Verbundausbildung - Ausbildungsform der Zukunft?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
19 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Geschichte der Verbundausbildung
2.1. Gilden
2.2. Zunft
2.3 Nationalsozialismus

3. Verbundausbildung versus Ausbildungsverbund

4. Die vier Arten der Verbundausbildung
4.1. Verbundausbildung mit Stammbetrieb
4.2. Verbundausbildung im Konsortium
4.3. Verbundausbildung im Verein
4.4. Auftragsausbildung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was ist Verbundausbildung? Warum macht man Verbundausbildung? Sogar die Parteiprogramme der SPD und der PDS für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2006 beschäftigen sich mit diesem Thema.[1] Trotzdem ist diese Art der Ausbildung in der Bevölkerung relativ unbekannt. Die zentralen Ziele der Verbundausbildung sind Q sindualitätssteigerung der Lehre und ein höheres Ausbildungsplatzangebot. Ob diese Ziele die Verbundausbildung wirklich erfüllt, werde ich in dieser Hausarbeit erörtern.

Mein Ziel ist es zu erklären, was sich hinter dem Begriff Verbundausbildung verbirgt und wie Verbundausbildung in der Realität umgesetzt wird. Dazu werde ich zurück in die Geschichte blicken, um aufzuzeigen, dass Verbundausbildung keine modische Erscheinung ist, sondern eine traditionelle Ausbildungsform. Außerdem möchte ich die klassischen Verbundausbildungsmodelle erklären und die Vor- und Nachteile darlegen.

Ich möchte zunächst in die Geschichte blicken, weil es schon vor einigen Jahrhunderten Verbundausbildung gab. Wie diese genau aussah, werde ich versuchen zu verdeutlichen. Eventuell können aus den Darstellungen der Geschichte Schlussfolgerungen gezogen werden, die nützlich für die aktuelle Diskussion um Verbundausbildung sind. Wir - die heutige Gesellschaft - können nicht nur aus den Fehlern der Vergangenheiten lernen, sondern auch aus den positiven Erfahrungen und aus den Prozessen der Veränderung. Damit meine ich, dass aus der Veränderungen der Verbundsausbildung Rückschlüsse für aktuelle Reformbemühungen gezogen werden können. Außerdem ist es sinnvoll auf die Begriffsgeschichte einzugehen. Wie Rosa gezeigt hat[2], lassen sich aus der Rekonstruktion des Gebrauchs und der Nutzung des Begriffs Verbundausbildung interessante Erkenntnisse ableiten.

Die Diskussion um Verbundausbildung verstärkte sich in den letzten Jahren, weil seit den 80er Jahren folgende Probleme im traditionellen Ausbildungsbereich auftreten. Zum Einem gibt es mehr Ausbildungsnachfrager als das Ausbildungsangebot bietet. Außerdem treten weitere Probleme innerhalb der Betriebe immer mehr in den Vordergrund. Betriebe können für Ausbildung nicht groß genug sein oder sie sind zu spezialisiert[3]. Die Finanzierung ist ebenfalls manchmal schwierig. Es ist auch möglich, dass Betriebe fachlich oder organisatorisch nicht in der Lage sind auszubilden. Die neuen Probleme beruhen auf Veränderungen der Rahmenbedingungen. Die Veränderungen wie die fortschreitende Globalisierung haben einen Prozess in Gang gesetzt, der zum Ergebnis hatte, dass nun auch vermehrt Verbundausbildung durchgeführt wird. Ein Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung vom 27.01.2006 verdeutlicht, dass in der Ausbildung im Verbund ein möglicher Weg aus der Ausbildungsmisere sein könnte.[4]

2. Geschichte der Verbundausbildung

Die Verbundidee war schon mehrmals in der Geschichte verbreitet. Zur Zeit des dritten Reiches und im Mittelalter ist die Verbundidee besonders bekannt gewesen. Zunächst möchte ich auf den Zeitabschnitt im Mittelalter genauer eingehen. Verbundausbildung war keine zufällige Erscheinung in dieser Zeit.[5] So wurde ab ca. 1200 bis zum Ende des Spätmittelalters in den Zünften und Gilden Verbundausbildung betrieben. Die Gilden mussten wegen dem aufkommenden Fernhandel die Qualität ihrer Ausbildung steigern. Wie dies genau aussah, werde ich im Punkt 2.1 aufzeigen. Die Zünfte nutzten dagegen Verbundausbildung vor allem als Lösung bei Ausbildungsnotfällen.

