nahezu allgegenwärtig. Die eigentliche Wortbedeutung ging dabei in dieser ebenso massiven wie oberflächlichen Nutzung des Wortes allerdings nahezu verloren. Aus diesem Grund soll allen weiteren Überlegungen eine Definition dieses zentralen Begriffs vorangestellt werden. Der Begriff Mythos soll hier in einer Aufspaltung zweier Bedeutungsgehalte betrachtet werden:

-auf der einen Seite steht der Mythos in seinem tatsächlichen magisch-mythischen Wirken. Er bestimmt die Lebenswirklichkeit der in mythischer Weltschau lebenden Menschen: Mensch und Natur, Raum und Zeit sind hier eins. Im lebendigen Mythos gibt es nur ein Jetzt, Vergangenheit und Zukunft werden zu Phänomenen der Gegenwart. Historisch wird das mythische Zeitalter vor die Erfindung einer Trennung von Mensch und Natur eingeordnet. Erst im 20. Jahrhundert wurde darauf hingewiesen, dass bereits im Mythos selbst, in seiner Funktion als Sinn stiftender Narration von Welt und deren kausaler Zusammenhänge, mit Vernunft erfüllt ist und keineswegs primitives Denken darstellt.[7] Den Generationen nach-mythischer Zeitalter berichtet der Mythos von einer Zeit der Gründung, deshalb auch Origomythos genannt. – Die literarischen Mythen als erste Phänomene historischer Erinnerungsmodelle schließen sich selbstverständlich an diese Formen eines (Ur-)Mythos an, jedoch sind sie nie dieser (Ur-)Mythos selbst, immer nur dessen Verschriftlichung, also bereits eine Abstrahierung.
-die zweite Begriffsdefinition, die hier eingeführt werden soll, ist die des Mythos als Behauptung: ein Autor will hier durch sein Werk eine mythische Weltsicht heraufbeschwören. Oft sehen sich diese selbst als Personifizierung einer mythischen Kraft, da sie die Wirkkraft des Mythos wieder entdeckt hätten, diese Kraft durch ihr Werk, Zauberern gleich, für andere zur Verfügung stellten. Diese Neuen Mythen bieten oft Begründungen und Absicherungen kultureller und ästhetischer Ziele wie politischer Handlungen, sie heiligen die Mittel eines angestrebten Ziels. Den Anhängern des Neuen Mythos wird eine Richtschnur vorgegeben, wie sie sich dem Mythos gemäß zu verhalten hätten, wie sich ihr im Neuen Mythos vorbestimmtes Schicksal erfülle.

Parallelen zwischen (Ur-)Mythos und den im 19. Jahrhundert entstehenden, oft bis heute wirksamen Neuen Mythen, ergeben sich in der Behauptung eines Zusammenhangs von Phylogenese und Ontogenese. Gerade die Neuen Mythen können aus diesem zentralen Element Ableitungen bestimmter Mythen in bestimmten Völkern, Nationen oder so genannten Rassen gewähren. Ein Mythos wird damit nicht nur lokalisierbar, er wird auch zum vererbbaren Teil einer sozialen Gemeinschaft, sei diese Vererbungslehre nun kulturell oder gar rassenspezifisch-genetisch fundiert.

Problemfeld: Deutscher Mythos

Obwohl es kaum Anhaltspunkte gibt, dass ein originär Deutscher Mythos jemals existiert hätte, so wurde diese Frage spätestens durch die Bemühungen der Brüder Grimm und Karl Simrocks obsolet: die bleibende Unsicherheit hielt sie nicht davon ab, gleich mehrere Mythologien zu erschaffen; so wie dies auch in vielen anderen Regionen geschah, gerade im Blick auf die sich neu erfindenden, neu definierenden Nationen durch die bürgerlich-politischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Als exemplarische Beispiele: die Formulierung der Selbstfindung der liberal-bürgerlichen Nation aus dem amerikanischen Bürgerkrieg in D.W. Griffiths Birth Of A Nation (USA 1915), der schon im Titel den Willen zur mythischen Narration plakatiert; und der Film Bronenosets Potyomkin (UDSSR 1925) des Regisseurs Sergei Eisenstein, der nicht nur eine alte Ordnung verabschiedet, sondern auch die Entstehung eines neuen, des Sozialistischen Menschen aus der Feuertaufe in Krieg und Revolution feiert.

