Das frühneuzeitliche Papiermachergewerbe: Situierung des Gewerbes und Lebens- und Arbeitsverhältnisse


Seminararbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Situierung des Papiermachergewerbes
2.1 Papiermühlen als Produktionsort eines frühneuzeitlichen „Luxusartikels“; Besonderheiten des Gewerbes
2.2 Betriebliche Organisationsformen und Verdienstmöglichkeiten
2.3 Organisation der Papiermacher, Zugang zum Handwerk und gesellschaftliche Stellung

3. Lebens- und Arbeitsverhältnisse
3.1 Arbeitsalltag und Arbeitsbedingungen in der Papiermühle
3.2 Verhältnis zwischen Papiermüller und Gesellen
3.3 Lebensalltag und Wohnsituation

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Papiermacherei der Frühen Neuzeit war ein zahlenmäßig sehr unbedeutendes Gewerbe. Verglichen mit dem Textil- oder Baugewerbe gab es sehr wenige Papiermacher, die in vereinzelt gelegenen Mühlen ein Produkt herstellten, das für den Großteil der Bevölkerung ohne Nutzwert war. Und doch entstand hier ein so wertvolles Erzeugnis, dass es für die frühneuzeitliche Gesellschaft von hoher Bedeutung war.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung der Lebens- und Arbeitswelt der Papiermacher. Zunächst wird nach den Besonderheiten des Papiermachergewerbes gefragt. Was waren die Unterschiede im Vergleich mit anderen Handwerken und Gewerben? Darüber hinaus wird untersucht, wie Papiermachereien betrieblich organisiert waren, in welche Abhängigkeiten sich die Papiermacher dadurch begaben und welche Verdienstmöglichkeiten sie hatten. Schließlich werden der Zugang zum Handwerk und die gesellschaftliche Stellung der Papiermacher erläutert, und es wird untersucht, in welchem Maße die Papiermacher organisiert waren.

Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit der Lebens- und Alltagssituation im Papiermachergewerbe. Der Arbeitsalltag und die gesundheitlichen Risiken für die Papiermacher werden dem Einkommen gegenübergestellt, und das besondere Verhältnis zwischen Papiermachern und ihren Gesellen wird eingehender beleuchtet. Zum Abschluss stehen Lebensalltag und Wohnsituation auf der Mühle im Mittelpunkt.

Alle Punkte werden zum einen allgemein besprochen, zum anderen aber auch anhand zweier frühneuzeitlicher Papiermühlen exemplarisch genauer untersucht. Zum ersten sei die „Äußere Papiermühle zu Schornreute“ genannt, die eine der sechs Papiermühlen in der Reichsstadt Ravensburg war.[1] Ravensburg kann seit dem Ende des 14. Jahrhunderts als eines der wichtigsten deutschen Zentren der Papiermacherei gelten. Papier aus Ravensburg war europaweit für seine exzellente Qualität bekannt und ein gefragter Exportartikel. Die Ravensburger Papiermühle war 1545 gegründet worden und existierte mit kurzen Unterbrechungen über 300 Jahre bis sie 1880 aufgelöst wurde.[2] Verglichen wird diese Ravensburger Mühle mit der Papiermühle zu Bomlitz in der Lüneburger Heide. Sie wurde erst 1681 errichtet und war gezielt gegründet worden, um die Verwaltung des Landesherrn jederzeit mit Papier beliefern zu können. Die Geschichte der Bomlitzer Mühle endet keine 100 Jahre später, denn schon 1779 musste die Papiermühle nach Schwierigkeiten wieder geschlossen werden.

Olaf Mußmann hat mit seinem Beitrag zur Bomlitzer Lokalgeschichte einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der frühneuzeitlichen Papiermühle geliefert. Neben einer genauen Rekonstruktion der Geschichte und der Lebensbedingungen in der Bomlitzer Papiermühle liefert Mußmann nützliche Erkenntnisse zur Situierung des Papiermachergewerbes.

