Glatzenpflege im Rahmen der Jugendarbeit? Das Für und Wider der Akzeptierenden Jugendarbeit im Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen


Hausarbeit, 1999

32 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ergebnisse der Jugendforschung zur Entwicklung rechtsextremer Orientierungen
2.1 Definitorische Abgrenzung der Begrifflichkeiten
2.1.1 Politische Orientierung
2.1.2 Gewalttätiges Handeln und Rechtsextreme Orientierung
2.2 Die Entwicklung rechtsextremer Orientierungsmuster in Jugendstudien
2.2.1 Die emokratiezufriedenheit
2.2.2 Die Einstellung zurGewalt
2.2.3 Die nationalistische und ausländerfeindliche Orientierung
2.2.4 Die rechtsradikalistische Orientierung
2.3 Der sozialisationstheoretische Begründungsansatz
2.3.1 influßfaktoren
2.3.1.1 Die rbeitssituation
2.3.1.2 Die Milieus im Umfeld des Jugendlichen
2.3.1.3 Die Schullaufbahn und der Bildungsabschluß
2.3.1.4 Die Politische Entfremdung
2.3.2 Die Instrumentalisierungsthese

3 Die Einordnung der Akzeptierenden Jugendarbeit in den cliquenorientierten Ansatz
3.1 Die Bedeutung der Jugendclique
3.2 Pädagogische Grundsätze einer cliquenorientierten Arbeit

4 Die „Akzeptierende“ Jugendarbeit Entstehung und Prämissen dieser Jugendarbeit
4.1 Zentrale Grundsätze
4.2 Das Grundverständnis der Akzeptanz
4.3 Die zentralen Handlungsebenen
4.4.1 Die Akzeptanz bestehender Cliquen
4.4.2 Das Angebot sozialer Räume
4.4.3 Die Beziehungsarbeit
4.4.4 Die Entwicklung einer lebensweltorientierten infrastrukturellen Arbeit
4.5 Die Problematik der Grenzziehung

5 Kritische Betrachtung der Akzeptierenden Jugendarbeit
5.1 Kritik aus pädagogischer Sicht
5.2 Kritik aus politischer Sicht
5.3 Pädagogisch-politische Alternativen?

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Fünf Jahre Glatzenpflege auf Staatskosten. Jugendarbeit zwischen Politik und Pädagogik.“[1] Der provokante Titel eines Buches, das sich kritisch mit Möglichkeiten und Chancen der Jugendarbeit mit rechtsextrem[2] orientierten Jugendlichen auseinandersetzt, verdeutlicht bereits im Titel das Dilemma der Jugendarbeit in diesem Arbeitsbereich: Inwieweit kann Ju­gendarbeit in diesem Feld einen Erfolg erzielen, wenn das Phänomen des Rechtsex­tre­mismus kein eigentliches Jugendphänomen ist, sondern durchaus in der Mitte der Gesellschaft zu verankern ist?[3] Welche Methoden und Konzepte bieten eine Chance, politische Ideologien der Ungleichheit und ihre gewalttätige Umsetzung einzudämmen? Kann dies überhaupt eine pädagogische Aufgabe sein oder übernimmt die Jugendarbeit im Umgang mit rechtsextremen Kindern und Jugendlichen nur eine „Notnagelfunktion“[4], die politische Instanzen aus der Verantwortung hebt?

Betrachtet man nun die Entwicklung politischer Orientierungen und Einstellungen von Kin­dern und Jugendlichen in den 90er Jahren, so läßt sich gerade in der Akzeptanz rechtsextremer Orientierungen und der Ausübung politisch rechtsextrem motivierter Gewalttaten eine erschre­ckende Zunahme feststellen: Hoyerswerda, Rostock oder Mölln sind nur einige Orte an denen sich rechtsextreme Übergriffe Anfang der 90er Jahre deutlich manifestierten. Auch heu­te zeugen noch genügend Schlagzeilen in der Presse von rechtsextremen Jugendlichen. Sicher­lich sind rechtsextreme Gewalttaten auch in früheren Jahren vorgekommen. Neu ist jedoch das zunehmend jüngere Alter der Täter, die gesteigerte Gewalt und der hohe Zulauf zu rechts­extremen Organisationen gerade unter Jugendlichen. Für die Jugendarbeit bedeuten diese Tat­sachen gerade in den 90er Jahren einen zunehmenden Handlungsbedarf in der Arbeit mit rechtsextremen Cliquen und Jugendlichen.

