Die Marienthal-Studie. Eine qualitativ orientierte Forschung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Qualitatives und quantitatives Forschungsparadigma
2.1. Das quantitative Forschungsparadigma
2.2. Das qualitative Forschungsparadigma

3. Die Marienthal-Studie als qualitativ orientierte Forschung

4. Quantifizierende Methoden der Marienthal-Studie

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Arbeitslosigkeit existiert weltweit in unterschiedlichem Maße und ist in jedem Fall ein Problem. Deutschland liegt mit einer Arbeitslosenquote von 3,1% im Vergleich mit anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union im Februar 2019 auf dem zweitbesten Platz1. Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote Griechenlands mit 18% fast dreimal so hoch wie der Wert der gesamten EU (6.5%) und somit der höchste Wert im EU-Vergleich (Statista). Die Auswirkungen dauerhafter Arbeitslosigkeit fallen für jeden Menschen individuell aus. Neben den gesundheitlichen, sozialen oder psychischen Auswirkungen auf den Betroffenen selbst, hat das auch Folgen für unmittelbare Angehörige sowie für die gesamte Gesellschaft, wenn man z.B. an fehlende Steuerabgaben oder die durch Arbeitslosigkeit entstehenden Kosten für den Staat oder die EU durch Arbeitslosenunterstützung und Finanzhilfen denkt.

Studien über die verschiedensten Folgen von Arbeitslosigkeit existieren bereits, wie etwa eine Studie über die gesundheitlichen Folgen vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Pionier der Studien über die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit ist jedoch eindeutig die Marienthal-Studie. Sie beschäftigt sich mit den psychischen und sozialen Auswirkungen von dauerhafter Arbeitslosigkeit des Dorfes Marienthal mit 2920 Einwohnern, von denen nahezu alle im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 arbeitslos wurden. Die von österreichischen Forschern durchgeführte Studie gilt als Klassiker der sozialwissenschaftlichen Forschung und ist vor allem für ihren Methodenkanon gerühmt worden.

Sie setzten als Wegbereiter der empirischen Sozialforschung erstmalig praktisch Verfahren ein, welche als solche erst in der jüngeren Forschung theoretisch definiert und entwickelt wurden, wie beispielsweise die Methoden des „attitude-measurement“ oder die Prinzipien der „projective tests“ (Jahoda et al. 1975: 16). Deshalb entspricht die Studie den heutigen Ansprüchen der Forschung und dient vielen wissenschaftlichen Arbeiten als Vorbild und ist auch heute noch ein hochaktuelles Thema. Die große Bandbreite an verschiedenen angewandten Verfahren und Techniken macht eine Analyse der Studie hinsichtlich ihres zugrunde liegenden Forschungsparadigmas und ihrer Forschungsmethodik besonders interessant. Deshalb besteht das Ziel dieser Arbeit darin, eine Feststellung darüber zu treffen, inwiefern die Marienthal-Studie trotz quantifizierender Verfahren eine qualitative Studie ist.

Zunächst wird im zweiten Kapitel Aufschluss über die beiden Typologien der empirischen Sozialforschung gegeben, die qualitative und die quantitative Forschung. Hierzu werden die Axiome beider Paradigmen dargestellt und erläutert.

Im darauffolgenden Kapitel 3 wird die Marienthal-Studie anschließend hinsichtlich ihrer Vorgehensweise analysiert und Bezug zu ihrem zugrundeliegenden Paradigma genommen, sodass am Ende des Kapitels eine argumentative Einordnung in das Paradigma vorgenommen werden kann.

Darauf aufbauend können schließlich im vierten Kapitel die quantifizierenden Methoden der Studie in Betracht genommen werden. Es wird überprüft, in welcher Weise quantifizierende Erhebungsmethoden angewandt und mit ihnen gearbeitet wurde und welchen Einfluss sie auf die Einordnung der Studie auf der Methoden-Ebene haben. Im Fazit werden die Ergebnisse nochmals resümiert und auf die Leitfrage dieser Arbeit Bezug genommen.