Für die Beschreibung der Ravensburger Papiermühle wurde Lore Sporhan-Krempels Arbeit zur Papiermacherei in Ravensburg herangezogen, die neben einer detaillierten Rekonstruktion der Mühlengeschichte auch zahlreiche Details zur Situierung der Mühle in der Reichsstadt Ravensburg bietet.

Darüber hinaus sei Günter Bayerls umfangreiche Publikation zur vorindustriellen Papiermacherei genannt. Bayerl hat hier ein Standardwerk vorgelegt, das als sehr gute Grundlage für weiterführende Forschungen dienen kann. Sehr präzise beschreibt Bayerl neben dem Arbeitsprozess auch die Lebenswelt der Papiermacher.

2. Situierung des Papiermachergewerbes

2.1 Papiermühlen als Produktionsort eines frühneuzeitlichen „Luxusartikels“; Besonderheiten des Gewerbes

Das frühneuzeitliche Papiermühlengewerbe wies eine Vielzahl von Besonderheiten auf, die es von anderen Gewerbezweigen abgrenzten. Die Papiermacher stellten ein Produkt her, das in starkem Gegensatz zu den Verbrauchsgütern stand, die Nahrungs- und Kleidungshandwerker produzierten, und den Dienstleistungen, die Bauhandwerker verrichteten. Außer Nahrung und Kleidung wurde von der breiten Masse der Bevölkerung kaum ein Produkt dauerhaft und in großen Stückzahlen nachgefragt.[3] Dies führte dazu, dass das Papiermacherhandwerk stets ein verhältnismäßig unbedeutendes Handwerk blieb; Ende des 18. Jahrhunderts arbeiteten gerade einmal 1 bis 1,7% der Handwerker in der Papierherstellung.[4] Diese Position verschaffte den Papiermachern andererseits aber den Vorteil, dass das Gewerbe sich nicht gegen eine zu hohe Anzahl neuer Handwerker erwehren musste, wie dies in Krisenzeiten oft bei Grundbedarfshandwerkern der Fall war.[5] In Zeiten sozialer Not galt das Handwerk oft als viel versprechende Zuflucht zur Existenzsicherung, denn man erhoffte sich ein gutes Einkommen und eine sichere soziale Stellung. Das Papiermacherhandwerk war überdies außergewöhnlich, da die Handwerker, Gesellen und Gehilfen – alle Angehörige des Dritten Standes – ein Produkt herstellten, an dem ihre eigene soziale Schicht keinen Bedarf hatte, sondern das vielmehr von der Obrigkeit, vom Klerus und den Kaufleuten nachgefragt wurde.

Die Papiermacher hatten den Vorteil, dass ihr Handwerk nur sehr schwer zu erlernen war. Das spezialisierte Verfahren der Papierherstellung verlangte ein hohes Maß an Können, um Papier von bester Qualität und hoher Weiße zu erhalten. Das Privileg der genauen Kenntnis des Herstellungsverfahrens sicherte den Papiermachern stets eine besondere Stellung zu. Zum einen war Papier zu einem benötigten und gefragten Produkt geworden, so dass Eingriffe in das Papiermacherhandwerk sehr gering waren. Zum anderen konnte sich die Papiermacherei auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten sehr gut halten, da die Nachfrage nach Papier permanent bestehen blieb.[6] Die Blütezeit der Papiermühlen kann zwischen 1550 und 1800 angesetzt werden, wobei der Dreißigjährige Krieg die Entwicklung des Gewerbes so weit zurück warf, dass erst zum Ende des 17. Jahrhunderts das Vorkriegsniveau wieder erreicht werden konnte.[7] Die dennoch kontinuierlich gute Entwicklung des Gewerbes lässt sich vor dem Hintergrund des stark gestiegenen Papierbedarfs leicht erklären. Nicht nur der sich rasch entwickelnde Buchdruck verlangte nach immer mehr und immer besserem Papier, auch die Territorialstaaten waren dabei, ihre Verwaltung aufzubauen und benötigten Schreibstoff in großen Mengen, und Kaufleute brauchten Papier zur Buchführung. Die schnelle Expansion stellte aber auch an das Gewerbe neue Anforderungen. Um die Buchdrucker zufrieden stellend beliefern zu können, musste das Papier qualitativ hochwertiger werden und vor allem pünktlich geliefert werden.[8]

