Die Wichtigkeit und den Bedarf dieser Arbeit wurde mit den Terrorakten des 11. Septembers unterstrichen. Auswärtige Kulturpolitik kann dabei eine auf Friedenserhaltung, Konfliktprävention und Verwirklichung der Menschenrechte ausgerichtete Außenpolitik bestärken. Die Fähigkeiten, in anderen Kulturen zu denken und zu fühlen, ist für die Fragen der Sicherheitspolitik unverzichtbar. Die Annäherung durch Dialog kann eine Basis für gemeinsame Verständigung schaffen und sich so als Konfliktpotentiale vermindernde Kommunikation verstehen. Daher wird in Deutschland die Auswärtige Kulturpolitik als „dritte Säule der Außenpolitik“ bezeichnet. Bei so viel positiver Leistung ist es geradezu verwunderlich, wenn in der Zeitschrift für Kulturaustausch 4/01 festgestellt wird, „dass ausgerechnet die Auswärtige Kulturpolitik einen hohen Nachholbedarf an wissenschaftlicher Begleitung hat". Dabei kann gerade die Wissenschaft dabei helfen, Komplexität durchschaubar zu machen, Entwicklungslinien zu zeichnen und womöglich auch Handlungsoptionen zu benennen. Zur theoretischen Analyse der Auswärtigen Kulturpolitik lassen sich dabei die Theorien der Außenpolitik fast problemlos verwenden. So können sowohl der Realismus, Liberalismus als auch der Konstruktivismus als die drei Hauptparadigmen der allgemeinen Außenpolitik in gewissen Bereichen der Kulturpolitik Erklärungshilfen leisten, wenn Kulturpolitik als ein spezielles Gebiet der Außenpolitik gesehen wird. Neben diesen „klassischen“ Paradigmen bildete sich mit dem „Zivilmachtansatz“ ein neuer Forschungsstrang in den Internationalen Beziehungen heraus. Universelle Werte wurden dabei als Bestandteil nationaler Interessen gesehen. Aus einem kollektiven Identitätsbewusstsein ergibt sich das Bekenntnis zu einer explizit wertorientierte Außenpolitik. Anfang der 1990er wurde dieses Konzept von Hanns W. Maull auch auf Deutschland angewandt. Ziel dieser Arbeit soll es nun sein zu zeigen, ob und in wieweit die Auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland diesem Konzept gerecht wird. Untersuchungsgegenstand wird dabei die „Konzeption 2000“ sein, die vom Auswärtigen Amt nach ausführlicher Erörterung mit dem Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages, den Ländern und den Bundesressorts als Leitlinie der Auswärtigen Kulturpolitik entwickelt wurde. Die theoretische Hauptfragestellung dieser Arbeit wird dabei lauten, ob und inwieweit die Ziele und Grundsätze der Konzeption 2000 dem Zivilmachtkonzept entsprechen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Deutsche Auswärtige Kulturpolitik
II.1. Organisation
II.2 Konzeptionelle Grundlagen
III. Das Zivilmachtkonzept
III.1 Theoretische Konzeption eines Idealtypen
III.2 Außenpolitische Handlungsmuster und Instrumente einer Zivilmacht
IV. Analyse der Konzeption 2000
IV.1 Zivilmacht und Ziele der Auswärtigen Kulturpolitik
IV.2 Grenzen des Zivilmachtkonzepts für die „Konzeption 2000“
V. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, zu untersuchen, inwieweit die Auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere anhand der „Konzeption 2000“, den Anforderungen und Prinzipien des Zivilmachtkonzepts entspricht.
- Das Zivilmachtkonzept in der deutschen Außenpolitik
- Die Rolle der Auswärtigen Kulturpolitik als „dritte Säule“ der Außenpolitik
- Struktur und Zielsetzung der „Konzeption 2000“ des Auswärtigen Amtes
- Theoretische Grundlagen und Idealtypen einer Zivilmacht
- Grenzen und Anwendbarkeit des Zivilmachtmodells auf kulturenpolitische Prozesse
Auszug aus dem Buch
III.1 Theoretische Konzeption eines Idealtypen
Bei der Bildung des Idealtypus Zivilmacht wird davon ausgegangen, dass durch die zunehmende Interdependenz zwischen Staaten und Regierungen die Rahmenbedingungen der internationalen Politik verändert haben. Die realistische Sichtweise wird dabei als nicht mehr haltbar gesehen, da sie den komplexen Zusammenhängen der Gesellschaft nicht mehr gerecht wird. So stellt Hanns Maull in seinen „14 Thesen für eine neue deutsche Außenpolitik“ (Europa-Archiv. Folge 10/1992) fest, dass „diese Verflechtungen [...] die Autonomie des Nationalstaates und seiner herkömmlichen Sicherheitspolitik mehr oder minder weitgehend ausgehöhlt“ haben. Weiter fordert Maull dabei ein „Neues Denken“ in der Außenpolitik. Um den neuen Herausforderungen gerecht zu werden, soll ein Prozess der Zivilisierung der internationalen Politik erfolgen. Konkret wird damit eine bestimmte Form der Einflussnahme auf den Gang der internationalen Beziehungen beschrieben, die zu deren Verregelung, Verrechtlichung und der Zähmung organisierter Gewaltanwendung beitragen sollen.
