Bitcoin fristete lange Zeit ein eher unauffälliges Dasein. Die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz von diesem ominösen Geld aus dem Internet, das von irgendeinem Unbekannten programmiert und im Jahr 2008 in die Welt gesetzt wurde. Erst als 2014 die größte Handelsbörse Mt.Gox gehackt wurde und Bitcoin zunehmend für illegale Geschäfte im Darknet verwendet wurde, erhellte sich das Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit. Spätestens als zum Jahreswechsel 2017/18 der Kurs ein Rekordhoch von 20000 US-Dollar erreichte und kurz darauf um fast 80 Prozent wieder einbrach, war Bitcoin in aller Munde. – vor allem als Spekulationsobjekt, Internetschwindel und/oder Zahlungsmittel für Verbrecher.
Die vorliegende Arbeit wird diese Vorwürfe nicht leugnen, denn tatsächlich ist der Bitcoin all das. Doch wer ihn darauf reduziert, kehrt einer Entwicklung den Rücken zu, die das Potenzial hat, unser Leben zu verändern und die Welt zu einer besseren, zu einer freieren zu machen. Ich vertrete die These, dass Bitcoin bzw. Kryptowährungen der Menschheit zu mehr Autonomie und Selbstbestimmung verhelfen und darüber hinaus eine politische Systemkritik ausdrücken, die noch von großer und gesamtgesellschaftlicher Relevanz werden könnte.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Freiheit: Bestandsaufnahme eines komplexen Begriffes
1.2 Forschungsrelevanz
1.3 Methodik
2 Freiheit im polit-philosophischen Sinne
2.1 Wendepunkt Aufklärung
2.2 Liberale Auffassung von Freiheit
2.3 Negative und positive Freiheit
2.4 Qualitative Freiheit: Eine Freiheit mit globalen Wertbezug
2.4.1 Die Abkehr von negativer und positiver Freiheit
2.4.2 Die Umstellung auf Quantitative und qualitative Freiheit
2.5 Resümee
3 Ideologie und technische Grundlagen von Bitcoin und Blockchain
3.1 Ideale des Libertarismus
3.2 Kalifornische Ideologie des staatenlosen Cyberspace
3.3 Kryptographischer Freiheitskampf der Cypherpunks
3.4 Einführung in Bitcoin und Blockchain
3.4.1 Die politische Idee hinter Bitcoin
3.4.2 Skizzierung des heutigen Geldsystems
3.4.3 Geld und Gold
3.4.4 Die Eigenschaften von Bitcoin
3.4.5 Technische Grundlagen von Bitcoin und Blockchain
3.4.6 Weitere Anwendungsmöglichkeiten und Potenziale der Blockchain
3.5 Bitcoin: Eine gescheiterte Ideologie?
3.5.1 Ungleiche Machtkonzentration
3.5.2 Immenser Stromverbrauch
3.5.3 Kriminell und regierungsfeindlich?
3.6 Resümee
4 Bitcoin als Freiheitsventil: Fallbeispiele
4.1 Privatheit und Datenschutz
4.2 Eigentumssicherung und humanitäre Hilfe
5 Mehr Freiheit durch dezentrale Technologie?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht, inwieweit Bitcoin und Blockchain als Instrumente zur Realisierung von Freiheit dienen können, indem sie diese im Kontext polit-philosophischer Freiheitstheorien diskutiert und das Potenzial zur gesellschaftlichen Systemkritik analysiert.
- Polit-philosophische Analyse des Freiheitsbegriffs (Liberalismus, negative/positive/qualitative Freiheit)
- Ideengeschichtliche Herleitung von Bitcoin und Blockchain (Libertarismus, Technolibertarismus, Cypherpunks)
- Technische Grundlagen und ökonomische Kritik am heutigen Geldsystem
- Untersuchung von Bitcoin als Freiheitsventil anhand konkreter Fallbeispiele
Auszug aus dem Buch
3.4.5 Technische Grundlagen von Bitcoin und Blockchain
Die Blockchain ist eine technisch hochkomplexe Entwicklung, weshalb immer wieder nach figurativen Analogien gesucht wird, mit denen sich ihre Funktion vereinfacht erklären lässt. Zahlreiche Autoren greifen in diesem Sinne auf das faszinierende Währungssystem einer kleinen, entlegenen Inselgruppe Mikronesiens zurück.
Die Bewohner von Yap, einem subtropischen Flecken Erde im Pazifik, benutzen bis heute das wohl schwerste Zahlungsmittel der Welt: das sogenannte Fei-Geld. Fei sind riesige, teils meterhohe wie breite Steinscheiben, die sich überall auf der Insel finden lassen. Das Besondere an diesem Währungssystem ist, dass der Eigentümer eines Steins, diesen nicht notwendiger physisch besitzen muss. Es wäre ohnehin schwer (im wahrsten Sinne), die mitunter tonnenschweren Steine permanent von A nach B zu bewegen. Nein, die Bewohner von Yap fanden eine andere Lösung. Sobald eine Transaktion stattfindet wird sie von beiden Handelsparteien öffentlich mitgeteilt und alle anderen Teilnehmer verzeichnen sie anschließend in ihren Büchern. Doch was ist nun das Bemerkenswerte daran?