Wie gerade erwähnt, breiteten sich die Städte und damit auch der Fernhandel im Mittelalter immer mehr aus. Durch diese Ausbreitung wurde die Verbundausbildung immer wichtiger. Die Städte bildeten eine gute Voraussetzung für die Ausbildung im Verbund, da sie eine volkswirtschaftliche Struktur aufwiesen und die Arbeitsteilung sich immer mehr verbreitete. Durch diese Arbeitsteilung ist eine berufsspezifische Ausdifferenzierung möglich geworden.[6] Die Ausdifferenzierung gab es in einer ständisch geordneten Gesellschaft nicht, weil der größte Teil der Konsumenten so genannte Selbstversorger waren. Dies bedeutet, dass jede Familie fast alles selbst herstellte, was sie zum Leben brauchte. Erst mit den größeren Städten änderte sich diese Situation. Es bildeten sich u.a. genossenschaftliche Vereinigungen heraus. So schlossen sich die Kaufleute in Gilden zusammen und die Handwerker in Zünfte.[7]

2.1. Gilden

Sowohl die Gilden als auch die Zünfte formulierten Vorschriften zur Berufsausbildung. Die Lehrlingsausbildung wurde dadurch ausgeweitet und dies wirkte sich ebenfalls auf die Verbundausbildung aus. So tauschten Kaufleute ihre Söhne aus, um sie jeweils in Lehre zu nehmen. Sie machten diesen Austausch, weil sich der Handel geografisch deutlich ausweitete. Deshalb brauchten die Kaufleute Partner oder einen 2. Standort. Durch die Partner bzw. zweiten Standort war es für die Kaufleute relativ einfach, ihre Lehrlinge in eine andere Stadt zu schicken. So schickten z.B. Kaufleute aus dem südlichen deutschsprachigen Raum ihre Lehrlinge nach Venedig, weil diese Stadt ein Handelszentrum in der damaligen Zeit gewesen ist.

Natürlich sollte der Austausch von Lehrlingen bzw. die Ausbildung teilweise an einem anderen Standort auszuüben nützlich sein. Folgende Punkte hatten damals eine besondere Bedeutung. Die Fertigkeiten und Kenntnisse, die die Auszubildenden im Ausland erlangten, waren oft größer als am Heimatort.[8] Außerdem bewirkte die räumliche Änderung und die Lehre in anderen Kaufmannshäusern eine deutliche Ausweitung des persönlichen Horizontes bei dem Auszubildenden. So war es für den Lehrling deutlich einfacher zu verstehen, wie der Handel in Venedig ablief, wenn er dort eine Weile gelebt hat. Dieses Argument gewinnt zusätzlich an Stärke, wenn man sich die damaligen Verhältnisse vergegenwärtigt. Es war damals nicht normal, seine kleine Region zu verlassen und es gab keine Zeitung und schon gar keine elektronischen Kommunikationsmittel. Dadurch war es um ein Vielfaches schwerer einen Eindruck über eine fremde Region bzw. Stadt zu erhalten. Letztlich konnte der Lehrling nach dem Aufenthalt im Ausland viel besser abschätzen, wie er mit dieser Stadt handeln konnte und womit er rechnen musste. Ein weiterer wichtiger positiver Aspekt der Verbundausbildung im Ausland war, dass der Lehrling eine Fremdsprache erlernte.

Von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Anfang des 16. gab es drei wesentliche Ausbildungsformen in den Hansestädten[9] bei den Kaufleuten:

- Ausbildung ausschließlich in einem der Kontore[10]
- Ausbildung im Hause des Kaufmanns, auf See und in einem anderen Kontor
- Ausbildung im Hause des Kaufmanns, auf See und in mehreren Niederlassungen der Hanse[11]

Die drei Ausbildungsformen sind Arten der Verbundausbildung und sie waren die vorherrschende Ausbildungsform bei den hansischen Kaufleuten. Die Ausbildung im Verbund garantierte eine Qualitätssteigerung durch die geografische Änderung. Die Lehrlinge erlebten eine fremde Umwelt, einen anderen Arbeitsstil, ein anderes Arbeits- und Sozialklima und andere Einkaufs- und Verkaufssituationen. Die Zünfte hatten gegenüber den Gilden eine andere Idee von Verbundausbildung.

