Pionier der Studien über die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit ist eindeutig die Marienthal-Studie. Sie beschäftigt sich mit den psychischen und sozialen Auswirkungen von dauerhafter Arbeitslosigkeit des Dorfes Marienthal mit 2920 Einwohnern, von denen nahezu alle im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 arbeitslos wurden. Die Studie ist vor allem für ihren Methodenkanon gerühmt worden. Sie setzten als Wegbereiter der empirischen Sozialforschung erstmalig praktisch Verfahren ein, welche als solche erst in der jüngeren Forschung theoretisch definiert und entwickelt wurden. Deshalb entspricht die Studie den heutigen Ansprüchen der Forschung und dient vielen wissenschaftlichen Arbeiten bis heute als Vorbild. Die große Bandbreite an angewandten Verfahren macht eine Analyse der Studie hinsichtlich ihres zugrunde liegenden Forschungsparadigmas und ihrer Forschungsmethodik besonders interessant.
Deshalb besteht das Ziel dieser Arbeit darin, eine Feststellung darüber zu treffen, inwiefern die Marienthal-Studie trotz quantifizierender Verfahren eine qualitative Studie ist. Zunächst wird im zweiten Kapitel Aufschluss über die beiden Typologien der empirischen Sozialforschung gegeben, die qualitative und die quantitative Forschung. Hierzu werden die Axiome beider Paradigmen dargestellt und erläutert. In Kapitel 3 wird die Marienthal-Studie anschließend hinsichtlich ihrer Vorgehensweise analysiert und Bezug zu ihrem zugrundeliegenden Paradigma genommen, sodass eine argumentative Einordnung in ein Paradigma vorgenommen werden kann. Darauf aufbauend können schließlich im vierten Kapitel die quantifizierenden Methoden in Betracht genommen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Qualitatives und quantitatives Forschungsparadigma
2.1. Das quantitative Forschungsparadigma
2.2. Das qualitative Forschungsparadigma
3. Die Marienthal-Studie als qualitativ orientierte Forschung
4. Quantifizierende Methoden der Marienthal-Studie
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die methodische Einordnung der klassischen Marienthal-Studie. Das primäre Ziel besteht darin, festzustellen, inwiefern die Studie trotz der Anwendung quantifizierender Verfahren als eine qualitative Forschungsarbeit zu bezeichnen ist.
- Grundlagen qualitativer und quantitativer Forschungsparadigmen
- Analyse des methodischen Vorgehens in der Marienthal-Studie
- Die Rolle quantifizierender Methoden im qualitativen Forschungsdesign
- Bedeutung von Triangulation in der empirischen Sozialforschung
- Anwendung des humanistischen Menschenbildes in der Forschung
Auszug aus dem Buch
3. Die Marienthal-Studie als qualitativ orientierte Forschung
Marienthal ist ein Ort in der Gemeinde Gramatneusiedl in Niederösterreich und wurde um die gleichnamige Textilfabrik herum erbaut. Etwa dreiviertel der 2920 in Marienthal lebenden Einwohner waren in der örtlichen Textilfabrik erwerbstätig. Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges und die Textilfabrik begann mit einer schrittweisen Stilllegung der Textilfabrik. Innerhalb eines Monats von Juni bis Juli 1929 sank die Zahl der Beschäftigten in Marienthal von 1290 auf 676 Beschäftigten um knapp die Hälfte. In den Folgemonaten verloren immer mehr Menschen ihre Arbeitsstelle. Insgesamt wurden etwa 1300 Menschen innerhalb eines halben Jahres arbeitslos. Eine Arbeitslosenunterstützung gab es nur für einen begrenzten Zeitraum und auch nur in einem geringen Maße, sodass die Sicherung der Existenz den Alltag der Arbeitslosen dominierte (Müller 2008: 163f., 168ff.).
Der enorme Umfang, den die Arbeitslosigkeit rapide annahm, veranlasste den führenden österreichischen Sozialdemokraten Otto Bauer dazu, den verheirateten Forschern Paul F. Lazarsfeld und Marie Jahoda sowie Hans Zeisel die Arbeitslosigkeit und ihre Auswirkungen als wichtigstes zu untersuchendes Problem nahezulegen. Für die empirische Studie schlug er Marienthal vor (ebd.: 260ff.).
