„Fünf Jahre Glatzenpflege auf Staatskosten. Jugendarbeit zwischen Politik und Pädagogik.“ Der provokante Titel eines Buches, das sich kritisch mit Möglichkeiten und Chancen der Jugendarbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen auseinandersetzt, verdeutlicht bereits im Titel das Dilemma der Jugendarbeit in diesem Arbeitsbereich: Inwieweit kann Jugendarbeit in diesem Feld einen Erfolg erzielen, wenn das Phänomen des Rechtsextremismus kein eigentliches Jugendphänomen ist, sondern durchaus in der Mitte der Gesellschaft zu verankern ist? Welche Methoden und Konzepte bieten eine Chance, politische Ideologien der Ungleichheit und ihre gewalttätige Umsetzung einzudämmen? Kann dies überhaupt eine pädagogische Aufgabe sein oder übernimmt die Jugendarbeit im Umgang mit rechtsextremen Kindern und Jugendlichen nur eine „Notnagelfunktion“, die politische Instanzen aus der Verantwortung hebt? Betrachtet man nun die Entwicklung politischer Orientierungen und Einstellungen von Kindern und Jugendlichen in den 90er Jahren, so läßt sich gerade in der Akzeptanz rechtsextremer Orientierungen und der Ausübung politisch rechtsextrem motivierter Gewalttaten eine erschreckende Zunahme feststellen: Hoyerswerda, Rostock oder Mölln sind nur einige Orte an denen sich rechtsextreme Übergriffe Anfang der 90er Jahre deutlich manifestierten. Auch heute zeugen noch genügend Schlagzeilen in der Presse von rechtsextremen Jugendlichen. Sicherlich sind rechtsextreme Gewalttaten auch in früheren Jahren vorgekommen. Neu ist jedoch das zunehmend jüngere Alter der Täter, die gesteigerte Gewalt und der hohe Zulauf zu rechtsextremen Organisationen gerade unter Jugendlichen. Für die Jugendarbeit bedeuten diese Tatsachen gerade in den 90er Jahren einen zunehmenden Handlungsbedarf in der Arbeit mit rechtsextremen Cliquen und Jugendlichen. In dieser Hausarbeit soll nun nach einer definitorischen Abgrenzung der Begrifflichkeiten versucht werden, anhand von ausgewählten Jugendstudien rechtsextreme Orientierungen und Einstellungen der Jugend in den 90er Jahren zu erfassen und den sozialisationstheoretischen Ansatz von Willhelm Heitmeyer als potentielle Begründung für diese Phänomene darzustellen. Als eine mögliche Konsequenz im Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen wird in einem weiteren Schwerpunkt der Hausarbeit die Akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen vorgestellt, kritisch hinterfragt und eine Alternative dazu in der politischen Jugendbildungsarbeit erörtert. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ergebnisse der Jugendforschung zur Entwicklung rechtsextremer Orientierungen
2.1 Definitorische Abgrenzung der Begrifflichkeiten
2.1.1 Politische Orientierung
2.1.2 Gewalttätiges Handeln und Rechtsextreme Orientierung
2.2 Die Entwicklung rechtsextremer Orientierungsmuster in Jugendstudien
2.2.1 Die Demokratiezufriedenheit
2.2.2 Die Einstellung zurGewalt
2.2.3 Die nationalistische und ausländerfeindliche Orientierung
2.2.4 Die rechtsradikalistische Orientierung
2.3 Der sozialisationstheoretische Begründungsansatz
2.3.1 Einflußfaktoren
2.3.1.1 Die Arbeitssituation
2.3.1.2 Die Milieus im Umfeld des Jugendlichen
2.3.1.3 Die Schullaufbahn und der Bildungsabschluß
2.3.1.4 Die Politische Entfremdung
2.3.2 Die Instrumentalisierungsthese
3 Die Einordnung der Akzeptierenden Jugendarbeit in den cliquenorientierten Ansatz
3.1 Die Bedeutung der Jugendclique
3.2 Pädagogische Grundsätze einer cliquenorientierten Arbeit
4 Die „Akzeptierende“ Jugendarbeit
4.1 Entstehung und Prämissen dieser Jugendarbeit
4.2 Zentrale Grundsätze
4.3 Das Grundverständnis der Akzeptanz
4.4 Die zentralen Handlungsebenen
4.4.1 Die Akzeptanz bestehender Cliquen
4.4.2 Das Angebot sozialer Räume
4.4.3 Die Beziehungsarbeit
4.4.4 Die Entwicklung einer lebensweltorientierten infrastrukturellen Arbeit
4.5 Die Problematik der Grenzziehung
5 Kritische Betrachtung der Akzeptierenden Jugendarbeit
5.1 Kritik aus pädagogischer Sicht
5.2 Kritik aus politischer Sicht
5.3 Pädagogisch-politische Alternativen?
6 Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Dilemma der Jugendarbeit im Umgang mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen und hinterfragt, inwieweit pädagogische Ansätze zur Eindämmung dieser Ideologien beitragen können. Ziel ist es, den Ansatz der „Akzeptierenden Jugendarbeit“ vor dem Hintergrund sozialisationstheoretischer Erkenntnisse kritisch zu beleuchten und eine pädagogisch-politische Alternative zu erörtern.
