Geißler - Katharer - Dominikaner. Religiöse Bewegungen oder häretische Massenphänomene?


Hausarbeit, 2002

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Begriffsdefinitionen
II. 1. Häresie
II. 2. Religiöse Bewegung

III. Geistliche Strömungen
III. 1. Die Katharer
III. 2. Die Geißler
III. 3. Die Dominikaner 1

IV. Schlussbetrachtungen

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Das Ziel der folgenden Arbeit besteht darin zu klären, ob es sich bei den geistlichen Stömungen des Hochmittelalters um religiöse Bewegungen oder häretische Massenphänomene handelte.

Diese Fragestellung wird anhand drei exemplarischer Gruppen untersucht: den Geißlern, den Katharern und den Dominikanern.

Es werden zunächst jedoch zwei Begriffe, welche für diese Arbeit eine wesentliche Rolle spielen, näher betrachtet: Häresie und religiöse Bewegung. Basierend auf diesen Definitionen wird, nach erfolgter Erläuterung der jeweiligen Gruppen, die oben genannte Frage beantwortet.

Die drei geistlichen Strömungen werden nach verschiedenen Aspekten untersucht: ihrem Ursprung, ihrer sozialen Zusammensetzung, ihren Organisationsformen und Tätigkeiten, sowie ihren Lehren.

Die Quellenlage für die Untersuchung dieses Themas ist reich an Primär- und Sekundärquellen. Es werden jedoch hauptsächlich Sekundärquellen verwendet, aufgrund meines Unvermögens einen grösseren Umfang an lateinischen Werken zu übersetzen. Hinzu kommt die Stofffülle des Themas, so dass ich zur sachlichen Begrenzung gezwungen bin.

Die vorliegende Arbeit beschränkt sich bei der Schilderung der katharischen Lebensweise auf das Languedoc als eines der grossen dualistischen Zentren. Die Katharer selbst hinterliessen wenige schriftliche Quellen. Die Basis für die Geschichtswissenschaft bilden zwei katharische Rituale[1], zwei katharische Selbstzeugnisse ( Liber de duobus principiis und Maniofestatio heresis catarorum ), der sogenannte Traité inédit[2] und eine Übersetzung des Neuen Testamentes in die provençalische Landessprache. Andere Quellen für historische Untersuchungen sind Inquisitionsprotokolle und Beobachtungen antikatharisch eingestellter Kleriker.[3]

Die im Folgenden dargestellten Erkenntnisse über die Katharer gewann ich aus der Lektüre von M. Erbstösser, einem marxistischen Historiker, sowie von dem französischen Historiker M. Roquebert und M. Hanssler.

Es gibt zahlreiche deutschsprachige Chronisten, welche territorial begrenzte Beobachtungen der Geißlerzüge schildern, genannt sei hier nur Fritsche Closener.[4] Da jedoch im Laufe dieser Arbeit die Geißlerbewegung generalisiert und im Überblick dargestellt wird, beschränke ich mich zum grössten Teil auf Sekundärliteratur.

Die Darstellung der Dominikaner basiert vornehmlich auf den Untersuchungen des Historikers W. A. Hinnebusch und dem Dominikaner M.-H. Vicair.

Den genannten Geschichtswissenschaftlern geht die Lektüre von Grundmanns „religiösen Bewegungen im Mittelalter“[5], ebenso die Darstellung Wehrli-Johns über das „Leben und die Verfolgung der Beginen im Mittelalter“[6] voraus.