Scheinbar spricht nichts gegen eine kritische Diskussion wechselseitiger Beziehungen von Mythos und Nation beziehungsweise Volk, insofern man die Entwicklung der so genannten abendländischen Welt betrachtet; doch im deutschen Hintergrund steht immer der Nationalsozialismus, auf den, so eine sich haltende These, alles hinführen musste, der die Versprechungen der Romantik, des Bürgertums, der Aufklärung oder auch dessen Verabschiedung letztlich eingelöst hat. Diese fatale Teleologie, die in der Erfindung von Machtergreifung, Stunde Null und Kollektivschuld ihre mythisch-narrativen Höhepunkte erreicht, versucht damit historische Entwicklungslinien in einer Gut-Böse-Dichotomie aufzulösen, welche in Deutschland nicht nur auf einer christlichen Moral-Lehre, sondern auch auf der Entwicklung einer Deutschen Mythologie beruhen.

Die Lehre von der Teleologie zum Nationalsozialismus, die Lehre vom schwindenden Licht, von der Dunkelheit, vom finsteren Mittelalter – oder welche Metapher man auch immer setzen will – ist selbst eine der oben als Neue Mythen definierten Narrationen, welche die nationalsozialistische Herrschaft wiederum zu einer mythisch-magischen Zeit, zum heldischen Untergang mit abschließender Götterdämmerung macht; und damit von einer Objektivierbarkeit grausamster Geschehnisse erlöst. Vor allem können sich die zu einem subjektiven Standpunkt angesichts dieses beispiellosen Zivilisationsbruchs verpflichteten Deutschen wie Nicht-Deutschen ihrer historisch fundierten Verantwortung durch diese Neuen Mythen entbinden, wenn nicht eine Kontinuität von Geschichte akzeptiert wird, auch wieder aus dem Nationalsozialismus heraus, bis in die heutige Zeit.[8]

Letztlich soll die durch Heiner Müller aufgeworfene Behauptung: „[] die Nibelungen, die ja immer noch der deutscheste aller deutschen Stoffe sind und auch immer noch eine deutsche Wirklichkeit.“[9], einer Prüfung unterworfen werden – oder ob nicht etwa Einar Schleef recht hatte mit seinem Frage-Antwort-Paar: „Was gehen uns die Nibelungen an? [] Die Helden haben ausgespielt[]“[10]

2 Das Nibelungenlied

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Warum das Nibelungenlied?

Ob das Nibelungenlied, wie oft behauptet, tatsächlich der am meisten bearbeitete Stoff zwischen dem anti-napoleonischem Krieg und dem so genannten Untergang des Jahres 1945 ist, dies ist kaum wirklich nachvollziehbar. Doch dass es immer wieder Vorlage Neuer Deutscher Symbolik war und ist, dies ist unbestritten – auf allen kreativen wie politischen Flügeln.[1] Irgendwie, die Forschung hat noch keine genauen Antworten, wurde das Nibelungenlied zu der Narration Deutschen Wesens, mit der sich bis heute die Deutschen verbunden fühlen.[2]

Selbst heute wird mit Nibelungen-Schlagworten, besonders in der Politik, ohne weiteres gearbeitet;[3] zwei Beispiele des Jahres 2005: das Zitieren des Dolchstoßes durch Heide Simonis (SPD) nach wiederholt verlorener Abstimmung am 18. März und die durch Franz Müntefering (SPD) beschworene Nibelungentreue bei seiner Begründung der Vertrauensfrage des Bundeskanzlers am 1. Juni vor dem Bundestag.

Gerade weil die Nibelungen heute einerseits so weit entfernt scheinen und tatsächlich doch so nah bei uns stehen, ist dieses Phänomen einer Ferne in Nähe Grund genug für eine Diskussion politischer, mythologischer, sozialer wie ästhetischer Verknüpfungen mit dem Deutschen. Denn nicht die Nibelungen haben sich die Deutschen gesucht – es waren ja die Deutschen, oder genauer: diejenigen, die sich als Deutsch verstehen, erschaffen, definieren wollten, die zum Nibelungenlied griffen.