2.2. Zunft

Eine Zunft war eine Vereinigung von Handwerkern, die einer Art von Handwerk nachgingen.[12] Verbundausbildung wurde nur bei bestimmten Anlässen angewandt. Ein Anlass war der Tod des Lehrherrn. Da der Auszubildende in diesem Fall schlecht weiter ausgebildet werden kannte, wurde für ihn ein neuer Lehrherr gesucht, wo er seine Ausbildung beenden konnte. Ein weiterer Anlass war der Tod der Frau des Lehrherrn. Dieser Anlass erscheint zunächst merkwürdig aber er lässt sich durch die Situation des Lehrlings erklären. Der Lehrling wohnte nämlich während der Ausbildung bei der Familie des Lehrherrn. Wenn nun die Frau des Lehrherrn starb, dann hatte dieser Umstand auch enorme Auswirkungen auf die Ausbildung des Lehrlings, da das ganze soziale Gefüge sich änderte. Der Lehrherr war in diesem Fall verpflichtet seinem Lehrling einen neue Ausbildungsfamilie zu suchen.[13]

Streitigkeiten zwischen dem Lehrling und dem Lehrherrn konnten auch ein Anlass für Verbundausbildung sein. Wenn die Streitigkeiten zwischen beiden Parteien so groß wurden, dass durch Aussprachen und ähnlichem nicht mehr beizulegen waren, dann konnte der Lehrling seine Ausbildung in einem anderen Betrieb fortsetzen. Der letzte Anlass für die Verbundausbildung ist gewesen, wenn der Lehrherr aus der Zunft ausgeschlossen wurde. Ein Lehrling konnte nur selbst einmal Lehrherr werden, wenn dieser auch einen Abschluss bei einem Lehrherr erhalten hat. Sollte der Lehrherr nun ausgeschlossen werden, dann musste der Auszubildende wechseln. Ohne den Wechsel war ein erfolgreicher Abschluss der Lehre nicht möglich.[14]

Die Anlässe verdeutlichen, dass die Verbundausbildung in den Zünften den Charakter einer Notlösung hatte. Es waren lediglich Ausnahmen, wo die Verbundausbildung erfolgte. Den Zünften ging es primär um den Qualitätserhalt begonnener Berufsausbildungen. Dieses Ziel ist ein großer Unterschied zu dem Ziel der Gilden, denn dort ging es primär um Qualitätssteigerung und nicht um Qualitätserhalt.

[...]


[1] Vgl. SPD S.11; PDS S.7

[2] Vgl. Rosa; Ideengeschichte und Gesellschaftstheorie; Politische Vierteljahresschrift; 35. Jg; Heft 2; S. 197-223

[3] Vgl. Njisten, Schlottau; Grenzüberschreitende Verbundausbildung; S.21

[4] Vgl. Ernst Sabine; Projekt macht fit für Lehrstelle; in: Mitteldeutsche Zeitung; 27.01.2006; S. 3

[5] Vgl. Mühlhausen; Verbundausbildung im Dualen System der Berufsausbildung; Hohengehren; 1992, S.61

[6] Vgl. http://www.lehnswesen.de/page/html_stadt.html

[7] Vgl. Mühlhausen; Verbundausbildung; S.69

[8] Vgl. Mühlhausen; Verbundausbildung; S.78

[9]“ Hansestädte waren die Städte, die sich der mittelalterlichen Handelsorganisation Hanse angeschlossen hatten. Der Verbund der Städte in der Hanse war sehr lose und wurde mit keinem Vertrag o. ä. beschlossen.”: http://de.wikipedia.org/wiki/Hansestadt

[10] Kontore sind Handelshöfe Vgl. http://www.cma.d-r.de/dr,cma,005,2002,a,01.pdf

[11] Vgl. Mühlhausen; Verbundausbildung; S.80

[12] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Zunft

[13] Vgl. Mühlhausen; Verbundausbildung; S.98

[14] Vgl. Mühlhausen; Verbundausbildung; S.104

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Verbundausbildung - Ausbildungsform der Zukunft?
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Berufs- und Betriebspädagogik)
Veranstaltung
Transformationsprozesse der beruflichen Bildung
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V56815
ISBN (eBook)
9783638514057
ISBN (Buch)
9783640492275
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Verbundausbildung ist ziemlich unbekannt aber sehr interessant. Diese Ausbildungsform kann eine bedeutsame alternative Ausbildungsform zur primär durchgeführten Ausbildung werden. Die existierende Materiallage zu dem Thema ist bisher sehr dünn.
Schlagworte
Verbundausbildung, Ausbildungsform, Zukunft, Transformationsprozesse, Bildung
Arbeit zitieren
René Sternberg (Autor), 2006, Verbundausbildung - Ausbildungsform der Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56815

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