Der Computer als ›rechnender Raum‹, als abstraktes Zeichensystem oder als ideologische Metapher: die Ontologie der Maschine ist immer auch ein Betätigungsfeld der Anthropologie. Den konkurrierenden Definitionen des Computers wohnt immer auch ein Stück Selbstbeschreibung des Menschen und seiner Position zur Umwelt inne. Der Mensch formuliert durch Technik Aussagen über sich und über die Welt, der er sich durch eben jene Maschinen entfremdet fühlt.
Claas Hanson eröffnet im vorliegenden Buch eine diskursive Perspektive auf das Abbildungssystem Computer. Jenseits einer Hardware-Geschichtsschreibung, einer Phänomenologie der Apparate, nähert er sich der Thematik mittels der Diskursanalyse nach Michel Foucault.
Zentral sind dabei die Fragen, was uns Programmieren ›bedeutet‹, und inwieweit der Computer als Abbildungssystem der Realität Wissen in Simulationen schaffen kann. Die Genese des Computers wird als Geschichte seiner Programmierung, als stringenter Weg in die Abstraktion von der Maschine beschrieben. Sprachkonzepte bilden den Schlüssel zum tieferen Verständnis des ›Maschinen-Seins‹. Fragen nach der Hardware-Software-Dualität wird genauso nachgegangen werden, wie den Fragen nach wechselseitiger Simulation und den vielfältigen Widersprüchlichkeiten. Eine ergebnisorientierte Diskursanalyse zu einer Kernproblematik exemplifiziert die Anwendung der Methode auf dieses Wissensfeld. Die Einordnung des Menschen und der Maschine in verschiedene Positionen der Diskurse mag zudem einige Anregungen für unser Selbstverständnis als Mensch und als ›Nutzer‹ geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Diskursanalyse nach Michel Foucault
2.1. Archäologie des Wissens
2.2. Anwendbarkeit auf den Gegenstand der Arbeit
3. Computergeschichte als Programmiergeschichte
4.1. Sprache – das Codieren von Information
4.2. Schrift – das symbolische Programmieren der Welt
4.3.1. Exkurs zur Maschine: Mensch – Maschine – Interaktion
4.3.2. Alles Software? – Alles Hardware?
4.4. Programmiersprachen und linguistische Konzepte
4.4.1. Kompetenz und Performanz
5. Programmierung als Konstruktion von Realität
6.1. Fragen und Begriffe zur Diskursanalyse
6.2. Diskursanalytische Ansätze
7. Resümmee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Computer als Abbildungssystem der Realität aus einer diskursanalytischen Perspektive, wobei das primäre Ziel darin besteht, die ideologische Bedeutung und die Machtstrukturen innerhalb der Programmierung und Computernutzung offenzulegen.
- Diskursanalyse nach Michel Foucault als theoretischer Rahmen
- Die Evolution der Programmierkonzepte und ihre sprachwissenschaftliche Einordnung
- Die Spannung zwischen Hardware-Gegebenheiten und symbolischer Software
- Programmierung als Konstruktion von Realität und Wahrnehmung
- Das Machtverhältnis zwischen Mensch und Maschine im Kontext der Simulation
Auszug aus dem Buch
4.1. Sprache – das Codieren von Information
Computersysteme haben zahlreiche Beschreibungsebenen. Sie unterscheiden sich in Komplexität, Darstellungsraum und Inhalt. Diese Ebenen können je nach Blickwinkel parallel (-existent) oder seriell (-prozessierend) gedeutet werden.
Die unteren Ebenen dieses Beschreibungsmodells sind Hardware-Layer. Auf der Ebene der Maschineninstruktionen findet der Umbruch in Software-Layer statt. Auf unterster Stufe stehen die Transistoren, die Bauelemente jeder komplexen Schaltung. Ihre elektrische Ladung entscheidet über ihre Position im Raum. Damit sind sie fähig, informatorischen Inhalt darzustellen und in der Zeit zu halten. Auf dieser Ebene wird Information wirklich in Hardware oder vielmehr in den Raum eingeschrieben. Der Transistor wird damit zu mehr als einer Ansammlung von Atomen, er wird zum sprachlichen Zeichen. Die Semantik dieses Zeichens liegt in der darüberliegenden Ebene: die Deutung des Transistors als Flip-Flop Schaltung mit den beiden Zeichenzuständen 1 und 0. Die Syntax dieser Zeichen wird durch die Organisationsstruktur von Registern und Datenwegen auf der nächst höheren Ebene zur Verfügung gestellt. Um das System der ersten und basalen Computersprache auf Hardwareebene zu vervollkommnen, fehlt noch die Ebene der Maschinensprache, die den wohlgeordneten Ketten aus binären Zuständen Inhalte zuweist. Dabei kann es sich sowohl um Daten (Zahlenwerte: Parameter oder Ergebnisse einer Rechenoperation, Sprungadressen, …) und Befehle (Rechenoperationen, Ausgabe- und Sprungbefehle, …) handeln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Die Einleitung etabliert die diskursive Perspektive auf den Computer und grenzt das Vorhaben gegen rein technikgeschichtliche Beschreibungen ab.
