Die folgende Arbeit möchte es sich zur Aufgabe machen, E.T.A. HoffmannsSandmannzu untersuchen. Hierbei soll sich in erster Linie auf die Beziehung Nathanaels zu Olimpia bezogen werden, weil das Verhältnis dieser zwei Figuren die Hauptthemen des Textes komprimiert widerspiegelt. Das Projizieren und das Reflektieren ist eines der Grundprinzipien, welche die Hinwendung Nathanaels zu Olimpia charakterisiert. Es soll am Anfang dieser Textanalyse stehen und mich argumentativ zur Kategorie der Leerstelle, einem der Schwerpunkte des Hoffmannschen Textes führen. Da schließlich die Illusion der Realität daher rührt, dass Olimpia eben ein Androide, eine Maschine, ein Automat ist, wird auch dieses Themenkonglomerat der Künstlichkeit berücksichtigt. Das maschinelle Prinzip ist auch das Prinzip des Nicht-Lebenden, des Toten. Deswegen wird die Beziehung der „Figuren“ schließlich auch auf den Todesaspekt hin analysiert. Abschließen möchte ich meine Arbeit mit dem Schlussgedanken, dass derSandmannals Text symptomatische Abgründe des romantischen Subjektivismus aufzeigt.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Filmische Projektion – filmische Reflektion
II.1. Die starre Olimpia
II.2. Der lebendige Blick
III Kinematograph und Leinwand
III.3.1. Olimpia als Leinwand
III.3.2. Nathanael als Kinematograph
III.3.3. Olimpia als anderer Spiegel
III.3.4. Der voyeuristische Male Gaze
III.3.5. Olimpia als Fetisch ?
IV Die Leerstelle
IV.1. Unklarheiten
IV.2. Olimpias Leere
IV.3. Sprache als Leerstelle
IV.4. Dichtung als Leerstelle
IV.4. Das negative Prinzip der Dichtung
IV.4. Olimpia als Leerstelle
V Kunstwerk und Maschine
V.1. Olimpia als Maschine
V.2. Nathanael als Pygmalion
V.3. Verschiebungen
V.4. Dekonstruktionen
V.5. Nathanael als Automat
VI Die Todeskategorie
VI.1. Nathanael als Frankenstein
VI.2. Die tote Braut
VI.3. Der tote Nathanael
VII Die Abgründe der romantischen Dichtung
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die Beziehung zwischen Nathanael und Olimpia in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, um die zentralen Themen der Künstlichkeit, des Todes und der Leerstelle in ihrem Zusammenhang zu analysieren. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Funktion Olimpias als Projektionsfläche für Nathanaels Subjektivität und die damit verbundene Dekonstruktion der menschlichen Identität.
- Die Kategorie der Leerstelle als zentraler Untersuchungsgegenstand des Textes.
- Die Dynamik von Projektion und Reflexion innerhalb der Figur Nathanaels.
- Die filmtheoretische Perspektivierung von Blick, Voyeurismus und Kinematographie.
- Die Analyse der Künstlichkeit als maschinelles, lebloses Prinzip.
- Die Todeskategorie als Konsequenz romantischen Subjektivismus.
Auszug aus dem Buch
III.3.4. DER VOYEURISTISCHE „MALE GAZE“
Wenn wir wieder zu dem Gedanken zurückkehren, der den Anstoß zu filmtheoretischen Überlegungen gab, nämlich dass der menschliche Körper den Projektor, bzw. die Kamera darstellt, dann muss Laura Mulveys Essay „Visual Pleasure and Narrative Cinema“ herangezogen werden. Dort attestiert die Theoretikerin dem Kino voyeuristische Qualitäten. Mulvey weist darauf hin, dass der Voyeurismus des Kinos stark mit dem maskulinen Blick zusammen hängt, d.h. die Bilder des Kinos generieren sich aus der maskulinen Perspektive, dem „male gaze“. Richard Allen geht sogar noch weiter, den Zuschauer, mit der Kamera zu identifizieren, d.h. der männliche Blick oder die männliche Perspektive wird mit der Perspektive der Kamera gleichgesetzt, was wieder als Rückverweis zu Christian Metz’ Ansatz gelten kann. Auch Nathanael wird zum Zuschauer, zum Voyeur, wenn er Olimpia beobachtet. Genau genommen haben wir es mit klassisch-voyeuristischen Situationen zu tun, wenn Nathanael einmal „die Treppe heraufsteigt und […] wahr[nimmt], dass die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene Gardine zur Seite einen kleinen Spalt lässt. Ein hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß im Zimmer vor einem kleinen Tisch […].“
Der kleine Spalt, den die Gardine freilässt, die ja gerade die Funktion erfüllt, vor dem Blick des Fremden zu schützen, erlaubt ein Erhaschen, ein nur heimliches Beobachten, was genau den voyeuristischen Blick ausmacht. Auch der Umstand, dass Coppola ihm gerade das prädestinierte „Werkzeug des Voyeurismus“, das Perspektiv verkauft, muss beachtet werden. Bezeichnenderweise trifft der erste Blick durch das Perspektiv Olimpia, die genau ab diesem Zeitpunkt zum Objekt der Begierde wird. Das Perspektiv erweckt als optisches Werkzeug, zumal natürlich auch mit einer Linse ausgestattet, aus der heutigen Sicht möglicherweise die Assoziation zur Kamera, bzw. zum Projektor, die ja beide zu Beginn des Kinos im Gegenstand des Kinematographen vereint waren. Es scheint fast so, als generierte Nathanael Olimpia erst durch seinen Blick durch das Perspektiv, als würde sie erst durch seinen Blick, dem die Zwischeninstanz des Perspektivs vorgeschaltet ist, zum Leben erweckt.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Darstellung der Forschungsabsicht, E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ hinsichtlich der Beziehung zwischen Nathanael und Olimpia zu untersuchen und dabei Kategorien wie Leerstelle und Künstlichkeit zu beleuchten.
