'Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf'. Prävention von Schulmüdigkeit und Schulverweigerung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Definitionen
a. Sozialisation und Identität in der Lebensphase Jugend
b. Benachteiligtenförderung
c. Schulmüdigkeit und Schulverweigerung
d. Interventions- und Präventionsansätze bei Schulmüdigkeit und Schulverweigerung

3. Prävention von Schulmüdigkeit und Schulverweigerung am Beispiel des Programms „Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung
a. Ausgangsproblematik
b. Zielsetzung und Konzept
c. Umsetzung
d. Formen der Prävention von Schulmüdigkeit und Schulverweigerung
i. Erste Phase der Prävention – Frühe Prävention an der Schule
ii. Zweite Phase der Prävention – Kooperation von Schule und Jugendhilfe an der Schwelle Schule-Beruf
iii. Dritte Phase der Prävention – Außerschulische Beschulung
e. Fazit der Netzwerkarbeit

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Leschinsky und Cortina beginnen ihr erstes Kapitel des 2003 vorgelegten Berichtes, welcher einen systematischen Überblick über das Bildungswesen in der Republik Deutschland geben soll: „Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland steht seit dem Ende der 1990erJahre deutlich im Zeichen eines tief greifenden Wandels, dessen Zielpunkt sich erst in Umrissen andeutet.“[1] Auch wurde durch insgesamt eher unerfreuliche Befunde internationaler Vergleichsstudien, wie etwa „TIMSS“ (Third International Mathematics and Science Study) und „PISA“ (Programme for International Student Assessment), über den Leistungsstand der deutschen Schüler, sowie über den gestiegenen Mangel an Chancengleichheit an deutschen Schulen eine massive öffentliche Beunruhigung ausgelöst. Dadurch wurde aber der Weg geebnet einen Vergleich zwischen den etablierten Schulformen und der Schulpolitik der einzelnen Bundesländer anzuregen. Somit dürfte der Handlungsdruck der zuständigen Organe enorm gewachsen sein. Die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Heidemarie Wieczorek-Zeul schrieb dazu treffender weise:

„Gerechtigkeit heißt vor allem, die Chancengleichheit zu mehren: zum Beispiel zwischen Mann und Frau, zwischen abhängig Beschäftigten und Unternehmern, zwischen Bildungssuchenden mit unterschiedlicher familiärer Herkunft, zwischen Deutschen und ausländischen Mitbürgern in unserem Lande.“[2]

Im Folgenden werde ich auf Grund der umfassenden Materie zum Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland den Schwerpunkt dieser Hausarbeit auf die „Prävention von Schulmüdigkeit und Schulverweigerung“ legen.

Im ersten Teil nehme ich Definitionen, von für in der restlichen Arbeit wiederkehrenden wichtigen Begriffen, vor. Daneben versuche ich einen geeigneten Einstieg in das Thema durch die Darlegung der „Sozialisation und Identität in der Lebensphase Jugend“ zu gestalten.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Versuch, die Netzwerkarbeit des Deutschen Jugendinstituts (DJI) „Prävention von Schulmüdigkeit und Schulverweigerung“ am Beispiel des Programms „Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung näher darzustellen und zu diskutieren.

Abschließend werde ich im dritten Teil ein Fazit stellen und versuchen einen Ausblick für das Gelingen von Prävention von Schulmüdigkeit und Schulverweigerung zu wagen.

2. Definitionen

a. Sozialisation und Identität in der Lebensphase Jugend

Hurrelmann zufolge beschreibt und erklärt der Begriff der Sozialisation alle Vorgänge und Prozesse, in deren Verlauf der Mensch zum Mitglied der Gesellschaft wird.[3] Durch diese gewinnt der Mensch seine Identität als eine in der Gesellschaft aktive und handlungsfähige Persönlichkeit. In der Phase der Adoleszenz werden soziale Vorgaben und Orientierungen aus der sozialen Umwelt als Bezugspunkte zur Erlangung und Sicherung eines subjektiven Lebenssinns herangezogen. Die Suche nach Orientierung und Sinngebung ist charakteristisch für die Umbruchphase Jugend.