Hintergrund und Bearbeitungen des Original-Stoffs

Das Nibelungenlied wurde um 1200 von einem unbekannten Dichter aufgeschrieben[4], der vermutlich in Passau zu Hause war.[5] Zweifellos bezog sich der Autor auf eine Vielzahl von bekannten Sagen und Mythen,[6] auf die politischen Verhältnisse seiner Zeit[7] sowie persönliche wie repräsentative Interessen, die der wohl klerikale Auftraggeber des Werks verfolgte.[8] Das erneute Erzählen und Zusammenfassen zahlreicher mündlich tradierter Varianten des Nibelungen-Stoffs und damit die Konstruktion einer einheitlichen Erzählhandlung geschah an der Bruchstelle eines kulturellen wie politischen Paradigmenwechsels: „des Übergangs von einer mündlichen zu einer schriftlichen Kultur.“[9]

In der Germanistik herrscht bis heute eine Auseinandersetzung darüber, welche erzählerischen und politischen Motive mit dem Werk „der Nibelunge nôt“ beziehungsweise „der Nibelunge liet“[10] verbunden seien. Wichtig ist aber für diese Arbeit nicht die philologische Auseinandersetzung mit dem Text, sondern die schon zu Zeiten des Entstehens des Nibelungenlieds weit aufgefächerte Interpretation der Erzählmotive, die sich in der vorangehenden mündlichen Tradition zu immer neuen Text-und Narrations-Mischungen verband und deren schriftliche Niederlegung weitere Auseinandersetzungen mit der Nibelungen-Motivik nach sich zog.

So wie später im 19. Jahrhundert die Wissenschaft das Nibelungenlied innerhalb des herrschenden kulturellen Kontexts neu schreibt, so waren auch die deutenden Neu- und Umkreationen des Nibelungenlieds in den Zeiten des frühen und des Hoch-Mittelalters nur zum einen Teil Literatur – denn die um 1200 aufgeschriebene Erzählung von den Nibelungen, die „auch als schlichtes »Faktenwissen« weitergegeben wurde“,[11] muss vor allem in der Zeit zwischen dem 4. und 6., dem 8. und 9. Jahrhundert angesiedelt werden.[12] Obwohl hier „Ungleichzeitiges zur Sage verschmilzt“[13], sind es „elementare menschliche Affekte“[14] und die Nutzung gängiger Erzählmuster, die den Nibelungen-Stoff in mittelalterlicher wie heutiger Rezeption sowohl zu einer Erzählung wie zu einem Bericht historischer Kerne macht. Dass im Nibelungenlied dazu noch eine Einbettung in einen höfischen und christlichen Kontext vollzogen wird, dies deutet nicht nur auf die Intention des Auftraggebers, eine zeitgemäße Fassung des Stoffs zu liefern, sondern auch auf die bereits angesprochene politische Zweckgebundenheit dieser Verschriftlichung des Nibelungen-Stoffs.

Der Kern des Mythos

Beim Nibelungenlied handelt es sich um Literatur zwischen Dichtung und Wahrheit, die eine formale Nähe zu antiken mythischen Stoffen aufweist: „Die Schönheit einer Frau führt zum Tod vieler Helden: das ist der Gedanke, den der Dichter des »Nibelungenliedes« programmatisch an den Beginn seines Werkes gestellt hat. [] – es ist die Programm-Formel der Troja-Geschichte []“[15] Zwar nimmt Joachim Heinzle an, dass antike Erzählformeln zum Zweck literarischer Anerkennung im Nibelungenlied verwandt wurden[16] – doch beginnt hier das Missverständnis, dass die Einen im Mythos Literatur erkannten, Andere das Lied zum Deutschen Mythos[17] (v)erklärten.[18]

