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Die Erzählungen von Alexander Kluge

Grundstrukturen und thematische Schwerpunkte des Klugschen Erzählwerkes am Beispiel des Erzählkomplexes "Die Ostertage 1971"

Title: Die Erzählungen von Alexander Kluge

Thesis (M.A.) , 2004 , 101 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Antje Hellmann (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Drei dicke Bände mit einem Gewicht von schätzungsweise drei Kilo vereinen das erzählerische Gesamtwerk von Alexander Kluge. Im Jahr 2000 erschien die Chronik der Gefühle mit den zwei Bänden Basisgeschichten und Lebensläufe,die sowohl die teilweise überarbeiteten Erzählungen aus den 60er-, 70er- und 80er- Jahren als auch zahlreiche neue enthalten, die in den 90ern vor allem unter dem Eindruck der Wende und dem Zerfall der Sowjetunion entstanden sind. Kluge betrachtet alle diese Geschichten als eine Einheit. 2003 veröffentlichte er weitere 500 Erzählungen unter dem GesamttitelDie Lücke, die der Teufel läßt. Im Vorwort schreibt er, dass damit „die SUCHE NACH ORIENTIERUNG“ fortgesetzt wird, aber unter einem neuen Erzählinteresse. Während in derChronik der Gefühle„die subjektive Seite, d.h. das menschliche Gefühl und die Zeit“ eine Rolle spielten, und es darum ging, „die Lücken zu finden, in denen sich Leben bewegt“, tritt in dem neuen Erzählband „die Geisterwelt der objektiven Tatsachen“ stärker in den Vordergrund. In Kluges Geschichten wird die Frage verhandelt, welchen Anteil subjektive Gefühle und objektive Tatsachen an der Konstitution der Welt, an der Vorstellung von Realität und Wahrheit haben. Schon die frühen Geschichten von Kluge beschäftigen sich mit der Welt der Tatsachen, und meistens erscheint diese als übermächtig. Die Erzählungen von 1973, die unter dem Titel Lernprozesse mit tödlichen Ausgang erstmalig veröffentlicht wurden, bezeichnet Wilhelm Heinrich Pott als „durchweg melancholisch“. Ähnlich wie auch schon in dem 1962 erschienenen ErzählbandLebensläufe wird über die Menschen in der Bundesrepublik, im prosperierenden Nachkriegsdeutschland mit einer „seismographische[n] Empfindlichkeit für die Regungen des Alltags“ berichtet. Kluge, dem es darum geht, Zusammenhänge in der Gesellschaft sichtbar zu machen, wendet sich in einer Spektralanalyse allen sozialen Schichten und Generationen zu. Insbesondere interessieren ihn die gehobenen Mittelschichten; Ingenieure, Offiziere, Juristen, Ärzte, Philologen, generell Wissenschaftler. Ins Blickfeld geraten aber auch Arbeiter, Hausfrauen, Verkäuferinnen sowie diverse Vertreter der Unterwelt, Kriminelle, Zuhälter und Prostituierte. Es sind keine Erfolgsgeschichten. Das Leben der Menschen ist seltsam gefangen. [...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. ARBEIT UND LEBEN

