Chancen und Grenzen grammatischer Zweifelsfälle im Unterricht

Die Kasusrektionen des Genitivs und Dativs


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Definition der sprachlichen Zweifelsfälle

2 Die theoretische Ebene
2.1 Perspektiven auf die deutsche Sprache
2.2 Die Kasusrektionen des Genitivs und Dativs
2.3 Genitiv oder Dativ?

3 Die praktische Ebene
3.1 KC-Einordnung
3.2 Lehrwerkanalyse
3.3 Alternative Vorschläge

4 Zwischen normativen und deskriptiven Positionen

5 Fazit

Anhang

1 Einleitung

Heißt es wegen dem Pferd oder doch wegen des Pferds? Mit beiden Varianten kommen Sprecherinnen und Sprecher des Deutschen zumeist in Kontakt. Und nicht Wenige fragen sich dabei: Welche Variante ist denn nun richtig? Ob tatsächlich eine richtige Variante existiert, soll diese Arbeit aufklären. Weiterhin wird Aufschluss über Positionen von Sprachverständnissen gegeben, die sich anhand der Erkenntnisse, ob Sprache „richtig“ sein kann oder nicht, orientieren werden. Es gilt, die errungenen Erkenntnisse im Schulkontext zu verorten, um die Frage zu beantworten, ob grammatische Zweifel einen Gewinn für den bewussten Umgang mit Sprache sowie Sprachwandel darstellen. Um das Themenfeld der sprachlichen Zweifelsfälle exemplarisch verorten zu können, wird dies anhand der Kasusrektionen des Genitivs und Dativs unternommen. Allerdings muss davor der Begriff des sprachlichen Zweifelsfalls definiert werden. Mit der Definition gehen die Positionen der sprachlichen Zweifelsfälle einher, welche verschiedene Verständnisse von Sprachzweifeln aufweisen. Im Hinblick auf niedersächsische Kerncurricula werden Auszüge aus Lehrwerken analysiert, womit die Bestandsaufnahme in der Schule erfasst wird. Die Analyse soll den Weg für alternative Schulaufgaben ebnen, welche praktikabel für die Schule sein sollten. Die Alternativen werden im Kontext der Positionen formuliert, wodurch ebenso ein Diskurs der Herangehensweisen angestrebt wird. Komplementiert wird demnach die theoretische Ebene durch die praktische Ebene, in denen linguistische Perspektiven sowie Schulbezüge hergestellt werden.

1.1 Definition der sprachlichen Zweifelsfälle

„Als sprachliche Zweifelsfälle kann man nämlich diejenigen sprachlichen Einheiten bezeichnen, bei denen kompetente, erwachsene Sprecher des Deutschen mit Blick auf (mindestens) zwei Varianten in Zweifel geraten können, welche der beiden Varianten (standardsprachlich) korrekt ist.“ (Klein 2018, S. 1)

Trotz der ungünstigen Beschränkung auf erwachsene Sprecher des Deutschen in der Definition Kleins sollte die grundsätzliche Sicht auf sprachliche Zweifelsfälle als eine Grundlage für diese Untersuchung dienen. Keineswegs ist der Kontakt mit sprachlichen Zweifelsfällen lediglich kompetenten und erwachsenen Rezipienten der deutschen Sprache vorbehalten, sondern dringt bis in die für Lehrkräfte wesentliche Schul- und Schülerperipherie hinein. Weiterhin bietet sich hierbei die Schlussfolgerung an, dass im Besonderen weniger kompetente und jüngere Sprecher Probleme mit Zweifelsfällen haben sollten, wenn die Zweifel bereits bei kompetenten und erwachsenen Sprechern vorliegen. Sicks Definition von sprachlichen Zweifelsfällen ist im Vergleich allerdings determinierter und wertender. Während Klein von einer standardsprachlichen Korrektheit ausgeht, spricht Sick von einer Herausforderung „gegen falsches Deutsch und schlechten Stil“, der er sich annehme (Sick 2004, S. 9). Erstere Definition besticht durch eine Offenheit und emotionale Distanz, weshalb diese die Grundlage für die Arbeit bilden wird. Sicks Definition sowie seine Position gegenüber sprachlichen Zweifelsfällen sollen aufgrund ihrer Gegensätzlichkeit als weitere Anregung dienen.

2 Die theoretische Ebene

2.1 Perspektiven auf die deutsche Sprache

Die Anregung der Position Sicks muss allerdings unter dem Vorbehalt seiner polemischen und zynischen Kommunikationsart bedacht und eingeordnet werden. Ihre Relevanz begründet sich durch den Erfolg seiner Publikationen im Themenfeld sprachlicher Zweifelsfälle, woraus ein gesellschaftliches Interesse abzuleiten ist. Nichtsdestotrotz gibt das Lexikon der Sprachwissenschaft eine seriöse Definition der Position Sicks auf, bei der es sich um die normative Position handelt. Das Lexikon definiert die normative Grammatik (o.a. präskriptive Grammatik) als eine „Belehrung über den richtigen Sprachgebrauch ausgerichtete Form grammatischer Beschreibung, die sich an historischen, logischen und ästhetischen Kriterien orientiert“ (Bußmann 2008, S. 484).

