Durch den Protagonisten der Novelle "Estrella distante" erzeugt Roberto Bolaño eine Fusion zwischen exzessiver Gewalt und purer Kunst, denn insbesondere die originelle Modellierung der Hauptfigur, welche Wieder als Repräsentant und zugleich als ausführende Kraft der künstlerischen Inszenierung von Gewalt darstellt, erlaubt es dem Werk, das Böse zu ästhetisieren. Eben diese Ästhetisierung des Bösen, durch welche der Rezipient enorme emotionale Belastung sowie gleichermaßen Faszination erfährt, wird in der folgenden Arbeit im Zentrum der Untersuchung stehen. Da der wissenschaftliche Diskurs nicht die Analyse des Bösen an sich und die damit verbundenen philosophischen Theorien Baudillards, Sichères oder de Sades intendiert, sondern die Untersuchung der Art und Weise der Ästhetisierung des Bösen fokussiert, wird in der Arbeit wie folgt vorgegangen:
Um die Untersuchung in einen theoretischen Rahmen zu betten, werden zunächst die Studie von Peter-André Alt über die Ästhetik des Bösen sowie Julia Kristevas Theorie hinsichtlich des Abjekten erläutert. Aufgrund der äußerst detaillierten und literarisch gut fundierten Thematisierung der Ästhetik des Bösen wurde Alts Werk bei der folgenden Arbeit rezipiert. Insbesondere die von dem Germanist erläuterte Entwicklung der literarischen Darstellung des Bösen ist ausschlaggebend für die folgende Analyse, da Alt hierbei die durch die aufklärerische Kritik im 18. Jahrhundert evozierte Verflüchtigung des repräsentativ Bösen in die Psyche der Figuren betont und somit ebenfalls die dadurch errungene Komplexität und Vielfalt des Bösen auf literarischem Terrain konstatiert. Kristevas weitläufige und in sich komplexe Theorie über das Abjekte wurde ebenfalls für die Schaffung eines theoretischen Fundaments adaptiert, wobei vor allem die von der Wissenschaftlerin ausgearbeiteten Charakteristika des Abjekten bei der folgenden Untersuchung großen Anklang finden. Nach der ausführlichen Thematisierung der Studien Alts und Kristevas erfolgt eine kurze Conclusio, um die für die folgende Analyse ausschlaggebenden Aspekte der teils nur schwer fassbaren Theorien zu verdeutlichen und miteinander zu verbinden. Der Hauptteil der Arbeit, welcher die Analyse der Darstellung von Gewalt und Horror in Estrella distante repräsentiert, wird eingeleitet, indem zunächst die Analogien zum Nationalsozialismus und zur Pinochet-Diktatur untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Die Ästhetik des Bösen und das Abjekte – Eine theoretische Basis
2.1 Peter-André Alts Studie zur Ästhetik des Bösen
2.2 Julia Kristeva und der Begriff des Abjekten
2.3 Conclusio
3. Analyse der Darstellung von Gewalt und Horror in Estrella distante
3.1 Die Rezeption des Horrors der Pinochet-Diktatur und des Nationalsozialismus
3.2 Carlos Wieder/Alberto Ruiz-Tagle: Die Inkarnation des mal absoluto
3.2.1 Die Darstellung der Persönlichkeit Wieders/Ruiz-Tagles
3.2.2 Die Kunstdarbietungen des Protagonisten: el arte nuevo
3.2.3 Exkurs: Wieder in Bezug auf den Titel Estrella distante
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht, wie Roberto Bolaño in seiner Novelle Estrella distante das Böse ästhetisiert, indem er historische Gewalt (Nationalsozialismus und Pinochet-Diktatur) mit künstlerischer Inszenierung verschmilzt. Im Zentrum steht die Analyse des Protagonisten Carlos Wieder als Inkarnation des absolut Bösen und seine Rolle als ausführende Kraft einer ästhetisierten Gewalt, die beim Rezipienten sowohl Faszination als auch Entsetzen hervorruft.