2. Qualitatives und quantitatives Forschungsparadigma

Die empirische Sozialforschung ist ein disziplinübergreifender und sehr vielseitiger Zweig der Soziologie. Als Erfahrungswissenschaft lässt sie mit Hilfe einer Vielzahl von Ansätzen zur systematischen Erhebung, Auswertung und Interpretation von Informationen Erkenntnisse über gesellschaftliche Zusammenhänge und soziale Phänomene zu. Ihre Vielseitigkeit bietet zudem einen großen Spielraum zur Auslegung und Interpretation von Forschungsergebnissen. Zwei Typologien der empirischen Sozialforschung haben sich besonders hervorgehoben: Die quantitative und die qualitative empirische Sozialforschung. Die Paradigmen2 dieser beiden Typologien der empirischen Sozialforschung sind völlig entgegengesetzt zueinander.

Im Folgenden sollen die Paradigmen der qualitativen und quantitativen Forschung veranschaulicht und erläutert werden. Dabei liegt das Augenmerk auf den verschiedenen theoretischen Axiomen, welche die Voraussetzung für das Verständnis der späteren Analyse von Untersuchungszielen und -methoden der empirischen Sozialforschung (Schumann 2018: 3)3.

2.1. Das quantitative Forschungsparadigma

Das primäre Ziel quantitativer empirischer Sozialforschung ist es, in der sozialen Realität Muster von probabilistischen4 Regelmäßigkeiten zu explorieren, zu beschreiben und zu erklären (Micheel 2010: 20, 31). Basierend auf dem nomothetisch-deduktiven Ansatz von Carl Gustav Hempel und Paul Oppenheim versucht man in der quantitativen Sozialforschung, „einige Faktoren (unabhängige Variablen) zu finden, die viele Variationen in einem gegebenem Phänomen (abhängige Variable) erklären“ (Micheel 2010: 32). Das quantitative Paradigma geht dabei von einem materialistisch-deterministischen Welt- und Menschenbild aus. Dieses Welt- und Menschenbild unterstellt eine universell existierende Wirklichkeit und versucht, diese möglichst objektiv abzubilden (Schumann 2018: 12). Im Sinne der (Einheits-) Wissenschaft5 geht das quantitative Paradigma von einer geregelten und geordneten Welt aus, in der die Abläufe nach strukturierten Gesetzmäßigkeiten ablaufen. Daraus ergibt sich das Kausalitätsprinzip, wonach jedem vorkommenden Ereignis ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zugrunde liegt. Diese deterministische Annahme ist auch auf Individuen übertragbar. Demnach wäre alles was wir tun bereits seit dem Urknall determiniert, da jedes menschliche Handeln nach sozialen Gesetzmäßigkeiten verläuft (vgl. Schumann 2018: 16). Die Freiheit des menschlichen Willens ist dem Sinnesgehalt dieses Axioms, wenn man darauf insistiert, daher zuwiderlaufend (Prinz 2013: 22). In der kontroversen Diskussion über die Axiome der qualitativen und quantitativen Sozialforschung sprechen einige Humanwissenschaftler die Existenz des freien Willens konsequent ab. Sie argumentieren, dass die menschliche Wahrnehmung, über Willens- und Entscheidungsfreiheit zu verfügen, lediglich eine „Illusion“ oder ein „Gefühl“ der Kontrolle sei. Diese Illusion sei einerseits durch das Argument des Zurückgreifens bei Entscheidungen auf die neuronalen Muster des menschlichen Gehirns widerlegt, da sie „keine Lücken im Kausalzusammenhang [aufweisen]“ (Kanitschneider 2007: 89, vgl. Singer 2013: 36). Andererseits sei dieses „Gefühl“ nach Singer nicht „mit den deterministischen Gesetzen […] kompatibel“ (Singer 2013: 36) und ließe sich nicht mit der naturwissenschaftlichen Sicht vereinen (Singer 2015: 12). Folgte man diesen Annahmen strikt, hätte dies verheerende Auswirkungen auf unser heutiges Verständnis des Individuums, der Gesellschaft und unserer Freiheit.