Selbst wenn darauf hingewiesen wird, dass der Autor des Nibelungenlieds zwar „mythische Impressionen einplante, um das jeweilige Handlungssegment ins Symbolische zu erheben“,[19] dies aber keineswegs bedeute, es sei den „Befürwortern mythologischer Erklärungsmodelle [] gelungen, über Vermutungen []hinauszukommen und eine funktionale Bedeutung von mythologischen Motiven für den Textzusammenhang []nachzuweisen“,[20] so sollten darüber die zahlreichen Fälle der Rezeptionsgeschichte nicht vergessen werden, die selbst unter wissenschaftlichem Vorzeichen eine mythische Realität des Nibelungenlieds ohne weiteres akzeptierten.[21]

Die Wiederbelebung der Nibelungen

Das Nibelungenlied spielte nicht nur im Mittelalter eine Sonderrolle in der Eigenschau der Deutschen, sondern viel stärker noch zwischen 18. und 20. Jahrhundert. Obwohl es nur selten Vorlage dieser Selbstbetrachtungen war, liefert es doch Schlagwort und motivgebende Quelle, aus der über zwei Jahrhunderte nationale Bestimmung wie Schicksal abgelesen wurden. Obwohl der Nibelungen-Stoff eigentlich bekannt war und deshalb nicht neu entdeckt werden musste,[22] halten Literaturwissenschaftlicher bis heute daran fest – dies beweist indirekt die von Beginn an auf das Suchen und Finden einer neuen mythisch-heroischen Inszenierung ausgelegten Rezeption des mittelalterlichen Epos.

[...]


[1] Die Autoren des Musiksamplers I Can’t Relax In Deutschland sind hierüber völlig sicher; sie schreiben im Vorwort: „Das Bekenntnis zu Heimat, Volk und Vaterland muss man zwischen Sylt und Regensburg nicht mit der Lupe suchen. Mit Deutschland wurde für die Meisten zum feuchten Traum, was Heinrich Heine noch um den Schlaf brachte. [] Das moderne, weltoffene Deutschland hat seine Scham abgeworfen und in der so genannten »Verantwortung« [beruhend auf den] »Lehren aus dem Nationalsozialismus« das passende Heilmittel für den historischen Schlussstrich und neues Selbstbewusstsein gefunden. [] Fakt ist: durch die Befreiung von der Last der Vergangenheit steht ein positiver Heimatbezug wieder offen.“ NN (Hg. / für die gleichnamige Internet-Seite www.icantrelaxin.de zeichnet Doerthe Mittermeyer verantwortlich): I Can’t Relax In Deutschland, Verlag Unterm Durchschnitt, Köln 2005, S. 6f

[2] Zitat des Mode-Designers Bernhard Willhelm in Spiegel Special 4 / 2005: Die Deutschen, S. 230

[3] Nicht nur ikonographisch wird vermehrt auf Pathos gesetzt; das Trendbüro Hamburg hatte für das Männermagazin GQ im Jahr 2001 untersucht, wie sich der Deutsche Mann in den nächsten Jahren entwickeln werde: schon der Titel „Moderne Helden“ legt die Nähe des Männerbildes zu mythischen Narrationen, zur „Kraft der Mythen“ (Kap. 3.6.4) fest. So heißt es unter anderem: „Ästhetik ist die Religion des neuen Jahrtausends []” Kap. 1.4.1 – „Aus den Trümmern des beim Terroranschlag zerstörten World Trade Centers erhob sich [] ein neues Heldenbild.“ Kap. 2.2.0. – Die hier beschriebenen „Modernen Helden“ werden sich vor allem über eine „Fashional Correctness“ definieren müssen: „Peter Paul Polte, Chefredakteur der Textilwirtschaft, zeichnet das Bild einer »ästhetischen Elite«, die »inzwischen alles über Stil definiert, auch Gut und Böse, richtig oder falsch.«“ (Kap. 3.5.4) – GQ, Condé Nast Verlag (Hg.): Moderne Helden – Die GQ-Männerstudie, Konzeption: Prof. Peter Wippermann, Trendbüro Hamburg 2001, im Internet unter: www.trendbuero.de/trend/trendstudien.php?r=i&pos=6, Stand: 10. Juni 2005

[4] Die Rockband Rammstein führt seit einigen Jahren vor, welche Werbewirkung aus bewusst provozierten Skandalen unter Zuhilfenahme bösartiger deutscher Symbolik erwachsen kann.