In dieser Hausarbeit soll nun nach einer definitorischen Abgrenzung der Begrifflichkeiten ver­sucht werden, anhand von ausgewählten Jugendstudien rechtsextreme Orientierungen und Ein­stellungen der Jugend in den 90er Jahren zu erfassen und den sozialisationstheoretischen Ansatz von Willhelm Heitmeyer als potentielle Begründung für diese Phänomene darzu­stellen. Als eine mögliche Konsequenz im Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen wird in einem weiteren Schwerpunkt der Hausarbeit die Akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Ju­gend­cliquen vorgestellt, kritisch hinterfragt und eine Alternative dazu in der politischen Jugendbildungsarbeit erörtert. Hierbei soll auch versucht werden, auf die oben aufgeworfenen Fragen einzugehen und zu klären, inwieweit die Jugendarbeit bzw. die Pädagogik überhaupt einen Beitrag zur Eindämmung von rechtsextremen Orientierungen bei Jugendlichen leisten kann. Zunächst jedoch muß definiert werden, was rechtsextreme Orientierungsmuster sind, um dann festzustellen, welche Ergebnisse die aktuelle Jugendforschung liefert.

2 Ergebnisse der Jugendforschung zur Entwicklung rechtsextremer Orientierungen

2.1 Definitorische Abgrenzung der Begrifflichkeiten

2.1.1 Politische Orientierung

Die generelle Bedeutung von Orientierungen ist unbestritten[5]: Sie liefern die allgemeine Grund­lage für ein bestimmtes menschliches Handeln und enthalten Normen, Werte und ver­allgemeinerte Vorbilder, aber auch das Welt- und Menschenbild. Sie entstehen nicht unab­hängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen und der Umwelt mit ihren Orientierungs­angeboten. Eine Orientierung ist immer kontextabhängig und wird nicht selten mit der so­zi­alen Position des Individuums und seinem Standort in der Gesellschaft vermittelt. Somit ist der Orientierungsprozeß primär ein sozialer Prozeß, in dem ein Austausch stattfindet. Orien­tierungen entstehen vielfach aus Handlungserfahrungen, also der Auseinandersetzung und Ver­arbeitung gesellschaftlicher Umwelt. Jedoch können sie sich auch durch „Rückgriff auf ge­sellschaftliche Deutungsangebote“[6] verfestigen. Orientierungsmuster haben, auch wenn sie sich unterschiedlich entwickeln, in der Identitätsbildung einen „Stabilisierungsfaktor“[7].

Politische Orientierungen[8] entstehen somit auch auf gesellschaftstheoretischem Hintergrund, wo die subjektive Orientierungsentwicklung keine bloße Übernahme von politischen Ein­stel­lungen ist, sondern auch als aktiver Prozeß verstanden werden kann, der durch die eigenen Be­dürfnisse und Erfahrungen mit gestaltet wird. Jedoch sieht Josef Held in seiner „Praxis­orientierten Jugendforschung“ das Problem, daß innerhalb der Jugendforschung keine Ein­stimmigkeit darüber herrscht, was „politische Orientierungen eigentlich sind und wie man sie denn wissenschaftlich erfassen könnte“[9]. Somit soll diese definitorische Einordnung der poli­tischen Orientierungen ausreichen.

2.1.2 Gewalttätiges Handeln und Rechtsextreme Orientierung

Der Begriff der Gewalt oder des gewalttätigen Handelns kann nach der Hildesheimer Schrift zur Sozialpädagogik und Sozialarbeit „Jugendarbeit zwischen Gewalt und Rechtsex­tremis­mus“ definiert werden als „Beeinträchtigung der persönlichen Autonomie, der Ich-Balance, der Identität durch Handlungen, negative Sanktionen und normativen Druck“[10]. Gewalt wird also dann angewendet, wenn eine psychische oder physische Beeinträchtigung des Anderen oder der körperlichen Identität auf Dauer oder vorübergehend besteht. Gewalttätiges Handeln ist „bewußtes Handeln“[11] und liegt vor durch Bedrohung, realem Tun oder physischem bzw. psychischem Zwang. Zu berücksichtigen bei der Analyse von Gewalthandlungen ist der gesamtgesellschaftliche Entwicklungsprozeß.