Auf der Ebene von Aggregaten sollen soziale Sachverhalte und ihre Ursachen aufgedeckt, beschrieben und erklärt werden (Micheel 2010: 37). Dieses Ziel kann mit Hilfe von Messungen erreicht werden. Unter dem Begriff Messung versteht man „die strukturtreue6 Abbildung eines empirischen Relativs in ein (meist) numerisches Relativ“ (Schumann 2018: 23). Das empirische Relativ, also die objektiv existierende Wirklichkeit, wird dabei vorausgesetzt. Der Mensch wird dabei lediglich als Forschungsobjekt und Merkmalsträger betrachtet. Die Merkmalsträger werden untersucht, indem die für den Untersuchungsgegenstand relevanten Merkmalsausprägungen durch die Zuordnung von Zahlenwerten erfasst werden (Schumann 2018: 24). Dabei gilt es zu klären, wie die Merkmalsausprägungen mehrerer unabhängiger Variablen die Merkmalsausprägung der abhängigen Variable, also des zu erklärenden Phänomens, (nomothetisch) verursachen (Micheel 2010: 32). Der Überprüfung liegen Hypothesen, meist Kausalhypothesen, zugrunde, welche einen probabilistischen Charakter besitzen. Der Ablauf der Untersuchung erfolgt deduktiv, d.h. die aufgestellten Hypothesen werden zuerst operationalisiert und anschließend in der Realität überprüft (ebd.: 30).

Das Ideal der quantitativen Sozialforschung ist die 1:1 Abbildung von Realitätsausschnitten, wenngleich diese nur näherungsweise erreicht werden kann (Schumann 2018: 167). Sie muss gewissen Prinzipien entsprechen, um systematische Verzerrungen des empirischen Abbilds zu vermeiden: Zunächst einmal muss das Prinzip der Wertneutralität innerhalb des Forschungsprozesses gewährleistet sein. Das bedeutet, dass während des Datenerhebungs- und auswertungsprozesses weder subjektive Werte noch Urteile oder Präferenzen der unmittelbar am Erhebungsverfahren beteiligten Personen die Ergebnisse beeinflussen dürfen. Entscheidungen sind sachlich-methodisch zu treffen und begründet zu dokumentieren (Kromrey et al. 2016: 29). Damit einher geht das Prinzip der intersubjektiven Nachprüfbarkeit. Demnach sollte eine Untersuchung für jedermann nachvollziehbar, nachprüfbar und beurteilbar sein. Durch die stetige Dokumentation des Untersuchungsablaufs und die sachlich-methodische Begründung aller Entscheidungen wird man diesem Prinzip gerecht. Des Weiteren müssen die Forscher sicherstellen, dass sich die Bedingungen der Datenerhebung von einem Einzelfall zum anderen nicht unterscheiden. Das sogenannte Prinzip der Standardisierung der Messsituation soll demnach die Vergleichbarkeit der einzelnen Resultate garantieren, damit über den Einzelfall hinaus Schlussfolgerungen getätigt werden können (ebd.).

Die Wesentlichsten auf der klassischen Testtheorie basierenden Gütekriterien für quantitative Messungen sind die Reliabilität, die Validität und die Objektivität einer Messung. Letztere, die Objektivität, beschreibt, dass ein Messinstrument unabhängig von der durchführenden Person und unter den gleichen Bedingungen stets die gleichen Ergebnisse hervorbringen soll. Die Reliabilität gibt die Zuverlässigkeit der verwendeten Messinstrumente an. Liefern sie bei wiederholtem Messen eines Objekts unter gleichen Rahmenbedingungen dieselben Ergebnisse, sind sie reliabel, also zuverlässig. Die Validität7, oder auch Gültigkeit, gibt das Ausmaß an, in dem das verwendete Messinstrument tatsächlich das misst, was der Theorie nach gemessen werden soll. Sie ist das wichtigste Gütekriterium einer Messung. Ohne die Erfüllung der Validität sind Ergebnisse einer Studie unbrauchbar (Schumann 2012: 29f., Schnell et al. 2011: 143 ff., Pickel/ Pickel 2018: 48 ff.).

