Dunkle Vergangenheit, dunkle Zukunft? Ein Blick auf die deutschen Burschenschaften


Seminararbeit, 2006
28 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ideenpolitische Entstehung der Burschenschaften
2.1 Die Folgen Napoleons und der Romantik auf Deutschland
2.2 Männerbund und Frauenbild
2.3 Die Jenaer Urburschenschaft

3. Die liberale Minderheit von Carové bis zur NDB

4. Einzelfall oder Kollektivschuld? – das Kapitel „NS-Zeit“

5. In der frühen Bundesrepublik – zwischen Protektion und 68 ern
5.1 Wie die Burschenschaften die Entnazifizierung überlebten -
Die Bedeutung der Alten Herren
5.2 Zurechtfindung in der neuen Demokratie – die „Gegen- 68 er“?

6. Einfallstor der „Neuen Rechten“?
6.1 Die „Neue Rechte“
6.2 Die Träger rechter Ideologie innerhalb der DB
6.3 Rechte Ideologien und Aktivitäten
6.4 Einfallstor der „Neuen Rechten“?

7. Theoretische Erklärungsansätze

8. Wie radikal sind sie? - Verbot oder Diskussion

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sind Burschenschaften wirklich ein „Hort der Reaktion und des Nationalsozialismus,“ wie die Besatzermächte sie nach dem Zweiten Weltkrieg verdächtigten? (Heither 1997b: S.159)

Mit dieser Hausarbeit sollen drei wesentliche Punkte bearbeitet werden, so dass abschließend die Frage nach dem Charakter der deutschen Burschenschaften: „Dunkle Vergangenheit, Dunkle Zukunft?“, zu beantworten versucht werden kann. Zuerst wird mit der weit verbreiteten These, die Burschenschaften wären früher „ja ganz gut“ gewesen und hätten mit ihren liberalen Ideen die Einheit und Demokratie in Deutschland verfochten, bis sie 1936 „von Hitler aufgelöst“ wurden, kritisch ins Gericht gegangen. Während der Bearbeitung wird auch ein Blick auf die inner-burschenschaftlichen Differenzen und Flügelkämpfe in ihrer langen Geschichte geworfen. Welche Ideologien bzw. Einstellungspotenziale waren bestimmend und in welcher Art haben diese sich bis heute erhalten? Als dritte Klarstellung und Schwerpunkt dieser Arbeit wird es um die Einordnung der Burschenschaften in das rechtsextreme Spektrum der Bundesrepublik, gestern, heute und morgen, gehen. Hierzu ist auch eine Klärung solcher Worthülsen wie „volkstumsbezogener Vaterlandsbegriff“ oder „Neue Rechte“ sowie ein vertiefter Blick in die Historie, unter spezieller Beachtung Erlangens, unerlässlich. Am Ende der Arbeit wird sich auch eine Positionierung zum bestmöglichen Umgang mit Burschenschaften seitens der Nicht-Korporierten finden.

2. Ideenpolitische Entstehung der Burschenschaften

2.1 Die Folgen Napoleons und der Romantik auf Deutschland

Die Französischer Revolution 1789 und die Ausrufung der I. Republik drei Jahre später war für viele Studenten in Deutschland auch ein Hoffnungsschimmer bezüglich der politischen Situation im eigenen Land. Die Überwindung der Zersplitterung, sowohl politischer als auch religiöser Art durch die Schaffung einer „Nation“ schien verlockend. Doch obwohl Frankreich diese „integrative [Vorbild-] Funktion“ besaß, wurde „das deutsche Volk zur Antipoden des französischen erklärt“ (Schäfer 1997: S.14). Wie kam es dazu?

