Über die Möglichkeit der rationalen Rechtfertigung induktiver Schlüsse


Essay, 2015

5 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Nicole Kaczmar

Rationale Rechtfertigung induktiver Schlüsse ca. 1500 Wörter

Sowohl wissenschaftliche Theorien, als auch Aussagen im Alltag weisen oft einen Allgemeinheitsanspruch auf, der über tatsächliche Beobachtungen hinausgeht. Ein Beispiel für einen generalisierenden induktiven Schluss wäre: „Alle bisher gefundenen Smaragde sind grün“. Also folgt daraus logisch, „dass alle Smaragde grün sind“. In logischer Prädikatenlogik würde man dies wie folgt ausdrücken:

F(a1) , …, F(an) ) Þ Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten : F(x)

Dieser induktive Schluss wird unter die enumerative Induktion subsumiert. Hier wird vom Einzelnen auf das Allgemeine geschlossen. Von der Eigenschaft „grün sein“, bzw. von der statistischen Häufigkeit des Auftretens „grün sein“ bei beobachtbaren Smaragden wird auf eine Regularität (Gesetz) geschlossen.

Es stellt sich nun die Frage, was die genauen Eigenschaften von induktiven Schlüssen darstellen und was diese bezwecken wollen. Im Gegensatz zu deduktiven Schlüssen garantieren induktive Schlüsse keine Wahrheit. Denn ein induktiver Schluss ist logisch gültig, sobald die Wahrheit der Prämissen die Konklusion wahrscheinlich macht (probalistische Wahrscheinlichkeit). Dabei gilt, dass je größer die beobachtbare Stichprobe ist, desto plausibler wird der Induktionsschluss. Denn bei einer Stichprobe von nur 100 beobachteten Smaragden auf die Eigenschaft (Gesetzesmäßigkeit) „grün sein“ dieser zu schließen, würde nur einen schwachen und nicht glaubwürdigen Induktionsschluss darstellen. Hierbei stellt sich die Frage, wie groß die Stichprobe sein müsste, dass das „grün sein“ bei Smaragden zu deinem bestimmten Zeitpunkt (t) als Gesetzesmäßigkeit gelten könnte. Festzuhalten ist, dass wissenschaftliche Theorien häufig dieser Problematik unterliegen, dass sie durch die bis dato gesammelten Daten unterbestimmt sind (Unterbestimmtheitsthese).

Dennoch sind induktive Schlüsse insofern für die Wissenschaft und den Alltag von großer Bedeutung, da durch sie Annahmen über nicht (direkt) beobachtbares getroffen werden können. Diese Vorhersagen haben philosophischen Charakter. Sie sind erkenntniserweiternd. Alle Annahmen, die sich auf eine empirische Evidenz stützen, sind induktive Schlüsse. Hume besagt, dass die Beobachtung von Regelmäßigkeiten zu einer Gewöhnung führt, was einem natürlichen Prozess der menschlichen Psychologie entspricht. Diese Gewöhnung führt zu einem nicht rational begründbaren Glauben an einen allgemeingültigen Zusammenhang. Obwohl keine logische Notwendigkeit besteht, stellen induktive Schlüsse einen großen Teil wissenschaftlicher Erkenntnis, wie die Anwendung probalistischer Erklärungsmodelle (zum Beispiel das IS-Modell, oder das SR-Modell) zeigt, dar.

Hier stellt sich die Frage, inwiefern induktive Schlüsse die Realität sinnvoll wiedergeben und ob diese Art von Argumentationsgang wissenschaftliche Theorien glaubwürdig macht.

Der Philosoph, Ökonom; Empirist und Aufklärer David Hume hat bereits im 18. Jhd. die Zulässigkeit der vorherrschenden wissenschaftlichen Methodik von Beobachtung, Experiment und Theorie bezweifelt. Seine Kritik richtet sich gegen die Annahme, dass über das in der Vergangenheit Geschehene ausgesagt werden kann, was in der Zukunft passiert.

