Die Krankheit Epilepsie in ihren verschiedenen Ausprägungen gehört in unserer Gesellschaft zu den sozial diskriminierten Krankheiten. In der heutigen Zeit wird Epileptikern zwar keine dämonische Besessenheit mehr nachgesagt,es wird ihnen jedoch noch immer mit Unsicherheit und vielen Vorurteilen begegnet.
Auch Menschen mit einer geistigen Behinderung wird oft mit Diskriminierung oder Ablehnung begegnet.Eine geistige Behinderung stellt trotz zahlreicher Aufklärungsversuche durch Selbsthilfeorganisationen und Interessenvertretungen noch immer eine Abweichung von den Erwartungen der Gesellschaft dar, der ein negativer Wert zugeschrieben wird. So werden vor allem Menschen mit schwerer Behinderung in vielfacher Hinsicht in der Gestaltung ihres Lebens benachteiligt.Sie sind aufgrund ihrer geistigen Behinderung meist lebenslang in der Verwirklichung ihrer Wünsche und Lebensziele auf Unterstützung angewiesen.Für viele erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung sind die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung ihrer Fähigkeiten sehr eingeschränkt.Sie sind auf Angebote spezieller Einrichtungen und bei deren Wahrnehmung auf Unterstützung, Assistenz, bzw. Begleitung angewiesen.Menschen mit geistiger Behinderung sind häufiger als Menschen ohne Behinderung von einer Epilepsie betroffen.Eine Epilepsie bedeutet für einen Menschen mit geistiger Behinderung zusätzliche Einschränkungen und Probleme.Neben dem Unterstützungsbedarf durch die geistige Behinderung und der damit einhergehenden sozialen Abwertung wird er durch die Epilepsie im Alltag und gesundheitlich eingeschränkt sowie mit verschiedenen psychosozialen Problemen konfrontiert.Sogar Fachkräfte aus dem Bereich der Heil- bzw. Geistigbehindertenpädagogik stehen Menschen mit Epilepsie häufig unsicher oder mit Vorurteilen gegenüber, was den Betroffenen die Teilnahme an speziellen Angeboten noch zusätzlich erschwert.
Auch erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung müssen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung ihrer Kompetenzen geboten werden. Eine Epilepsie sollte hierbei keine zusätzliche Einschränkung bedeuten. In der vorliegenden Arbeit soll aufgezeigt werden, dass im Konzept der Psychomotorik auch diesem Personenkreis verschiedene Möglichkeiten geboten werden können. Vor dem Hintergrund der Lebensrealität der Menschen mit Epilepsie und geistiger Behinderung soll geklärt werden, ob ihre Teilnahme an einer psychomotorischen Intervention besondere Rahmenbedingungen erfordert und was zu deren Umsetzung erforderlich ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Einführung in die Thematik
1.2 Gang der Arbeit
1.3 Anmerkungen
2. Die Psychomotorik
2.1 Erläuterung der verschiedenen Begrifflichkeiten
2.1.1 Die Anfänge der Psychomotorik in Deutschland – die psychomotorische Übungsbehandlung
2.1.2 Das Konzept der Motologie und die Abgrenzung der Motopädagogik zur Mototherapie
2.2 Das Menschenbild in der Psychomotorik
2.2.1 Das humanistische Menschenbild der Psychomotorik
2.2.2 Das Konzept des Konstruktivismus und dessen Relevanz für die Psychomotorik
2.2.3 Das Konzept der Salutogenese in der Psychomotorik
2.2.3.1 Gesundheit und Krankheit in der Salutogenese
2.2.3.2 Die Widerstandsressourcen des Menschen