3. GRUNDLEGENDE ERZÄHLTECHNISCHE MITTEL

3.1 DAS PARADIGMATISCHE ERZÄHLEN AM BEISPIEL VON PFÖRTLS REISE

3.2 PERSPEKTIVWECHSEL, PARODIE, KOMIK UND IRONIE

3.3 DAS PRINZIP DER MONTAGE

3.4 FIKTION ODER AUTHENTIZITÄT ODER FIKTIVE AUTHENTIZITÄT

3.5 DIE HERSTELLUNG VON „ZUSAMMENHANG“

4. DIE DURCH DIE ARBEITSZEIT DIALEKTISCH DEFINIERTE FREIZEIT

4.1 GRENZEN DER INDIVIDUELLEN ERFAHRUNGSBILDUNG

4.2 ÜBERTRAGUNG DES PRODUKTIONSRHYTHMUS AUF DIE FREIZEIT

4.3 MEHR SCHEIN ALS SEIN – DIE TOTALVERWEIGERUNG DES CHEFFAHRERS LÖWE

4.4 DIE ENTFREMDUNG VOM EIGENEN KÖRPER BEIM CHEMIKER DRALLE

4.5 AUSWIRKUNGEN AUF DAS BEZIEHUNGSLEBEN

4.5.1 Nichts fließt bei der Jugend

4.5.2 Resignation im Familienleben

4.6 DIE FLUCHT IN DEN KONSUM

5. DER DISKURS ÜBER DIE ENTFREMDUNG

5.1 ENTFREMDUNG VOM NATURZUSTAND BEI ROUSSEAU

5.2 WIEDERERLANGUNG DER GANZHEITLICHKEIT DURCH HÖHERE KUNST BEI SCHILLER

5.3 DIE UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN LEBENDIGER UND TOTER ARBEIT BEI MARX

5.4 DAS BESONDERE IM WÜRGEGRIFF DES ALLGEMEINEN BEI ADORNO

5.5 WERTIGKEIT DER PHILOSOPHISCHEN THEORIEN

6. DER SYSTEMABHÄNGIGE DENKER

6.1 WORAN LEIDET PHILIPP DALQUEN?

6.2 THEORIE VERSUS PRAXIS

6.3 KEINE GRENZEN FÜR DIE UNENDLICHE ANSTRENGUNG

7. DAS STÖRPOTENTIAL DER FREIZEIT - DIE UNGLÜCKE NEHMEN ZU

8. DAS AUF ARBEIT PROGRAMMIERTE INDIVIDUUM

8.1 DAS WUNDER DES VERSCHWUNDENEN STEINS

8.2 KURZURLAUB ALS SCHNELLREPARATUR AM BEISPIEL DER FRAU MÜCKERT

8.3 JEDER NACH SEINEN FÄHIGKEITEN, KEINEM NACH SEINEN BEDÜRFNISSEN

8.4 RACHE - SCHLAG UND GEGENSCHLAG

8.4.1 Verlust der Selbstkontrolle bedeutet Zeitverlust

8.4.2 Die Rache für verlorene Zeit und ungelebtes Leben

8.4.3 Die rationalisierte Liebesbeziehung

8.4.4 Der unsympathische Held

9. MUTZLAFFS OSTERN

9.1 DIE WOHNVERHÄLTNISSE

9.2 EINSAME AUSGLEICHSBEWEGUNGEN

9.3 POESIE UND KREATIVITÄT

9.4 AUF DER SUCHE NACH DER POESIE

9.5 DAS VERSAGEN DER KULTURINDUSTRIE BEI DER BEFRIEDIGUNG MENSCHLICHER SEHNSÜCHTE

9.6 MUTZLAFFS GEGENOSTERN

10. WEITERFÜHRENDE ZUSAMMENFASSUNG

10.1 DIE WIDERSTÄNDIGEN GEFÜHLE ALS ZEUGNIS EINES FALSCHEN LEBENS

10.2 HUMOR UND AUFKLÄRUNG BEI KLUGE

10.3 DIE THEMATISCHEN BASISEINHEITEN DES ZUSAMMENHANGS

10.3.1 Die Ostertage 1971 als Grundbaustein des zusammenhängenden Denkens

10.3.2 Lernprozesse mit tödlichem Ausgang

10.3.3 Lebensläufe

10.3.4 Schlachtbeschreibung

10.3.5 Neue Geschichten

10.3.6 Chronik der Gefühle

10.3.7 Die Lücke, die der Teufel lässt

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die von Alexander Kluge verwendeten Erzähltechniken vorrangig am Beispiel der Erzählung Die Ostertage 1971 und fragt nach den Gründen ihrer Anwendung, wobei das zentrale Forschungsinteresse auf dem Verhältnis von Arbeit und Freizeit als Ausdruck von Sinn- und Lebenszusammenhängen in der Moderne liegt.

  • Analyse der erzähltechnischen Mittel (Montage, Perspektivwechsel, fiktive Authentizität)
  • Untersuchung der Dialektik von Arbeitszeit und Freizeit
  • Diskurs über Entfremdung im Kontext kritischer Theorie und Philosophie
  • Das Individuum als "systemabhängiger" Akteur in einer ökonomisch strukturierten Welt
  • Das Störpotential der Freizeit und die Rolle von Konsum als Ersatzbefriedigung

Auszug aus dem Buch

3.1 Das Paradigmatische Erzählen am Beispiel von Pförtls Reise

Das Geschichtenerzählen ist für Kluge ein Mittel, seine theoretischen Gedanken zu veranschaulichen: „Kluge personalisiert eine abstrakte Erkenntnis, um sie einem Publikum aus ’Nicht-Theoretikern’ zu vermitteln“. Dahinter steht ein konkreter Erzählansatz, wie Bosse mit einem Zitat aus Öffentlichkeit und Erfahrung belegt:

„Es ist durchaus denkbar, daß sich Theorie und vermittelte Erfahrung überhaupt nur dann auf Nicht-Theoretiker übertragen lassen, wenn sie sich durch eine Person, und zwar durch deren Verhalten, Gesten, persönliche Integrität ausdrückt. Vermittelte Erfahrung muß unmittelbar nachgeahmt und nicht nur als Gedanke und Ergebnis angenommen werden können.“

Zusammenfassung der Kapitel

1. EINLEITUNG: Einführung in Kluges erzählerisches Gesamtwerk und die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich der Konstitution von Realität und der Rolle von Gefühlen.

2. ARBEIT UND LEBEN: Untersuchung der fallstudienartigen Parallelgeschichten in Die Ostertage 1971 und die Demontage konventioneller Vorstellungen von Freizeit.