Zur Erfassung rechtsextremer Orientierungen sind nach Studien Josef Helds drei spezifische Komponenten dieser Orientierung zu berücksichtigen: der Aspekt des Autoritarismus, des Rassismus und des Nationalismus[12]. Autoritarismus bedeutet eine Unterordnung unter Auto­ritäten. Die eigene Handlungsfähigkeit soll unter Bedrohungsgefühlen durch Ordnung und konventionelle Normen gewahrt werden. Autoritarismus ist eine „’innere Ausrichtung’ an einer vorgegebenen Ordnung als allgemein verbindlicher Richtschnur für das Handeln“[13]. Wer dieser sozial oder politisch abweicht, erfährt Aggression. Rassismus ist eine Orientierungs­kom­ponente, die gesellschaftliche Probleme durch Ausgrenzung und Diskriminierung zu „lö­sen“ glaubt. Das Kriterium ist aber nicht wie beim Autoritarismus die Abweichung von der vorgegebenen Ordnung, sondern das „Anders-Sein“, d.h. Menschen werden nach gemein­samen äußeren Merkmalen sortiert und bewertet. Der Nationalismus hat als seinen Hauptbe­zugspunkt die Nation, somit ist das Kriterium der Ausgrenzung die nationale Zugehörigkeit. Das „Deutschsein“ wird zum Bezugspunkt für die Selbstaufwertung und die Abwertung Frem­der[14]. Somit ist bei der Erfassung rechtsextremer Orientierungen zwischen autoritären, rassistischen und nationalistischen Orientierungslinien zu unterscheiden.

Zusammenfassend kann die rechtsextreme Orientierung mit der Definition Willhelm Heit­meyers dargestellt werden: So enthält sie zum einen die „Ideologie der Ungleichheit“[15], die eine soziale, psychische oder physische Ausgrenzung bzw. Vernichtung des anderen bein­haltet, sei es durch nationalistische oder rassistische Einordnung. Der zentrale Mechanismus für die Lösung von gesellschaftlichen Konflikten ist dabei die Gewalt, die somit die „Ideo­logie der Gewaltakzeptanz“[16] begründet. Die Komponenten Josef Helds, die er in seinen Stu­dien für rechtsextreme Orientierungen eroierte, und die Gewaltakzeptanz sollen nun bei der Betrachtung der Ergebnisse der Jugendforschung im besonderen berücksichtigt werden, soweit sie erwähnt werden.

2.2 Die Entwicklung rechtsextremer Orientierungsmuster in Jugendstudien

Zur Analyse dieser Entwicklung in Jugendstudien werden der DJI-Jugendsurvey „Jugend und Demokratie in Deutschland“ und die IBM-Jugendstudie „Wir sind o.k.!“ herangezogen wer­den. Beide Studien erfaßten in groß angelegten Untersuchungen Politische Orientierungen, Einstellungen und Werthaltungen von Jugendlichen aus Ost und West in den 90er Jahren. Zusammengefaßt sollen hier fünf Aspekte kurz beleuchtet werden: Die Zufriedenheit mit der Demokratieidee auf Basis der politischen Orientierung, das Problem der Gewalt, die nationali­sti­sche Einstellung, die Haltung gegenüber ausländischen Menschen und abschließend die Ein­stellung gegenüber dem Rechtsradikalismus[17].