Neben der Operationalisierung der zu überprüfenden Hypothesen müssen die Erhebungsmethoden vorab im frühen Stadium des Forschungsprozesses festgelegt werden. Bei den Erhebungsmethoden unterscheidet man zwischen standardisierter, nicht-standardisierter und teilstandardisierter Form wissenschaftlicher Messung. Der Grad der Standardisierung gibt an, inwiefern die Frageformulierungen, die Fragenreihenfolge und ihre Antwortmöglichkeiten vorgegeben sind oder nicht. In der quantitativen Forschung ist das standardisierte Interview das am häufigsten angewandte Erhebungsverfahren. D.h. die Frageformulierung, ihre Reihenfolge sowie die Antwortmöglichkeiten sind vorgeschrieben. Bei einer nicht-standardisierten Messmethode sind lediglich die übergeordneten Befragungsthemen vorgegeben; auf die detaillierte Frageformulierung und die Festlegung einer Reihenfolge wird jedoch verzichtet. Analog verhält es sich mit der teilstandardisierten Form der Messverfahren. Sie zeichnet sich durch die festgelegten Frageformulierungen sowie eine bestimmte Fragenreihenfolge aus, ihre Antwortmöglichkeiten sind jedoch beliebig (Micheel 2010: 77).

Zu den wesentlichen Datenerhebungsmethoden zählen die Befragung und die Beobachtung. Die Befragung gilt als Standardinstrument in der empirischen Sozialforschung, um Fakten, Wissen oder Einstellungen zu ermitteln. Man unterscheidet zwischen der mündlichen Befragung, schriftlichen Befragung8. Das standardisierte Einzelinterview zählt zur hauptsächlichen mündlichen Erhebungsform in der quantitativen Sozialforschung. Auf der Grundlage eines identischen standardisierten Fragebogens werden die Forschungszielsubjekte befragt. Der standardisierte Fragebogen soll die Gleichheit der Interviewsituation und damit die Vergleichbarkeit der einzelnen Interviews gewährleisten. Der Interviewer sollte dabei objektiv, also völlig wertfrei gegenüber dem Befragten und dem Interviewthema vorgehen (Schnell et al. 2011: 315ff.)

Mir der schriftlichen Befragung verhält es sich im Prinzip analog. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass die Befragten den standardisierten Fragebogen selbst ausfüllen. Aus diesem Grund sollten die Fragebögen möglichst verständlich und übersichtlich für den Befragten sein (Micheel 2010: 92).

Die Beobachtung ist das ursprünglichste Datenerhebungstechnik und stellt die klassische Form der Datenerhebung dar. Man differenziert zwischen verschiedenen Typologien der Beobachtung, da eine allgemeingültige Theorie zur Beobachtung nicht existiert. Zunächst einmal kann eine Beobachtung auf direkte oder indirekte Weise erfolgen. Die direkte Beobachtung beschäftigt sich mit der Verhaltensbeobachtung im herkömmlichen Sinne, während sich die indirekte Beobachtung nicht auf das Verhalten selbst, sondern auf dessen hinterlassenen Spuren und Auswirkungen bezieht (Schnell et al. 2011: 382). Im Folgenden sollen einige Beobachtungsformen vorgestellt werden. Dabei wird von der direkten Beobachtung ausgegangen. Die Beobachtung in der quantitativen empirischen Sozialforschung erfolgt stets strukturiert (Micheel 2010: 95). Man unterscheidet allgemein bei Beobachtungen zwischen offener vs. verdeckter und teilnehmender vs. nicht-teilnehmender Beobachtung. Bei der offenen Beobachtung ist dem beobachteten Subjekt die Beobachtungssituation bekannt, wohingegen bei der verdeckten Beobachtung die beobachteten Personen nicht wissen, dass sie beobachtet werden. Fungiert der Beobachter lediglich als Protokollant der ablaufenden Handlungen, so ist es eine nicht-teilnehmende Beobachtung. Ist der Beobachter allerdings Interaktionspartner der beobachteten Person, so spricht man von einer teilnehmenden Beobachtung. Die beobachteten Verhaltensweisen werden schließlich vom Beobachter mit Hilfe von Anweisungen eines Beobachtungssystems codiert und ausgewertet9.