2. Diskursanalyse nach Michel Foucault: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Archäologie des Wissens und deren Anwendung auf die Untersuchung des Computerdiskurses.
3. Computergeschichte als Programmiergeschichte: Der Autor beschreibt die historische Entwicklung des Computers als einen stringenten Weg in die Abstraktion von der Hardware durch die Programmierung.
4.1. Sprache – das Codieren von Information: Hier werden die verschiedenen Abstraktionsebenen des Computers analysiert, vom physikalischen Transistor bis hin zur symbolischen Programmierung.
4.2. Schrift – das symbolische Programmieren der Welt: Das Kapitel untersucht die Rolle der Schrift als codiertes Symbolsystem und ihre Parallelen zur binären Programmierung.
4.3.1. Exkurs zur Maschine: Mensch – Maschine – Interaktion: Die Interaktion wird als Dialog zwischen Mensch und Maschine unter Einbeziehung des Interfaces analysiert.
4.3.2. Alles Software? – Alles Hardware?: Hier wird die Abhängigkeit der Software von ihrer materiellen Basis kritisch reflektiert und die Dogmen der Universalität hinterfragt.
4.4. Programmiersprachen und linguistische Konzepte: Dieser Abschnitt beleuchtet, inwiefern Programmiersprachen als Sprachen fungieren und welche linguistischen Konzepte hierbei Anwendung finden.
4.4.1. Kompetenz und Performanz: Die Dichotomie nach Saussure wird auf die Computerarchitektur übertragen, um das Ringen um Sprachlichkeit innerhalb des Systems zu untersuchen.
5. Programmierung als Konstruktion von Realität: Das Kapitel reflektiert, wie die mathematische Computierbarkeit die Wahrnehmung von Realität durch Simulation beeinflusst.
6.1. Fragen und Begriffe zur Diskursanalyse: Eine Zusammenfassung der Problematiken, ob der Computer ein diskursives System oder eine nicht-diskursive Praktik darstellt.
6.2. Diskursanalytische Ansätze: Ansätze zur weiteren diskursiven Untersuchung werden formuliert, insbesondere die Rolle der Macht und Subjektformation.
7. Resümmee: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Betrachtung der Machtpositionen des Computers und der Integration des Menschen in ein Mensch-Maschine-System.
Schlüsselwörter
Diskursanalyse, Michel Foucault, Programmiersprachen, Software, Hardware, Simulation, Macht, Berechenbarkeit, Subjektformation, Information, Informatik, Realitätskonstruktion, Zeichensystem, Binärcode, Sprachphilosophie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Computer und das Programmieren aus einer medienwissenschaftlichen und diskursanalytischen Perspektive, um zu verstehen, wie Computer unser Wissen und unsere Realitätswahrnehmung prägen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Geschichte der Programmierung, die Beziehung zwischen Hardware und Software, die Rolle von Sprache und Schrift bei der Informationsverarbeitung sowie die Machtstrukturen innerhalb der digitalen Simulation.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit hinterfragt, was Programmieren bedeutet, ob Computer eigene Diskurssysteme zur Wissensproduktion bilden und inwieweit sie als Abbildungssysteme der Realität Wissen durch Simulationen schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt die Diskursanalyse nach Michel Foucault als methodischen Ansatz, um die strukturellen Regelmäßigkeiten, Machtfragen und die ideologische Einbettung der Computernutzung zu untersuchen.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die Evolution von Programmierkonzepten, das Verhältnis von menschlicher Sprache zur Maschinensprache, die Architektur des Computers und die gesellschaftliche Relevanz der Informatik als gestaltendes Modell.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Diskurs, Simulation, Kompetenz/Performanz, Macht, Abstraktion und die Unterscheidung zwischen diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken geprägt.
Wie definiert der Autor das Verhältnis zwischen Hardware und Software?
Der Autor betrachtet dieses Verhältnis nicht als Gegensatz, sondern als komplementäre Struktur, wobei die Hardware die materielle Grenze und die Software die logische, überzeitliche Abstraktion darstellt.
Welche Bedeutung kommt der grafischen Benutzeroberfläche zu?
Die grafische Benutzeroberfläche wird als Modell unserer Welt betrachtet, das Ordnung und Kontrollierbarkeit simuliert und den Nutzer in eine spezifische Machtposition innerhalb des digitalen Diskurses versetzt.
- Quote paper
- Claas Hanson (Author), 2003, Diskursanalyse von Progammiersprachen - Zur Wissensarchäologie maschineller Diskurse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56482