Klein ergänzt seine Definition um mögliche Sprachprobleme von Sprechern im Alltag, welche sich auf die Frage nach der Richtigkeit und Falschheit von sprachlichen Einheiten beziehen (vgl. 2018, S. 1). Ausgehend von speziellen Duden-Ausgaben und den Erfolgen Sicks Publikationen, welche sich konkret mit der Problematisierung von sprachlichen Zweifelsfällen beschäftigen, scheint ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Klarheit in der Sprache zu herrschen. Es stellt sich dabei die grundlegende Frage nach der Einordnung von sprachlichen Zweifelsfällen. Sollte es die offenere Definition von Klein oder die normative Position sein?

Tatsächlich sei die normative Perspektive auf die Grammatik die traditionelle Herangehensweise in der Schule, welche vermehrt im 19. und 20. Jahrhundert etabliert wurde (Bußmann 2008, S. 484). Doch wer entscheidet über die Sprachnorm? Bredel betont, dass lediglich die Rechtschreibung im Deutschen normiert wird, für Fragen nach „richtiger“ Grammatik jedoch keine Normierungsinstanz existiere (vgl. 2017, S. 57). Eine verbindliche Instanz stellt das „Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“ zwar nicht dar, bietet allerdings für Sprecher mit dem Bedürfnis nach normativer Sprache ein Angebot. Im Vorwort des Buches ist vermerkt, dass das Werk für Personen gedacht sei, die „schnell und korrekt Entscheidungen für eine Form treffen müssen“ (Schoch 2001, S. 5). Dennoch widergibt der Duden kein normatives Sprachverständnis, da dieser die intendierte Beschäftigung mit sprachlicher Variation als Chance darstellt und lediglich die Auswahl eines möglichen Falles als Empfehlung herausgibt (vgl. ebd.).

Berner konstatiert die wesentliche Grundlage, dass „Sprache im konkreten Handeln der Menschen den neuen kommunikativen Bedürfnissen permanent angepasst wird“ (2009, S. 17). Darauf folgt das Verständnis der Sprache als eine sich im permanenten Wandel befindende Einheit. Dies scheint dem normativen Verständnis von Sprache keine Abhilfe zu leisten, welche sich anhand historischer Kriterien äußert und im Zuge dessen eine historische Legitimation formuliert. Sprache sei nämlich nach Berner „in ständiger evolutionärer Bewegung“ (ebd., S.18). Dies wirft die Frage auf, inwiefern Sprache normativ sein kann. Sie müsste sich in Anlehnung an der Erkenntnis stets zeitlich fixiert äußern. Was aus der heutigen Sichtweise angesichts neuer Sprachformen als „richtig“ angesehen wird, weil sie neben ursprünglichen Formen existieren, stellen somit das Ergebnis früherer Sprachvarianten dar, die von ehemaligen Zeitgenossen ebenso als „falsch“ angesehen worden sein könnten. Letztlich ist auch die normative Position in ihren inhaltlichen Schwerpunkten dem Sprachwandel ausgesetzt.

2.2 Die Kasusrektionen des Genitivs und Dativs

Um den Themenkomplex sprachlicher Zweifelsfälle exemplarisch im Schulkontext einordnen zu können, wird dieser am Beispiel der Kasusfälle Genitiv und Dativ erörtert. Sahel definiert „den Kasus als eine grammatische Kategorie deklinierbarer Wörter“, die je nach dem zu deklinierenden Wort einen bestimmten Kasus einfordert (2018, S. 1).

Nach Sahel wird von einer Kasusrektion gesprochen, wenn eine syntaktische Relation in Form eines regierenden (kasuszuweisenden) und eines regierten (kasusempfangenden) Elementes besteht (vgl. ebd., S. 22). Das regierte Element sei zwar Träger der Kasusinformation, jedoch bestimme das regierende Element als „Kasusregent“ die Kasusform des regierten Elementes (vgl. ebd., S. 23). Verschiedene Wortarten wie Adjektive, Substantive oder Präpositionen kämen als Kasusregens infrage (vgl. ebd.). Vieregge und Szczepaniak konkretisieren die unflektierbare Wortart der Präpositionen in ihrem Artikel, die einen spezifischen Kasus einfordert und das morphologische Verhalten folgender Substantive sowie Pronomen bestimmt (vgl. 2017, S. 42). Grießhaber vermerkt zur Wortart der Präposition die Funktion, sprachliche Einheiten miteinander in ein Verhältnis setzen zu können (vgl. 2009, S. 629). Anhand der Rektionsart werde zwischen Präpositionen (vgl. ebd.) unterschieden. Weiterhin schwanke in einigen Fällen der Kasus bei entsprechenden Präpositionen (vgl. ebd.). Präpositionen seien zudem nicht flektierbar (vgl. ebd., S. 629f).

