In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie die B! historisch entstanden sind und ob sie heute dem „Rechten Rand“ zuzuordnen sind.
Drei wesentliche Punkte werden bearbeitet. Waren die Burschenschaften früher „ja ganz gut“ und haben ihre liberalen Ideen die Einheit und Demokratie in Deutschland befördert? Wie standen sie wirklich zu Hitler und dem Dritten Reich? Welche Flügelkämpfe gab es und welche werden bis heute ausgetragen? Welche Ideologien bzw. Einstellungspotenziale waren bestimmend und haben diese sich bis heute erhalten? Ziel der Arbeit ist es, eine begründete Stellungnahme zur Forderung des Verbotes von Burschenschaften zu geben.
Napoleons Siegeszug über Europa lies in Deutschland anti-französische Tendenzen erwachen. Hier entstammt nicht nur die deutsche Fahne, sondern erwuchs auch die erste wirkliche B!. Damit verbunden war der Wunsch nach nationaler Einheit, aber auch eine Ablehnung der Errungenschaften der Aufklärung.
Liberale Gegenströmungen innerhalb der B! – gegen das christlich deutsche Dogma – gab es um F.-W. Carové, doch schon auf dem Burschentag 1818 wurde der Ausschluss von Juden aus allen B! formal per Mehrheitsbeschluss festgelegt. Eine neuere liberalere Strömungen wäre die Neue Deutsche Burschenschaft (NDB), welche den harten, um den „volkstumsbezogener Vaterlandsbegriff“ rotierenden und in Verbindung zur „Neuen Rechte“ eingeschlagenen Kurs dieser nicht mittragen wollten.
Während der NS-Zeit gingen die meisten B! freiwillig in den „Kameradschaften“ auf und nach der Befreiung durch die Alliirten ist es zuvorderst den „Alten Herren“ – ehemals Studierenden, welche aufgrund des Lebensbundprinzips noch in der B! sind – , aber auch den katholischen Verbindungen zu verdanken, dass die B! wieder zugelassen wurden. Sie definierten sich im Folgenden beinahe ausschließlich als „Gegen-68er“ und wirken heute zu weiten Teilen, so die These des Autors, als akademischer Arm der „Neuen Rechten“, dem Scharnier zwischen kompromissbereiten, revidierenden Konservatismus und unveränderbaren, fundamentalen und absoluten Rechtsextremismus. Das Ziel des „reinen Deutschtums“ bleibt somit bestehen
An diese sind sie, weil sie sich nicht von ihren Wurzeln verabschieden wollen, unweigerlich gekettet. Dietrich Heither bemerkte korrekt: die Dogmatik der B! ist ein „schaler Aufguß jener historischen Linie antidemokratischen Denkens, die sich machtpolitisch mit dem „Deutschen Sonderweg“ verbunden [hatte]“ und im Faschismus gipfelte.
Inhaltsverzeichnis der Arbeit
1. Einleitung
2. Ideenpolitische Entstehung der Burschenschaften
2.1 Die Folgen Napoleons und der Romantik auf Deutschland
2.2 Männerbund und Frauenbild
2.3 Die Jenaer Urburschenschaft
3. Die liberale Minderheit von Carové bis zur NDB
4. Einzelfall oder Kollektivschuld? – das Kapitel „NS-Zeit“
5. In der frühen Bundesrepublik – zwischen Protektion und 68ern
5.1 Wie die Burschenschaften die Entnazifizierung überlebten - Die Bedeutung der Alten Herren
5.2 Zurechtfindung in der neuen Demokratie – die „Gegen-68er“?
6. Einfallstor der „Neuen Rechten“?
6.1 Die „Neue Rechte“
6.2 Die Träger rechter Ideologie innerhalb der DB
6.3 Rechte Ideologien und Aktivitäten
6.4 Einfallstor der „Neuen Rechten“?
7. Theoretische Erklärungsansätze
8. Wie radikal sind sie? - Verbot oder Diskussion
9. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Hausarbeit untersucht den Charakter deutscher Burschenschaften vor dem Hintergrund ihrer Geschichte, ihrer ideologischen Ausrichtung und ihres Verhältnisses zum Rechtsextremismus, um die Leitfrage „Dunkle Vergangenheit, Dunkle Zukunft?“ zu beantworten.
- Kritische Analyse des Mythos von den Burschenschaften als rein liberal-demokratische Institutionen.
- Untersuchung des völkischen Denkens und der Rolle von Männerbund-Ideologien in der Geschichte der Korporationen.
- Einordnung des Verhaltens der Burschenschaften in der Zeit des Nationalsozialismus und der frühen Bundesrepublik.
- Analyse der Verbindungen zwischen studentischen Korporationen und der „Neuen Rechten“.
- Diskussion über den Umgang mit Burschenschaften aus demokratischer Sicht.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Folgen Napoleons und der Romantik auf Deutschland
Die Französischer Revolution 1789 und die Ausrufung der I. Republik drei Jahre später war für viele Studenten in Deutschland auch ein Hoffnungsschimmer bezüglich der politischen Situation im eigenen Land. Die Überwindung der Zersplitterung, sowohl politischer als auch religiöser Art durch die Schaffung einer „Nation“ schien verlockend. Doch obwohl Frankreich diese „integrative [Vorbild-] Funktion“ besaß, wurde „das deutsche Volk zur Antipoden des französischen erklärt“ (Schäfer 1997: S.14). Wie kam es dazu?