Zum einen bedeutet Sozialisation Integration. Der Jugendliche soll sich an die gesellschaftlichen Werte, Normen, Verhaltensstandards und Anforderungen anpassen. Zum anderen bedeutet Sozialisation Persönlichkeitsreifung. Mit der Entwicklung einer besonderen, unverwechselbaren Persönlichkeitsstruktur geht die Entwicklung der personalen Identität einher. Der Jugendliche sollte die Fähigkeit erwerben, sich durch selbständiges, autonomes Verhalten in seinem sozialen Umfeld zu behaupten. Um dies zu erreichen, braucht er bestimmte Grundqualifikationen.

Krappmann beschreibt Identität als eine vom Individuum für die Beteiligung an Kommunikation und gemeinsamen Handeln zu erbringende Leistung[4]. Diese Leistung geht aus den strukturellen Notwendigkeiten des Interaktionsprozesses hervor. Er sieht die Identitätsentwicklung als einen lebenslangen Lernprozess, der in die soziale Interaktion eingebettet ist. Er geht davon aus, dass der Mensch seine Identität nur dann wahren kann, wenn es ihm möglich ist, alle seine Identifikationen durch neue Interpretationen für die aktuelle Interaktion aufzuarbeiten.[5] Die Notwendigkeit zur Interpretation besteht auch schon in der Familie, in der das kleine Kind lebt. Hier wird es mit ambivalenten und teilweise widersprüchlichen Erwartungen der Eltern konfrontiert. Gegen sie sich zu behaupten, sei das Identitätsproblem. Diese divergierende Anforderungen und Erwartungen müssen vom Individuum interpretiert und in Einklang mit der eigenen Persönlichkeit gebracht werden. Dies geschieht in der Identitäts- oder auch Ich-Balance.

Goffman führt die Begriffe der „sozialen“ und der „persönlichen“ Identität[6] ein. Diese Balance aufrechtzuerhalten, ist eine Bedingung für die Ich-Identität.

Eine weitere Bedingung ist das erfolgreiche Rollenhandeln, also das kommunikative Handeln zwischen Interaktionspartnern. Jeder Interaktionsprozess modifiziert die eigene Identitätsbalance, denn das Individuum kann die jeweiligen Normen für kommunikatives Handeln in Rollen nicht einfach ignorieren, wenn es sich an Interaktionen überhaupt beteiligen will. Die interpretative Leistung des Individuums führt jeweils ein bis dahin unbekanntes Element in den Interaktionsprozess ein. Dieses unvorhergesehene Element beschreibt Mead mit „I“, also die persönliche Identität[7]. Das „I“ geht dann als „me“, also als „soziale Identität“[8] in die Interaktion ein.

Voraussetzung, um die Ich-Balance aufrechtzuerhalten und erfolgreich in Rollen zu handeln, sind folgende Fähigkeiten: Die Sprachkompetenz in Form eines gemeinsamen Symbolsystem der Interaktionspartner; die Rollendistanz[9] als Reflexion und Interpretation von Normen; „role-taking“[10], das Hineinfühlen in andere Menschen; „Ambiguitätstoleranz“[11], das Ertragen von divergierenden Erwartungen und Anforderungen und schließlich Frustrationstoleranz, die Fähigkeit, Enttäuschungen auch hinnehmen zu können.

Identität heißt auch Bildung, die Erziehung zur Mündigkeit. Bildung bedeutet nicht nur die reine Wissensvermittlung, sondern auch die Vermittlung von Fähigkeiten zur Erlangung von Identität, die ein Jugendlicher in seiner primären Sozialisation möglicherweise nicht ausbilden konnte.

Die Erziehung zur Mündigkeit und damit auch zu einer stabilen Ich-Identität setzt eigenständiges Denken, Argumentationsfähigkeit und Auseinandersetzung mit dem Interaktionspartner voraus. Erst daraus erwächst die Möglichkeit sich zu orientieren, ethische Werte zu finden, die für die eigene Person Gültigkeit haben und vom Gewissen immer aufs Neue geprüft werden können.

Diese Grundqualifikationen versetzen das Individuum überhaupt erst in die Lage, erfolgreich, aktiv und als handlungsfähige Persönlichkeit, an gesellschaftlichen Interaktionen teilzunehmen.