Zentral sind hier die Faktoren der Hegemonie Napoleons und der Beginn der Romantik. Frankreichs Eroberung Europas und die damit verbundene Demütigung der besetzten Völker schafften eine politische Ablehnung gegenüber dem westlichen Nachbarn. Viel schwerer wiegt allerdings die neue Epoche in der sich Menschen in einer Welt, in der Werte und Regeln einzig nach Kriterien der Vernunft bestimmt werden, als Gefangene sahen. Die an mittelalterlichen Tugenden wie Religiösität festhaltende Romantik brachte auch den Begriff des „Volkes“ mit sich. Noch im ursprünglichen Sinne definiert die Deutsche Burschenschaft (DB) „Volk“ als „eine menschliche Gemeinschaft, die durch gleiche Abstammung, gleiches geschichtliches Schicksal, gleiche Kultur und verwandtes Brauchtum, dieselbe Sprache und zusammenhängenden Siedlungsraum verbunden und geprägt sind.“ Kurt Lenk schrieb, dass diese „Nationswerdung“ bedeutet, „die pluralistisch organisierten Interessen zugunsten einer auf neue Unmittelbarkeit gegründeten Gemeinschaft aller Deutschen zu beseitigen.“ D.h., es gibt eine „völkische Substanz, die zugleich das Wesen einer ‚wahren’ Demokratie ausmacht.“ (zit. nach Heither/Schäfer 1997: S.241ff). Das Deutsche Volk, als Gegenspieler zu Napoleon stilisiert, erhielt somit aus der romantischen Ideologie das „Substrat einer Abstammungsgemeinschaft“ (Schäfer 1997: S.15). Diese steht dem aufgeklärten Staatsbewusstsein Frankreichs (Schaffung des Staates durch einen Gesellschaftsvertrag) diametral gegenüber.

Auch wenn Napoleon besiegt und der französische Einfluss zurückgedrängt werden konnte (der Code Napoléon blieb allerdings bestehen) fühlten viele Studenten weiterhin einen Drang nach Einigkeit des Volkes, welcher letztendlich in der Gründung der ersten Burschenschaften mündete. Die „Volksgemeinschaft“ versprach ihnen auch die Überwindung sozialer Klassengegensätze, wobei trotzdem eine „Elite“ (derer die Korporierten Teil waren) existieren und führen sollte.

Dieses völkische Denken ist in ihnen bis heute lebendig. Es erhebt die Nationalität auf ein biologisch-determiniertes, nicht territorial-staatliches Level und rückt es somit außerhalb des menschlichen Handlungsspielraums. Gepaart mit einer latenten Francophobie ist diesem Denken, folgt man dem Freiburger Politologen Dieter Oberndörfer, „eine rassistische Komponente immanent angelegt.“ Nicht nur im Nationalsozialismus, sondern in der gesamten deutschen Geschichte, vor allem aber in der Historie der deutschen Burschenschaften, ist dieses Denken „Dreh-, Angel- und Bezugspunkt“ (zit. nach Heither/Schäfer 1997: S.240ff)

2.2 Männerbund und Frauenbild

Als sich die ersten Studentenverbindungen im 18. Jh. bildeten gab es an den Universitäten nur männliche Studenten. Zu dieser Zeit war das „Mann-Sein“ also noch kein Herausstellungsmerkmal mit dem sich Korporierte[1] abgrenzen konnten. Da sich im folgenden Jahrhundert die Frauen zu emanzipieren begannen, musste jedoch ein „Abwehrmechanismus“ gefunden werden: der „Geschlechtscharakter“ als Kombination aus Biologie und Naturbestimmung. (Heither 2000: S.123) Die Frau wird zum Ergänzungsteil des Mannes. Sie muss sich aufgrund biologischer Prädeterminanten mit „Kindern, Küche, Kirche“ rumschlagen, während der Mann z.B. in den Krieg zieht und die Familie ernährt. Nur beide zusammen ergeben etwas Ganzes. Jeder bringt also einen anderen biologisch bestimmten Part ein. Der Mann blieb natürlich das Primärteil. Wie zu erkennen ist, gab es in Deutschland einen Rückschritt gegenüber der Aufklärung, welcher durch den Militarismus im Kaiserreich und das Biedermeier Verstärkung fand.