2.2.1 Die Demokratiezufriedenheit

Auch wenn eine umfassende Messung von Demokratiezufriedenheit sehr schwierig ist, da viele Beurteilungsdimensionen eine Rolle spielen, soll zunächst durch Darstellung einer globalen Einschätzung von Demokratie, Sozialismus und Nationalsozialismus eine grund­sätzliche Einschätzung zur Zustimmung der Demokratieidee gegeben werden[18]. Hier zeigt sich ganz deutlich, daß sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern eine sehr ausgeprägte Zustimmung zur Idee der Demokratie an sich gehegt wird. Mit über 80% in beiden Regionen läßt dies auf eine hohe Bestätigung schließen. Jedoch erkennt man aus dieser Fragestellung auch deutlich, daß die Zufriedenheit mit der Umsetzung der Demokratie in Deutschland mit knapp 50% in den alten Bundesländern und nur 30% in den neuen Bundesländern hinter der eigentlichen Befürwortung der Idee der Demokratie stark zurückliegt. Die Idee des Sozialismus genießt demgegenüber in den neuen Bundesländern „eine weit größere Anziehungskraft“[19] als in den alten. Mit 38,7% erfährt sie hier eine starke Zustimmung, im Westen liegt diese lediglich bei 15,8%. Die Zustimmung zur Idee des Nationalsozialismus ist im Vergleich zur Zufriedenheit mit Demokratie und Sozialismus erwartungsgemäß am geringsten ausgeprägt. Dennoch ist hier festzustellen, daß der Anteil der BefürworterInnen mit 8,1% im Westen und 10,5% in den neuen Bundesländern relativ hoch und somit nicht unbeträchtlich ist. Die Zustimmung zum Nationalsozialismus hängt wie erwartet von der politischen Links-Rechts-Orientierung ab. Auch wenn diese Polarisierung der komplexen Realität nicht gerecht wird, zeigt sich doch, daß die positive Einschätzung des Nationalsozialismus „überwiegend am rechten Rand des politischen Spektrums“[20] erbracht wird. In dem Jugendsurvey „Jugend und Demokratie“ wird festgehalten, daß bei den weit Rechtsorientierten die Zustimmung bei annähernd 55% im Osten und 32% im Westen liegt. Auch wenn zu berücksichtigen bleibt, daß sich nur ungefähr 4% der Jugendlichen selbst als weit rechts orientiert einordnen, und nicht klar ist, wie fundiert diese Orientierungen sind, ist dies ein beträchtliches Rechtspotential, das auch in der Jugendarbeit nicht unberücksichtigt bleiben kann.

2.2.2 Die Einstellung zur Gewalt

Nach Ergebnissen der IBM-Studie sind die Einstellungen gegenüber Gewalt und Gewaltan­wendung ambivalent[21]. Zunächst läßt sich feststellen, daß die Zahl derer, die allein dem Staat zur Verhinderung von Verbrechen das Gewaltmonopol zusprechen, mit 40% deutlich hinter denjenigen zurück liegt, die davon ausgehen, daß jeder das Recht haben muß sich mit Gewalt zu wehren, wenn man bedroht wird (65%). Knapp 30% der Jugendlichen geben auch an, sich bei Staatsversagen mit Gewalt für die eigenen Ziele einzusetzen. Auch wenn über 70% der Be­fragten lieber Konflikten aus dem Weg geht, kann doch festgestellt werden, daß immer mehr Jugendliche sich selbst durch Gas oder ähnliche Abwehrmittel schützen (16%) oder sich gar mit Waffen, Schlagringen oder Messern zur Wehr setzen (3%).

Andererseits kann aber nach den Ergebnissen der IBM-Studie auch festgehalten werden, daß Gewalt für immer mehr Jugendliche zu einem Problem wird: 16% der Befragten waren in der letzten Zeit in gewaltsame Auseinandersetzungen verwickelt, über 35% fühlten sich provo­ziert und belästigt durch andere Jugendliche. Der Anteil der belästigten ausländischen Jugend­lichen beträgt hierbei 24%. So ist es nicht verwunderlich, daß die Angst vor Gewalt von Ju­gend­lichen bei den Befragten seit der letzten IBM-Studie kontinuierlich angestiegen ist und auch für die nächsten zehn Jahre mit einer weiter zunehmenden Gewaltbereitschaft von Jugendlichen gerechnet wird.

2.2.3 Die nationalistische und ausländerfeindliche Orientierung

Nach Josef Held sind diese beiden Komponenten nicht selten Bestandteile einer rechtsex­tre­men Orientierung. So ist es von Nutzen, den Zusammenhang von Nationalismus und der Ein­stellung gegenüber ausländischen Menschen zu verdeutlichen. In einer Fragestellung der DJI-Jugendsurvey kam als Ergebnis zum Ausdruck, daß sich sowohl in Ost- als auch in West­deutschland jeweils 25% als „nationalismusnah“ und „ausländerskeptisch“ einstufen lassen[22]. Umgekehrt erreicht eine den Nationalismus ablehnende, ausländerfreundliche Einstellung weder im Westen (46%) noch im Osten (35%) annähernd fünfzig Prozent. Aus dieser Frage­stellung läßt sich auch erkennen, daß das Niveau der ausländerfeindlichen Einstellungen im Osten deutlich höher liegt als im Westen. Diese Fragestellung zeigt zum einen, daß Nati­onalismus und Ausländerfeindlichkeit eng miteinander korrelieren, daß heißt, eine natio­na­lis­tische Einstellung kommt fast nie ohne Distanz gegenüber ausländischen Menschen vor. Jedoch zeigt das Ergebnis auch, daß die Skepsis gegenüber ausländischen Menschen auch ohne nationalistische Grundeinstellung vorhanden sein kann. Eine andere Fragestellung macht deut­lich, worin die größte Skepsis gegenüber den ausländischen Menschen besteht[23]: Der grund­sätzlichen Forderung, daß ausländische Menschen Deutschland verlassen müssen, wird im Mittel kaum zugestimmt. Wird jedoch ein Zusammenhang zwischen AusländerInnen und einer potentiellen Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gezogen, wird die Forderung nach einer Ausfuhr ausländischer Menschen erheblich stärker befürwortet.

