Die Diskussion um den Umgang mit anderssprachlichen Elementen in unserer Sprache ist beinahe so alt wie die Sprache selbst: Fremdwörter gaben immer wieder Anlass für Debatten. Während im 17. und 18. Jahrhundert nur vereinzelt von Sprachpuristen und –pflegern die Rede ist, verdichten sich im 19. und 20. Jahrhundert die Reihen derer, die sich dazu berufen fühlen, ihre Muttersprache vor fremdsprachlichen Einflüssen zu schützen und zu säubern. War der Sprachpurismus im 17. und 18. Jahrhundert nur dem lateinischen und französischen Anteil an Fremdwörtern im Deutschen gewidmet, so beginnt sich sein Augenmerk ab dem 19. Jahrhundert verstärkt auf den stetig wachsenden Einfluss des Englischen zu richten. Zwar gruppieren sich bereits um 1617 fremdwortpuristisch motivierte Sprachpfleger zur Fruchtbringenden Gesellschaft, doch erst im 19. Jahrhundert kommt es zu einer Blüte der Fremdwortübernahme, und gleichzeitig zu einem radikalen Anstieg der Gegenschläge von Sprachpuristen, die gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts oft über eine bloße Meinungsäußerung hinausgehen.
Der „Naturtrieb, das Fremde von sich abzuhalten“, von dem Jacob Grimm schreibt, scheint also gleichsam als ein Thermometer der Gesellschaft zu fungieren: Jede Welle der Fremdwortübernahme bringt die Sprachkritik in Wallung, jeder Import von ausländischem Wortgut ruft den ein oder anderen Sprachpuristen auf den Plan.Der durch das Aufkommen von Fremdwörtern ausgelöste Purismus zieht wiederum meist eine Gegenreaktion nach sich. So spricht sich beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe, einer der ersten Kritiker des Fremdwortpurismus, dagegen aus, fremdsprachliche Elemente zu verpönen, und plädiert dafür, sie „produktiv aufzunehmen". Da also der Fremdwortpurismus als eine direkte Reaktion auf das vermehrte Vorkommen von fremdsprachlichen Elementen in der Sprache verstanden werden kann, ergeben sich somit für den speziellen Fall des englischen Einflusses auf das Deutsche im 19. und frühen 20. Jahrhundert zwei zentrale Fragen
a. Welche Gründe können für den rasanten Anstiegder englischsprachigen Fremdwörter während dieser Periode angeführt werden?
b. Welche Lebensbereiche sind besonders betroffen?
Die vorliegende Arbeit soll besonders diese beiden Aspekte beleuchten und das gefühlte und tatsächliche Ausmaß des englischsprachigen Einflusses im 19. und frühen 20. Jahrhundert aus der Sicht von Zeitzeugen um die Jahrhundertwende und vom heutigen Standpunkt aus umreißen.
Gliederung
0. Einleitung: Fremdwort und Sprachpurismus
1. Die Übernahme englischsprachiger Elemente bis 1945
1.1. Soziale und politische Voraussetzungen
1.1.1. Das 18. Jahrhundert (Exkurs)
1.1.2. Das 19. und 20. Jahrhundert
1.2. Bereiche der Übernahme englischsprachiger Elemente
1.2.1. Gesellschaft und häusliches Leben
1.2.2. Technik, Handel und Industrie
1.2.3. Mode
1.2.4. Politik
2. Die „Engländerei“ aus der Sicht von Zeitzeugen
2.1. Hermann Dunger: Engländerei in der deutschen Sprache
2.2. Friedrich Kluge: Deutsche Sprachgeschichte
3. Fazit und Ausblick: „Engländerei“ – gestern und heute
3.1. Parallelen zwischen anfänglichem und aktuellem Spracheinfluss
3.2. Englischer Spracheinfluss – Schaden oder Nutzen?
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den englischsprachigen Einfluss auf die deutsche Sprache im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Dabei wird analysiert, inwieweit soziale, politische und technologische Faktoren die Übernahme von Anglizismen begünstigten und welche Reaktionen dieser Prozess bei Sprachpuristen und Zeitzeugen hervorrief.
- Historische Voraussetzungen der Entlehnungsprozesse bis 1945
- Analyse betroffener Lebensbereiche wie Gesellschaft, Technik und Mode
- Die Rolle von Sprachpurismus und zeitgenössischer Sprachkritik
- Vergleich zwischen historischem Spracheinfluss und aktuellen Entwicklungen
- Untersuchung der Rolle von Fremdsprachenkenntnissen und gesellschaftlicher Abgrenzung
Auszug aus dem Buch
1.2. Bereiche der Übernahme englischsprachiger Elemente
Dass gerade Westdeutschland während der Besatzungszeit nach 1945 aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen mit Amerika einer Welle englischsprachiger Entlehnungen ausgesetzt ist, erklärt sich aus der Situation selbst. Dass jedoch auch im Vorfeld die Entlehnungen an Quantität zulegen, lässt sich vor allem durch das „zunehmende[…] wirtschaftliche[…] und kulturelle[…] Gewicht[…]“ Großbritanniens und Amerikas ableiten. Wie der französische train de vie für die vorhergehenden Generationen maßgebend ist, so richtet das Deutschland des späten 19. Jahrhunderts sein bewunderndes Augenmerk auf den way of life Großbritanniens und Amerikas.
