Stalins Terror gegen den eigenen Apparat - Rationalität im Irrationalen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Die KPdSU unmittelbar vor der großen Säuberung
2. Die Ermordung Kirows und der Begin der großen Säuberung
3. Der Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie
4. Stalin übernimmt die Initiative
5. Fallbeispiele
5.1 Iwan Rumjancew
5.2 Sergo Ordshonikidses Rumjancew
5.3 Nikolai Jeshow
6. Die „Logik“ des Terrors
7. Opfer und Nutznießer des Terrors

III. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der stalinistische Terror gegen den eigenen Apparat ist zumindest in einer Hinsicht einzigartig. Kein anderes totalitäres System richtet die Repressionen so gezielt und ungebändigt gegen die eigenen Eliten. Während der großen Säuberung Ende der 30er Jahre kam ein Großteil der Führung der kommunistischen Partei ums Leben. Hinzukommen Spitzenfunktionäre aus der Verwaltung und nahezu das gesamte Oberkommando der Roten Armee. Die Ursachen dieser selbst zerstörerischen Gewalt werden oftmals in der psychopathischen Persönlichkeit Stalins gesucht, was in Anbetracht der Irrationalität des Terrors auch durchaus sinnvoll erscheinen mag.

Diese Arbeit geht einen anderen Weg. Sie stellt die Frage, ob der scheinbar absoluten Willkür nicht doch eine rationale Zielsetzung zugrunde lag. Also ob es, abseits nicht rekonstruierbaren Persönlichkeitsstörungen einer einzelnen Person, eine Logik des Terrors gab, die dem System und den Umständen und nicht allein Stalin entsprang. Ausgehend von der These Rittersporns, dass die KPdSU Mitte der 30er Jahre ein für Stalin in seinem Herrschaftsanspruch kaum tolerierbares Eigenleben entwickelt hatte, wird der Versuch unternommen, die Gewalt der großen Säuberung als logische Reaktion des Systems auf diese Entwicklungen zu interpretieren. Die Grundannahme, die im Einzelnen nachzuweisen sein wird, lautet hierbei wie folgt. Der große Terror im eigenen Apparat stellt den Versuch Stalins dar, Mitte der 30er Jahre durchaus vorhandene Tendenzen zu zum Zentrum paralleler Herrschaft auszuschalten und auch für die Zukunft auszuschließen. Ziel war es, die Apparate vollständig und unbedingt einer Person zu unterstellen. Dabei war es weniger relevant wer verfolgt und eingesperrt oder erschossen wurde, sondern vielmehr das dies jederzeit jedem geschehen konnte. Es sollte ein spezifisches von permanenter Angst geprägtes Klima geschaffen werden, das auch dem kleinsten, vom Zentrum am weitesten entfernten Funktionär die Allmacht Moskaus vor Augen führte. Das dabei auch gezielt unliebsame Führungsfiguren ausgeschaltet wurden, dürfte im Angesicht der Moskauer Schauprozesse deutlich sein. Das Hauptaugenmerk lag allerdings auf der Verbreitung von Angst und Schrecken in der Breite des Apparats.

II. Hauptteil

1. Die KPdSU unmittelbar vor der großen Säuberung

Die KPdSU, die sich selbst stets als elitäre Führungsschicht der kommunistischen Bewegung verstand, verzeichnete zwischen 1929 und 1933 einen massiven Zuwachs.[1] Die Zahl der Parteimitglieder wuchs in diesem Zeitraum von 1,5 auf 3,5 Millionen an.[2] Gleichzeitig verwandelte sich das eigentlich strenge Selektionsverfahren des Eintritts zum bloßen politischen Tauschhandel. Parteimitgliedschaften wurden nicht unter ideologischen Gesichtspunkten sonder unter Aspekten von Gewinn und Verlust, persönlichen Beziehungen und individuellen Interessen der lokalen Parteiapparate vergeben.[3] So kommt es, dass ein Großteil der zwei Millionen neuen Mitglieder der beginnenden 30er Jahren nichts mit dem Ideal des Berufsrevolutionärs gemein haben und auch kaum als ideologisch konsistent, im Sinne der zentralen Parteiführung, zu bezeichnen sind.[4] Ihnen ging es nicht um den Kommunismus, sofern sie überhaupt dessen Anliegen begriffen, sondern vielmehr um die Privilegien und den Schutz, den eine Mitgliedschaft in dieser Zeit mit sich brachte.[5] Deshalb wurden Parteiausweise zum Objekt von Handelsgeschäften und Fälschungen und die lokalen Apparate waren stets bemüht, das wertvolle Gut über das sie verfügten möglichst gewinnbringend zu verteilen.[6] Die KPdSU wurde zum Anziehungspunkt für politische Gegner und Ignoranten, Karrieristen, Traditionalisten, ehemalige Oppositionelle und vorrevolutionäre Eliten.[7]