Sozialisation bedeutet somit mehr als die reine Anpassung an die gesellschaftlichen Gegebenheiten. Sie setzt eine stabile Identität voraus. Das Gegenteil einer stabilen Identität ist die Nicht-Identität[12]. Diese droht dem Menschen von zwei Seiten, nach denen er fallen kann. Er kann die Balance verlieren, in dem er in den Erwartungen der anderen voll aufgeht oder wenn er diese Erwartungen zurückweist.

Die Chance auf eine für alle befriedigende Interaktion wächst mit der Gleichberechtigung der Partner und wird geschmälert, je asymmetrischer die Beziehung wird. Je weniger Diskussionen es zwischen und in den Interaktionssystemen gibt, desto geringer sind die Möglichkeiten für die Bildung von Identität. In einem sozialen Umfeld, in dem keine „identitätsfördernden“ Interaktionen stattfinden, hat der Mensch wenig Chancen, seine Identität auf die Diskussion divergierender Normen zu gründen. Ihm fehlt die Möglichkeit, eine reflektive Einstellung im Handeln und die Ich-Autonomie zu entwickeln.

Sozial benachteiligten Jugendlichen fehlt in der Regel die notwendige Bildung, die Grundqualifikation zur Interaktion und zur Identitätsbildung[13]. Die Erlangung und Wahrung von Identität ist also zu einem wichtigen Teil abhängig von den sozial-strukturellen Bedingungen, unter denen ein Mensch aufwächst.

[...]


[1] Cortina, Kai S./ Baumert, Jürgen/ Leschinsky, Achim/ Mayer, Karl Ulrich/ Trommer, Luitgard (Hg.): Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick (2. Aufl.) Reinbek bei Hamburg 2005, Rowohlt Verlag, Seite 20

[2] Wieczorek-Zeul, Heidemarie: Die Chancengleichheit mehren. In: Frankfurter Rundschau (22.03.2006), Seite 7

[3] Vgl. Hurrelmann, Klaus; Einführung in die Sozialisationstheorie (8. Aufl.) Weinheim und Basel 2002, Beltz Verlag, Seite 7

[4] Vgl. Krappmann, Lothar: Soziologische Dimensionen der Identität (10. Aufl.) Stuttgart 2005, Clett-Cotta Verlag, Seite 78

[5] Vgl. Krappmann (2005), Seite 78

[6] Vgl. Goffman, Erving: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität (9. Aufl.) Frankfurt am Main 1990, Suhrkamp Verlag, Seite 74.

[7] Vgl. Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus (1. Aufl.) Frankfurt am Main 1968, Suhrkamp-Verlag, Seite 217

[8] Goffman (1990), Seite 9

Vgl. Esser, Hartmut: Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 5: Institutionen (1. Aufl.) Frankfurt am Main 2000, Campus Verlag, Seite 161

[9] Ebd., Seite 180

Vgl. Goffman, Erving: Interaktion. Spaß am Spiel. Rollendistanz. München 1973, Piper Verlag, Seite 117

[10] Tillmann, Klaus-Jürgen: Sozialisationstheorien. Eine Einführung in Zusammenhang von Gesellschaft, Institution und Subjektwerdung (13. Auflage) Reinbek bei Hamburg 1989, Rowohlt Verlag, Seite 139

Vgl. Esser (2000), Seite 191

[11] Ebd., Seite 184

[12] Vgl. Krappmann (2005), Seite 79

[13] Vgl. Cortina, Kai S./ Baumert, Jürgen/ Leschinsky, Achim/ Mayer, Karl Ulrich/ Trommer, Luitgard (2005), Seite 136

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
'Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf'. Prävention von Schulmüdigkeit und Schulverweigerung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Sozialisation benachteiligter Jugendlicher in der Gegenwartsgesellschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V58316
ISBN (eBook)
9783638525473
ISBN (Buch)
9783656306795
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prävention, Schulmüdigkeit, Schulverweigerung, Beispiel, Programms, Berufliche, Qualifizierung, Zielgruppen, Förderbedarf, Bundesministeriums, Bildung, Forschung, Sozialisation, Jugendlicher, Gegenwartsgesellschaft
Arbeit zitieren
Florian Link (Autor), 2006, 'Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf'. Prävention von Schulmüdigkeit und Schulverweigerung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58316

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