Im Folgenden soll nun überprüft werden, ob die angewandten Verfahren der Marienthal-Studie tatsächlich den Grundannahmen des qualitativen Forschungsparadigmas folgen. Auf der Grundlage der in den vorherigen Kapiteln 2.1. und 2.2. ausführlich ausgearbeiteten Forschungsparadigmen wird die Herangehensweise des Marienthaler Forscherteams hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Denkweise analysiert und mit dem qualitativen Forschungsparadigma verglichen14.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Problematik der Arbeitslosigkeit dar und definiert das Ziel der Arbeit, die Marienthal-Studie methodisch einzuordnen.
2. Qualitatives und quantitatives Forschungsparadigma: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Axiome und Unterschiede zwischen dem quantitativen und dem qualitativen Forschungsparadigma.
2.1. Das quantitative Forschungsparadigma: Hier werden die Ziele, das Menschenbild und die Prinzipien der quantitativen Sozialforschung, wie Messbarkeit und Standardisierung, detailliert beschrieben.
2.2. Das qualitative Forschungsparadigma: Dieses Kapitel führt in das qualitative Denken ein, insbesondere basierend auf den fünf Postulaten und dreizehn Säulen nach Mayring.
3. Die Marienthal-Studie als qualitativ orientierte Forschung: Die Studie wird hier vor dem Hintergrund qualitativer Kriterien wie Problemzentrierung, Ganzheitlichkeit und Forscher-Gegenstands-Interaktion analysiert.
4. Quantifizierende Methoden der Marienthal-Studie: Hier wird untersucht, wie quantitative Datenerhebungsmethoden innerhalb des qualitativen Rahmens der Studie sinnvoll eingesetzt wurden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Einordnung der Marienthal-Studie als qualitativ orientierte Forschung trotz vorhandener quantifizierender Elemente.
Schlüsselwörter
Marienthal-Studie, Qualitative Sozialforschung, Quantitative Forschung, Empirische Sozialforschung, Arbeitslosigkeit, Forschungsparadigma, Triangulation, Methodenkanon, Humanistisches Menschenbild, Einzelfallanalyse, Soziographie, Philipp Mayring, Paul F. Lazarsfeld, Marie Jahoda, Methodologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie die historische Marienthal-Studie methodisch einzuordnen ist, speziell unter der Fragestellung, warum sie trotz quantitativer Verfahren als qualitativ gilt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Vergleich von Forschungssparadigmen, der Analyse des Methodenkanons der Marienthal-Studie und der theoretischen Fundierung qualitativer Sozialforschung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist eine wissenschaftliche Feststellung darüber, inwiefern die Marienthal-Studie trotz der Verwendung quantifizierender Verfahren dem qualitativen Forschungsparadigma zuzuordnen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse und Literaturarbeit, die qualitative und quantitative Paradigmen gegenüberstellt und die Vorgehensweise der Marienthal-Studie anhand von Mayrings Säulenmodell qualitativer Forschung überprüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Abgrenzung der Paradigmen, die detaillierte Analyse der Marienthal-Studie sowie eine gesonderte Untersuchung der eingesetzten quantifizierenden Methoden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Marienthal-Studie, qualitatives und quantitatives Forschungsparadigma, Triangulation, Einzelfallanalyse und empirische Sozialforschung.
Wie spielt das Modell von Philipp Mayring eine Rolle für diese Analyse?
Das Modell der 13 Säulen qualitativer Forschung nach Mayring dient als zentrales Kontrollinstrument, um die Herangehensweise des Marienthaler Forscherteams strukturiert zu bewerten.
Was versteht die Autorin unter dem Begriff "Triangulation" im Kontext der Studie?
Triangulation bezeichnet hier die methodische Kombination aus quantitativen Zahlen und qualitativen Befragungen, um ein möglichst umfassendes Bild der Arbeitslosigkeit in Marienthal zu erhalten.
- Citar trabajo
- Samira Mahi-Moussa (Autor), 2019, Die Marienthal-Studie. Eine qualitativ orientierte Forschung?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/585055