Nicht selten stieß diese neue Generation der Partei auch in wichtige Führungspositionen vor. Es sind Fälle bekannt, in denen Analphabeten der ideologische Unterricht übertragen wurde, in denen Funktionäre glaubten, der Kommunismus sei 1942 verwirklicht, weil dann die Parteiausweise ausliefen, und in denen wichtige Amtsträger alles taten, um die Kollektivierung der Landwirtschaft zu bremsen, weil sie ihren Interessen zuwider lief.[8] Kurz, die Ideologen im Zentrum verloren nach und nach die innerparteiliche Kontrolle an eine neue Schicht von Parteimitgliedern, für die der Kommunismus bestenfalls noch Mittel zum Zweck war. Das einigende Band der Ideologie, sofern dieses überhaupt jemals ungebrochen existiert hatte, war stillschweigend zerschnitten, freilich nicht ohne es nach außen hin weiter zur Schau zu stellen.

2. Die Ermordung Kirows und der Begin der großen Säuberung

Allerdings stellte die wachsende ideologische Inkonsistenz an der Peripherie nicht das alleinige Problem der KPdSU dar. Vor allem ausbleibende Erfolge in der Wirtschaftspolitik und eine zunehmende Entfremdung zwischen zentraler Parteiführung und Stalin selbst führten zwischen Anfang und Mitte der 30er Jahre zu vorsichtigen Versuchen der Opposition.[9] Als am 1. Dezember 1934 Sergej Mironowitsch Kirow, Mitglied des Politbüros, Sekretär des ZK der KPdSU und erster Sekretär des Lenigrader Gebietskomitees erschossen wurde, nahm Stalin dies zum Anlass, um gegen die Opposition in der Führungsspitze der Partei vorzugehen.[10]

Es scheint müßig, darüber zu diskutieren, inwieweit Stalin in das Attentat verwickelt war. Da Kirow als der kommende Mann der Partei galt, kam seine Ermordung Stalin jedenfalls nicht ungelegen.[11] Ebenso verstand er es, aus der Ermordung Kirows, über die Beseitigung eines potentiellen Konkurrenten um die zentrale Macht hinaus, Kapital zu schlagen, indem er das Attentat auf den Lenigrader Parteiführer zum Anlass für sein Vorgehen gegen hochrangige vermeintlich oppositionelle Parteikreise nahm.[12] Die Vorgänge um Kirow schwebten, entweder als direkter Anklagepunkt oder als subtiler Vorwurf, über allen drei Moskauer Schauprozessen.[13] Im Rahmen dieser Prozesse wurden 1936 Sinowjew und Kamenew als Führer des „Totzkistisch-Sinowjewistischen terroristischen Zentrums“, 1937 Radek, Pjatakow, Serebrjakow und Sokolnikow als Führer des „Trotzkistischen Zentrums“ und 1938 Bucharin, Krestinski, Rosengolz, Rakowski und Rykow als Führer des „Antisowjetischen Blocks der Rechten und Trotzkisten“ verurteilt, und damit nahezu die gesamte Riege der seit den 30er Jahren einsetzenden Opposition ausgeschaltet.[14]