[5] Aufmerksamkeit konnte vor allem Eva Gronbach mit ihrer schwarz-rot-goldenen Kollektion declaration d’amour a l’allemagne und der nachfolgenden Pathos-Formel mutter erde vater land für sich gewinnen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. November 2003 zitiert sie angesichts ihrer Erfahrung, sich im Ausland als Deutsche erkannt zu haben: „Ich trug sehr viel Demut in mir. Und darauf hatte ich keine Lust mehr.“ Sie sehe ihre Arbeit als „Ausdruck eines neuen, positiven Deutschlandbilds“ und stellt fest: „Die Leute sind hungrig danach!“ – hungrig auf das „Wiederaufleben alter Mythen“, auf dass „die Generation Deutsch [es sich] politisch korrekt und international verträglich in der patriotischen Kuschelecke gemütlich“ machen könne, so der Redakteur der F.A.Z. Alfons Kaiser in seinem Artikel Die Nation zieht an.

[6] Die im September 2005 gestartete Soziokampagne Du bist Deutschland! ist ein interessantes Beispiel für diese neue Mythisierung des Deutschen. Im Manifest dieser Kampagne heißt es: „Du bist von allem ein Teil. Und alles ist ein Teil von Dir. / Du bist Deutschland. / [] Du bist 82 Millionen. / Du bist Deutschland. / [] Du bist die Flügel, du bist der Baum. / Du bist Deutschland!“ – im Internet unter http://www.du-bist-deutschland.de/opencms/opencms/Kampagne/Manifest.html, Stand: 29. September 2005

[7] Theodor W. Adorno / Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1969, S. 50ff

[8] Wenn hier also über Deutschen Mythos nachgedacht wird, dann schwingt das Wissen um den Nationalsozialismus und dessen Nutzung vieler hier zu beschreibender kultureller, ästhetischer und politischer Phänomene immer mit; so darf beispielsweise nicht vergessen werden, dass Antisemitismus, Blut-Und-Boden-Metaphorik, Chauvinismen nicht nur unter Hitler, sondern auch bei Richard Wagner, ebenso schon im Kino der Weimarer Republik zu finden sind.

[9] Interview mit Heiner Müller in Der Spiegel 19 / 1983

[10] In: Wolfgang Storch (Hg.): Die Nibelungen. Bilder von Liebe, Verrat und Untergang, Haus der Kunst, München 1987, S. 111

[1] Eine derzeit entstehende dramatische Arbeit zum Themenstoff Nibelungen – Wagner – Terror ist der Film The African Twintowers – The Ring – 9 / 11 von Christoph Schlingensief. – im Internet: http://www.schlingensief.com/projekt.php?id=f047

[2] Wie das Nibelungenlied beispielsweise in den Unterricht an deutschen Schulen eingegangenist, untersucht Werner Wunderlich in seinem Artikel »Ein Hauptbuch bey der Erziehung der deutschen Jugend« (der Titel ist ein Zitat August Wilhelm Schlegels): durch die Indienstnahme des Nibelungenlieds und der Nutzung umdeutender Nacherzählungen, wurde eine Austauschbarkeit zwischen Nibelungen und Deutschen geschaffen. Werner Wunderlich: »Ein Hauptbuch []« – Zur pädagogischen Indienstnahme des Nibelungenliedes für Schule und Unterricht im 19. und 20. Jahrhundert, S. 119ff in: Joachim Heinzle und Anneliese Waldschmidt (Hg.): Die Nibelungen – Ein deutscher Wahn, ein deutscher Alptraum, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991

[3] Joachim Heinzle sieht in diesen bewussten Nibelungen-Zitaten ein „Kokettieren mit der Bildung [des Zitierenden] und zugleich ein Schmeicheln des Bildungsstolzes des Lesers: [denn diese Bildung] mag diesen auf das angenehmste in der Überzeugung bestätigen, daß er mit den Kulturgütern der Nation vertraut ist.“ Joachim Heinzle: Das Nibelungenlied – Eine Einführung, Artemis Verlag, München und Zürich 1987, S. 9

[4] Ursula Schulze: Das Nibelungenlied, Reclams Universal-Bibliothek No. 17604, Stuttgart 2003, S. 27