2.2.3.3 Das Kohärenzgefühl
2.2.3.4 Kritik am Modell der Salutogenese
2.3 Das Selbstkonzept
2.3.1 Das Selbstkonzept nach Zimmer
2.3.2 Die Selbstwirksamkeit nach Bandura
2.3.3 Die erlernte Hilflosigkeit nach Seligmann
2.3.4 Die Entwicklung des Selbstkonzepts nach Epstein
2.3.5 Körpererfahrung als Teil des Selbstkonzepts
2.4 Ziele und Inhalte der Psychomotorik
2.4.1 Die Ich-Kompetenz
2.4.2 Die Sach-Kompetenz
2.4.3 Die Sozial-Kompetenz
2.5 Möglichkeiten der Gestaltung von Psychomotorikangeboten
2.6 Psychomotorik für erwachsene Menschen
2.6.1 Entwicklungstheorien in der Psychomotorik für erwachsene Menschen
2.6.2 Die Life-Span-Perspektive
2.6.3 Die Angewandte Motologie des Erwachsenenalters
2.6.3.1 Entwicklung mit und im Kontext – die Development Systems Theory nach Ford / Lerner
2.6.3.2 Entwicklung zwischen Identität und Sozialität nach Kegan
2.6.3.3 Der Kontrolltheoretische Ansatz nach Flammer
2.6.3.4 Die Entwicklungsthemen nach Havighurst und Thomae
2.6.3.5 Die Planung der Intervention und ihre Ziele
2.6.4 Der systemisch-ökologische Ansatz nach Bronfenbrenner in der Psychomotorik
3. Epilepsie
3.1 Der Begriff der Epilepsie von der Antike bis heute
3.2 Die Abgrenzung der Epilepsie vom epileptischen Anfall
3.3 Die Klassifikation von Epilepsien
3.3.1 Die Unterscheidung der Epilepsien nach ihrer Ursache
3.3.2 Die Unterscheidung der Epilepsien nach Anfallsbildern
3.3.2.1 Die generalisierten epileptischen Anfallsformen
3.3.2.2 Die fokalen epileptischen Anfallsformen
3.3.2.3 Die Aura
3.4 Der Status epilepticus
3.5 Anfallsauslösende Faktoren
3.6 Die Behandlungsmethoden bei Epilepsie
3.6.1 Die Pharmakotherapie
3.6.1.1 Die Mono- und die Kombinationstherapie
3.6.1.2 Die Antiepileptika
3.6.2 Alternative Therapiemethoden
3.6.2.1 Die chirurgische Epilepsietherapie
3.6.2.2 Die Vagus-Nerv-Stimulation
3.6.2.3 Die ketogene Diät
3.7 Die (psycho-)soziale Situation von Menschen mit Epilepsien
3.7.1 Überbehütung als Auslöser psychosozialer Probleme
3.7.2 Überforderung als Auslöser psychosozialer Probleme
3.8 Kognitive Beeinträchtigungen bei Epilepsie
3.9 Psychische Störungen bei Epilepsie
3.10 Epilepsie und Bewegung
4. Geistige Behinderung
4.1 Die Bedeutung der Heilpädagogik für die Psychomotorik
4.2 Das Verständnis von Behinderung
4.3 Die Entstehung der geistigen Behinderung in der Interaktion nach Speck
4.4 Psychomotorik mit erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung
4.4.1 Das Empowerment - Konzept und dessen Bedeutung für die Psychomotorik
4.4.2 Das Konzept der Selbstbestimmung und der Normalisierung sowie deren Bedeutung für die Psychomotorik
4.5 Die Veränderung der Entwicklungstheorien bei Menschen mit geistiger Behinderung
4.6 Schwerpunkte und Ziele der Psychomotorik für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung
4.7 Empfehlungen zur Methodik in der Psychomotorik für erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung
5. Fallbeispiel und konzeptionelle Überlegungen
5.1 Die Wohnsituation erwachsener Menschen mit geistiger Behinderung
5.2 Die Einrichtung
5.3 Rahmenbedingungen für Psychomotorik im Wohnhaus
5.3.1 Die Personalbedingungen
5.3.2 Die zeitliche Rahmengestaltung
5.3.3 Weitere Rahmenbedingungen für die Psychomotorik mit erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung in einer Wohneinrichtung