Zentral sind hier die Faktoren der Hegemonie Napoleons und der Beginn der Romantik. Frankreichs Eroberung Europas und die damit verbundene Demütigung der besetzten Völker schafften eine politische Ablehnung gegenüber dem westlichen Nachbarn. Viel schwerer wiegt allerdings die neue Epoche in der sich Menschen in einer Welt, in der Werte und Regeln einzig nach Kriterien der Vernunft bestimmt werden, als Gefangene sahen. Die an mittelalterlichen Tugenden wie Religiösität festhaltende Romantik brachte auch den Begriff des „Volkes“ mit sich. Noch im ursprünglichen Sinne definiert die Deutsche Burschenschaft (DB) „Volk“ als „eine menschliche Gemeinschaft, die durch gleiche Abstammung, gleiches geschichtliches Schicksal, gleiche Kultur und verwandtes Brauchtum, dieselbe Sprache und zusammenhängenden Siedlungsraum verbunden und geprägt sind.“ Kurt Lenk schrieb, dass diese „Nationswerdung“ bedeutet, „die pluralistisch organisierten Interessen zugunsten einer auf neue Unmittelbarkeit gegründeten Gemeinschaft aller Deutschen zu beseitigen.“ D.h., es gibt eine „völkische Substanz, die zugleich das Wesen einer ‚wahren’ Demokratie ausmacht.“ (zit. nach Heither/Schäfer 1997: S.241ff). Das Deutsche Volk, als Gegenspieler zu Napoleon stilisiert, erhielt somit aus der romantischen Ideologie das „Substrat einer Abstammungsgemeinschaft“ (Schäfer 1997: S.15). Diese steht dem aufgeklärten Staatsbewusstsein Frankreichs (Schaffung des Staates durch einen Gesellschaftsvertrag) diametral gegenüber.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung formuliert die Forschungsfrage nach dem Charakter der Burschenschaften und kündigt die kritische Auseinandersetzung mit deren Rolle im Nationalsozialismus sowie der Gegenwart an.
2. Ideenpolitische Entstehung der Burschenschaften: Dieses Kapitel erläutert, wie sich die Burschenschaften aus einer romantisch-völkischen Ideologie entwickelten, die sich gegen die Aufklärung und das französische Staatsverständnis positionierte.
3. Die liberale Minderheit von Carové bis zur NDB: Hier wird aufgezeigt, dass liberale Tendenzen innerhalb der Burschenschaften stets eine Minderheit blieben und von einem elitären, antisemitischen Ständedenken überlagert wurden.
4. Einzelfall oder Kollektivschuld? – das Kapitel „NS-Zeit“: Das Kapitel analysiert die enge ideologische Verknüpfung der Burschenschaften mit dem Nationalsozialismus und widerlegt die These vom Widerstand.
5. In der frühen Bundesrepublik – zwischen Protektion und 68ern: Es wird dargelegt, wie die Korporationen durch Protektion der Alten Herren ihre Strukturen in der Nachkriegszeit erhalten konnten und sich gegen die 68er-Bewegung nach rechts orientierten.
6. Einfallstor der „Neuen Rechten“?: Dieses Kapitel untersucht die Schnittmengen und inhaltlichen Übereinstimmungen zwischen Burschenschaften und dem Spektrum der „Neuen Rechten“.
7. Theoretische Erklärungsansätze: Es werden soziologische Theorien herangezogen, um das rechte Einstellungspotenzial innerhalb der Burschenschaften zu begründen.
8. Wie radikal sind sie? - Verbot oder Diskussion: Der Autor diskutiert, warum ein Verbot der Burschenschaften zwar ideologisch begründbar, aber faktisch undemokratisch und kaum umsetzbar wäre.
9. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Burschenschaften einen konservativen Nährboden für antidemokratisches Gedankengut bilden und eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen notwendig bleibt.
Schlüsselwörter
Burschenschaften, Deutsche Burschenschaft, völkisches Denken, Rechtsextremismus, Neue Rechte, Nationalsozialismus, Antifeminismus, Antisemitismus, Studentenverbindungen, Alte Herren, Ideologie, politische Geschichte, Bundesrepublik Deutschland, Korporationen, Nationalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische und aktuelle politische Rolle deutscher Burschenschaften und deren ideologische Nähe zum Rechtsextremismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der völkischen Entstehung der Burschenschaften, ihrem Verhalten im Nationalsozialismus, ihrer Wiederetablierung nach 1945 und ihrer heutigen Funktion als Teil eines rechten Milieus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Frage zu beantworten, ob die Burschenschaften durch ihre Geschichte und Ausrichtung ein „Einfallstor“ für rechtsextreme Ideologien in der heutigen Bundesrepublik darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse auf Basis vorhandener Fachliteratur, programmatischer Schriften der Burschenschaften und soziologischer Erklärungsmodelle.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse von den Anfängen über die NS-Zeit bis zur frühen Bundesrepublik sowie in eine Untersuchung aktueller Strukturen und deren Nähe zur „Neuen Rechten“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind völkisches Denken, Nationalismus, Burschenschaften, Neue Rechte und der Umgang mit der eigenen Geschichte.
Warum ist das Kapitel „NS-Zeit“ für die Arbeit so wichtig?
Es dient dazu, den Mythos einer Distanz zum Nationalsozialismus zu widerlegen und den „braunen Fleck“ in der Geschichte der Korporationen aufzuzeigen, da dieser für das heutige Selbstverständnis der Bundesrepublik zentral ist.
Warum hält der Autor ein Verbot für nicht praktikabel?
Da viele einflussreiche Persönlichkeiten in Politik und Gesellschaft selbst Alte Herren sind und die Korporationen in andere, nicht verbotsfähige Strukturen ausweichen könnten, erscheint ein Verbot sowohl undurchführbar als auch undemokratisch.
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- Georg Kössler (Author), 2006, Dunkle Vergangenheit, dunkle Zukunft? Ein Blick auf die deutschen Burschenschaften , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58438