1.2.1. Gesellschaft und häusliches Leben
Der kulturelle Einfluss lässt sich bereits im Kleinen anhand der im Laufe des späten 19. und 20. Jahrhunderts in Mode kommenden Vornamen festmachen: Schon vor der Jahrhundertwende finden sich immer häufiger die Namen „Harold, James, John, Oliver, Percy, William […], Bob […], Charley […], Alice, Annie“ und dergleichen mehr. Des Weiteren bedient sich die deutsche Gesellschaft bereits seit 1850 im häusliche Bereich der Bezeichnungen Baby (Kleinkind), Nurse (Kindermädchen), Cottage (verdeutscht auch Kottage, Landhäuschen) und (Water) closett, später auch schamhaft zu WC abgekürzt.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Fremdwort und Sprachpurismus: Einführung in die Thematik der Sprachkritik sowie die historischen Hintergründe des Kampfes gegen fremdsprachliche Einflüsse im Deutschen.
1. Die Übernahme englischsprachiger Elemente bis 1945: Darstellung der historischen Entwicklung und der sozialen Rahmenbedingungen, die den zunehmenden englischen Einfluss auf das Deutsche ermöglichten.
1.1. Soziale und politische Voraussetzungen: Untersuchung der historischen Zäsuren, wie der Industrialisierung, die den Nährboden für sprachliche Entlehnungen bildeten.
1.1.1. Das 18. Jahrhundert (Exkurs): Blick auf die Rolle Englands als kulturelles und technisches Vorbild vor dem 19. Jahrhundert.
1.1.2. Das 19. und 20. Jahrhundert: Analyse der beschleunigten Entlehnungsprozesse und der Bedeutung von technologischem Fortschritt und Bildung.
1.2. Bereiche der Übernahme englischsprachiger Elemente: Detaillierte Betrachtung der Sektoren, in denen englische Begriffe besonders häufig Einzug hielten.
1.2.1. Gesellschaft und häusliches Leben: Beschreibung der Integration englischer Begriffe in Alltag, Vornamen und Ernährungsgewohnheiten.
1.2.2. Technik, Handel und Industrie: Aufzeigen des englischen Einflusses in den Bereichen Wirtschaft, Verkehr und technologische Erfindungen.
1.2.3. Mode: Untersuchung der englischen Vorbildrolle in Kleidung und Stil im Vergleich zum dominierenden französischen Einfluss.
1.2.4. Politik: Analyse von Lehnübersetzungen politischer Fachbegriffe und parlamentarischer Amtstitel aus dem Englischen.
2. Die „Engländerei“ aus der Sicht von Zeitzeugen: Darstellung der zeitgenössischen Sprachwissenschaft und der Kritik an der zunehmenden Verwendung von Anglizismen.
2.1. Hermann Dunger: Engländerei in der deutschen Sprache: Zusammenfassung der Thesen von Hermann Dunger und seiner Kritik an der „Englisch-deutschen Mischsprache“.
2.2. Friedrich Kluge: Deutsche Sprachgeschichte: Einordnung von Kluges Sichtweise im Kontext des Sprachnationalismus und der Forderung nach Sprachreinheit.
3. Fazit und Ausblick: „Engländerei“ – gestern und heute: Zusammenführung der Ergebnisse und Vergleich mit der heutigen Situation des Denglisch.
3.1. Parallelen zwischen anfänglichem und aktuellem Spracheinfluss: Erläuterung der Gemeinsamkeiten in den Ursachen von Sprachwandel über verschiedene Jahrhunderte hinweg.
3.2. Englischer Spracheinfluss – Schaden oder Nutzen?: Kritische Reflexion über die Auswirkungen des Spracheinflusses und die Notwendigkeit des interkulturellen Güteraustauschs.
Schlüsselwörter
Anglizismen, Fremdwortpurismus, Sprachgeschichte, Engländerei, Hermann Dunger, Friedrich Kluge, Industrialisierung, Sprachwandel, kultureller Austausch, Sprachkritik, Entlehnungen, Lehnübersetzungen, deutsche Sprache, Sprachbewusstsein, Globalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beleuchtet den historischen Prozess der Übernahme englischsprachiger Elemente in den deutschen Wortschatz während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Die Arbeit fokussiert auf die Bereiche Gesellschaft, Technik, Handel, Politik und Mode, in denen der englische Einfluss besonders deutlich durch Entlehnungen sichtbar wurde.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Gründe für den Anstieg englischsprachiger Begriffe zu identifizieren und die zeitgenössische Kritik von Sprachpuristen sowie die tatsächliche sprachliche Entwicklung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt einen deskriptiven und historisch-analytischen Ansatz, indem sie auf zeitgenössische Literatur, historische Studien und Sprachbeispiele zurückgreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die soziale und politische Entstehungsgeschichte, eine detaillierte Sektorenanalyse der Entlehnungen sowie eine Untersuchung der damaligen Sprachkritik durch Zeitzeugen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Zu den zentralen Begriffen zählen Anglizismen, Sprachpurismus, Sprachwandel, Industrialisierung sowie die spezifische zeitgenössische Bezeichnung „Engländerei“.
Welche Rolle spielte die Industrialisierung für die Entlehnungen?
England galt als technologischer Vorreiter der Industrialisierung, wodurch viele englische Fachbegriffe aus Technik und Wirtschaft in den deutschen Wortschatz einflossen.
Warum war der Sprachpurismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts so ausgeprägt?
Der Sprachpurismus verstärkte sich als Reaktion auf die zunehmende Übernahme englischer Wörter und als Ausdruck eines erwachenden nationalen Sprachbewusstseins nach der Reichsgründung.
Wie unterscheidet sich die Bewertung des Einflusses zwischen Hermann Dunger und der heutigen Zeit?
Während Dunger den Einfluss als „Mischsprache“ scharf kritisierte und ablehnte, wird der Austausch heute oftmals als notwendiger Prozess der Globalisierung und des kulturellen Güteraustauschs betrachtet.
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- Christiane Abspacher (Author), 2006, Der englischsprachige Einfluss auf die deutsche Sprache im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56773