Anstatt einen zentralen Buchführer mit der systematischen Auflistung von Einnahmen und Ausgaben zu betrauen, übernehmen diese Aufgabe alle Bewohner von Yap gemeinschaftlich und simultan. Somit ist es nicht der Stein, der weitergegeben wird, sondern das Wissen darüber. Die Bewohner von Yap erreichen mit dieser Methode einen dezentralen Konsens, der einen Betrug praktisch unmöglich macht. Wieso? Nun, es wäre theoretisch ein leichtes, die Buchführung eines einzigen Verantwortlichen zu manipulieren. Doch wenn sich die Buchführung auf dutzende, hunderte oder gar tausende Personen erstreckt, sind die Möglichkeiten, nachträglich die Verzeichnisse zu fälschen, eher aussichtslos.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik ein, indem sie die Relevanz der Freiheit in westlichen Gesellschaften sowie die ambivalente Rolle des Internets thematisiert und das Forschungsziel definiert.
2 Freiheit im polit-philosophischen Sinne: Dieses Kapitel erörtert die Entwicklung des Freiheitsbegriffs von der Aufklärung über den Liberalismus bis hin zu Berlins Unterscheidung und Dierksmeiers Konzept der qualitativen Freiheit.
3 Ideologie und technische Grundlagen von Bitcoin und Blockchain: Das Kapitel analysiert die libertären Wurzeln der Technologie, bietet eine technische Einführung in die Funktionsweise und diskutiert die Schwächen des Bitcoins.
4 Bitcoin als Freiheitsventil: Fallbeispiele: Hier wird anhand von Praxisbeispielen wie Datenschutz und humanitärer Hilfe untersucht, wie Bitcoin als Instrument zur Stärkung der persönlichen Freiheit fungiert.
5 Mehr Freiheit durch dezentrale Technologie?: Das Abschlusskapitel reflektiert, ob dezentrale Technologien tatsächlich zur Freiheit beitragen oder ob sie das Potenzial haben, neue Formen der Kontrolle zu etablieren.
Schlüsselwörter
Freiheit, Bitcoin, Blockchain, Libertarismus, Politische Philosophie, Qualitative Freiheit, Dezentralisierung, Datenschutz, Privatsphäre, Kryptographie, Cypherpunks, Geldsystem, Autonomie, Selbstbestimmung, Überwachungskapitalismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophischen und ideologischen Grundlagen von Bitcoin und Blockchain sowie deren Potenzial, als Instrumente für mehr Freiheit und Selbstbestimmung zu fungieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte des Freiheitsbegriffs, die Ideologie des Libertarismus, die technische Funktionsweise von Blockchain sowie die sozioökonomische Kritik am bestehenden Geldsystem.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Dimensionen der Freiheit, die durch Bitcoin und Blockchain eröffnet werden, und inwieweit diese Technologien dem Konzept der qualitativen Freiheit nach Dierksmeier entsprechen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein polit-philosophischer Ansatz gewählt, der ideengeschichtliche Analysen mit der Untersuchung moderner Freiheitstheorien und technologischer Entwicklungen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung des Freiheitsbegriffs, eine Analyse der libertären Entstehungsgeschichte von Bitcoin und eine Untersuchung technischer Grundlagen sowie konkreter Fallbeispiele zur Freiheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Freiheit, Bitcoin, Blockchain, Libertarismus, qualitative Freiheit, Datenschutz und Dezentralisierung maßgeblich charakterisiert.
Inwiefern beeinflusst das Konzept der qualitativen Freiheit die Bewertung von Bitcoin?
Die qualitative Freiheit bewertet Bitcoin nicht nach der schieren Anzahl an Wahlmöglichkeiten, sondern fragt, wessen Freiheit ermöglicht wird und ob dies zu einem sozial und ökologisch nachhaltigen Gemeinwohl beiträgt.
Welche Gefahr sieht der Autor bei der Implementierung von Blockchain durch Staaten?
Der Autor warnt davor, dass die Blockchain bei staatlicher Nutzung zur totalen Überwachungsmaschine werden könnte, besonders wenn sie mit sozialen Bewertungssystemen oder digitaler Identitätskontrolle gekoppelt wird.
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- Karl von Luckwald (Author), 2019, Im Schatten der Herrschaft. Welche Dimensionen der Freiheit eröffnen Bitcoin und Blockchain?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/584823