Neben diesem Kahlschlag in der kommunistischen Führungsspitze hatte die Ermordung Kirows aber noch weitreichendere Folgen. Stalin begründete mit ihr und mit der in diesem Zusammenhang aufgedeckten angeblichen innerparteilichen Verschwörung den landesweiten Einzug und die Überprüfung sämtlicher Parteiausweise.[15] Unklar ist, ob diese Aktion nur der öffentlichen Legitimation des Vorgehens gegen die Teils beliebten Parteispitzen galt, oder ob Stalin tatsächlich davon ausging, eine Fortsetzung der zentralen Opposition an der Peripherie zu finden. Im Ergebnis wurde jedenfalls eine nicht geringe Zahl antikommunistischer Elemente in den eigenen Reihen identifiziert und aus der Partei ausgeschlossen, was als Verdachtsmoment ausreichte, um die Kontrolle der Mitgliedschaften 1936 zu wiederholen.[16] Spätestens danach musste der zentralen Führung klar sein, dass die peripheren Parteiverbände ihre Anweisungen systematisch zugunsten der eigenen Interessen sabotierten. Ein Vergleich der Parteiausschlüsse und -zutritte zwischen 1935 und 1936 deckte auf, dass die lokalen Machthaber die noch weitgehend gewaltfreien Säuberungen zwar durchführten, allerdings unter eigenen Maßgaben.[17] Während persönliche Feinde ungeachtet ihrer Regimetreue ausgeschlossen wurden, wurde die eigene Gefolgschaft entweder vor dem Ausschluss geschützt, oder, wo dies wegen des zentralen Drucks von 1935 nicht möglich war, danach wieder aufgenommen.[18] Im Rahmen der Bekämpfung der Opposition im Zentrum der Partei war eine Verschwörung aufgedeckt worden, in der es nicht um ideologische Feinheiten sondern um die Durchsetzung konkreter regionaler Machtansprüche, wenn nötig entgegen der Zentralgewalt und mit der Partei als Vehikel, ging. Wenn Stalin schon das Auftreten einzelner idealistischer Abweichler an derart radikale Mittel wie die Moskauer Schauprozesse denken ließ, wie erschrocken muss er dann angesichts der Entwicklungen jenseits von Moskau gewesen sein?

[...]


[1] Vgl. Baberowski, Jörg: Der rote Terror, Die Geschichte des Stalinismus, München 2003, S.156.

[2] Vgl. ebd., S.157.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd., S.157ff.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd., S.158f.

[9] Vgl. Medwedew, Roy: Das Urteil der Geschichte, Stalin und Stalinismus, Bd. 2, Berlin 1992, S.9ff.

[10] Vgl. ebd., S.17f.

Vgl. Wehner, Markus: Stalinismus und Terror, S.379, in: Plaggenborg, Stefan (Hrsg.): Stalinismus,

Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1998, S.365-390.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. ebd., S.379ff.

Vgl. Getty, J. Arch: The politics of repression revisited, S.42ff., in: Getty, J. Arch/Manning, Roberta T.

(Hrsg.): Stalinist terror, New perspectives, Cambridge 1993, S.40-64.

Vgl. Carmichael, Joel: Säuberung, Die Konsolidierung des Sowjetregimes unter Stalin 1934/1938,

Frankfurt am Main (u.a.) 1972, S.42ff.

[13] Vgl. ebd., S.52ff.

[14] Vgl. ebd.

Vgl. Medwedew, Roy: Das Urteil der Geschichte, Stalin und Stalinismus, Bd. 2, Berlin 1992, S.37ff.

[15] Vgl. Baberowski, Jörg: Der rote Terror, Die Geschichte des Stalinismus, München 2003, S.159ff.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd.

Vgl. Rittersporn, Gábor T.: The omnipresent conspiracy, On soviet imagery of politics and social

relations in the 1930s, S.102ff., in: Getty, J. Arch/Manning, Roberta T. (Hrsg.): Stalinist terror, New perspectives, Cambridge 1993, S.99-115.

[18] Vgl. Baberowski, Jörg: Der rote Terror, Die Geschichte des Stalinismus, München 2003, S.159ff.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Stalins Terror gegen den eigenen Apparat - Rationalität im Irrationalen?
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Gewalt in der Geschichte der Sowjetunion
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V57968
ISBN (eBook)
9783638522731
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit geht der Frage nach, inwieweit die stalinistischen Säuberungen im eigenen Apparat gegen Mitte und Ende der 30er Jahre, tatsächlich Ausdruck willkürlicher Politik oder nicht vielmehr doch Teil eines Konzepts der Errichtung totalitärer Herrschaft auf allen Ebenen waren. Unter Einbeziehung von Fallbeispielen wird ein Modell entwickelt, dass die stalinistischen Säuberungen als rational kalkulierte Herrschaftspraxis erklärt.
Schlagworte
Stalins, Terror, Apparat, Rationalität, Irrationalen, Gewalt, Geschichte, Sowjetunion
Arbeit zitieren
Jan Trützschler (Autor), 2006, Stalins Terror gegen den eigenen Apparat - Rationalität im Irrationalen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57968

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