Einen anderen Aspekt, der tendentiell jedoch in die selbe Richtung weist, liefern die Ergeb­nisse der IBM-Jugendstudie[24]: Auch wenn fast drei Viertel der Befragten angaben, daß sie das Zusammenleben verschiedener Kulturen positiv bewerten oder ausländische Freunde haben, so ist der Anteil mit einer „’Das Boot ist voll’- Mentalität“[25] mit 44% doch erheblich. Auch die Prozentzahl von 17%, die sich dafür aussprechen, Deutschland soll kein Asyl mehr gewäh­ren, spricht für sich. Es geht dabei nämlich nicht darum, daß die Asylgesetze verschärft werden sollten, sondern um die faktische Abschaffung des Asylrechts. Eine andere Unter­suchung zur Einstellung gegenüber ausländischen Menschen innerhalb der IBM-Studie zeigt, daß diese Einstellung auch von der Bildung abhängt[26]. So läßt sich als Resultat festhalten, daß Be­fragte mit einem höheren Bildungsniveau mehr ausländische FreundInnen haben und tole­ranter gegenüber AusländerInnen sind. Dies zeigt sich besonders daran, daß Befragte mit ei­nem hohen Bildungsniveau nur zu 34% der Aussage zustimmen, daß es genug Auslän­der­Innen in Deutschland gibt, die Zustimmung bei Befragten mit einem niedrigeren Bildungs­niveau jedoch bei 55% liegt. Obwohl diese Ergebnisse in der IBM-Studie jetzt nicht mit einer nationalistischen Einstellung in Verbindung gebracht wurde, ist die Zahl der Befragten Jugend­lichen mit einer ausländerskeptischen oder gar -feindlichen Grundhaltung unbedingt zu beachten und nicht von einer potentiellen Entwicklung von rechtsextremen Orientierungen zu trennen.

2.2.4 Die rechtsradikale Orientierung

Die Ergebnisse der IBM-Jugendstudie verdeutlichen hier[27], daß zwar 59% der Befragten den Rechtsradikalismus als großes Problem empfinden und fast 90% angeben, rechtsradikale Men­­schen nicht zu mögen, jedoch zeichnet sich auch noch ein anderes Bild ab: Fast ein Fünftel der Jugendlichen geben an, daß das Problem des Rechtsradikalismus von den Medien nur hochgespielt wird und 8% glauben sogar, daß in Deutschland Probleme existieren, „die nur von rechtsextremen Parteien richtig angepackt werden“[28]. Auch wenn diese Zahl nicht direkt etwas über das rechtsextreme Potential aussagt, so läßt die Befürwortung dieser Aus­sage doch eine diffuse Zustimmung erkennen. In diesem Zusammenhang ist auch festzu­stellen, daß gerade in den neuen Bundesländern die Zahl der BefürworterInnen dieser These höher ist als in den alten Bundesländern. Auffallend in einer anderen Fragestellung sind die Lösungsvorschläge, die nach Meinung der Jugendlichen helfen, den Rechtsradikalismus zu bekämpfen. Auch wenn ein Großteil den Vorschlag befürwortet, mehr Solidarität mit auslän­di­schen Menschen zu zeigen oder allgemein mehr Aufklärung und Information anzubieten, so sind auch hier wieder 10% der Befragten zu nennen, die als Lösungsmöglichkeit, rechts­extreme Orientierungen zu bekämpfen, nur die Rückkehr der ausländischen Mitbür­ger­Innen in ihre Ursprungsländer sehen.