Beim Versuch, das Papiermacherhandwerk entweder dem Land- oder dem Stadtgewerbe zuzuordnen, zeigen sich bald Schwierigkeiten auf. Zum ersten waren außerhalb der Städte die Lohnkosten oft geringer, was die Entstehung großer Gewerbebetriebe auf dem Land förderte[9], und vor allem für die Papiermühlen, die große Belegschaften hatten, gelten musste. Zum zweiten arbeitete das Landgewerbe für gewöhnlich exportorientiert, da das Produkt vor Ort nicht gebraucht wurde; auch dies trifft für die Papiermacherei zu. Wenn überhaupt, wurden nur Teile des gefertigten Papiers in der nahe gelegenen Stadt verbraucht. Dass die Papiermühlen gut ausgebildetes Personal brauchten, hätte eigentlich für eine stadtnahe Lage gesprochen, doch hierbei waren die Papiermühlen an ein wichtiges Kriterium gebunden: sie mussten unbedingt an einem schnell fließenden Fluss errichtet werden, der große Mengen sauberen Wassers führte, da eine Papiermühle 1.000 bis 1.500 Liter Wasser pro 1 kg Papier benötigte.[10] Demnach mussten die Papiermühlen zwangsläufig außerhalb der Städte liegen, denn schnelle und saubere Gewässer konnten die Städte kaum bieten. Der Gegensatz zwischen einem hochaufwändigen und spezialisierten Produktionsprozess auf der einen Seite und der Lage im ländlichen Gewerberaum auf der anderen Seite kennzeichnet das Papiermachergewerbe. Dennoch kann es aufgrund seiner exponierten Stellung als eines der fortschrittlichsten und innovativsten Gewerbe der Frühen Neuzeit gelten.

Dass das Papiermachergewerbe häufig vom Export lebte, zeigt sich in Ravensburg: die Papiermühle produzierte derartig große Mengen an Papier, dass der Großteil nicht in Ravensburg selbst verbraucht wurde, sondern europaweit exportiert wurde.[11] Anders sah es in Bomlitz aus. Aufgrund der schlechten Umgebungsbedingungen (schlechte Versorgung mit Fließwasser, das Gebiet war sehr dünn besiedelt, und die Rohstoffversorgung war nicht optimal) konnten ohnehin nur sehr viel geringere Mengen Papier hergestellt werden, und diese wurden nahezu komplett von der Verwaltung des Landesherrn verbraucht.[12] Es zeigt sich, dass die Ravensburger Papiermühle als ein spezialisiertes, gewinnbringendes Exporthandwerk gelten kann, während die Bomlitzer Mühle lediglich einen vor Ort existierenden Bedarf an Papier decken sollte.