Hume stellt sich in seinem Werk “A Treatise of Human Nature“ die Frage, wodurch empirische Schlüsse gerechtfertigt werden könnten und beschreibt diese fundamentale Fragestellung folgendermaßen: “What is the foundation of all conclusions from experience?” (EHU 4.2, S.113) Hume unterscheidet dabei zwei Gegenstände des menschlichen Denkens. So zum einen Vorstellungsbeziehungen (relations of ideas). Diese sind Sätze der Mathematik, Logik und Tautologien. Sie sind von intuitiver und demonstrativer Gewissheit. Das Gegenteil einer Vorstellungsbeziehung ist nicht möglich. Zum anderen gibt es Tatsachen (matters of facts). Diese basieren auf Beobachtung und auf Erfahrung. Das Gegenteil einer Tatsache wäre theoretisch möglich. Induktive Schlüsse können sich also nur auf Tatsachen menschlichen Denkens beziehen.

Somit gibt es nach Hume zwei Arten guter Argumente, nämlich demonstrative Beweise (d.h. deduktive Schlüsse aus a priori Prämissen) und induktive Begründungen aus Erfahrung. Dies beschreibt Hume wie folgt: „All reasonings may be divided into two kinds, namely, demonstrative reasoning, or that concerning relations of ideas, and moral [or probable] reasoning, or that concerning matter of fact and existence.” (EHU 4.II 115) Nach Hume ist der Mensch jedoch gerechtfertigt, induktive Schlüsse aus dem Beobachtetem zu schließen. Denn es kann angenommen werden, dass Unbeobachtetes dem bislang Beobachteten weitgehend ähnlich ist (bzw. sein wird). Durch die zusätzliche Annahme: x= die Zukunft gleicht der Vergangenheit, wird jedes induktive Argument in ein logisch gültiges deduktives Argument umgewandelt, welches unproblematisch wäre.

Er rechtfertigt diese Annahme mit dem Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur. Das Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur definiert er als: “[The] principle, that instances, of which we have had no experience, must resemble those, of which we have had experience, and that the course of nature continues always uniformly the same.” (Treatise 1.3.6, S.62)

Doch das Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur lässt sich durch nichts rechtfertigen, da bei einer deduktiven Folgerung die Prämissen apriori gegeben sein müssen. Aber das Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur stellt keineswegs eine notwendige apriori Wahrheit dar. Schließlich kann nicht überprüft werden, ob das Unbeobachtete dem Beobachtetem gleich gestellt ist bzw. gleichwertig ist. Dies ist lediglich eine spekulative Annahme, dass es wahrscheinlich so sein würde. Ohne Erfahrung, kann nichtvorhergesagt werden, ob ein induktiver Schluss erfolgreich ist. Hume formuliert dies in seinem Werk “An Enquiry Concerning Human Understanding” folgendermaßen: “That there are no demonstrative arguments in the case seems evident; since it implies no contradiction that the course of nature may change (...).“ (EHU, 4.II 115) Nur mit Hilfe von Erfahrung (aposteriori) lässt sich zeigen, ob induktive Schlüsse erfolgreich sind. Somit ist jede induktive Begründung des Prinzips der Gleichförmigkeit der Natur zirkulär. But (...) all our experimental conclusions proceed upon the supposition that the future will be conformable to the past. To endeavour, therefore, the proof of this last supposition by probable arguments (...) must be evidently going in a circle (...). (EHU 4.II 115) Folglich kann nach Humes Argumentationsgang das Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur nicht vernünftig begründet werden: [I]t is not reasoning which engages us to suppose the past resembling the future, and to expect similar effects from causes which are, to appearance, similar.“ (EHU 4.II 118) Zusammenfassend besagt das ‚Humesche Problem‘, dass sich das Prinzip der Gleichförmigkeit, das allen induktiven Schlüssen zu Grunde liegt, weder apriorisch noch zirkelfrei begründen lässt. Dies führt dazu, dass induktive Schlüsse aufgrund der problematischen Konklusion nicht gerechtfertigt werden können, obwohl induktives Schließen einen Teil der menschlichen Natur darstellt.