Zusammenfassend kann nach dieser, wenn auch zum Teil sehr selektiven Vorstellung der Ergebnisse dieser beiden Jugendstudien in Bezug auf rechtsextreme Orientierungen festge­halten werden, daß es doch einen nicht unbeachtlichen Teil von Jugendlichen gibt, die natio­nalistische oder rassistische Orientierungen aufweisen, mit der Demokratie unzufrieden sind oder gar den Nationalsozialismus befürworten. Da es sich bei den beiden Studien, wie anfangs bereits erwähnt, um groß angelegte Studien handelt, sind die Ergebnisse damit annähernd reprä­sentativ für politische Einstellungen und Orientierungen bei Jugendlichen in Deut­sch­land. Diese Ergebnisse beweisen damit aber auch, daß ein Potential vorhanden ist, daß für rechtsextreme Positionen durchaus anfällig ist oder diese bereits vertritt. Bevor jetzt jedoch die Konsequenzen dieser Ergebnisse für die Jugendarbeit bzw. ein Ansatz im Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen vorgestellt und kritisch hinterfragt werden soll, gilt es noch die Frage nach den Begründungsmustern für rechtsextreme Orientierungen zu erörtern. Auf Grund seiner Relevanz in der fachwissenschaftlichen Diskussion soll deshalb als Begründung der sozialisationstheoretische Erklärungsansatz Willhelm Heitmeyers in Grundzügen darge­stellt werden. Darüber hinaus basiert die Akzeptierende Jugendarbeit weitgehend auf diesen sozi­alisationstheoretischen Begründungen.

2.3 Der sozialisationstheoretische Begründungsansatz

In seiner Bielefelder Rechtsextremismus-Studie führte Heitmeyer auf eine Dauer von fünf Jahren mit 31 männlichen, westdeutschen Jugendlichen im Alter von 17-21 Jahre eine Lang­zeitstudie zur Erfassung rechtsextremer Orientierungen durch. Seine in Interviews und quali­tativen Gesprächskontakten getätigten Forschungen zielten darauf ab, die Entstehung rechts­extremer Orientierungen mit der Verarbeitung der heutigen Modernisierungsprozesse bei den Jugendlichen zu begründen[29]. Er versucht die widersprüchlichen Erscheinungen der Moder­nisierung ursächlich mit der Ideologie der Ungleichheit[30] und der Gewaltakzeptanz, die die zen­tralen Elemente seiner Definition einer rechtsextremen Orientierung darstellen, ursächlich miteinander in Verbindung zu bringen. Er geht davon aus, daß die modernen Indivi­du­a­li­sierungsschübe und die fortschreitende Milieuauflösung, mit denen der einzelne Jugendliche stän­dig konfrontiert wird, zu Desintegrations- und Vereinzelungsprozessen führen. Die Individualisierungsschübe sind dadurch gekennzeichnet, daß ein starkes Konkurrenzdenken und Einzelkäpfertum vorherrscht, wobei der Solidaritätsgedanke dadurch abgelöst wird und solidarische Gemeinschaften mit einem gemeinsamen Zusammenhang verschwinden. Zur Deu­tung der inhaltlichen Dimension[31] erfaßte Heitmeyer neben der objektiven sozialen Lage die Bedeutung der Sozialisationsinstanzen Familie, Schule und „peer-group“ und die sub­jek­ti­ven Sichtweisen der Arbeitsorientierungen, also die eigenen Erfahrungen und Einschätzungen der Arbeitsmarktsituation, die politischen Orientierungen, somit beispielsweise die Zustim­mung oder Ablehnung von Ideologien sowie identitätsstiftende Elemente, die das Selbst- und somit auch das Fremdbild prägen. Heitmeyer interessierte bei seiner Fragestellung vor allem die „politische Qualität der Bearbeitungsprozesse“[32], da diese diejenigen Elemente enthalten könnten, die Jugendliche für rechtsextreme Orientierungen anfällig machen. In den oben genannten Bereichen der Untersuchung kam Heitmeyer sehr vereinfacht darge­stellt nun zu folgenden Ergebnissen.