Es kam durch den Druck der frühen Frauenbewegung also zu einer Polarisation (vgl. Heither 2000: S.124); das „Mann-Sein“ war in Gefahr und musste sich durch neue Werte weiter von den Frauen und „Weicheiern“ abgrenzen. Das Kaiserreich (ab 1871/72) war auch hier wiederholt der beste Nährboden (Militarismus, Ehre etc.). Deshalb waren auch die frühen Burschenschaften durch Freiheitskriege, Turnbewegung und romantischen Ritterdünkel bezüglich der Geschlechterrollen einseitig geprägt.[2]

Die Burschenschaften als Männerbünde orientierten sich am Soldatentum, damals mit rein militärischem Männerbezug. Frauen und „weiche“ Männer waren der Nation bzw. der Gruppe nicht dienlich und mußten außen vor bleiben. Als Zeichen der Stärke und somit Tauglichkeit fungieren folglich u.a. das Satisfaktionsprinzip[3] und die Mensur, der reglementierte Fechtkampf (auch Schlagen). Heither stellt die These auf, dass trotz des Fehlens von Frauen die Burschenschaft als Ersatzfamilie fungiert. Er spricht von einer „frauenlosen Art der Fortpflanzung“ und der Verbindung selber als „Mutter“ aller Korporierter. Frauen von außen waren, sollten sie aus dem selben Stand kommen, völlig tabu bis zur Ehe. Anders war es mit „niederen“ Frauen. Hier fand die Sittlichkeit der damaligen Tage keinen Anstoß, wenn ein „flotter Bursche“ sich der Promiskuität hergab. Institutionalisierte Bordellbesuche gehörten auch in das ehrvolle (Nacht-)Leben der Burschenschaftler. (vgl. Heither 2000: S.131ff)

Im Fin de siècle erkämpften sich die Frauen immer mehr Rechte und drangen weiter in den „männlichen Bereich“ (z.B. Universitäten) ein. Somit ist ihr Ausschluss aus bestimmten Gruppen als automatische Schutzfunktion der konservativen Mannheit zu verstehen, welche „das Risiko der drohenden Feminisierung und des Aufweichen der Differenz vermindern [sollte].“ (Heither 2000: S.148) Man(n) wollte Frauen nicht in gleichen Positionen/Rollen, weil dadurch die eigene Rolle angegriffen wurde. Aufgrund der von ihnen propagierten „Verschiedenheit der Fähigkeiten“ (Weiß 1897, zit. nach: Heither 2000: 138) taten sich die Korporationen bei der Ablehnung von Studentinnen besonders hervor. Hieraus entstand die hohe Bewertung der Ehe, wie sie noch heute in viele Teile des konservativen Spektrums reicht. In der Ehe galten hierarchische Bedingungen, wie sie in der Gesellschaft teilweise nicht mehr durchzusetzen waren.

Heither zieht des Weiteren eine Parallele zwischen dem Antifeminismus und dem Antisemitismus: eine als minderwertig und „minderfähig“ angesehene Gruppe wird ausgegrenzt. Allerdings konnte nur der Antisemitismus programmatisch vorangetrieben werden, Frauen dagegen innergesellschaftlich (aber außerfamiliär) segregiert. (vgl. Heither 2000: S.149)