5.4 Fallbeispiel Herr K.
5.4.1 Biographische Hintergründe
5.4.2 Medizinische Hintergründe
5.4.3 Anfallsfrequenz
5.4.4 Weitere Informationen zur Person
5.4.5 Feststellung des Förderbedarfs von Herrn K.
5.4.6 Konkrete Vorschläge zur Förderung von Herrn K.
5.5 Fallbeispiel Frau S.
5.5.1 Biographische Hintergründe
5.5.2 Medizinische Hintergründe
5.5.3 Anfallsfrequenz
5.5.2 Weitere Informationen zur Person
5.5.5 Feststellung des Förderbedarfs von Frau S.
5.5.6 Konkrete Vorschläge für die Förderung von Frau S.
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, zu untersuchen, inwiefern das Konzept der Psychomotorik erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung und Epilepsie Möglichkeiten zur Weiterentwicklung ihrer Kompetenzen und Ressourcen bieten kann und welche spezifischen Rahmenbedingungen hierfür in einer stationären Wohneinrichtung notwendig sind.
- Grundlagen der Psychomotorik und deren Relevanz für das Erwachsenenalter
- Medizinische und psychosoziale Aspekte von Epilepsie
- Heilpädagogische Konzepte für Menschen mit geistiger Behinderung (Empowerment, Normalisierung)
- Analyse der Rahmenbedingungen für psychomotorische Interventionen in Wohneinrichtungen
- Fallbeispiele zur individuellen Förderung bei gleichzeitiger Epilepsie-Thematik
Auszug aus dem Buch
2.1 Erläuterung der verschiedenen Begrifflichkeiten
Im Bereich der Psychomotorik wurden seit der Entstehung des Konzepts viele Begriffe geprägt. „Nicht nur Außenstehende, sondern auch „eingeweihte“ PsychomotorikerInnen finden sich häufig nicht zurecht in der Vielfalt der Begriffe „Psychomotorik“, „Motopädagogik“ oder „Motologie““ (Zimmer, 1999, S.19). Diese Begriffe sollen im Folgenden näher erläutert und in einen Zusammenhang zueinander gestellt werden.
Laut Seewald (1993), zitiert in Fischer (2004), setzt sich der Begriff der Psychomotorik aus den beiden Begriffen Psyche und Motorik zusammen, welche sich gegenseitig bedingen. Die Psyche wird als das „Nicht-Greifbare“ wie der Geist, die Seele, das Gefühl oder der Verstand beschrieben, Motorik als „Einheit von Bewegung und Wahrnehmung zusammen“ (ebd. S.9). Auch Zimmer / Cicurs (1990) definieren: „Der Begriff „Psychomotorik“ kennzeichnet die funktionelle Einheit psychischer und motorischer Vorgänge, die enge Verknüpfung des Körperlich-Motorischen mit dem Geistig-Seelischen“ (ebd. S.33).
Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff Psychomotorik in der Medizin eingeführt, um die Wechselwirkung zwischen dem Psychischen und dem Somatischen zu verdeutlichen. Um den Begriff Psychomotorik in der Bewegungserziehung von dem medizinischen und psychologischen Verständnis abzugrenzen, definiert Zimmer (1999) die Psychomotorik als Bezeichnung für ein pädagogisch-therapeutisches Konzept, welches die Wechselwirkung der psychischen und motorischen Prozesse nutzt. „Über Bewegung wird versucht, eine Beziehung zum Kind (bzw. zum Erwachsenen) aufzubauen, seine psychische Befindlichkeit positiv zu beeinflussen und seine Gesamtentwicklung zu unterstützen. Ein solches Konzept basiert auf theoretischen Vorannahmen über die Ganzheitlichkeit des Menschen“ (ebd. S.21f).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Diskriminierung von Menschen mit Epilepsie und geistiger Behinderung sowie die Darlegung des Ziels, psychomotorische Interventionsmöglichkeiten für diese Zielgruppe aufzuzeigen.