2.3.1 Einflußfaktoren

2.3.1.1 Die Arbeitssituation

In der Bielefelder Rechtsextremismus-Studie zeigte sich deutlich, daß die Gleichung arbeits­los ist gleich rechtsextrem nicht aufgeht[33]. Es stellte sich heraus, daß teilweise sozial und vor allem beruflich integrierte Jugendliche auch rechtsextreme Orientierungen entwickeln können. So ist festzuhalten, daß die „formale Integration“[34] in den Arbeitsbereich nicht ausreicht, um gegen die den Rechtsextremismus ausmachende Ideologie der Ungleichheit resistent zu sein. Die Integration in die Arbeitswelt ist zwar sicherlich eine zentrale Voraussetzung, aber eben keine absolute für die Entwicklung einer Distanz gegenüber rechtsextremen Orientierungen. Heitmeyer geht davon aus, daß diese Distanz dort am tragfähigsten entstehen kann, wo die Existenz von „sicherer, kontinuierlicher, qualifizierender Arbeitsbiographie“[35] garantiert wird. Der Mensch soll also in seiner Arbeit einen Sinn sehen, so daß diese als gesellschaftlich nützlich betrachtet wird. Dies würde dem einzelnen Jugendlichen die Integration in die Gesellschaft signalisieren. Es geht also nicht darum, überhaupt in einem Arbeitsverhältnis zu stehen, sondern um die Qualität desselben. Es muß eine Arbeitsorientierung vorliegen, die beispielsweise dem einzelnen Jugendlichen die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, zur Teil-Autonomie und Zeitdisponibilität gestattet.

2.3.1.2 Die Milieus im Umfeld des Jugendlichen

In diesem Punkt kam Heitmeyer zu dem Ergebnis, daß die inhaltlichen Bindungen, d.h. die sozialen Bindungen in das Milieu für die Nähe oder Distanz zu rechtsextremen Positionen entscheidend ist[36]. Im familiären Milieu beispielsweise ist entscheidend, ob eine „instrumen­talistische Milieuunterstützung“[37] im Vordergrund steht, wie das bei den befragten Jugend­lichen zahlreich vorkam. Diese Milieuunterstützung liegt vor, wenn der Jugendliche sich nicht um seiner selbst geliebt fühlt, er also beispielsweise nur geldliche Zuwendung von der Familie erhält oder hohem Erwartungsdruck ausgesetzt ist. Dies führt zu Verletzungen des Selbstbilds, das dann negativ besetzt wird. Somit ist möglicherweise eine Voraussetzung gegeben, die für rechtsextreme Orientierungen anfällig macht.

Eine zentrale Bedeutung im Sozialisationsprozeß der Jugendlichen erfährt bei Heitmeyer das Milieu der Peer-group[38]. Im Zuge der Desintegration und Individualisierung werden dieses Milieu und seine Sozialisationsfunktion immer mehr von Pluralisierung abgelöst, so daß durch diese Auflösung die Unterstützung durch die Peer-group wegfällt und der einzelne Jugendliche mit seinen Entscheidungen und Problemen auf sich selbst gestellt ist. Darüber hinaus hat die Peer-group auch auf die Akzeptanz und Ausübung von Gewalt eine bedeutende Rolle. Wenn die Gewalt, die in allen gesellschaftlichen Bereichen zugenommen hat, in der Peer-group als „normales Mittel“ der Konfliktregelung erfahren wird, kann die Gewalt ohne weitere Reflexion als handlungsanleitende Ordnungsfunktion übernommen werden. Löchte/Sill gehen in Anlehnung an Heitmeyer davon aus[39], daß durch die Anwendung von Gewalt Macht und ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den Anderen demonstriert wird, die zur Entstehung eines kurzweiligen Gemeinschaftsgefühls führen.

[...]


[1] Buderus, Andreas: Fünf Jahre Glatzenpflege auf Staatskosten. Jugendarbeit zwischen Politik und Pädagogik, Bonn 1998.

[2] Auch in dieser Arbeit soll der Begriff des Rechtsextremismus und der damit verbundenen Orientierung benutzt werden, um von der lateinischen Bedeutung extremus (der äußerste, bzw. über die Grenze gehend) den Zusammenhang zwischen dem gesellschaftlichen Zentrum und dem rechten Rand gewahrt zu wissen.

[3] Vgl. hierzu auch Löchte, Anita/ Sill Oliver, Rechtsextremismus bei westdeutschen Jugendlichen, Hamburg, 1994, S.11f.

[4] Simon Titus: Aktuelle Tendenzen in der Arbeit mit Jugendlichen, die real oder vermeintlich im Kontext von Gewalt auffällig sind oder als auffällig bezeichnet werden, Weinheim 1996, S.305.