2.3 Genitiv oder Dativ?

Szczepaniak und Vieregge erkennen eine Schwankung zwischen dem Genitiv und Dativ bei den Präpositionen dank, trotz, wegen sowie während (vgl. 2017, S. 43). Aus der sprachgeschichtlichen Perspektive könne man die Ursprünge der Präpositionen offenlegen. So seien die Präpositionen dank und trotz mit Dank/danken sowie Trotz/trotzen verwandt. Hierbei ist nach Szczepaniak und Vieregge der Dativfall die Ursprungsform, die nach dem Dativ verlangenden Satzkonstruktionen wie „Ich danke dir“ und „Trotz dem Teufel“ ersichtlich wird (vgl. ebd.). Wegen sei hingegen eine Präposition mit Genitivursprung, die nun ebenso als Dativrektion formuliert werde (vgl. ebd.). Die Dativform werde bis heute teilweise abgelehnt. Sick spricht von einem „Rückzugsgefecht“, dem sich der Genitiv ausliefere (vgl. Sick 2004, S. 16). Bis indes auch er Genitivrektionen einräumt, die mit früheren Dativrektionen konkurrieren (vgl. ebd.). So scheint der Kasuswechsel beidseitig zu verlaufen, sowohl vom Dativ zum Genitiv als auch umgekehrt. Szczepaniak und Vieregge erkennen die daraus resultierende Variationsvielfalt, welche unter den Lernenden in der Schule zu Zweifeln führen vermag (vgl. 2017, S. 44).

3 Die praktische Ebene

3.1 KC-Einordnung

Vom Standpunkt der Sprache als eine wandelbare Einheit lohnt sich die Untersuchung sämtlicher Kerncurricula im Bereich des Sprachwandels. In sämtlichen Kerncurricula des Landkreises Niedersachsen (die Curricula der Haupt-, Real- und Gymnasiumschule sowie der gymnasialen Oberstufe) finden sich im Bereich „Sprache und Sprachgebrauch untersuchen“ Themenaspekte des Sprachwandels wieder. Die Curricula der Haupt- und Realschule geben die Thematisierung des Sprachwandels anhand grundsätzlicher Beispiele vor, unter anderem Anglizismen sowie Wörter anderer Herkunft (vgl. Hauptschule 2014, S. 22 u. Realschule 2014, S. 23). Im Kerncurriculum des Gymnasiums findet eine weitreichende Nivellierung je nach Jahrgang statt. So sollen die Schülerinnen und Schüler zum Ende des 8. Jahrganges „einfache sprachgeschichtliche Zusammenhänge, wie Bedeutungswandel, fremdsprachliche Einflüsse“ kennen sowie zum Schulabschluss „exemplarisch Phänomene des Sprachwandels im Kontext gesellschaftlicher und medialer Veränderungen“ erfassen können (Gymnasium 2015, S. 27). Grundlegend soll sich bei den Lernenden ein sensibles und komplexes Bewusstsein von Sprachgestalt und Sprachgebrauch einstellen (ebd., S. 12). In der gymnasialen Oberstufe müssen die Lernenden Phänomene des Sprachwandels reflektieren und theoriegestützt beschreiben sowie Aspekte der Sprachhistorie wiedergeben (Gymnasiale Oberstufe 2016, S. 22). Weiterhin wird im Pflichtmodul „Tendenzen in der deutschen Gegenwartsprache“ der Diskurs zwischen normativen und deskriptiven Positionen anhand der Fragestellung „Sprachwandel oder Sprachverfall?“ aufgegriffen, welcher Wandelerscheinungen der deutschen Sprache im gesellschaftlich-kulturellen Kontext thematisiert (ebd., S. 57). Zweifelsfälle der angesprochenen Kasusrektionen des Genitivs und Dativs werden in den niedersächsischen Curricula nicht dezidiert als Unterrichtsgrundlage aufgeführt. Festzuhalten ist zudem, dass die Curricula ein Sprachverständnis vorgeben, das den Sprachwandel widergibt.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Chancen und Grenzen grammatischer Zweifelsfälle im Unterricht
Untertitel
Die Kasusrektionen des Genitivs und Dativs
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V584086
ISBN (eBook)
9783346161604
ISBN (Buch)
9783346161611
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache, Grammatik, Zweifelsfälle, Kasusrektion, Dativ, Genitiv
Arbeit zitieren
Mücahit Kaya (Autor), 2019, Chancen und Grenzen grammatischer Zweifelsfälle im Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/584086

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