2.3 Die Jenaer Urburschenschaft

Schon lange vor den ersten Burschenschaften existierten an den deutschen Universitäten die militärisch geprägten Corps sowie die Landsmannschaften, in denen sich Studenten gleicher Herkunft zusammenfinden konnten. 1800 kam erstmals die Idee der Burschenschaften[4], um „gegen die Zersplitterung und Vorrechte der partikularistischen Landsmannschaften an[zu]kämpfen und eine Gesamtheit der deutschen Studenten [zu] schaffen“ (Andreae/Griessbach 1967: S.13). Verstärkt durch Fichte, der „Vereine für Deutsch-Jünger“ anregte (vgl. Bauer 1883: S.26), wandelte sich diese studentische Einheitsidee bald in die Vision einer deutschen Einheit verstärkt durch das aufkeimende völkische Denken. Inspiriert durch die „geistigen Vordenker“ Ernst Moritz Arndt, K.-F. Friesen und vor allem dem „Turnvater“ Friedrich-Ludwig Jahn trafen sich am 12.6.1815 elf Studenten und unterzeichneten die Gründungsurkunde der bis heute bedeutsamen Jenaer Urburschenschaft. Sie forderte: „nur solche Verbindungen, die auf dem Geist gegründet sind, [... ] nämlich Freiheit und Selbstständigkeit des Vaterlandes (...) sind dem Geist der Hochschule angemessen. [... ] Eine solche Verbindung der Burschen nennen wir mit dem Namen einer Burschenschaft.“ (zit. nach Bayer 1883: S.31) Ein demokratischer Aufbau der Verbandsstrukturen mit häufigem Wechsel der Führungspositionen zeugten davon, dass die französischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zwischen den Bundesbrüdern vorherrschten. Doch das (äußere) Ziel war die „Fertigung eines gemeinsamen Vaterlandes,“ welches gegen Frankreich, England und Russland bestehen könne. (vgl. Schäfer 1997: S.20)

Der Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“ wird noch heute von vielen Burschenschaften (u.a. Germania Erlangen) verwendet. Auch die (von den deutschen Uniformen im Befreiungskrieg stammenden) Farben Schwarz-Rot-Gold sollten noch weiter reichende Bedeutung bekommen. Bis heute beruft sich ein Großteil der deutschen Burschenschaften auf diesen Jenaer Zusammenschluss. Sie wurde in der unmittelbaren Folgezeit häufig kopiert, so u.a. noch im selben Jahr vom späteren Mörder Kotzebues, Karl Ludwig Sand, in Erlangen. Erst als innere Reform der Landsmannschaften gedacht, gründete er die (abfällig von den etablierten Verbindungen „Teutonia“ genannte) „teutsche Burschenschaft“, welche aber nicht die gewünschte Resonanz fand. Erlangen war zu dieser Zeit noch kein Zentrum für Burschenschafter.

[...]


[1] Mitglieder einer Studentenverbindung (als Teile eines corpore - Körpers)

[2] Im Dt. Reich wurden die altdeutschen Röcke dann zugunsten von aufwändigerer, „ritterlicher“ Kleidung ausgetauscht

[3] Bei Beleidigungen u.a. muss Satisfaktion (in Form eines Duells) gegeben werden

[4] vom mittelalterlichen „Burse“, des gemeinsamen Geldbeutels

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Dunkle Vergangenheit, dunkle Zukunft? Ein Blick auf die deutschen Burschenschaften
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Inst. für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in der Bundesrepublik
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V58438
ISBN (eBook)
9783638526326
ISBN (Buch)
9783638852029
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In vorliegendem Beitrag wird versucht, anhand der historisch zugänglichen Daten ein deutlicheres Bild von den deutschen Burschenschaften zu zeichnen. Abschliessend wird der kritische Umgang der heutigen Zivilgesellschaft mit ihnen besprochen.
Schlagworte
Dunkle, Vergangenheit, Zukunft, Blick, Burschenschaften, Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Bundesrepublik
Arbeit zitieren
Georg Kössler (Autor), 2006, Dunkle Vergangenheit, dunkle Zukunft? Ein Blick auf die deutschen Burschenschaften , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58438

Kommentare

  • Gast am 11.8.2008

    Zusammenfassung von Heither.

    Interessanter Text und eine gute, aber leider eben nur eine Zusammenfassung/Interpretation von Heither. Ich hätte mir mehrere Quellen gewünscht.

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