2. Die Psychomotorik: Definition des psychomotorischen Konzepts, seiner anthropologischen Grundlagen, Zielsetzungen und Anwendungsbereiche, insbesondere im Erwachsenenalter.
3. Epilepsie: Überblick über medizinische Grundlagen, Klassifikationen, Therapiemethoden sowie die sozio-psychologische Lebenssituation und Bewegungsmöglichkeiten bei Epilepsie.
4. Geistige Behinderung: Auseinandersetzung mit dem modernen Verständnis von geistiger Behinderung, heilpädagogischen Ansätzen wie Empowerment und Normalisierung sowie deren Übertragung auf die psychomotorische Praxis.
5. Fallbeispiel und konzeptionelle Überlegungen: Konkrete Analyse der Wohn- und Lebenssituation in einer Wohneinrichtung und Übertragung des Konzepts auf die Einzelfallförderung von Bewohnern mit komplexen Beeinträchtigungen.
6. Fazit: Resümee über die Notwendigkeit und Umsetzbarkeit psychomotorischer Angebote als Beitrag zur Lebensqualität unter Berücksichtigung der bestehenden institutionellen Barrieren.
Schlüsselwörter
Psychomotorik, geistige Behinderung, Epilepsie, Erwachsenenalter, Empowerment, Salutogenese, Selbstkonzept, Motologie, Wohnsituation, Fallbeispiel, Gesundheitsförderung, Lebensspanne, soziale Teilhabe, Bewegungserfahrung, Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Konzeption psychomotorischer Interventionen für erwachsene Menschen, die sowohl eine geistige Behinderung als auch eine Epilepsie aufweisen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der Psychomotorik, das medizinische Verständnis von Epilepsie, heilpädagogische Empowerment-Konzepte sowie die methodische Planung von Fördermaßnahmen in stationären Wohneinrichtungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist zu prüfen, ob und wie psychomotorische Angebote diesen Menschen trotz ihrer Einschränkungen zu mehr Selbstbestimmung und einer Erweiterung ihrer Kompetenzen verhelfen können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Aufarbeitung der Literatur und verknüpft diese mit einer Analyse der eigenen praktischen Erfahrungen in einer Wohneinrichtung, untermauert durch zwei detaillierte Fallbeispiele.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Abschnitte zur Psychomotorik, Epilepsie und geistigen Behinderung sowie einen praktischen Teil, der Rahmenbedingungen wie Personal und Alltagsstruktur sowie spezifische Fallbetreuungen untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Psychomotorik, geistige Behinderung, Epilepsie, Empowerment, Salutogenese, Selbstkonzept, Motologie, Wohnsituation und soziale Teilhabe.
Wie beeinflusst das Konzept der Salutogenese die Förderung?
Es verlagert den Fokus von einer rein defizitorientierten Betrachtung hin zur Stärkung der vorhandenen Ressourcen und der Förderung eines kohärenten, sinnvollen Lebensgefühls.
Warum ist das Empowerment-Konzept für die Zielgruppe so wichtig?
Es dient als Basis, um die Autonomie der behinderten Menschen zu fördern und ihnen die Kontrolle über ihre Lebensumstände zurückzugeben, statt sie lediglich als "verwahrte" Personen zu betrachten.
Welche Rolle spielen die beiden Fallbeispiele in der Arbeit?
Sie dienen der Veranschaulichung der Heterogenität der Zielgruppe und zeigen auf, wie hochindividuell die psychomotorische Förderplanung bei unterschiedlichen Anfallsformen und Persönlichkeiten gestaltet werden muss.
- Quote paper
- Julia Wicke (Author), 2006, Konzeptionelle Überlegungen zu einer psychomotorischen Intervention mit erwachsenen Menschen mit einer geistigen Behinderung und Epilepsie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57985