Die zuvor dargestellten Erhebungsmethoden lassen sich in reaktive und nicht-reaktive Techniken unterteilen. Als nicht-reaktive Methoden werden alle verdeckten Verfahren verstanden, darunter vor allem die Dokumentenanalyse oder die verdeckte Beobachtung. Bei dieser Form der Untersuchung sollen bewusste oder unbewusste Reaktionen und Verhaltensweisen der untersuchten Personen vermieden werden, welche durch das Wissen, Gegenstand einer Untersuchung zu sein, ausgelöst werden könnten. Unter reaktiven Methoden versteht man Techniken, bei denen der Befragte weiß, dass er Gegenstand einer Untersuchung ist (Schnell et al. 2011: 404f.).

Resümierend lässt sich sagen, dass das quantitative Paradigma auf Grundlage des materialistisch-deterministischen Menschenbildes davon ausgeht, dass der Mensch nach sozialen Gesetzmäßigkeiten handelt. Die quantitative Sozialforschung verfolgt das Ziel, soziale Sachverhalte und ihre Ursachen aufzudecken und zu erklären, wofür stets standardisierte Messverfahren verwendet werden. Im Folgenden soll nun das qualitative Forschungsparadigma aufgezeigt werden.

2.2. Das qualitative Forschungsparadigma

Die qualitative Forschung gewinnt in den Bereichen der Soziologie, Psychologie und der Pädagogik zunehmend an Bedeutung. Das Paradigma des qualitativen Ansatzes basiert unter anderem auf dem humanistischen Menschenbild. Anders als in der quantitativen Sozialforschung wird dem Menschen hier mehr als nur die Summe seiner Teile zugesprochen. Die holistische Betrachtung des nach Selbstverwirklichung strebenden Menschen als Ganzes ist das Leitbild der qualitativen empirischen Sozialforschung. Ihr Ziel ist es, den Menschen als Ganzes und dennoch objektiv zu erfassen. Die Willensfreiheit wird dabei als zentral und gegeben vorausgesetzt. Ein weiteres Axiom der qualitativen Forschung ist der erkenntnistheoretische radikale Konstruktivismus. Demzufolge sei der Mensch nicht in der Lage ein wahres Abbild einer realen Welt zu konstruieren. Die „reale“ Welt wie wir sie wahrnehmen ist also eine an das Individuum gekoppelte Illusion unserer eigenen Sinneswahrnehmungen und damit ein Konstrukt unseres Gehirns10 (Schumann 2018: 95, 108).

Phillip Mayring (2002) erfasst die Grundlagen qualitativen Denkens in fünf grundlegenden Postulaten. Diese sollen im Folgenden vorgestellt werden, um im Nachhinein die darauf aufbauenden 13 Säulen qualitativen Denkens aufzeigen zu können:

Erstes Postulat: Orientierung am Subjekt

„Gegenstand humanwissenschaftlicher Forschung sind immer Menschen, Subjekte. Die von der Forschungsfrage betroffenen Subjekte müssen Ausgangspunkt und Ziel der Untersuchung sein“ (Mayring 2002: 20).

Zweites Postulat: sorgfältige Deskription

„Am Anfang einer Analyse muss eine genaue und umfassende Beschreibung (Deskription) des Gegenstandsbereiches stehen“ (ebd.: 21).

