Tiere und ihre geistigen Fähigkeiten. Die Bedeutung von Überzeugungen bei Donald Davidson


Essay, 2018

6 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Die Bedeutung von Überzeugungen bei Donald Davidson

Schon seit geraumer Zeit beschäftigt sich die Philosophie mit der Frage, ob Tiere einen Geist besitzen. Was das Vorhandensein eines Geistes bei Menschen angeht, ist man häufig einer Meinung, wobei sich die Debatte über den Geist von Lebewesen anderer Spezies als fast unlösbar erweist. Während die einen Philosophen mit einer Selbstverständlichkeit Tieren geistige Fähigkeiten zusprechen, sind andere Philosophen überzeugt, dass dem nicht so sei. Einer von ihnen ist Donald Davidson (1917-2003), der als Professor für Philosophie an der Universität von Kalifornien tätig war1. In seinem Aufsatz „Rational Animals“, übersetzt „Rationale Lebewesen“, diskutiert er mitunter die Bedeutung von Überzeugungen in dieser Debatte. Seiner Ansicht nach ist es notwendig, den Begriff von Überzeugung zu besitzen, um eine Überzeugung besitzen zu können. Im Folgenden wird die Argumentation, die Davidson anführt, um seine Behauptung zu untermalen, erläutert und analysiert.

Davidson beginnt mit einem Vergleich zwischen einer Schnecke und einem Säugling, um zu veranschaulichen, dass sich beide Wesen durch fehlende Vernunft und Rationalität ähneln, aber in einem wichtigen Punkt unterscheiden: Dem Potenzial. Ein Säugling hat das Potenzial, Rationalität zu erlangen und vernunftbegabt zu werden. Somit wird ein Säugling eines Tages in der Lage sein können, propositionale Einstellungen zu entwickeln. Sprich, es wird Wünsche, Absichten und Überzeugungen haben können. Für Davidson stellt sich nun die Frage, wie man bestimmen kann, ob ein Wesen Wünsche, Absichten oder Überzeugungen besitzt. Es geht für ihn in erster Linie nicht um eine empirische Frage, sondern vielmehr um die philosophische Frage, „welche Evidenz für die Entscheidung relevant ist“2, einem Lebewesen propositionale Einstellungen zuzuschreiben. Wenn ein Geschöpf Überlegungen abwägen, verwerfen, akzeptieren und nach Entscheidungen handeln kann, wenn es Konsequenzen, Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten in Erwägung ziehen kann, Wünsche und Hoffnungen besitzt, wenn es sich irrt und widersprüchlich handelt, dann sind das in Davidsons Augen Beweise, dass sie propositionale Einstellungen besitzen. Und das wiederum zeigt, dass das Wesen ein rationales Wesen ist.

Dies führt zur nächsten Frage, nämlich: Welche Wesen können als rational bestimmt werden? Davidson betont, dass die Definition von Rationalität gemeint ist und was ein Geschöpf zu einem rationalen Lebewesen macht. Wie schon zuvor ersichtlich wurde, hängen Rationalität und propositionale Einstellung eng miteinander zusammen. Für Davidson stellen nämlich „[d]ie propositionalen Einstellungen […] ein interessantes Kriterium für Rationalität dar, denn sie treten nur in einem aufeinander abgestimmten Ensemble auf“3. Das abgestimmte Ensemble ist in anderen Worten ein komplexes und bestimmtes Muster von Wünschen, Absichten und Überzeugungen. Ein Muster impliziert eine zusammenhängende Struktur und Verbindungen. Hier entsteht das Muster aus Überzeugungen, die mit weiteren Überzeugungen verbunden sind, die wiederum mit Absichten und weiteren Wünschen zusammenhängen. Wie kann also bewiesen werden, ob ein Wesen rational ist? Die Antwort, die Davidson darauf gibt, lautet: Durch die Sprache. Sprachfähigkeit rechtfertigt den Besitz von propositionalen Einstellungen. Wirft man einen Blick in die Fußnoten auf Seite 119, wird Davidsons Einstellung zu Sprache noch deutlicher: „[…] denn ich argumentierte (ebenso wie ich es hier tue) dafür, dass nur Geschöpfe mit einer Sprache denken können.“4 Sprache besitzen seiner Meinung nach nur Menschen. Daraus folgt, dass nur Menschen denken und propositionale Einstellungen besitzen können. Im Umkehrschluss heißt das, dass Tieren diese Fähigkeit verwehrt bleibt.

