Aggression und Gewalt in der Schule - Wie kann der Sportunterricht darauf einwirken, um ein sozial kompetentes Verhalten zu erwerben?


Diplomarbeit, 2006

77 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALT

Falsche Erziehung

0. Einleitung

1. Begriffsklärung: Aggression, Gewalt, Selbstbehauptung und Mobbing
1.1. Unterscheidung der Begriffe Aggression und Gewalt
1.1.1. Erklärung des Begriffs Gewalt
1.1.2. Erklärung des Begriffs Aggression
1.2. Erklärung des Begriffs Selbstbehauptung
1.3. Erklärung des Begriffs Mobbing

2. Ausdrucksformen der Aggression
2.1. Offen-gezeigte und verdeckt-hinterhältige Aggressio
2.2. Körperliche und verbale Aggression
2.3. Aktiv-ausübende und passiv-erfahrende Aggression
2.4. Direkte und indirekte Aggression
2.5. Nach außen-gewandte und nach innen-gewandte Aggression

3. Ursachen für Aggressionen
3.1. Aggressionstheorien
3.1.1. Instinkttheorie
3.1.2. Theorie des sozialen Lernens
3.1.2.1. Instrumentelles Lernen
3.1.2.2. Lernen durch Beobachtungen
3.1.3. Theorie des aversiven Reizes
3.1.3.1. Die Frustrations- Aggressions- Hypothese
3.1.3.2. Schmerzliche Erfahrungen und Aggression
3.2. Aggression in der Familie
3.2.1. Aufwachsen in gewalttätigen Familien
3.2.2. Inkonsequenz der Eltern als Ursache für aggressives Verhalten bei Kindern
3.2.3. Aggressivität durch Liebesdefizit in der Kindheit
3.2.4. Die Gesellschaft als möglicher Aggressionsauslöser bei Kindern und Jugendlichen
3.2.4.1. Unsicherheit und Perspektivlosigkeit in unserer Gesellschaft
3.2.4.2. Materialistische Einstellungen statt Werte und Normen
3.2.4.3. Medien als mögliche Ursache für Aggression und Gewalt

4. Gewalt in der Schule und im Unterricht
4.1. Gewaltformen der SchülerInnen untereinander
4.2. Gewalt von LehrerInnen gegen SchülerInnen
4.3. Gewalt von SchülerInnen gegenüber LehrerInnen
4.4. Konflikte mit ausländischen SchülerInnen in Schulen
4.5. Strukturelle Gewalt

5. Präventions- und Interventionsmöglichkeiten in der Schule
5.1. Das Schulklima als Faktor für Aggressionsabbau in Verbindung mit Gruppenarbeit und Gruppenzusammengehörigkeit
5.2. Die Stärkung des Selbstbewusstseins in Verbindung mit Gewaltverzicht
5.3. Konfliktintervention
5.3.1. Untaugliche Mittel der Konfliktintervention
5.3.2. Voraussetzungen für den gewaltfreien Umgang mit Konflikten

6. Präventions- und Interventionsmöglichkeiten im Fach „Bewegung und Sport“
6.1. Aggressionsabbau durch Lauftherapie
6.1.1. Motorische Ausdauerleistungsfähigkeit
6.1.2. Ziele des Ausdauerlaufs mit Kindern und Jugendlichen
6.1.3. Durchführungsprinzipien des Lauftrainings
6.1.4. Hinführen zum Laufsport im Sportunterricht
6.1.4.1. Kleine Spiele im Sportunterricht
6.1.4.2. Der Orientierungslauf im Sportunterricht
6.2. Aggressionsabbau durch Kampfsport
6.2.1. Durchboxen im Leben – Trainingscamp Lothar Kannenberg
6.2.1.1. Organisation und Rahmenbedingungen
6.2.1.2. Die Philosophie des Camps
6.2.1.3. Der Ablauf
6.3. Aggressionsabbau durch Erlebnispädagogik
6.3.1. Interaktionsspiele im Sportunterricht
6.3.1.1. Praxisbeispiele für Interaktionsspiele

Resümee

Quellen

Eidesstattliche Erklärung

Falsche Erziehung

Wenn Väter ihre Kinder gewähren lassen

und sich vor ihnen geradezu fürchten,

wenn Söhne ohne Erfahrung handeln wollen wie die Väter,

sich nichts sagen lassen, um selbständig zu erscheinen,

wenn Lehrer, statt ihre Schüler

mit sicherer Hand auf den sicheren Weg zu führen,

sich vor ihnen fürchten und staunen,

dass ihre Schüler sie verachten,

wenn ..die Alten sich aber unter die Jungen setzen

und versuchen sich ihnen gefällig zu machen,

indem sie Ungehörigkeiten übersehen

oder gar an ihnen teilnehmen,

damit sie nicht als vergreist oder autoritätsgierig erscheinen,

wenn die auf diese Weise verführte Jugend aufsässig wird,

sofern man ihr nur den mindesten Zwang auferlegen will,

weil niemand sie lehrte, die Gesetze zu achten,

ohne die keine Gemeinschaft leben kann

dann ist Vorsicht geboten:

Dieser Weg droht in die Tyrannei zu führen.

Platon ( 427-347 v.Chr.) Politeia

0. Einleitung

Ein immer häufiger erwähntes Thema in der aktuellen Berichterstattung ist der Umgang mit aggressiven und gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen in der Schule.

Gewalt ist Bestandteil unserer unvollkommenen Welt, täglich wird sie uns und somit auch der heranwachsenden Jugend in vielfältiger Form vor Augen geführt: Terrormeldungen, Kriege, Gewalt in der Familie usw.

Angriffe von Jugendlichen gegen Mitmenschen, Vandalismus und Körperverletzungen treten gehäuft auf und stellen Pädagogen und Psychologen vor neue Herausforderungen.

Ziel meiner Arbeit ist, die Entstehung von Aggression und Gewalt aus einer wissenschaftlichen Perspektive zu betrachten, die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen und für die praktische Arbeit im Unterricht umzusetzen. Kennt man die Ursachen, so besitzt man eine hilfreiche Grundlage für den Umgang mit schwierigen Situationen. Gerade als Lehrer sollte man wissen, wie man mit Problemen dieser Art umgeht und welche Möglichkeiten es gibt, Aggressionen zu hemmen.

Aus diesem Grund beschäftigt sich meine Arbeit neben diversen Aggressionstheorien und Ausdrucksformen von Aggressionen auch mit Präventions- und Interventionsmöglichkeiten in der Schule.

Da ich im Zweitfach „Bewegung und Sport“ unterrichte, wird ein Schwerpunkt dieser Arbeit aus Beispielen und Möglichkeiten gebildet, wie der Sportunterricht darauf einwirken kann, um ein sozial kompetentes Verhalten zu erwerben. Ein wesentlicher Aspekt im Sport ist die Einhaltung von Regeln und angemessener Disziplin.

„…weil niemand sie lehrte, die Gesetze zu achten,

ohne die keine Gemeinschaft leben kann...“

Platon ( 427-347 v.Chr.) Politeia

Der Lehrer als Helfer muss auch Erzieher sein. Schon Platon schreibt über die Notwendigkeit von Regeln und klaren Richtlinien in der Erziehung als Garant für ein geordnetes Staatswesen.

Es sind vielfach die äußeren Umstände, welche Kinder in unserer Zeit „aus dem Rahmen“ fallen lassen. Deshalb müssen wir als Lehrer die Probleme von Kindern und Jugendlichen erkennen, geeignete Hilfestellungen erarbeiten und in der praktischen Arbeit anbieten.

1. Begriffsklärung: Aggression, Gewalt, Selbstbehauptung und Mobbing

Um Aggression erklären zu können, muss man zunächst verschiedene Begriffe erläutern:

Die Begriffe Aggression, Gewalt, Selbstbehauptung und Mobbing werden in alltäglichen Gesprächen sehr oft verwechselt bzw. in einen Topf geworfen.

Wenn man jedoch mit diesen drei verschiedenen Verhaltensweisen konfrontiert wird und entscheiden muss, wie man damit umgehen soll, so ist eine Unterscheidung der Begriffe hilfreich.

vgl. Breakwell 1998, S 19

1.1. Unterscheidung der Begriffe Aggression und Gewalt

Der Unterschied zwischen Gewalt und Aggression geht sowohl im Alltag, als auch im wissenschaftlichen Bereich nicht eindeutig hervor. Es ist auch nur schwer möglich, diese Begriffe klar voneinander zu trennen.

1.1.1. Erklärung des Begriffs Gewalt

Gewalt wird als Handlung definiert, mit welcher versucht wird, jemandem körperlichen Schaden zuzufügen. Wenn jedoch ein Schaden unbeabsichtigt entsteht, dann liegt keine Gewalt vor. Das heißt mit anderen Worten, dass die Vorsätzlichkeit entscheidend dafür ist, ob man ein bestimmtes Verhalten als „Gewalt“ bezeichnet oder nicht.

Die Unterscheidung zwischen vorsätzlichem und unbeabsichtigtem Verhalten wird sowohl im alltäglichen Umgang mit Personen, als auch vom

Gesetzgeber gemacht.

vgl. Breakwell 1998, S 19

1.1.2. Erklärung des Begriffs Aggression

Der Begriff Aggression kommt vom lateinischen Wort „agredere“, was so viel bedeutet, wie „an jemanden herantreten“. Aggression wird von Psychologen in der Regel einem Verhalten zugeordnet, das darauf abzielt, eine andere Person gegen ihren Willen zu schädigen bzw. zu verletzen. Bei einer beabsichtigten Schädigung einer Person handelt es sich nicht um Aggression, wenn die geschädigte Person den erfolgten Angriff gewünscht hat. Ein Beispiel: Wenn der Geschlechtspartner während des Geschlechtsaktes verlangt geschlagen zu werden, so wird diese Handlung nicht als aggressiv eingestuft, da sie ausdrücklich vom Partner gewünscht wurde.

Der Begriff Aggression beinhaltet jede Form der Verletzung, die psychische wie auch die gefühlsmäßige. Demütigungen, Einschüchterungen und Bedrohungen einer Person zählen also auch als aggressive Handlung.

vgl. Breakwell 1998, S 19

Aus der Erklärung dieser zwei Begriffe geht noch kein Unterschied hervor. Folgende Punkte sind zur besseren Unterscheidung zu beachten:

Im Gegensatz zu Gewalt kann Aggression jedoch auch eine positive Wirkung haben. Ein gewisses Maß an Aggression führt zu einer positiven Energie, welche uns motiviert, gewisse Aufgaben und Situationen zu bewältigen. Aggression als zusätzliche Motivation spielt auch eine wesentliche Rolle im Sport. Sportliche Anforderungen können ohne ein bestimmtes Maß an Aggressivität nicht bewältigt werden.

Gewalt unterscheidet sich im Wesentlichen dadurch von Aggression, dass diese die weit intensivere Form von Aggression ist. Wenn von Gewalt gesprochen wird, dann werden damit meist extreme Formen von Aggressionen beschrieben.

vgl. Bierhoff, Wagner 1998, S 6

1.2. Erklärung des Begriffs Selbstbehauptung

Der Begriff Selbstbehauptung bedeutet, auf seine Rechte und Meinungen zu beharren. Das heißt, dass man das Recht hat, selbst zu entscheiden, was man denkt, fühlt und tut. Entscheidend dabei ist nur, dass sich die Art der Selbstbehauptung innerhalb der gesetzlichen Grenzen befindet.

vgl. Breakwell 1998, S 19

1.3. Erklärung des Begriffs Mobbing

Der Begriff Mobbing kommt ursprünglich aus der Berufswelt und spielt auch im Schulleben eine immer größere Rolle. Unter Mobbing versteht man jede Form von Sticheleien, Intrigen, Schikanen, sowie üble Nachrede. Solche Attacken können sowohl einzelne Personen, als auch ganze Gruppen treffen. Mögliche Gründe für dieses Verhalten sind Neid, Hass, Eifersucht oder auch Konkurrenz. Konflikte, die daraus entstehen, werden nicht offen ausgetragen, sondern meist hinter dem Rücken des Gegners. Die oben genannten Attacken zielen bewusst auf den psychischen Bereich und nicht auf den körperlichen. Ziel ist es, das Selbstwertgefühl des Opfers zu schädigen und die Person außerdem vor anderen zu blamieren. Die psychischen Schäden, welche das Opfer folglich davonträgt, sind nicht selten schwerer, als wenn es geschlagen worden wäre. Diese geschädigten Personen leiden meist still vor sich hin und der weitere Schul- bzw. Berufsalltag wird zur Qual.

vgl. Erb 2001, S 46ff

2. Ausdrucksformen der Aggression

Wie ich bereits in Kapitel eins erwähnt habe, handelt es sich bei Aggression um ein Verhalten, welches darauf ausgerichtet ist, jemanden direkt oder indirekt zu schädigen. Aggressives Verhalten kann sich nicht nur gegen Menschen richten, sondern auch gegen Tiere und Gegenstände. Aggression bedeutet also, dass man irgendjemandem bzw. irgendetwas Schaden zufügt. Es gibt jedoch verschiedene Möglichkeiten, wie man jemanden schädigen kann. In den folgenden Unterpunkten werde ich verschiedene Ausdrucksformen von Aggression erläutern.

vgl. Petermann 1991,S 4

2.1. Offen-gezeigte und verdeckt-hinterhältige Aggression

Als offen-gezeigte Aggression bezeichnet man jenes Verhalten, das für alle Beteiligten, also auch für den Gegner, erkennbar ist. In diesem Fall ist es dem Gegner auch möglich, auf den Angriff des Anderen zu reagieren und dementsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Als verdeckt-hinterhältige Aggression bezeichnet man ein gezielt aggressives Verhalten, das vom Gegner jedoch nicht unmittelbar erkannt wird. Ziel dieses Verhaltens ist es, den Gegner in eine ungünstige Situation zu bringen (z.B.: Gerüchte verbreiten). Die geschädigte Person kann nicht sofort auf die Situation reagieren.

vgl. Petermann 1991,S 4f

2.2. Körperliche und verbale Aggression

Unter körperlicher Aggression versteht man eine gezielte Handlung, durch die eine Person, ein Tier oder ein Objekt attackiert wird. Unter Attackieren versteht man in diesem Fall eine Handgreiflichkeit, wie Boxen oder Schlagen.

Die verbale Aggression hingegen erfolgt in symbolischer Form, zum Beispiel durch Beschimpfungen oder Verspottungen. Mit einem solchen Verhalten wird eine psychische Schädigung beabsichtigt.

vgl. Petermann 1991,S 5

2.3. Aktiv-ausübende und passiv-erfahrende Aggression

Von aktiv-ausübender Aggression spricht man bei den Handlungen eines Aggressors. Solche Handlungen gehen von unbegründeten Aggressionen, bis hin zu verteidigenden Maßnahmen (Notwehr). Dabei wird aktiv ein Angriff ausgeübt.

Wenn man solche Aggressionen aus der Sicht des Opfers betrachtet, so spricht man von passiv-erfahrender Aggression (geschlagen oder beschimpft werden).

vgl. Petermann 1991,S 5

2.4. Direkte und indirekte Aggression

Als direkte Aggression bezeichnet man ein direktes, aggressives Verhalten gegen eine Person. Solche Handlungen können wiederum entweder verbal oder körperlich ausgeübt werden. Die betroffene Person wird dadurch direkt geschädigt.

Von indirekter Aggression spricht man, wenn jemand bewusst Gegenstände, die für den Gegner eine Bedeutung haben, zerstört oder stiehlt. Dies bezieht sich nicht nur auf Gegenstände, sondern auch auf Tiere oder Menschen.

vgl. Petermann 1991,S 5

2.5. Nach außen-gewandte und nach innen-gewandte Aggression

Nach außen-gewandte Aggressionen sind Handlungen, die sich auf andere Personen, Tiere oder Gegenstände beziehen. Darunter fallen alle bisher erwähnten Aggressionsformen.

Eine Handlung, die sich nicht auf eine andere Person, sondern auf die eigene bezieht, bezeichnet man als nach innen-gewandte Aggression. Solche Aggressionen werden auch als Autoaggressionen bezeichnet und können verschiedene Formen annehmen: Nägel kauen, an den eigenen Haaren ziehen usw. Diese Form der Aggression kann im schlimmsten Fall zum Suizid führen.

vgl. Petermann 1991,S 5

3. Ursachen für Aggressionen

3.1. Aggressionstheorien

3.1.1. Instinkttheorie

Bei der Instinkttheorie wird angenommen, dass Aggression ein angeborener Instinkt des Menschen sei, wie zum Beispiel auch Essen und Schlafen. Aggression wird also nicht erlernt, sondern sie steckt in jedem von uns und ist dadurch unvermeidbar. Vertreter dieser Triebtheorie sind einerseits Psychoanalytiker wie Freud, Mitscherlich und Hacker, andererseits Vertreter der vergleichenden Verhaltensforschung wie Lorenz und Eibl – Eibesfeld.

Nach dieser Theorie sind wir also alle aggressiv und gewalttätig. Untereinander unterscheiden wir uns nur darin, wie wir die Aggression ausleben. Man nimmt an, dass wir diesen Aggressionstrieb besitzen, um unserer eigenen Spezies das Überleben zu sichern.

Mit Hilfe der Instinkttheorie ist es jedoch nicht möglich vorauszusagen, zu welchem Zeitpunkt aggressives Verhalten auftreten und in welcher Form sich die Aggressivität äußern wird. Aus diesem Grund ist es von Bedeutung, auch noch andere Erklärungsmodelle zu erwähnen.

vgl. Breakwell 1998, S 23f

3.1.2. Theorie des sozialen Lernens

Nach dieser Theorie ist Aggression ebenfalls nicht vermeidbar. Da sie jedoch eine Verhaltensweise ist, wie jede andere auch, ist diese auch erlernbar. Dabei gibt es zwei Arten des Lernens: Instrumentelles und beobachtendes Lernen.

vgl. Breakwell 1998, S 24

3.1.2.1. Instrumentelles Lernen

Instrumentelles Lernen findet statt, wenn jemand für eine Handlung belohnt wird und er dadurch dieses Verhalten auch in Zukunft öfter zeigt. Belohnungen können von materieller (Geld), von psychologischer

(emotionale Befriedigung) oder von sozialer Art (Status in der Bevölkerung) sein.

Diese Verstärkung existiert nicht nur bei positivem Verhalten, sondern auch bei negativen, aggressiven Handlungen.

Solche Verstärkungen von aggressivem Verhalten kann man zum Beispiel in Jugendgruppen (Gangs) beobachten. Auftretendes aggressives Verhalten wird hier akzeptiert und von den anderen Gruppenmitgliedern sogar noch beklatscht.

vgl. Breakwell 1998, S 24f

3.1.2.2. Lernen durch Beobachtungen

Hierbei geht man davon aus, dass ein aggressives Verhalten erlernt werden kann, indem man es bei jemand anderen beobachtet. Das Lernen durch Beobachtung anderer gilt sowohl für Kinder, als auch für Erwachsene. Der Unterschied liegt nur darin, dass Kinder lernen, wie man aggressiv sein kann. Erwachsene hingegen lernen, wann aggressives Verhalten angemessen ist.

Beobachtendes Lernen zeigt, wie sich aggressives Verhalten gewisser Menschen oder Gruppen auf andere übertragen kann. Jugendliche lernen schon von ihren größeren Freunden (Vorbilder) verschiedene aggressive Verhaltensmuster, die sie später selbst praktizieren und so selbst wieder zum Vorbild für andere werden. Jugendgruppen und Gangs sind hier wiederum als mögliche Beispiele zu nennen.

vgl. Breakwell 1998, S 25

3.1.3. Theorie des aversiven Reizes

Diese Theorie geht davon aus, dass der Körper darauf reagiert, wenn eine Person einen unangenehmen oder aversiven Reiz erfährt.

Solche Reaktionen können zum Beispiel die Erhöhung des Blutdrucks, die Erhöhung der Herzfrequenz oder der Anstieg des Adrenalinspiegels sein. Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, das entstandene Erregungsniveau wieder zu senken. Eine solche Möglichkeit besteht darin, dass man die Quelle der unangenehmen Reize auslöscht.

Aggression ist besonders dann die Reaktion auf aversive Reize, wenn andere Reaktionsmöglichkeiten (Flucht) nicht mehr möglich sind.

In den folgenden zwei Unterkapiteln werde ich zwei Beispiele für die Erklärung der aversiven Reize anführen.

vgl. Breakwell 1998, S 27

3.1.3.1. Die Frustrations- Aggressions- Hypothese

Diese Theorie geht davon aus, dass alle Aggressionen aus irgendeiner Frustration entstehen. Frustration entsteht meist dann, wenn eine Person irgendein gestecktes Ziel oder ein bestimmtes Vorhaben nicht erreicht. Diese Frustration erzeugt dann wiederum eine direkte oder indirekte Aggression gegen etwas oder jemanden. Solch eine Aggressionshandlung ist meist ein Mittel zur Zielerreichung oder zur Bedürfnisbefriedigung.

Frustration muss jedoch nicht immer automatisch zu aggressiven Handlungen führen. Wenn sie beispielsweise nicht zu Ärger führt oder einen berechtigten Ursprung hat, ist es eher unwahrscheinlich, dass Aggression hervorgerufen wird.

vgl. Breakwell 1998, S 28

3.1.3.2. Schmerzliche Erfahrungen und Aggression

Man geht davon aus, dass eine Person auf einen Schmerz mit Aggression reagiert, wenn sie in der Vergangenheit schon einmal Erfolg mit einer derartigen Handlung hatte. Die angewandte Aggression sollte den Schmerz natürlich auch auslöschen. Auch diese Theorie beruht auf dem Grundsatz, Positives zu erreichen und Negatives zu vermeiden. Sie ist mit der Theorie des sozialen Lernens vergleichbar.

vgl. Breakwell 1998, S 28

3.2. Aggression in der Familie

Das familiäre Umfeld spielt eine sehr große Rolle in der Entwicklung des Kindes. Meist werden erste Erfahrungen mit Aggressivität in der Familie gemacht. Oft ist die Familie nicht mehr der Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Natürlich können sich gewalttätige und aggressive Erlebnisse auf die Entwicklung und das spätere Leben des Kindes negativ auswirken. In den nächsten drei Unterkapiteln werde ich mögliche Fehler in der Erziehung erläutern, welche sich auf die Aggressionsbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen beziehen.

vgl. Bäuerle 2001, S 17

3.2.1. Aufwachsen in gewalttätigen Familien

Diverse Untersuchungen weisen darauf hin, dass aggressive Kinder und Jugendliche oft selbst Opfer von aggressiven Handlungen in ihrer Familie waren. Jugendliche, die andere Personen attackieren und oft ein aggressives Verhalten an den Tag legen, haben meist selbst traumatisierende Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit gemacht.

vgl. Bäuerle 2001, S 19

Solche Gewalterlebnisse üben auch einen wesentlichen Einfluss auf die Wertvorstellungen beim Kind aus. Das Kind lernt, dass Ziele oder Vorstellungen den Einsatz von Gewalt erlauben.

Gewalt in der Familie äußert sich nicht nur durch körperliche Aggression, sondern häufig auch durch direkte psychische Gewalt (Beleidigungen, Beschimpfungen) oder durch indirekte psychische Gewalt (Ignorieren, Liebesentzug).

vgl. Gratzer 1993, S 31f

In der Psychologie wird eine mögliche Erklärung, warum Eltern ihre Kinder schlagen, als „sozialer Stress“ bezeichnet. Eltern sind sehr oft überfordert und geraten in eine Art Hilflosigkeit. Ausschlaggebend dafür sind meist frustrierende Erfahrungen, die oftmals zur Enttäuschungswut führen. Diese äußert sich dann durch aggressive Verhaltensweisen gegenüber den Kindern. Faktoren für den sogenannten „sozialen Stress“ sind zum Beispiel fehlende Berufsausbildung, schlechte Berufschancen, Arbeitslosigkeit der Eltern oder finanzielle Probleme.

vgl. Bäuerle 2001, S 20

3.2.2. Inkonsequenz der Eltern als Ursache für aggressives Verhalten bei Kindern

Wenn in einer Familie keine klaren Verhaltensregeln aufgestellt werden und die Eltern sehr inkonsequent sind, kann dies später zu aggressivem Verhalten der Kinder führen. Bei inkonsequentem Verhalten der Eltern lernt das Kind, dass letztlich nur das eigene Verhalten zum Ziel führt. In den Verhaltensweisen der Eltern sieht das Kind keinen Verlass.

Kinder von inkonsequenten Eltern lernen, dass der elterliche Widerstand überwindbar ist, wenn sie es nur oft genug versuchen.

Das inkonsequente Erziehungsverhalten der Eltern äußert sich zum Beispiel dadurch, dass Eltern vielfach zu hohe Anforderungen an die Kinder stellen, diese jedoch zurücknehmen müssen, da sie von den Kindern nicht erbracht werden können.

Klare Regeln und auch dementsprechende Konsequenzen sind ein entscheidender Aspekt in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen.

vgl. Bäuerle 2001, S 20f

3.2.3. Aggressivität durch Liebesdefizit in der Kindheit

Laut wissenschaftlichen Forschungsergebnissen ist die Elternliebe einer der entscheidensten Faktoren im Hinblick auf ein späteres sozial- kompetentes Verhalten. Viele Kinder wachsen heute emotional „unterernährt“ auf, da sie nicht die nötige Hingabe und Liebe der Eltern bekommen. Aus diesem Grund handelt es sich bei aggressionsbereiten Kindern und Jugendlichen häufig um Personen, die eine starke emotionale Verarmung in ihrer Kindheit erleben mussten.

Da solche Menschen in ihrer Kindheit nicht gelernt haben echte Liebesbeziehungen aufzubauen, kommt es im späteren Erwachsenenleben oft zu massiven Beziehungsproblemen. Es ist ihnen also nicht möglich, ein Vertrauen zu sich selbst oder zu anderen Mitmenschen aufzubauen. Wenn solche notwendigen Bedürfnisse nicht erfüllt werden, kann es zu innerseelischen Belastungen kommen, die wiederum zu aggressivem Verhalten führen können.

vgl. Bäuerle 2001, S 22ff

Warum Kindern die notwendige Hingabe und Liebe verwehrt wird, kann verschiedene Gründe haben. Für viele Eltern sind die berufliche Karriere und das Geldverdienen wichtiger als die Erziehung ihrer Kinder. Dadurch werden viele Kinder entweder alleine gelassen oder zu Ersatzeltern abgeschoben. Wenn so etwas bereits wenige Tage oder Wochen nach der Geburt passiert, so spricht die Wissenschaft oft von „moderner Aussetzung“. Später gehören diese Menschen meist zu jenen, die ihre erfahrene Ohnmacht in Macht umkehren und sich ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen gegenüber besonders destruktiv verhalten.

Vielen Kindern fehlt auch die nötige positive Verstärkung. Einem Kind sollte man nicht nur sagen, was es falsch macht, sondern es für positive Leistungen immer wieder loben. Ein Lob führt beim Kind zur Stärkung des Selbstvertrauens und der Selbstachtung. Wenn diese Stärkung nicht erfolgt, kommt es wiederum entweder zu einem sozialen Rückzug oder zu aggressivem Verhalten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 77 Seiten

Details

Titel
Aggression und Gewalt in der Schule - Wie kann der Sportunterricht darauf einwirken, um ein sozial kompetentes Verhalten zu erwerben?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Kärnten Viktor Frankl Hochschule
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
77
Katalognummer
V58180
ISBN (eBook)
9783638524452
ISBN (Buch)
9783638693929
Dateigröße
886 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aggression, Gewalt, Schule, Sportunterricht, Verhalten
Arbeit zitieren
Oliver Leeb (Autor), 2006, Aggression und Gewalt in der Schule - Wie kann der Sportunterricht darauf einwirken, um ein sozial kompetentes Verhalten zu erwerben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58180

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