II Filmische Projektion – filmische Reflektion: Analyse der Hinwendung Nathanaels zu Olimpia unter dem Aspekt der unheimlichen Projektion und des lebendigen Blicks.
III Kinematograph und Leinwand: Untersuchung der Beziehung unter filmtheoretischen Aspekten, wobei Olimpia als Projektionsfläche und Nathanael als kinematographische Instanz sowie Voyeur verstanden werden.
IV Die Leerstelle: Erläuterung der Leerstelle als zentrales Motiv, das sich auf sprachlicher und dichterischer Ebene manifestiert und Olimpia zu einem leeren Gefäß für Nathanaels Wünsche macht.
V Kunstwerk und Maschine: Dekonstruktion der Menschlichkeit von Nathanael und Olimpia durch den Vergleich mit dem Automaten-Motiv und dem Pygmalion-Mythos.
VI Die Todeskategorie: Analyse der Verbindung zwischen dem Schöpfer-Aspekt, dem Tod und der Perfektion, wobei Nathanaels Spiegelung in Olimpia als „todeserweckend“ gedeutet wird.
VII Die Abgründe der romantischen Dichtung: Zusammenfassende Betrachtung des Textes als Auseinandersetzung mit der Krise des romantischen Subjektivismus und dem Scheitern des genialischen Poesiebegriffs.
Schlüsselwörter
Sandmann, E.T.A. Hoffmann, Olimpia, Nathanael, Leerstelle, Projektion, Voyeurismus, Male Gaze, Künstlichkeit, Automat, Tod, Romantik, Subjektivismus, Filmtheorie, Sprache.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Nathanael zu Olimpia in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ und analysiert dieses als Schlüssel zum Verständnis zentraler Themen wie Künstlichkeit, Identitätsverlust und Tod.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Analyse bewegt sich an der Schnittstelle von Literaturwissenschaft und Medientheorie, wobei insbesondere der „male gaze“, die filmische Projektion und das Motiv der „Leerstelle“ untersucht werden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den „Sandmann“ als einen Text zu interpretieren, der symptomatische Abgründe des romantischen Subjektivismus offenlegt und die Künstlichkeit der menschlichen Identität dekonstruiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die filmtheoretische Konzepte (z.B. von Laura Mulvey und Christian Metz) auf die literarische Erzählung anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Projektion und Blick, die Analyse von Sprache und Dichtung als Leerstelle sowie die Erörterung des Maschinen-Motivs und der Todeskategorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Leerstelle, Olimpia, Voyeurismus, Automat, Projektion und das Scheitern des romantischen Subjektivismus.
Warum wird Olimpia als "Leerstelle" bezeichnet?
Olimpia wird als leeres Gefäß begriffen, das keine eigene Identität besitzt, sondern erst durch Nathanaels Blick und seine Projektionen mit Bedeutung gefüllt wird – sie ist ein reiner Verweischarakter.
Inwiefern wird Nathanael selbst als "Automat" gesehen?
Die Arbeit argumentiert, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt; Nathanael projiziert sein eigenes Ich in die Puppe, wodurch er seine eigene Subjektivität in Frage stellt und als ebenfalls „leblos“ oder maschinenhaft erscheinen lässt.
Welche Bedeutung hat das "Perspektiv" in der Erzählung?
Das Perspektiv fungiert als technologisches Medium, das den voyeuristischen Blick Nathanaels erst ermöglicht und kanalisiert, wodurch es Olimpia als Objekt der Begierde „erzeugt“.
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- Maria Blau (Author), 2005, Olimpia als romantische Leerstelle: Eine Untersuchung von E.T.A. Hoffmanns Sandmann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57775