Um seine These zu bekräftigen, führt er im Folgenden eine Geschichte von N. Malcolm auf, die er im Anschluss zu widerlegen beabsichtigt. Aus dieser kurzen Erzählung jagt ein Hund eine Katze, welche auf eine Eiche zuläuft, bevor sie sich dann im letzten Moment auf einem Ahorn (steht neben der Eiche) rettet. Der Hund bleibt aber vor der Eiche stehen und bellt hinauf. Es geht hervor, dass man dem Hund unter den genannten Umständen Überzeugungen zuschreiben könnte, nämlich dass der Hund überzeugt sei, die Katze sei auf der Eiche. Malcolms Schlussfolgerung sei plausibel: „Er hätte genau die Art von Evidenz, die erforderlich sei, um eine solche Zuschreibung zu rechtfertigen.“5 Wenn dem so ist, dann hat der Hund auch Absichten (den Baum hinaufzuklettern) und Wünsche (die Katze zu fangen), also propositionale Einstellungen. Für Davidson hat die Geschichte aber einen Haken. Man kann nicht genau feststellen, was der Hund glaubt, aus welchen Gründen er das glaubt und ob er seine Überzeugung hinterfragen könnte. Es kann auch nicht bewiesen werden, ob der Hund sich bewusst sei, dass der Gegenstand, vor dem er steht, ein Baum ist. Wenn man annimmt, dass der Hund das Konzept eines Baumes versteht, dann müsste man ihm zuschreiben können, dass er auch versteht, dass mit dem Baum gewisse Eigenschaften einhergehen, nämlich dass er wachsen kann, Erde und Wasser benötigt und so weiter. Kurz: Die Überzeugung müsste zu weiteren Überzeugungen führen können, sodass ein Netz entstehen kann. Wie zuvor erwähnt, sind Überzeugungen notwendig, um propositionale Einstellungen besitzen zu können. Dies wiederum bedeutet, dass man weitgehend korrekte Logik besitzt und somit ein rationales Lebewesen ist.

Der Hund kann offensichtlich nicht verbal mitteilen, ob und welche Überzeugungen er besitzt. Daraus ergibt sich folgende Frage: Kann es ohne ein Sprechen eine angemessene Grundlage für die Zuschreibung jener allgemeinen Überzeugung geben, die erforderlich sind, um irgendeinem Gedanken Sinn zu geben?6 Es reicht nicht aus, durch bloße Beobachtung einem Wesen diese Fähigkeit zuzusprechen. Für Davidson muss ein komplexes Verhaltensmuster vorliegen, aus dem man schließen kann, dass propositionale Einstellungen vorhanden sind. Wenn es allerdings nicht erkennbar ist, kann man dem Lebewesen keine Gedanken zuschreiben. Beweisbar ist das nur, wenn das Wesen über Sprache verfügt und seine komplexen Überzeugungen, Absichten und Wünsche mitteilen kann: „Um ein denkendes, rationales Geschöpf zu sein, muss das Geschöpf fähig sein, viele Gedanken auszudrücken, und es muss vor allem fähig sein, das Reden und die Gedanken von anderen zu interpretieren.“7 Damit die Fähigkeit zu denken vorhanden sein kann, braucht es ein Netz von allgemeinen und wahren Überzeugungen. Davidsons Ansicht legt nahe, dass Sprache dafür eine notwendige Bedingung ist. Man könnte an dieser Stelle entgegenbringen, dass schlichtweg Möglichkeiten fehlen, das Verhalten von Nicht-sprechenden-Lebewesen zu erklären, oder wie Davidson es ausdrückt: „Wir haben keinen alternativen allgemeinen und praktischen Bezugsrahmen, um das Verhalten von Lebewesen zu erklären.“8 Dies kommt aber eher einer Rechtfertigung gleich und wird im anschließenden Beispiel entkräftet. Er führt das Beispiel einer Infrarot-Rakete an, die ein Flugzeug ansteuert. Man könnte aufgrund des Verhaltes der Rakete behaupten, dass sie beabsichtigt, das Flugzeug zu zerstören. Es sind aber die Menschen, die die Rakete gebaut haben, die wiederum den Absturz des Flugzeuges beabsichtigen. Eine von Menschen gebaute Infrarot-Rakete hat nicht das Potenzial, so ein komplexes Verhaltensmuster vorzuweisen. Davidson räumt ein, dass gewisse Tiere dem Verhalten der Menschen deutlich ähnlicher sind als das einer Rakete. Damit ist gemeint, dass die Ähnlichkeit zum menschlichen Verhalten nicht als Evidenz dafür, dass Tiere Gedanken haben, ausreicht.