3. GRUNDLEGENDE ERZÄHLTECHNISCHE MITTEL: Analyse der ästhetischen Verfahren, insbesondere der Montage, der Fiktion und der Herstellung von Zusammenhang bei Kluge.

4. DIE DURCH DIE ARBEITSZEIT DIALEKTISCH DEFINIERTE FREIZEIT: Darstellung, wie der industrielle Produktionsrhythmus die Freizeitgestaltung dominiert und zu Entfremdung führt.

5. DER DISKURS ÜBER DIE ENTFREMDUNG: Theoretische Einordnung der Entfremdungsthematik durch Rückgriff auf Rousseau, Schiller, Marx und Adorno.

6. DER SYSTEMABHÄNGIGE DENKER: Analyse des Protagonisten Philipp Dalquen und dessen gescheiterten Versuchs, sich durch Theorie vom Produktionsalltag zu emanzipieren.

7. DAS STÖRPOTENTIAL DER FREIZEIT - DIE UNGLÜCKE NEHMEN ZU: Untersuchung der These, dass eine nicht organisierte Freizeit als Störung des Produktionssystems wahrgenommen wird und zu Unglücksfällen führt.

8. DAS AUF ARBEIT PROGRAMMIERTE INDIVIDUUM: Analyse von Fallbeispielen, die das Individuum als durch Arbeit determiniertes Subjekt zeigen, inklusive einer Auseinandersetzung mit Rachemotiven.

9. MUTZLAFFS OSTERN: Zusammenfassende Analyse der Figur Mutzlaff und seiner Versuche, Poesie und Sinn in einer durch Technik dominierten Welt zu finden.

10. WEITERFÜHRENDE ZUSAMMENFASSUNG: Abschließende Synthese über die widerständige Kraft der Gefühle und die gesellschaftskritische Funktion der offenen Textformen Kluges.

Schlüsselwörter

Alexander Kluge, Die Ostertage 1971, Arbeit, Freizeit, Entfremdung, Montage, Literaturwissenschaft, Kritische Theorie, Produktionsrhythmus, Sinnstiftung, Erzähltechnik, Kulturindustrie, Subjektivität, Gesellschaftsanalyse, Systemabhängigkeit.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht das erzählerische Werk von Alexander Kluge, insbesondere den Komplex "Die Ostertage 1971", und beleuchtet die strukturellen Wechselwirkungen zwischen Arbeitswelt, Freizeitgestaltung und individueller Sinnsuche.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Die zentralen Themen umfassen die Entfremdung des Menschen durch industrielle Arbeit, das Versagen der Kulturindustrie bei der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und die ästhetischen Mittel, mit denen Kluge diese gesellschaftlichen Prozesse darstellt.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, mit welchen erzähltechnischen Mitteln Kluge den "Zusammenhang" in einer modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft darstellt und wie seine Figuren mit dem Sinnentzug umgehen.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Es wird eine Kombination aus detaillierter Textanalyse der Erzählungen und einer Interpretation unter Einbeziehung philosophischer und soziologischer Theorien (insbesondere der Kritischen Theorie) angewandt.

Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?

Im Hauptteil werden die einzelnen Erzählungen analysiert, wobei der Fokus auf dem "Störpotential" der Freizeit, den gescheiterten Versuchen der Lebensgestaltung durch Charaktere wie Döllsdorf oder Dalquen und der Rolle der Montage als ästhetisches Prinzip liegt.

Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?

Zentral sind Begriffe wie Arbeitsteilung, entfremdete Arbeit, Montageprinzip, Subjekt-Objekt-Verhältnis und das "Kristallgitter" als Strukturmodell für das Erzählen.

Warum wird gerade der Erzählkomplex "Die Ostertage 1971" als Hauptbeispiel gewählt?

Dieser Erzählkomplex vereint laut der Autorin viele wesentliche erzähltechnische Besonderheiten Kluges und bietet ein breites Spektrum an Protagonisten, die in ihrem Verhältnis zur Arbeits- und Freizeitwelt exemplarisch analysiert werden können.

Was ist die Schlussfolgerung der Arbeit zur "Poesie" bei Kluge?

Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Poetische in der Arbeitswelt zwar verdrängt wird, aber als "Untergrundarmee der Gefühle" dennoch existiert und durch Kluges Erzählweise als Möglichkeit zur kritischen Erkenntnis wieder sichtbar gemacht werden kann.

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Details

Title
Die Erzählungen von Alexander Kluge
Subtitle
Grundstrukturen und thematische Schwerpunkte des Klugschen Erzählwerkes am Beispiel des Erzählkomplexes "Die Ostertage 1971"
College
http://www.uni-jena.de/  (Germanistische Literaturwissenschaft)
Grade
1,3
Author
Antje Hellmann (Author)
Publication Year
2004
Pages
101
Catalog Number
V56895
ISBN (eBook)
9783638514620
ISBN (Book)
9783656780410
Language
German
Tags
Erzählungen Alexander Kluge
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Antje Hellmann (Author), 2004, Die Erzählungen von Alexander Kluge, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56895
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