Drittes Postulat: Interpretation

„Der Untersuchungsgegenstand der Humanwissenschaften liegt nie völlig offen, er muss immer auch durch Interpretation erschlossen werden“ (ebd.: 22).

Viertes Postulat: Untersuchung im natürlichen Umfeld

„Humanwissenschaftliche Gegenstände müssen immer möglichst in ihrem natürlichen, alltäglichen Umfeld untersucht werden“ (ebd.: 22).

Fünftes Postulat: schrittweise Verallgemeinerung

„Die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse humanwissenschaftlicher Forschung stellt sich nicht automatisch über bestimmte Verfahren her; sie muss im Einzelfall schrittweise begründet werden“ (ebd.: 23).

Ausgehend von diesen fünf sehr abstrakten und allgemeinen Postulaten qualitativen Denkens hat Mayring die 13 Säulen qualitativen Denkens entwickelt. Sie dienen seither quasi als qualitative Kontrollliste humanwissenschaftlicher Untersuchungen ebd.: 38). Die folgende Abbildung 1 veranschaulicht den Aufbau der 13 methodischen Säulen. Darauf folgt eine Erläuterung der Axiome/Hintergründe der 13 Säulen.

[...]


1 Stand Februar 2019

2 Unter einem Paradigma versteht man eine wissenschaftliche Denkweise basierend auf bestimmten zu Grunde liegenden Theorien. Ein Paradigma modelliert das Beobachten und Verstehen von Sachverhalten (Micheel 2010: 36).

3 Grundlagen der empirischen Sozialforschung werden aufgrund des begrenzten Rahmens als gegeben betrachtet, nähere Ausführungen findet man in Kromrey et al. (2016).

4 Probabilistische Regelmäßigkeiten erheben nicht den Anspruch, unweigerlich für jeden Einzelfall zuzutreffen. Sie drücken lediglich aus, dass unter bestimmten Bedingungen eine bestimmte Folge/Wirkung mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eintritt (Micheel 2010: 20).

5 Das Postulat der Einheitswissenschaft besagt, dass jede Erfahrungswissenschaft (Natur- und Sozialwissenschaften) sich untereinander lediglich in ihrem inhaltlichen Gegenstandsbereich unterscheidet. Die Art ihres Vorgehens sei in jeder Wissenschaft gleich, da sie die Ordnung und Strukturiertheit für die Gesamtheit der real existierenden Welt unterstellt (vgl. Kromrey 2009: 26).

6 Die strukturtreue Abbildung impliziert, dass eine existierende empirische Struktur samt existierender Relationen ebenmäßig im numerischen Relativ zu erkennen ist.

7 Die Validität von Messinstrumenten ist in drei Formen unterteilt: Inhalts-, Kriteriums- und Konstruktvalidität (Näheres hierzu in: Schnell et al. 2011: 147 f.).

8 Man unterscheidet weiterhin zwischen Telefoninterviews und internetgestützten Befragungen, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann (Näheres hierzu in: Schnell et al. 2011: 356-377).

9 Man unterscheidet drei Beobachtungssysteme: Zeichen-Systeme, Kategorien-Systeme und Schätz-Skalen. (Näheres hierzu in: Schnell et al. 2011: 384f. und Micheel 2010: 95f.).

10 Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Radikalen Konstruktivismus finden Sie in: Schumann 2018: 93-106.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Marienthal-Studie. Eine qualitativ orientierte Forschung?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Qualitative Empirische Sozialforschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
29
Katalognummer
V585055
ISBN (eBook)
9783346169082
ISBN (Buch)
9783346169099
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Empirische Sozialforschung, Forschungsmethoden, Marienthalstudie, Arbeitslosigkeit, Auswirkungen von Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche und psychische Auswirkungen, qualitative Sozialforschung
Arbeit zitieren
Samira Mahi-Moussa (Autor), 2019, Die Marienthal-Studie. Eine qualitativ orientierte Forschung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/585055

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Marienthal-Studie. Eine qualitativ orientierte Forschung?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden