Zum vorherrschenden säkular-zionistischen Modell schlägt Shas eine alternative israelische Identität vor. In diesem Sinne ist Shas eine eigentliche Antithese zum ursprünglichen Zionismus, der die jüdischen, religiösen Werte durch liberal-sozialistische ersetzten wollte. Ein wichtiger Faktor für den Aufstieg von Shas ist die Identitätskrise, in der sich Israel seit dem Osloer Abkommen von 1993 befindet. Ab diesem Zeitpunkt begannen viele Israelis den säkularen Zionismus in Frage zustellen, da er den Besitz von Territorien nicht rechtfertigt, die nur von der Tora als jüdisches Siedlungsgebiete beurkundet werden. Der Fokus der Identitätssuche beginnt sich nun stärker auf das „Jüdische“ selbst zu richten, in dem die Religion notwendigerweise den integralen Teil beansprucht. Die israelische Identität wird also von der jüdischen Identität zunehmend verdrängt und der Wahlerfolge von Shas 1999 können somit in den Kontext des von Tom Segev (2002) beschriebenen Phänomens des Post-Zionismus gesetzt werden, das die politische Befindlichkeit der 1990er Jahre signifikant bezeichnet.
Die religiösen Parteien gewannen in den Knessetwahlen von 1999 mehr Sitze als je zuvor in Israels Wahlgeschichte und verfügten über 22.5% der Knesset. Shas war zweifellos der grosse Gewinner unter den religiösen Parteien und konnte ihre Repräsentation in der Knesset von 10 auf 17 Sitzen steigern. Sie wurde somit zur drittgrössten Partei Israels. Wie ist nun das Shas-Phänomen zu erklären? Wurde die ethnische Identifikation nach 50 jähriger Staatsgründung plötzlich politisch signifikant? Oder ist die wachsende Unterstützung für Shas als Ausdruck einer ethnischen Politik und sozialer Unzufriedenheit zu bewerten? Nähert sich Israel immer stärker einem Kulturkampf zwischen religiösen Parteien auf der einen und der sogenannten säkularen Linken auf der anderen Seite?
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Begriffserklärung, Ansatz, Methode
2.1 Politische Opposition als politikwissenschaftlicher Forschungsgegenstand
2.2 Angewandte Methode
3.Die sozioökonomischen Variablen
3.1. Unterschied zwischen homogenen und heterogenen gesellschaftlich-politischen Ordnungen:
Politische Generationen und Einwanderungswellen (Alijot)
3.2 Grundlegende kulturelle Einstellungen: Das „zweite Israel“
3.2.1 Die innerjüdische Polarisierung
3.2.2. Kulturelle Diskriminierung
3.2.3. Religiöse Diskriminierung
3.2.4. Die Besiedlung der Peripherie
3.2.5. Die sozioökonomische Kluft
3.2.6. Fazit
4. Die institutionellen Variablen
4.1. Erstes Operationalisierungskriterium : strukturelle Änderungen im politischen System und Führungstransformation
4.1.1. Das politische System des Staates Israel
4.1.2. Strukturelle Änderung im politischen System und Führungstransformation
4.2. Operrationalisierungskriterium: Status Quo
4.2.1 Religiöse Staatsorgane
4.2.2 Status Quo
4. 3. Operationalisierungskriterium: Parteiensystem
4.3.1. Das Grundmuster der Parteienlandschaft Israels
4.4. Operationalisierungskriterium: Koalition
4. 5. Operationalisierungskriterium Wahlsystem
4.6. Fazit
5. Die Shas-Partei
5.1 Identifizierbarkeit
5.1.1. Geschichte der Shas-Partei 1984-1999
5.1.2 Ideologische Verortung
5.1.3 Persönlichkeiten
5.2 Ziele und Strategien
5.2. 1. Das parteipolitische Programm
5.2.2. Erziehungssystem
5.2.3. WählerInnen
5.2.4.Finanzierung
5.3. Wettbewerbsfähigkeit
5.3.1. Innerparteiliche Strukturen
5.3.2. Wahlkampf 1999
5.3.3. Wahlkampf 2003
5.3.4. Regierungskrise Frühsommer 2004
6. Konklusion des Oppositionsverhaltens der Shas-Partei
7. Das Oppositionsprofil der Shas-Partei
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit analysiert das spezifische Oppositionsverhalten der israelischen Shas-Partei im Zeitraum von 1984 bis 2004. Dabei wird untersucht, aus welchen sozioökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen sich das Profil der Partei als politische Akteurin zwischen Regierung und Opposition ableiten lässt.
- Analyse des Einflusses ethnischer und religiöser Cleavages (Mizrachim vs. Aschkenasim).
- Untersuchung des israelischen Parteiensystems und der Koalitionsmechanismen.
- Evaluation des Oppositionsverständnisses der Shas unter Anwendung politikwissenschaftlicher Ansätze.
- Darstellung der parteiinternen Strukturen und der Mobilisierungsstrategien (z.B. Erziehungssystem).
Auszug aus dem Buch
Religiöse Praxis
Die Ideologie der spirituellen Erneuerung von Shas idealisiert den Lebensstil der Ultra-Orthodoxie (Charedim) und ist das Ergebnis eines fundamentalistischen Radikalisierungsprozesses der religiösen Gebote der Halacha. Charedim leben in der Regel in abgeschlossenen Quartieren, vornehmlich in den Städten Jerusalem und Bnei Brak, nutzen ein eigenes Institutionssystem und unterstreichen ihre Identität durch besondere Merkmale wie einen differenten Kleidungsstil. Die Grundwerte der Charedim konstituieren sich vor allem aus der minutiöse Einhaltung der an den Texten reformulierten religiösen Praktiken und das im Idealfall lebenslange Lernen. Dies wird durch die in den Institutionen der Agudat Israel sozialisierte Shas-Elite verkörpert. Die „Rückkehr“ der Mizrachim zu ihrer religiösen Tradition beruht also auf einem aschkenasischen Idealtypus, dessen fundamentalistische Auslegung als adäquater Ausdruck der religiösen Revitalisierung empfunden wird. Die religiöse Praxis der Charedim wurde von den orientalischen Studenten bis hin zur Kleidung internalisiert. Viele behielten jedoch einige spezielle sephardische Rituale bei. Auf dieser Grundlage entwickelte sich eine orientalische Färbung der Ultra-Orthodoxie, die für Shas charakteristisch ist. Sie praktizieren eine folkloristischen Religionsauffassung, machen Pilgerfahrten zu Gräbern berühmter Rabbis und betrachten Rabbi Kaduri, ein Mystiker und Kabbalist, als ernstzunehmende religiöse Instanz. Die Legitimation der Volkreligion und des Mystizismus eine weitere Komponente der Shas-Doktrin.
Einige orientalische Jeshiwa-Absolventen zogen aufgrund der besseren Erwerbsmöglichkeiten und der billigen Mieten in die Entwicklungsstädte, in denen die orientalische Bevölkerung konzentriert ist. Sie engagierte sich in der religiösen Bildungsarbeit und gründeten religiöse und soziale Einrichtungen, die später zum Fundament des Institutionssystems von Shas generierten. Ihre spirituelle Botschaft manifestierte sich in der Tschuwa-Bewegung, die einen zentralen Bestandteil der Propaganda von Shas bildete. Tschuwa ( hebr. Reue oder Rückkehr) bedeutet die Konversion säkularer oder traditioneller Juden zum ultra-orthodoxen Lebensstil. Die ideelle Bedeutung der Tschuwa ist dabei wesentlich höher einzuschätzen, als das wohl eher geringe quantitative Ausmass der Bewegung.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Die Einleitung verortet die Shas-Partei im israelischen politischen Spektrum und führt in die Identitätskrise Israels ein, die den Aufstieg der Partei begünstigte.
2. Begriffserklärung, Ansatz, Methode: Dieses Kapitel definiert den Oppositionsbegriff und stellt die theoretischen Ansätze von Blondel und Steffani vor, die der Analyse zugrunde liegen.
3.Die sozioökonomischen Variablen: Hier werden die gesellschaftlichen Ursachen, insbesondere der Cleavage zwischen Mizrachim und Aschkenasim sowie die Rolle von Einwanderungswellen, beleuchtet.
4. Die institutionellen Variablen: Die Untersuchung der politischen Systemstrukturen und der spezifischen israelischen Wahlsystem- und Koalitionsdynamiken bildet den Kern dieses Kapitels.
5. Die Shas-Partei: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte Profilanalyse der Partei, ihrer Führungspersonen, ihrer Ziele, ihres Erziehungssystems und ihrer Finanzierung.
6. Konklusion des Oppositionsverhaltens der Shas-Partei: Eine zusammenfassende Synthese der äusseren und inneren Rahmenbedingungen, die das oppositionelle Verhalten der Shas prägen.
7. Das Oppositionsprofil der Shas-Partei: Abschließende Einordnung der Partei anhand der untersuchten Kriterien in das System parlamentarischer und ausserparlamentarischer Opposition.
8. Bibliographie: Auflistung der verwendeten wissenschaftlichen Quellen, Zeitungsartikel und Internetseiten.
Schlüsselwörter
Shas, Israel, Opposition, Mizrachim, Aschkenasim, Religion, Politik, Fundamentalismus, Zionismus, Halacha, Parteiensystem, Koalition, Wahlsystem, Identität, Sozioökonomie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Oppositionsverhalten der Shas-Partei in Israel über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten und analysiert die politischen sowie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dieses Verhaltens.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören die Analyse von ethnisch-religiösen Cleavages, die Rolle der Religion im israelischen Staat, parteiinterne Organisationsstrukturen und das politische System Israels.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erstellung eines fundierten Oppositionsprofils der Shas-Partei auf Basis theoretischer politikwissenschaftlicher Ansätze, um ihr komplexes Verhalten zwischen Koalitionsteilhabe und Opposition zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen qualitativ-empirischen Ansatz und kombiniert die theoretischen Konzepte von Jean Blondel und Winfried Steffani zur Oppositionsanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert sozioökonomische Faktoren, die institutionellen Bedingungen des israelischen politischen Systems sowie die parteispezifischen Strategien, Ziele und die Entwicklung der Shas-Partei.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Shas, Opposition, Mizrachim, politische Identität, Religion, Fundamentalismus und israelisches Parteiensystem charakterisieren.
Welche Rolle spielt die Halacha für die politische Strategie von Shas?
Die Halacha dient als normatives Fundament der Partei; ihre Verankerung in der Gesellschaft wird als zentrales politisches Ziel und als Mittel zur Legitimation der Partei verfolgt.
Warum wird Shas oft als eine "paradoxe" Opposition beschrieben?
Die Paradoxie ergibt sich aus dem Umstand, dass die Partei einerseits zwar in der Knesset als loyale Opposition agiert, andererseits aber durch ihre institutionelle Einbindung und ihr oppositionelles Massenmobilisierungspotenzial einzigartige hybride Strategien verfolgt.
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- Master Angela Mattli (Author), Jovicic Natalya (Author), 2004, Zwischen Regierung und Opposition: Das Shas-Phänomen in Israel 1984-2004 - Eine Profilanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58275