[5] Joachim Heinzle: Das Nibelungenlied, S. 48ff

[6] Ursula Schulze: Das Nibelungenlied, S. 68ff / Joachim Heinzle: Das Nibelungenlied, S. 55

[7] Edward Haymes: Das Nibelungenlied – Geschichte und Interpretation, Wilhelm Fink Verlag, München 1999, S. 19ff

[8] ebd., S. 31f

[9] Ursula Schulze: Das Nibelungenlied, S. 77ff / Edward Haymes: Das Nibelungenlied, S. 35ff

[10] So die von Karl Lachmann vergebenen Titel nach dem letzten Halbvers. – Joachim Heinzle: Das Nibelungenlied, S. 53f und S. 60

[11] Joachim Heinzle: Das Nibelungenlied, S. 19

[12] Ursula Schulze: Das Nibelungenlied, S. 60ff

[13] ebd., S. 64

[14] ebd., S. 64

[15] Joachim Heinzle: Das Nibelungenlied, S. 75

[16] ebd., S. 76

[17] „Die ersten Versuche [einer Übersetzung des Nibelungenlieds] konzentrierten sich dabei noch auf die äußere Form: 1781 [] erschien Joh. Heinr. Voß’ Hexameter-Übersetzung der Odyssee, und so lag es nahe, der Hexameter sei auch für das Nibelungenlied, um es für das deutsche Publikum lesbar zu machen, der allein angemessene Epenvers. [] Das Vorbild Homers rief aber bald schon – und geradezu zwanghaft – den Gedanken hervor, im Nibelungenlied werde nun endlich auch den Deutschen ihr Nationalepos beschert.“ Klaus von See: Das Nibelungenlied – ein Nationalepos?, S. 57 in: Joachim Heinzle und Anneliese Waldschmidt (Hg.): Die Nibelungen

[18] Ein Beispiel einer doppelten Deutung liefert der Titel des Spiegel 20 / 2005, die in Siegfried den germanischen Heerführer Arminius erkennen, dabei aber nicht auf die zur Siegfried-Sage gehörenden mythischen Bestandteile verzichten will.

[19] O. Ehrismann: Nibelungenlied. Epoche – Werk – Wirkung, München 1987; zitiert in: Julian Stech: Das Nibelungenlied – Appellstrukturen und Mythosthematik in der mittelhochdeutschen Dichtung, Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1993, S. 27

[20] ebd., S. 27

[21] Joachim Heinzle: Das Nibelungenlied, S. 9

[22] Ralph Beyer stellt die Tatsache heraus, dass Nibelungen-Geschichten auch im 18. Jahrhundert noch verbreitet waren. Ralph Beyer: Die romantische Reanimation der Nibelungen, S. 37ff in: Klaus Zatloukal (Hg.): 6. Pöchlarner Heldenliedgespräch – 800 Jahre Nibelungenlied – Rückblick - Einblick - Ausblick, Fassbaender Verlag, Wien 2001

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Deutsche Mode ...? Zur Untersuchung des kulturpolitischen Konstrukts des Deutschen Mythos der Nibelungen und dessen Niederschlags in Drama und Bekleidung zwischen 1876 und 1924
Hochschule
Kunsthochschule Berlin-Weissensee Hochschule für Gestaltung  (Mode-Design)
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
70
Katalognummer
V56363
ISBN (eBook)
9783638510592
Dateigröße
2118 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zur Untersuchung des kultur-politischen Konstrukts des Deutschen Mythos der Nibelungen und dessen Niederschlags in Drama und Bekleidung bei Richard Wagner und Fritz Lang (1876 - 1924).
Schlagworte
Deutsche, Mode, Untersuchung, Konstrukts, Deutschen, Mythos, Nibelungen, Niederschlags, Drama, Bekleidung
Arbeit zitieren
Diplom-Designerin (Mode-Design) Gritt Zothner (Autor), 2006, Deutsche Mode ...? Zur Untersuchung des kulturpolitischen Konstrukts des Deutschen Mythos der Nibelungen und dessen Niederschlags in Drama und Bekleidung zwischen 1876 und 1924, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56363

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