II. Begriffsdefinitionen

II. 1. Häresie

Das Wort kommt aus dem Griechischen hairesis und bedeutet ursprünglich „das Nehmen“, „die Wahl“. Dies bedeutet im kirchengeschichtlichen Kontext „selbsterwählte Anschauung“.[7]

Häresie galt im Mittelalter als eigensinnige Auslegung der Heiligen Schrift, so wie sie von der römischen Kirche interpretiert wurde. Ein Häretiker ist demnach ein „Abweichler“, jemand der harnäckig auf seinem eigenen Standpunkt beharrt und ihn verteidigt.[8] Im Mittelalter entstand eine Vielfalt von Häresien. Diese setzten der katholischen Lehre eine andere als die „wahre“ Interpretation der Schrift entgegen. Somit waren häretische Ideologien auch religiöse Ideologien, da sie auf der Heiligen Schrift beruhten. Die Anhänger der Häresien, Häretiker, glaubten mit dem Bekenntnis zur Häresie den besseren und richtigen Weg zur Erlösung gefunden zu haben.[9]

Im 11. Jahrhundert generalisierte man die aufkommenden häretischen Laienbewegungen und setzte sie mit schon bekannten Irrlehren, wie den manichäischen, gleich. Durch die im Mittelalter stattfindene pejorative Wandlung des Begrifs „Häresie“, sah sich der Dominikaner Thomas von Aquin gezwungen, diesen explizit als dogmatischen Irrglauben zu definieren.[10]

Die Definition der Häresie und auch ihr Umgang mit ihr waren dennoch unterschiedlich und abhängig a) von der sich ständig verändernden Gestalt der Kirche, je nach der Idee die man von ihr hatte und b) von der gerade herrschenden Tollerierungsbereitschaft gegenüber den „Abweichlern“.

Je eigenständiger die theologischen Diskussionen und je inbrünstiger die Suche nach neuen Frömmigkeitsidealen, desto mehr stiessen sich die Menschen an den Toleranzgrenzen der römischen Kirche. In einer Gesellschaft, in der Religion eine Konvention, ein Muss war, wurde die Glaubensabweichung zum Sakrileg.[11]

Die Kirche musste sich gegen diese Häresien zur Wehr setzen, da sie die Erhaltung der Unversehrtheit des Glaubens und der Einheit der Lehre, des Autoritätsprinzipes und das Gebot der Liebe aufrecht erhalten wollte. Die Häresien zwangen die römische Kirche eine klare Stellung bezüglich der Grenzen des Glaubens einzunehmen, Ketzerei und Häresie zu definieren.[12]

Nach Meinung des Historikers Rahner übten gerade aus diesem Grund die Häresien des Mittelalters eine positive heilsgeschichtliche Funktion gegenüber der Kirche aus.[13]

II. 2. Religiöse Bewegung

Den Ursprung des Wortes Religion finden wir im Lateinischen: relegio, onis (f.) von relegare. Dies bedeutet binden, oder genauer: getrenntes wiederverbinden.

Die Definition des Begriffes Bewegung gestaltet sich schwieriger, da er in den verschiedenen Wissenschaften, wie Philosophie, Soziologie und Geschichte, unterschiedlich gedeutet wird.

In der Philosophie beschreibt Bewegung die Daseinsweise der Materie und ihr inhärentes Attribut; d.h. es gibt weder Materie ohne Bewegung noch Bewegung ohne Materie. Entwicklung ist eine gesetzmäßige Bewegung vom Niederem zum Höheren, vom Alten zum Neuen.[14]

In der Soziologie umschreibt Bewegung in seiner allgemeinen Bedeutung zunächst eine Vielfalt der unterschiedlichsten kollektiven Anstrengungen einen sozialen Wandel herbeizuführen. Diese sozialen Bewegungen sind der Antrieb der modernen Gesellschaft. Somit wird das Soziale notwendigerweise zum Inhalt des Politischen. In der Sozialwissenschaft wird der Schwerpunkt auf die sozialstrukturellen Bedingungen und Vorraussetzungen gelegt, unter denen dann Bewegungen entstehen. Dabei treten ihre kulturellen Besonderheiten, nationale Lagen oder religiöse Motive oft in den Hintergrund.[15]

In der Geschichtswissenschaft gibt es ebenfalls unterschiedlichen Definitionsansätze.