Im Folgenden führt Davidson zwei Argumente an, um seine Position näher zu beschreiben: Erstens, „[u]m eine Überzeugung zu haben, ist es notwendig, den Begriff von Überzeugung zu haben“ und zweitens, „[u]m den Begriff von Überzeugung zu haben, muss man über Sprache verfügen“9. In Malcoms Geschichte entsteht der Eindruck, der Hund glaube, die Katze sei die Eiche hochgeklettert. Aber man kann nicht beweisen, dass der Hund den Gedanken hat, dass die Katze die Eiche hochgeklettert sei. Dies erfordert nämlich die Fähigkeit zu sprechen und eine gewisse Reflektion seiner Gedanken. Um die Problematik zu verdeutlichen, kann man es auch folgendermaßen ausdrücken: „Ein Geschöpf denke (glaube) nur, dass p, wenn es sich bewusst sei, dass p“ oder aber „[Ein Geschöpf] habe den Gedanken, dass p, wenn es sich bewusst sei, dass es sich bewusst sei, dass p“10. Noch kürzer formuliert: „Glauben, dass p“ und „Glauben, dass man glaubt, dass p“11. Letzteres ist eine Überzeugung einer Überzeugung und erfordert, dass man den Begriff von Überzeugung besitzt. Das heißt auch, dass man den Begriff von Gedanken benötigt, um denken zu können. Sprache ist hierfür eine Voraussetzung. Folgende Geschichte von D.Weiss soll die angeführten Argumente unterstützen: Ein Superhund namens Arthur landet auf der Erde und spricht weder die Sprache noch hat er irgendein Wissen über dessen Bewohner. Durch einen Spiegel beobachtet sitzt er in einem Raum und versucht aus einem Stück Metall etwas herzustellen. Nach Misserfolg läuft er auf und ab, setzt sich hin anschließend und starrt in die Leere. Plötzlich springt er auf und versucht es auf eine andere Weise erneut, diesmal mit Erfolg. Sichtlich zufrieden beginnt er das Werkzeug zu nutzen. In dieser Erzählung wird erkennbar, dass Arthur an einer Stelle überrascht ist, nämlich dann, als er nach der Stille aufspringt und es nochmals versucht. Überraschtes Verhalten bedeutet, dass er reflektierende Gedanken hat. Reflektierende Gedanken bedeuten wiederum, dass Überzeugungen vorliegen. Es scheint also, dass Arthur Überzeugungen hat. Davidson kommt nun die Frage auf: „Doch was ist erforderlich, um den Begriff von einer Überzeugung zu haben?“12 Um dies zu beantworten, wählt er das Phänomen der Überraschung, da es den Begriff von Überzeugung erfordert. Er nennt das Beispiel der Münze: Man glaubt, man habe eine Münze in der Tasche. Man leert die Tasche aus und stellt fest, dass die Münze nicht vorhanden ist, was wiederum Überraschung auslöst. Eine Überraschung entsteht nämlich genau dann, wenn man sich des Gegensatzes zwischen dem, was man geglaubt hat (Münze in der Tasche), und dem, was man jetzt glaubt (Münze ist nicht in der Tasche), bewusst ist. Somit liegt eine Überzeugung einer Überzeugung vor. Die „Pointe“13 beim Begriff von Überzeugung ist, dass man den Begriff von objektiver Wahrheit hat, das heißt eine Idee von einer objektiven Realität, die wiederum wahr oder falsch sein kann, unabhängig von persönlichen Überzeugungen.

[...]


1 Perler, D. & Wild, M. (2005): Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S.441

2 Davidson, D. (2005): Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S.117

3 Davidson, D. (2005): Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S.118

4 Davidson, D. (2005): Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S.119 1

5 Davidson, D. (2005): S.119

6 Davidson, D. (2005): S.123

7 Davidson, D. (2005): S.124

8 Davidson, D. (2005): S.125

9 Davidson, D. (2005): S.126

10 Davidson, D. (2005): S.127

11 Davidson, D. (2005): S.127

12 Davidson, D. (2005): S.128

13 Davidson, D. (2005): S.129

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Tiere und ihre geistigen Fähigkeiten. Die Bedeutung von Überzeugungen bei Donald Davidson
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
6
Katalognummer
V583569
ISBN (eBook)
9783346181701
ISBN (Buch)
9783346181718
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Philosophie, Tierethik, Davidson, Überzeugungen, Moral, Tiere, Geist
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Anonym, 2018, Tiere und ihre geistigen Fähigkeiten. Die Bedeutung von Überzeugungen bei Donald Davidson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/583569

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