Meines Erachtens ist die Argumentation Humes nachvollziehbar und berechtigt. Das große Problem induktiver Schlüsse hinsichtlich der nicht begründbaren Vorhersage der Zukunft ist nicht zu revidieren. Nelson Goodmann hat zudem anhand einer Variation des „Smaragdexperiments“ eine neue Seite des Induktionsproblems gezeigt, die zu berücksichtigen ist. Nach ihm gibt es beliebig viele alternative universelle Aussagen H‘, H‘‘. H‘‘‘, …, die ebenso gut oder schlecht aus dem Datensatz folgen können. Nun stellt sich die Frage, welche universelle Aussage gewählt werden soll, beziehungsweise welche Aussage überhaupt der Wahrheit entspricht. In seiner Argumentation hängt alles davon ab, wie basale Prädikate definiert sind. Zu betonen ist, dass basale Prädikate soziologisch betrachtet werden müssen. Sie sind sowohl konventions- als auch zeitabhängig. Gooldman unterscheidet deswegen zwischen projizierbaren (grün, blau) und nicht-projizierbaren Prädikaten (blün, glau). Nur ein projizierbares Prädikat kann erfolgreich Vorhersagen für die Zukunft machen. Dies begründet Goodman mit der Verankerung (entrenchment) von Prädikaten. In seinem pragmatischen Lösungsvorschlag ist der Zeitpunkt für das favorisierende Prädikat dabei irrelevant.

Viele Philosophen haben bereits versucht, durch ihre Theorien das Induktionsproblem zu beheben.

So argumentiert beispielsweise Popper, dass induktive Schlüsse gar nicht gerechtfertigt werden können. Dies ist aber kein Laster, denn die für die Wissenschaft ist die Induktion überflüssig. Popper appelliert für den Falsifikationismus von Hypothesen. Seine Methodik besteht darin, intuitiv kühne Hypothesen zu formulieren, welche dann strengen Tests ausgesetzt sind. Wenn sich die getestete Hypothese als falsch herausstellt, muss eine neue Hypothese gefunden werden. Wenn sich die beobachtete Vorhersage jedoch als wahr herausstellt, dann hat sich die Hypothese bewährt. Dieser Testvorgang wird ständig wiederholt. Popper beschreibt seine Erkenntnis wie folgt: „Solange eine Theorie genauen und strengen Tests wiedersteht, und im Laufe des wissenschaftlichen Fortschritts nicht von einer anderen Theorie abgelöst wird, können wir sagen, dass […] sie sich bewährt hat.“ (Popper, 2002, S.10) Auch für Poppers Falsifikationismus spielt der Zeitaspekt eine bedeutende Rolle. Nach ihm bestätigt sich eine Theorie zu einem bestimmten Zeitpunkt, wenn sie die durchgeführten Widerlegungsversuche unbeschadet überstanden hat. Eine Theorie hat einen umso höheren Bewährungsgrad, je mehr strenge Tests sie überstanden hat. Er betont weiterhin, dass es sich bei der Bewährung nicht um eine Bestätigung handelt. Denn eine Bewährung sagt nichts über den künftigen, prädikativen Erfolg einer Hypothese aus. Hierbei handelt es sich ausschließlich um eine Aussage über die vergangene Leistung der Theorie. Auch seine Theorie kann keine Aussage über den Erfolg von Theorien in der Zukunft treffen. Somit stellt sich die Frage, warum eine bewährte Theorie überhaupt angewendet werden soll, wenn sie sich in Zukunft als falsch herausstellen könnte. Folglich löst auch der Falsifikationismus Poppers nicht das Problem einer zuverlässigen Vorhersage über die Gleichförmigkeit der Natur und somit das Problem induktiver Schlüsse.

Letztendlich scheitern sowohl Humes, Goldmann als auch Poppers Argumentationsvorgänge, induktive Schlüsse rational zu rechtfertigen. Hume scheitert aufgrund der subjektiven Gewöhnung des Menschen hinsichtlich der Gleichförmigkeit der Natur, Goldmann scheitert aufgrund der subjektiven Annahme von konventions- und zeitabhängigen Prädikaten, die die Wahrheit einer Hypothesen bestimmen und Popper scheitert, da sich auch seine Theorie die Vorhersage künftiger Aussagen nicht bestätigt. Seine Falsifikationismus zielt auf die Bewährung von Theorien zu einem bestimmten Zeitpunkt. Somit bleibt die Frage hinsichtlich der rationalen Beweisbarkeit induktiver Schlüsse hinsichtlich des Zukunftsaspektes ungeklärt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Über die Möglichkeit der rationalen Rechtfertigung induktiver Schlüsse
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Philosophie)
Veranstaltung
Wissenschaftstheorie
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
5
Katalognummer
V585098
ISBN (eBook)
9783346177346
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Induktive Schlüsse, David Hume, Karl Popper
Arbeit zitieren
Nicole Kaczmar (Autor), 2015, Über die Möglichkeit der rationalen Rechtfertigung induktiver Schlüsse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/585098

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