Chronologisch vorgehend, sei als erstes der protestantische Historiker Hermann Haupt[16] genannt. Er führt, laut der züricher Historikerin Martina Wehrli-Johns, den Begriff der „religiösen Bewegung“ in die Geschichtswissenschaft ein.[17] Nachgewiesen werden kann dies in einem Artikel über die Beginen, welche „ein Glied in der Kette der vielgestaltigen religiösen Bewegungen des 12. und 13. Jahrhunderts...“[18] waren. Definiert wird der Begriff allerdings nicht. In einem weiteren Artikel über die Geißler spricht er zwar von einer Bewegung, allerdings eher im Sinne einer Abgrenzung von der wahren, orthodoxen Religion. Es entsteht der Eindruck, er verwende den Begriff als Synonym für Häresie und Massenphänomen.[19]

[...]


[1] Das provençalische Rituel de Lyon und das lateinische Rituel de Florence.

[2] Dieser wurde entnommen von dem Liber contra manichaeos des Durandus von Huesca.

[3] HANSSLER, M., Katharismus in Südfrankreich. Struktur der Sekte und inquisitorische Verfolgung in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ( Berichte aus der Geschichtswissenschaften ) Aachen 1997, S.28-30

[4] Die Chroniken der oberrheinischen Städte: Straßburg, Bd.1, Hg. HEGEL, C., in: Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert, Hg. Historische Commission bei der königlichen Academie der Wissenschaften, Bd.VIII, Leipzig 1870

[5] GRUNDMANN, H., Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Untersuchungen über die geschichtlichen Zusammenhänge zwischen der Ketzerei, den Bettelorden und der religiösen Frauenbewegung im 12. und 13. Jahrhundert und die Geschichte der deutschen Mystik, Berlin 1935

[6] WEHRLI-JOHNS, M., OPITZ, C., Fromme Frauen oder Ketzerinnen?. Leben und Verfolgung der Beginen im Mittelalter, Freiburg 1998

[7] Microsoft®Encarta®Enzyclopädie2000

[8] PATSCHOVSKY, A., Art. „Häresie“, in: Lexikon des Mittelalters, Bd.4, München 1993, Sp.1933

[9] ERBSTÖSSER, M., Ketzer im Mittelalter, Leipzig 1984, S.7-9

[10] BORST, A., Art. „Häresie“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.3, Basel/Stuttgart 1974, Sp.999f.

[11] PATSCHOVSKY, A., Art. „Häresie“, in: Lexikon des Mittelalters, Bd.4, München 1993, Sp.1934

[12] BROSCH, J., Art. „Häresie“, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd.5, Freiburg im Breisgau 1960², Sp.6-8

[13] RAHNER, K., Art. „Häresiegeschichte“, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd.5, Freiburg im Breisgau 1960², Sp.8-10

[14] MEYER, G., Art. „Bewegung II.“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.1, Basel/Stuttgart 1971, Sp.869-871

[15] STEIN, L. v., Die industrielle Gesellschaft des Sozialismus und Kommunismus Frankreichs von 1830-1848, in: Geschichte der sozialen Bewegungen in Frankreich von 1789 bis auf unsere Tage, Bd.2, München 1921, S.5-12

[16] 1854 - 1935

[17] WEHRLI-JOHNS, M., Das mittelalterliche Beginentum - Religiöse Frauenbewegung oder Sozialidee der Scholastik?, in: Hg.: WEHRLI-JOHNS, M., OPITZ, C., Fromme Frauen oder Ketzerinnen?, Freiburg 1998, S.35

[18] HAUPT, H., Art. „Beginen und Begarden, religiöse Genossenschaften“, in: Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd.2, Leipzig 1897³, S.517, Z.47

[19] HAUPT, H., Art. „Geißelung“, in: Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd.6, Leipzig 1899³, S.132-444

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Geißler - Katharer - Dominikaner. Religiöse Bewegungen oder häretische Massenphänomene?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V57178
ISBN (eBook)
9783638516976
ISBN (Buch)
9783640862283
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geißler, Katharer, Dominikaner-Religiöse, Bewegungen, Massenphänomene
Arbeit zitieren
Jennifer Heider (Autor:in), 2002, Geißler - Katharer - Dominikaner. Religiöse Bewegungen oder häretische Massenphänomene?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57178

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