Zur weiteren Spezifizierung seines Konzepts sieht Maull den Begriff Zivilmacht als eine Konkretisierung des allgemeinen Rollenkonzepts. Normen und Werten werden dabei eine Eigendynamik zugeschrieben, die das außenpolitische Selbstverständnis prägen. Staatliche Interessen werden zwar weiter verfolgt, aber unterliegen dem direkten Einfluss von Werten und Normen (Kriste/Maull 1997). Der Idealtyp wird wie folgt definiert:
„ Eine Zivilmacht ist ein Staat, dessen außenpolitisches Rollenkonzept und Rollenverhalten gebunden sind an Zielsetzungen, Werte, Prinzipien sowie Formen der Einflussnahme und Instrumente der Machtausübung, die einer Zivilisierung der internationalen Beziehungen dienen.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die gestiegene Bedeutung der Kulturpolitik in der Außenpolitik nach 2001 und führt das Zivilmachtkonzept als theoretischen Analyserahmen für die „Konzeption 2000“ ein.
II. Deutsche Auswärtige Kulturpolitik: Dieses Kapitel erläutert die organisatorische Struktur der deutschen Kulturpolitik sowie die Rolle der Mittlerorganisationen und die konzeptionellen Leitlinien.
III. Das Zivilmachtkonzept: Es wird die theoretische Herleitung des Zivilmachtkonzepts sowie die zugehörigen Handlungsmuster und Instrumente definiert.
IV. Analyse der Konzeption 2000: Hier erfolgt der Kern der Untersuchung, indem die Ziele der „Konzeption 2000“ auf ihre Übereinstimmung mit dem Zivilmachtmodell geprüft und kritische Grenzen aufgezeigt werden.
V. Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit bestätigt, dass Deutschland in der Auswärtigen Kulturpolitik den Ansprüchen einer Zivilmacht weitgehend genügt, weist jedoch auf die theoretischen Herausforderungen hin.
Schlüsselwörter
Auswärtige Kulturpolitik, Zivilmachtkonzept, Außenpolitik, Konzeption 2000, Internationale Beziehungen, Kulturvermittlung, Multilateralismus, Menschenrechte, Demokratieförderung, Konfliktprävention, Hanns Maull, Mittlerorganisationen, Wertegemeinschaft, Friedenssicherung, Normen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie die deutsche Auswärtige Kulturpolitik, reflektiert in der „Konzeption 2000“, als Umsetzung des theoretischen Zivilmachtkonzepts betrachtet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Zivilmachtkonzept nach Hanns Maull, die Strukturen der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik und die normative Ausrichtung der Außenpolitik auf Frieden und Demokratie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob die Ziele und Grundsätze der „Konzeption 2000“ mit den Kriterien einer Zivilmacht korrespondieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen theoretisch-analytischen Ansatz, bei dem ein definierter Idealtypus (Zivilmacht) mit dem tatsächlichen Politikdokument (Konzeption 2000) verglichen wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Zivilmachtkonzepts und eine detaillierte Analyse der „Konzeption 2000“ im Hinblick auf Wertegebundenheit, Dialogförderung und Institutionenbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Zivilmacht, Auswärtige Kulturpolitik, Normen, Multilateralismus und Konfliktprävention maßgeblich charakterisiert.
Inwiefern beeinflusst das Grundgesetz die Kulturpolitik als Zivilmacht?
Das Grundgesetz sichert die Kulturfreiheit und den Pluralismus, was für eine Zivilgesellschaft essenziell ist, jedoch gleichzeitig die direkte staatliche Kontrolle der Kulturpolitik einschränkt.
Was sind die Grenzen des Zivilmachtkonzepts laut der Autorin?
Die Autorin kritisiert, dass das Konzept innenpolitische Prozesse weitgehend ausblendet und bei der Annahme eines einheitlichen rationalen Akteurs an seine Grenzen stößt.
- Quote paper
- Carolin Kinder (Author), 2003, Das Zivilmachtkonzept in Deutschlands Auswärtiger Kulturpolitik , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56683