2.2 Betriebliche Organisationsformen und Verdienstmöglichkeiten

Die Papiermühle in Bomlitz wurde nach Erbzinsrecht an den Papiermüller vergeben, d.h. die Mühle blieb im Besitz des Landesherrn, der auch das finanzielle Risiko trug. Die Mühle wurde immer für drei bis sechs Jahre verpachtet, und der Papiermüller erhielt das Recht, die Mühle in vollem Umfang zu nutzen, musste allerdings auch jährliche Erbzinsen zahlen. Gabriel Pfuhl, der 1681 als erster die Bomlitzer Mühle pachtete, musste neben 25 Talern Erbzinsen auch jährlich vier Ballen Papier (= 19.200 Bögen) an die herzogliche Kanzlei abgeben und war außerdem verpflichtet, weiteres Papier auf Bedarf zum Festpreis zu verkaufen. Das Papier, was er darüber hinaus fertigte, konnte er selbst oder über Kaufleute verkaufen.[13] Gleichzeitig war er stets einem hohen Risiko ausgesetzt, denn für Beschädigungen und wirtschaftliche Krisenzeiten musste er allein finanziell aufkommen. Nach Ablauf der festgelegten Pachtzeit wurde die Mühle neu ausgeschrieben. Der Herzog hatte so die Möglichkeit, den Erbzins anzuheben, wovon er auch Gebrauch machte. So pachtete Gabriel Pfuhl 1687 die Mühle für weitere sechs Jahre, doch die jährlichen Abgaben verdoppelten sich auf 50 Taler. Dies zeigt aber auch, dass die Papiermühle ein einträgliches Geschäft gewesen sein muss, denn der Familie Pfuhl ist es nicht nur gelungen, die Bomlitzer Mühle während des gesamtem 99-jährigen Bestehens in ihren Händen zu behalten, sie konnten sogar im gesamtem norddeutschen Raum ein „kleines Imperium“[14] von Papiermühlen aufbauen, das der Familie über mehrere Generationen hinweg eine gute finanzielle Absicherung verschaffte.[15] Als die Papiermühle 1770 und 1774 von schweren Hochwassern zweimal komplett zerstört wurde und der letzte Besitzer Carl Ludwig Pfuhl die Reparatur kein drittes Mal zahlen konnte, waren viele Papiermacher aus der Umgebung interessiert, die Mühle weiterzuführen[16] ; auch hier zeigt sich wieder, welch enormes Gewinnpotenzial hier verborgen gelegen haben muss. Doch es kam zu keiner weiteren Pacht der Mühle, die Beamten des Herzogs genehmigten keinen Kredit zum Wiederaufbau und keiner der potentiellen neuen Papiermüller konnte den Aufbau allein tragen.[17] An einer gezielten Gewerbeförderung war dem Landesherrn also nicht gelegen; ihm ging es lediglich um kostengünstigen Zugang zu Papier. Durch die große Expansion des Gewerbes im Deutschen Reich war Papier allerdings inzwischen viel einfacher und günstiger einzukaufen, was wohl Anlass war, die Mühle nicht wiederaufbauen zu lassen.

[...]


[1] Zur besseren Verständlichkeit wird im Folgenden nur noch von der „Ravensburger Papiermühle“ gesprochen. Sämtliche Aussagen beziehen sich aber nur auf die „äußere Papiermühle zu Schornreute“.

[2] Vgl. Sporhan-Krempel, Ochsenkopf und Doppelturm, S. 5 und 13.

[3] Vgl. Henning, Das vorindustrielle Deutschland, S. 263; Ders., Deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 633.

[4] Vgl. Henning, Das vorindustrielle Deutschland, S. 265.

[5] Vgl. Henning, Deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 840.

[6] Vgl. Bayerl, Papiermühle, S. 559; Mußmann, Papier, S. 22f.

[7] Vgl. Ebd., S. 20.

[8] Vgl. Bayerl, Betriebsformen, S. 26.

[9] Vgl. Reininghaus, Gewerbe, S. 8f.

[10] Vgl. Ebd., S. 12 und 42; Mußmann, S. 21 und 54.

[11] Vgl. Sporhan-Krempel, Ochsenkopf und Doppelturm, S. 35.

[12] Vgl. Mußmann, Papier, S. 25.

[13] Vgl. Mußmann, Papier, S. 28. Hauptabsatzgebiet für das in Bomlitz gefertigte Papier, das nicht an den Landesherrn ging, waren Bremen oder Hamburg, von wo Kaufleute den Export organisierten.

[14] Ebd., S. 30.

[15] Vgl. Ebd., S. 25 und 28f.

[16] Vgl. Ebd., S. 69-71.

[17] Vgl. Ebd., S. 67.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das frühneuzeitliche Papiermachergewerbe: Situierung des Gewerbes und Lebens- und Arbeitsverhältnisse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar 'Einführung in die Geschichte der Frühen Neuzeit: Sozialgeschichte der Ständegesellschaft'
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V58467
ISBN (eBook)
9783638526517
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Papiermachergewerbe, Situierung, Gewerbes, Lebens-, Arbeitsverhältnisse, Proseminar, Geschichte, Frühen, Neuzeit, Sozialgeschichte, Ständegesellschaft“
Arbeit zitieren
Christian Schulze (Autor), 2005, Das frühneuzeitliche Papiermachergewerbe: Situierung des Gewerbes und Lebens- und Arbeitsverhältnisse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58467

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