Texttypologie, Textsorten, Texttypen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

27 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung
0.1 Vorwort
0.2 Textsorten und Textsortenkonventionen
0.3 Historische Grundlagen
0.3.1 Goethe
0.3.2 Bühlers Organonmodell

1 Texttypen
1.1 Einleitung
1.2 Übersetzungsfunktion

2 Der informative Texttyp.
2.1 Textebene.
2.2 Textstufe und Übersetzungsstrategie

3 Der operative Texttyp
3.1 Allgemeine textkonstituierende Merkmale operativer Texte
3.1.1 Sachappell
3.1.2 Sprachlicher Appell
3.1.3 Gestaltungsprinzipien
3.2 Appellverwirklichung
3.3 Übersetzungsmethode
3.4 Aspekte der Ausgangstextanalyse

4 Schlußbemerkung

5 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

0.1 Vorwort

Dass verschiedene Textsorten unterschiedliche Übersetzungsstrategien und -methoden erfordern ist an sich gesehen eine triviale Feststellung. Schließlich liegt es auf der Hand, dass eines der Sonette Shakespeares translatorisch anders anzugehen ist als beispielsweise die Gebrauchsanweisung einer Spülmaschine. Allerdings wäre es angesichts der Fülle verschiedener Textsorten sehr umständlich und vor allem unübersichtlich, für jede einzelne Textsorte eigene Übersetzungsstrategien und -methoden entwerfen und vermitteln zu wollen. Eine übergeordnete Kategorisierung ist von Nöten, wobei die weit verbreitete Unterscheidung zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Texten als für die Translation nicht ausreichend erscheint. Eine Zusammenfassung von Textsorten in translatorisch relevante Gruppen ist daher angebracht, um wiederum für diese Gruppen Übersetzungsanweisungen formulieren zu können.

Eben dieser Aufgabe haben sich Katharina Reiß und nach ihr weitere Translationswissenschaftler gewidmet. Ihre Überlegungen zur translatorischen Texttypologie und die Ausprägungen derselben sollen im Folgenden ebenso dargestellt werden, wie ihre Empfehlungen oder Anweisungen zu Methodik und Strategie der Übersetzung verschiedener Textgattungen. Desweiteren wird auch auf andere, auf Reiß' aufbauende oder die Erkenntnisse Reiß' vertiefende translationswissenschaftliche Ansätze eingegangen werden. Hierbei wird der Schwerpunkt allerdings auf informativen und operativen Texten liegen, da diese in der Praxis der professionellen Translation aufgrund ihrer Verbreitung die bei weitem größte Rolle spielen. Die Liebhaber der Übersetzung expressiver Texte mögen diese Gewichtung verzeihen.

0.2 Textsorten und Textsortenkonventionen

Um zu einer translatorischen Klassifikation oder Einteilung verschiedener Textsorten zu gelangen, ist es nötig, zunächst den Begriff „Textsorte“ zu definieren und anschließend die Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Textsorten herauszustellen.

Katharina Reiß und Hans Vermeer definieren „Textsorten“ als „überindividuelle Sprech- und Schreibakttypen, die an wiederkehrende Kommunikationshandlungen gebunden sind und bei denen sich aufgrund ihres wiederholten Auftretens charakteristische Sprachverwendungs- und Textgestaltungsmuster herausgebildet haben.“[1] Diese Verwendungs- und Gestaltungsmuster bezeichnen sie als Textsortenkonventionen.

Zugleich unterscheiden sie zwischen drei allgemeinen Textsorten(klassen):

- den generellen Textsorten(klassen), die in wahrscheinlich jeder Schriftkultur vorkommen. Zu diesen gehören zum Beispiel Märchen, Briefe, Epen, Vereinbarungen etc.
- den übereinzelsprachlichen Textsorten(klassen), die nicht in allen Kulturen anzutreffen sind. Hierunter fallen zum Beispiel das Sonett, das Oratorium, das Passionsspiel etc.
- den einzelsprachlichen Textsortenklassen, die kaum über eine einzelne Kultur hinaus geläufig sind. Hierzu gehören zum Beispiel das japanische No-Spiel oder das ebenfalls aus Japan stammende Haiku. Diese sind nicht funktionskonstant übersetzbar.

Desweiteren weisen Reiß und Vermeer ausdrücklich darauf hin, dass es innerhalb derselben Textsorten zwischen Ausgangs- und Zielkultur Unterschiede auf allen sprachlichen Ebenen sowie im Bereich der Textsortenkonventionen geben kann, wie zum Beispiel die unterschiedliche Verwendung der direkten Anrede des Adressaten in englischen und deutschen Texten, Unterschiede in Phraseologie, Makrostruktur, Lexik usw. Um festzustellen, ob und worin sich die Konventionen der Ausgangs- und Zielkultur unterscheiden, empfiehlt Reiß die Konsultation von Paralleltexten.

Textsortenkonventionen als Unterscheidungsmerkmale verschiedener Textsorten erfüllen zudem mehrere Funktionen. So dienen sie

- als Erkennungssignale, anhand derer der Leser die Textsorte erkennt (ein Beispiel hierfür ist das typische „Es war einmal...“ am Beginn eines Märchens)
- als Auslöser von Erwartungshaltungen beim Leser und
- als Steuerungssignale für das Textverständnis.

Für diese Funktionen von Textsortenkonventionen gibt es unterschiedliche Anwendungsweisen. Der Übersetzer hat die Möglichkeit, die Textsortenkonventionen einzuhalten. In diesem Fall fungieren die Textsortenkonventionen als Illokutionsindikatoren, die das Textverständnis in feste Bahnen lenken und somit den Kommunikationsprozess zwischen Text und Empfänger fördern. Die Textsortenkonventionen werden dann vom Empfänger zwar als Illokutionsindikatoren wahrgenommen, die Aufmerksamkeit konzentriert sich jedoch auf die inhaltliche Ebene des Textes. Diese Art der Verwendung ist vor allem für wissenschaftliche Texte und Fachliteratur charakteristisch.

Man kann allerdings auch bewusst gegen die Textsortenkonventionen verstoßen. Die Textsortenkonventionen lösen dann als vermeintliche Erkennungssignale einer bestimmten Textsorte beim Empfänger Erwartungen an den Text aus, die durch gezielte oder bewusste Verstöße gegen die Konventionen dann enttäuscht werden. Dies führt dazu, dass die Konventionen nun vom Empfänger bewusst wahrgenommen werden und sich seine Aufmerksamkeit nun auf die Konventionen richtet. Die Konventionen treten sozusagen in den Vordergrund. Havránek spricht in diesem Zusammenhang von „foregrounding“[2]. Da diese Anwendung von der inhaltlichen Ebene ablenkt und somit der Funktion informativer Texte entgegensteht, wird sie meist in operativen und expressiven Texten verwendet.

Schließlich besteht noch die Möglichkeit, die Textsortenkonventionen zu missbrauchen. Diese Verfahrensweise wird zum Beispiel in weniger seriöser Werbung angewendet, wenn bloßen Behauptungen durch wissenschaftliche Konventionen ein wissenschaftlicher Anschein verliehen werden soll. Pörksen spricht in diesem Fall auch von „Sprachattrappen“[3].

0.3 Historische Grundlagen

0.3.1 Goethe

Schon Goethe erkannte die Notwendigkeit, bei der Übersetzung Texte verschiedener Funktionen auch unterschiedlich anzugehen, beziehungsweise andere Methoden anzuwenden. In seinen Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des des west-östlichen Divans beschreibt er drei unterschiedliche Methoden der Übersetzung. Er unterscheidet zwischen der „schlicht-prosaische[n]“[4], der „parodistischen“ und der„identifizierende[n]“[5] Übersetzungsart.

Die schlicht-prosaische Methode bezeichnet eine Art der Übersetzung, die uns laut Goethe „in unserem eigenen Sinne mit dem Auslande [...] mitten in unserer nationellen Häuslichkeit, in unserem eigenen Leben“[6] bekannt macht. Hierbei geht es nicht so sehr um eine analoge sprachliche Gestaltung, sondern vielmehr um die Übermittlung der im Ausgangstext beschriebenen Information in einer für die Zielsprache üblichen Gestaltung.

Die parodistische Methode (von Reiß später in „adaptierende Methode“ umbenannt, um Missverständnissen durch den Begriff Parodie vorzubeugen) soll dem zielsprachlichen Empfänger „die Zustände des Auslandes [...] eigentlich nur [...] mit eigenem Sinne“[7], also in einer für ihn üblichen sprachlichen und kulturellen Form, vermitteln. Dies bedeutet, dass im zielsprachlichen Text unter Umständen „für jede fremde Frucht ein Surrogat“[8], also für die im Ausgangstext beschriebenen Gegenstände eine dem zielsprachlichen Empfänger vertraute Entsprechung gefunden und benutzt werden muss. Hierbei kann sich der Zieltext sprachlich sowie inhaltlich durchaus vom Ausgangstext entfernen, da er umgeformt und angepasst werden muss, um die Wirksamkeit des Appells zu gewährleisten.

Als dritte und zugleich höchste Form bezeichnet Goethe die identifizierende Methode. In diesem Fall soll „die Übersetzung mit dem Original identisch [ge]mach[t] [werden], so daß eine nicht anstatt, sondern an der Stelle des Anderen“[9] gelesen werden soll. Hierbei kommt es auf eine äquivalente Darstellung des Ausgangstextes auf sprachlicher und künstlerischer Ebene an, weshalb diese Methode vor allem bei der literarischen Übersetzung eine Rolle spielt. In gewisser Weise tritt hier der Übersetzer an die Stelle des Autors, da er sich mit dessen Intentionen und seinem Ausdruckswillen identifizieren muss.

0.3.2 Bühlers Organonmodell

Es spricht für das Genie Goethes, dass diese Einteilung über Jahrhunderte hinweg bis in unsere Zeit ihre Gültigkeit behalten hat. Zwar hat sich die Terminologie, mit der diese Klassifizierung beschrieben wird, im Laufe der Zeit geändert, aber dies ändert nichts an ihrer grundsätzlichen Qualität. Eine ähnliche Einteilung nimmt Karl Bühler in seinem Dreifundamentenschema der Sprache, auch Organonmodell (nach Platons Metapher der Sprache als Werkzeug, griechisch „órganon“) genannt, vor.

In seiner „Sprachtheorie“ [Jena, 1934] entwirft Bühler das Organonmodell, in dem er drei semantische Funktionen sprachlicher Zeichen unterscheidet, die von Bußmann folgendermaßen zusammengefasst wurden. Demnach ist das sprachliche Zeichen

(a) Symptom, insofern es die „Innerlichkeit des Senders ausdrückt“ (=Ausdrucksfunktion der Sprache->s enderorientiert),
(b) Signal, insofern es an den Empfänger appelliert (=Appellfunktion der Sprache-> empfängerorientiert), und
(c) Symbol, insofern es sich auf die Gegenstände und Sachverhalte der Wirklichkeit bezieht (=Darstellungsfunktion der Sprache -> gegenstandsorientiert) [Bußmann, S. 549]

Bühler liefert auch eine graphische Darstellung des Organonmodells, die auf der folgenden Seite abgebildet ist.[10]

Den semantischen Funktionen der Sprache Bühlers (als Symptom, Signal und Symbol) lässt sich nun wiederum die Texttypologie Katharina Reiß' gegenüberstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[11]

1 Texttypen nach Reiß

1.1 Einleitung

In Anlehnung an Goethes Definition der drei Übersetzungsarten und Bühlers Organonmodell der Funktionen sprachlicher Zeichen unterscheidet Reiß grundsätzlich ebenfalls drei unterschiedliche Typen von Texten und einen vierten Komplementärtyp, denen sie verschiedene Funktionen zuordnet:

1. der informative Texttyp, bei dem sich die sprachliche Gestaltung primär am Redegegenstand orientiert. Seine Funktion ist die Vermittlung von Information.
2. der expressive Texttyp, dessen sprachliche Gestaltung vom Mitteilungs- und Gestaltungswillen des Autors bestimmt wird. Seine Funktion ist die künstlerisch-ästhetische Aussage.
3. der operative Texttyp, bei dem die Ansprechbarkeit des Empfängers die sprachliche Gestaltung prägt. Seine Funktion ist die Auslösung von Verhaltensimpulsen.
4. der audio-/multimediale Texttyp, der je nach kommunikativer Funktion einem der drei anderen Texttypen zuzuordnen ist. Hierbei ist auf mediale und eventuell vorhandene nichtsprachliche Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen, wie zum Beispiel auf leichte Sprechbarkeit, übersichtliche Syntax oder auf die Kulisse, Gesten, Bilder etc.[12]

Den verschiedenen Texttypen ordnet Reiß unter dem Gesichtspunkt einer intentions- beziehungsweise funktionskonstanten Übersetzung verschiedene Übersetzungmethoden zu. Für den informativen Texttyp, dessen hauptsächliche Funktion die korrekte Übermittlung von Information ist, verlangt sie Invarianz auf inhaltlicher Ebene. Beim expressiven oder ausdrucksbetonten Text liegt der Fokus auf der Analogie der Gestaltung auf sprachlicher, formaler und semantischer Ebene. Bei operativen oder appellbetonten Texten wiederum ist auf die Erhaltung des textimmanenten Appells zu achten. Hierbei kann sich der Zieltext durchaus inhaltlich sowie sprachlich vom Ausgangstext entfernen.

Diese Übersetzungsmet

hoden sind lediglich als grobe Leitlinien zu verstehen, die in der Praxis nicht zwingend einzuhalten sind. So können außersprachliche Gegebenheiten Veränderungen auf inhaltlicher Ebene erfordern und die für diese Ebene geforderte Invarianz hinfällig werden lassen. Konkrete Beispiele hierzu werden später im Rahmen der eingehenderen Betrachtung des informativen Texttyps durch Göpferich aufgezeigt. Außerdem erlaubt diese den Textsorten übergeordnete Klassifikation keine eindeutige Zuordnung einzelner Textsorten zu einem bestimmten Texttyp, da die Texttypen sich ja über die jeweiligen Funktionen der Sprache definieren und jeder Text alle drei Funktionen beinhaltet. Allerdings läßt sich eine Gewichtung oder tendentielle Einteilung vornehmen, abhängig davon, welche der drei Funktionen in einem Text überwiegt.


[...]

[1] Reiß, Katharina/Vermeer, Hans J. , „Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie“, Niemeyer, Tübingen, 1984;

[2] Havránek, Bohuslav, „The Functional Differentiation of the Second Language“, Garvin, Paul L. (Hrsg.&Übers.), A Prague School Reader on Esthetics, Literary Structure and Style, Washington D.C.: Georgetown UP, 1964 S. 3-16;

[3] Pörksen, Uwe; „Textsorten, Textsortenverschränkungen und Sprachattrappen“, Wirkendes Wort 4, 1974, S. 219-239;

[4] Reiß, Katharina; „Texttypen und Übersetzungsmethode“, Heidelberg, Groos, 1983, S. 21;

[5] Ebd., S. 22;

[6] Ebd., S. 21;

[7] Ebd., S. 22;

[8] Ebd., S. 22;

[9] Ebd., S. 22;

[10] http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/o/organon.htm, Stand am 18.07.2004;

[11] http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/o/organon.htm, Stand am 18.07.2004;

[12] Vgl. Reiß, ebd., S. 18;

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Texttypologie, Textsorten, Texttypen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (FASK (Fachbereich für Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft))
Veranstaltung
Entwicklungen und Schwerpunkte der Übersetzungswissenschaft
Note
1,7
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V58062
ISBN (eBook)
9783638523554
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Texttypologie, Textsorten, Texttypen, Katharina Reiss, Göpferich, Übersetzungswissenschaft, Translationswissenschaft, Textfunktion
Arbeit zitieren
Anonym, 2004, Texttypologie, Textsorten, Texttypen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58062

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