[5] Vgl. hierzu ziemlich ausführlich: Held, Josef, Praxisorientierte Jugendforschung, Hamburg, 1994, S.49ff.

[6] Ebenda, S. 352.

[7] Löchte, Anita/ Sill Oliver, a.a.O., S. 8.

[8] Held, Josef, a.a.O., S. 348ff. Jedoch ist hier zu berücksichtigen, daß sich bei den Ausführungen meist auf rechtsextreme politische Orientierungen bezogen wird.

[9] Ebenda, S. 348.

[10] Vahsen, Friedhelm/ Wilken, Udo, Jugendarbeit zwischen Gewalt und Rechtsextremismus, Hildesheim 1994, S. 25.

[11] Ebenda, S. 25.

[12] Held, Josef, a.a.O., S. 349ff.

[13] Ebenda, S. 350.

[14] Held, Josef, a.a.O., S. 351.

[15] Heitmeyer, Willhelm, Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie, Weinheim 1992, S. 13.

[16] Löchte, Anita/ Sill Oliver, a.a.O., S. 9. Jedoch ist bei der Ideologie der Gewaltakzeptanz anzumerken, daß Frauen sozialisationsbedingt ein distanzierteres Verhältnis zur Gewalt haben. Es gibt jedoch auch Mädchen oder Frauen, die rechtsextreme Positionen aufweisen, ohne aber dieses Element der Gewalt verinnerlicht zu haben.

[17] Hier soll der Begriff „Rechtsradikalismus“ verwendet werden, weil die Ergebnisse in den Studien auch auf dieser Begriffsdefinition beruhen.

[18] Hoffmann-Lange, Urusla, Jugend und Demokratie in Deutschland, Opladen 1995, S. 163.

[19] Ebenda, S. 164.

[20] Ebenda, S. 171f.

[21] Vgl. Institut für empirische Sozialforschung, „Wir sind o.k.!“, Köln 1995, S. 76ff. Die Ergebnisse zur Gewalteinstellung beziehen sich komplett auf diese Studie.

[22] vgl. dazu die Tabelle und Ergebnisse in Hoffmann-Lange, Urusla, a.a.O., S. 227f.

[23] Vgl. dazu ebenda, S. 227.

[24] Vgl. dazu Institut für empirische Sozialforschung, a.a.O., S. 22ff.

[25] Ebenda, S. 23.

[26] Ebenda, S. 23f. Dies wird übrigens auch in dem DJI-Jugendsurvey bestätigt, siehe dazu S. 234.

[27] Ebenda, S.115ff.

[28] Ebenda, S.115.

[29] Vgl. dazu ausführlich in Heitmeyer, Willhelm, a.a.O.: Das Individualisierungs-Theorem, S. 16f.

[30] Hierbei ist kritisch anzumerken, daß bei Heitmeyers Definition der Ungleichheit keine sexistischen Vorstellungen über die Ungleichheiten von Männern und Frauen thematisiert werden. Jedoch haben gerade Frauen in rechtsextremen Konzeptionen oft eine untergeordnete, auf ihre biologistisches Element reduzierte Rolle

[31] Heitmeyer, Willhelm a.a.O., S. 53ff.

[32] Ebenda, S. 59.

[33] Ebenda, S. 471ff.

[34] Löchte, Anita/ Sill Oliver, a.a.O., S. 31.

[35] Heitmeyer, Willhelm a.a.O., S. 471.

[36] Vgl. ebenda, S. 579ff.

[37] Ebenda, S. 579.

[38] Ebenda, S. 580ff.

[39] Löchte, Anita/ Sill Oliver, a.a.O., S. 33f.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Glatzenpflege im Rahmen der Jugendarbeit? Das Für und Wider der Akzeptierenden Jugendarbeit im Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen
Hochschule
Universität Trier  (Pädagogik)
Veranstaltung
Allgemeine pädagogische Handlungskompetenz
Autor
Jahr
1999
Seiten
32
Katalognummer
V58345
ISBN (eBook)
9783638525718
ISBN (Buch)
9783656775621
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Glatzenpflege, Rahmen, Jugendarbeit, Wider, Akzeptierenden, Jugendarbeit, Umgang, Jugendlichen, Allgemeine, Handlungskompetenz
Arbeit zitieren
Bettina Dettendorfer (Autor:in), 1999, Glatzenpflege im Rahmen der Jugendarbeit? Das Für und Wider der Akzeptierenden Jugendarbeit im Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58345

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