- Die Ästhetik des Bösen nach Peter-André Alt
- Die Theorie des Abjekten nach Julia Kristeva
- Analyse von Gewalt und Horror im Kontext der chilenischen Diktatur
- Die Figur des Carlos Wieder als "figura del doble" und "abjekte Existenz"
- Das Verhältnis von Kunst, Macht und totalitären Regimes
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Die Darstellung der Persönlichkeit Wieders/Ruiz-Tagles
Bereits während des ersten Kapitels der Novelle wird dem Rezipienten folgendes offensichtlich: Alberto Ruiz-Tagle/Carlos Wieder stellt einen speziellen Akteur im Handlungsgeschehen dar und nimmt in der Erzählung eine gesonderte Position ein. Er repräsentiert eine Figur mit eigener Identität, die sich gewissermaßen als ungreifbar und undefinierbar deklarieren lässt. Diese Einschätzung der Persönlichkeit des Protagonisten wird insbesondere dadurch gefördert, dass der Leser Carlos Wieder in erster Linie über seine Taten sowie anhand der Beschreibung seines Erscheinungsbildes durch weitere Figuren der Novelle kennen lernt. In Anbetracht dessen wird im ersten Kapitel von Arturo B. folgendes über Ruiz-Tagle geäußert:
„La verdad era que no parecía autodidacta. Quiero decir: exteriormente no parecía un autodidacta. Éstos, en Chile, a principios de los setenta, en la ciudad de Concepción, no vestían de la manera en que se vestía Ruiz-Tagle. Los autodidactas eran pobres.” (ED (1996):14)
Parecía und insbesondere exteriormente evozieren bei dieser Beschreibung die Ungreifbarkeit der Person. Die Aussage, dass Wieder nicht wie ein Autodidakt wirkt, wird direkt mit dem Begriff äußerlich -welcher zudem in der Novelle kursiv abgebildet ist und folglich direkte Aufmerksamkeit des Rezipienten erlangt- eingeschränkt, was die Undefinierbarkeit der Figur impliziert. Auch die Beschreibung „Ruiz-Tagle era elegante“ (ED (1996): 14) sowie die von Bibiano O’Ryan als zu kalt empfundene Gesichtszüge tragen zur Ungreifbarkeit seiner Identität und folglich auch zur Distanzierung bei. Eben diese Distanz, welche der Rezipient der Novelle hinsichtlich des Protagonisten empfindet, wird aufgrund der Beschreibung von Ruiz-Tagles Wohnung intensiviert. Bibiano deklariert die Räumlichkeiten von Wieder als „desnuda y sangrante“ (ED (1996): 18), obwohl es für die Blutrünstigkeit der Wohnung keine offensichtliche Indizien gibt (vgl. ED (1996): 18f). Des Weiteren konstatiert Bibiano eine unnennbare Präsenz in Ruiz-Tagles Domizil und fügt hinzu, dass ihm dieses als präpariert (vgl. ED (1996): 17) erscheint. Auch hier evoziert die kursive Schreibweise des Adjektivs die Verstärkung dessen Bedeutungsgehalts.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Der Autor führt in Roberto Bolaños Verständnis des Schreibens als Annäherung an den bodenlosen Abgrund ein und umreißt die Zielsetzung der Untersuchung.
2. Die Ästhetik des Bösen und das Abjekte – Eine theoretische Basis: Dieses Kapitel etabliert durch die Theorien von Peter-André Alt und Julia Kristeva das notwendige Fundament, um die Ästhetisierung des Bösen sowie das Konzept des Abjekten literarisch zu analysieren.
3. Analyse der Darstellung von Gewalt und Horror in Estrella distante: Der Hauptteil untersucht die Verschränkung von historischem Horror, insbesondere der Pinochet-Diktatur, mit der Figur Carlos Wieder und seinen künstlerischen Darbietungen.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit resümiert die Ergebnisse der Analyse und unterstreicht die komplexe ästhetische Modellierung des Bösen, die den Leser unmittelbar mit dem "abismo sin fondo" konfrontiert.
Schlüsselwörter
Ästhetik des Bösen, Estrella distante, Roberto Bolaño, Abjektion, Carlos Wieder, Gewalt, Horror, Pinochet-Diktatur, Nationalsozialismus, arte nuevo, Literaturwissenschaft, Identität, Macht, memoria, Doppelgänger.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die literarische Ästhetisierung des Bösen in Roberto Bolaños Novelle Estrella distante, wobei ein besonderer Fokus auf der Verschmelzung von historischer Gewalt und künstlerischem Schaffen liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretische Fundierung durch die Begriffe Ästhetik des Bösen (Alt) und das Abjekte (Kristeva) sowie deren Anwendung auf das Werk Bolaños.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die Art und Weise zu untersuchen, wie Bolaño durch die Figur des Carlos Wieder und dessen Taten das Böse ästhetisiert und beim Leser ein Gefühl des absoluten Horrors evoziert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text anhand theoretischer Konzepte interpretiert und durch herangezogene Sekundärliteratur zur aktuellen Forschung stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Rezeption des historischen Horrors (Diktatur/Nationalsozialismus) und analysiert detailliert die Persönlichkeit sowie die Kunstdarbietungen des Protagonisten Carlos Wieder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Ästhetik des Bösen", "Abjektion", "Carlos Wieder", "Gewalt" und "Kunst" charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Figur Carlos Wieder für die Ästhetisierung des Bösen?
Wieder fungiert als Repräsentant des Bösen, der durch seine Kunstdarbietungen – wie Luftpoesie und Foto-Installationen – Gewalt in eine ästhetische Form überführt, die für den Rezipienten gleichermaßen faszinierend wie abstoßend wirkt.
Wie trägt der Titel "Estrella distante" zum Verständnis bei?
Der Exkurs verdeutlicht, dass der Titel den Protagonisten als fernen, geheimnisvollen "Stern" charakterisiert, was seine Unerreichbarkeit und seine exzentrische, distanzierte Position innerhalb der Erzählung unterstreicht.
- Citar trabajo
- Vanessa Kühner (Autor), 2015, Die Ästhetisierung des Bösen in Roberto Bolaños Werk "Estrella distante", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/583784