- Sozialisationstheoretische Hintergründe rechtsextremer Orientierungen
- Die Rolle der „Akzeptierenden Jugendarbeit“ in der Praxis
- Kritik an der Unpolitizität akzeptierender pädagogischer Ansätze
- Die Bedeutung von politischer Bildung zur Prävention
Auszug aus dem Buch
2.3.1.1 Die Arbeitssituation
In der Bielefelder Rechtsextremismus-Studie zeigte sich deutlich, daß die Gleichung arbeitslos ist gleich rechtsextrem nicht aufgeht. Es stellte sich heraus, daß teilweise sozial und vor allem beruflich integrierte Jugendliche auch rechtsextreme Orientierungen entwickeln können. So ist festzuhalten, daß die „formale Integration“ in den Arbeitsbereich nicht ausreicht, um gegen die den Rechtsextremismus ausmachende Ideologie der Ungleichheit resistent zu sein. Die Integration in die Arbeitswelt ist zwar sicherlich eine zentrale Voraussetzung, aber eben keine absolute für die Entwicklung einer Distanz gegenüber rechtsextremen Orientierungen. Heitmeyer geht davon aus, daß diese Distanz dort am tragfähigsten entstehen kann, wo die Existenz von „sicherer, kontinuierlicher, qualifizierender Arbeitsbiographie“ garantiert wird. Der Mensch soll also in seiner Arbeit einen Sinn sehen, so daß diese als gesellschaftlich nützlich betrachtet wird. Dies würde dem einzelnen Jugendlichen die Integration in die Gesellschaft signalisieren. Es geht also nicht darum, überhaupt in einem Arbeitsverhältnis zu stehen, sondern um die Qualität desselben. Es muß eine Arbeitsorientierung vorliegen, die beispielsweise dem einzelnen Jugendlichen die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, zur Teil-Autonomie und Zeitdisponibilität gestattet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das Dilemma der Jugendarbeit zwischen Politik und Pädagogik und führt in die Problematik des wachsenden Rechtsextremismus bei Jugendlichen ein.
2 Ergebnisse der Jugendforschung zur Entwicklung rechtsextremer Orientierungen: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Fundierung durch die Definition politischer Orientierungen und die Analyse zentraler Jugendstudien sowie sozialisationstheoretischer Ansätze nach Heitmeyer.
3 Die Einordnung der Akzeptierenden Jugendarbeit in den cliquenorientierten Ansatz: Hier wird die Bedeutung von Jugendcliquen als Sozialisationsinstanz dargelegt und die pädagogischen Grundsätze für eine Cliquenorientierung erläutert.
4 Die „Akzeptierende“ Jugendarbeit: Das Kapitel beschreibt Entstehung, Prämissen und die vier zentralen Handlungsebenen des akzeptierenden Ansatzes, einschließlich der Beziehungsarbeit und Raumangebote.
5 Kritische Betrachtung der Akzeptierenden Jugendarbeit: Eine fundamentale Auseinandersetzung mit den pädagogischen und politischen Schwachstellen des akzeptierenden Ansatzes, gefolgt von der Diskussion möglicher Alternativen.
6 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Jugendarbeit allein den Rechtsextremismus nicht lösen kann und fordert eine stärkere politische Dimension in der pädagogischen Arbeit.
Schlüsselwörter
Jugendarbeit, Rechtsextremismus, Akzeptierende Jugendarbeit, Jugendcliquen, Sozialisation, Wilhelm Heitmeyer, Politische Bildung, Gewaltakzeptanz, Desintegration, Individualisierung, Pädagogik, Randgruppenarbeit, Prävention, Politische Orientierung, Gesellschaftliche Verantwortung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit setzt sich kritisch mit den Möglichkeiten und Grenzen der Jugendarbeit im Umgang mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen auseinander.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die sozialisationstheoretischen Erklärungsansätze für Rechtsextremismus, die Analyse von Jugendstudien und die Bewertung der „Akzeptierenden Jugendarbeit“.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es wird untersucht, ob die Jugendarbeit einen effektiven Beitrag zur Eindämmung rechtsextremer Einstellungen leisten kann oder ob sie dabei eine unzureichende „Notnagelfunktion“ erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse basierend auf etablierten Jugendstudien und fachwissenschaftlichen Diskursen, insbesondere den Thesen von Willhelm Heitmeyer und Franz Josef Krafeld.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Forschungsergebnisse zur rechtsextremen Orientierung, die theoretische Einbettung in das cliquenorientierte Modell sowie eine intensive kritische Analyse des akzeptierenden Ansatzes.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die zentralen Begriffe umfassen Jugendarbeit, Rechtsextremismus, Cliquenorientierung, Sozialisation, pädagogische Grenzziehung und politische Bildung.
Warum wird die „Akzeptierende Jugendarbeit“ kritisiert?
Kritisiert wird primär das unpolitische Problemverständnis, da der Ansatz die Gefahr birgt, rechtsextreme Ideologien zu relativieren und notwendige politische Auseinandersetzungen zu vernachlässigen.
Welche Rolle spielt die „Grenzziehung“ in der Arbeit?
Die Grenzziehung wird als problematisch erachtet, da der akzeptierende Ansatz oft erst zu spät interveniert, während der Autor fordert, dass pädagogische Arbeit dort klare Grenzen setzen muss, wo die Akzeptanz zur Einbahnstraße wird.
- Quote paper
- Bettina Dettendorfer (Author), 1999, Glatzenpflege im Rahmen der Jugendarbeit? Das Für und Wider der Akzeptierenden Jugendarbeit im Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58345