Der sprachtheoretische Fremdwortdiskurs im 18. Jahrhundert - Aufklärerische vs. verklärte Sprachkritik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

22 Seiten, Note: 1


Leseprobe

I. Inhalt

1. Einleitung

2. Fundament und Prämissen des Fremdwortdiskurses im 18. Jahrhundert

3. Aufklärerische Absichten
3.1 Leibniz’ pädagogisches Interesse
3.2 Geburt einer deutschen Wissenschaftssprache
3.3 Campes Verdeutschungsprogramm

4. Verklärte Einsichten
4.1 Fichte als Mitbegründer nationalistischen Sprachdenkens
4.2 Aufwertung des Deutschen durch Herabsetzung des
Fremden
4.3 Die Fremdwortfrage unter historistischer Perspektive

5. Fazit und Ausblick

II. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Zentrum dieser Arbeit soll nicht eine Betrachtung von Fremdwörtern und Fremdwortgebrauch im 18. Jahrhundert stehen, sondern der metasprachliche Diskurs über diesen. Besonders für das 18. Jahrhundert (und das hier zudem berücksichtigte beginnende 19. Jahrhundert) ist eine bewusste Auseinandersetzung mit der Fremdwortfrage durch Grammatiker, Lexikographen, Sprachkritiker und -pfleger zu verzeichnen. Spannend bei der Betrachtung dieser Periode scheint die unterschiedliche Funktionalisierung der Sprache zu sein, die in den Antworten auf die Frage, ob, in welchem Maße und in welcher Form Fremdwörter zu gebrauchen seien, deutlich hervor scheint und zum Fundament der Argumentationen wird.

Zudem ist die sprachwissenschaftliche Betrachtung des Diskurses über die Einflüsse fremder Sprachen auf das Deutsche interessant und wichtig, da die Beiträge ihrem Anspruch und ihrer Wirkung nach nicht nur deskriptiv, sondern vor allem normativ sind, d.h. dazu in der Lage, „das System zu beeinflussen und Sprachwirklichkeit zu schaffen.“[1]

Die von Gardt unterschiedenen Idealtypen einer Argumentation lassen sich im Diskurs des 18. Jahrhunderts allesamt verfolgen.[2] Die in dieser Arbeit untersuchten Argumentationen gegen einen (unmäßigen) Fremdwortgebrauch im 18. Jahrhundert spielen sich zunächst vor allem auf der Ebene eines sprachpädagogischen, bzw. –soziologischen Diskurses ab und sind in Verbindung mit den aufklärerischen Denkströmungen der Zeit zu sehen. Aufschlussreich sind hier vor allem sprachtheoretische und sprachkritische Schriften. Selbstverständlich kann in diesem Rahmen nur auf eine kleine Auswahl von Autoren eingegangen werden, die jedoch eine zentrale Rolle, vor allem in ihrer Wirkung auf die Nachwelt, spielen. So ist mit Leibniz der Beginn einer Fremdwortkritik, die der Frage der Volksaufklärung untersteht, zu setzen. Wolff geht einen Schritt weiter und dehnt die Kritik sogar auf die fachsprachliche Terminologie aus. In Campe ist zuletzt der Gipfel eines, von seinen Zeitgenossen allzu oft missverstandenen, Fremdwortpurismus mit aufklärerischem Ziel zu sehen, ihm wird in dieser Arbeit nicht ohne Grund der größte Raum zugesprochen werden.

In einer zweiten Gruppe von Diskursbeiträgen werden die Argumente sprachideologischen Gesichtspunkten untergeordnet: Der Sprache wird nicht vor allem eine kommunikative Funktion beigemessen, wie noch in den aufklärerischen Schriften, sondern die, Spiegel des Volksgeistes zu sein und diesen Volksgeist gleichzeitig zu stiften. Die nicht zuletzt durch politische Frustrationen ausgelöste Besinnung auf den deutschen Volksgeist bei gleichzeitiger Abwertung des Fremden, gibt der Sprachkritik schnell eine nicht nur patriotische, sondern geradezu nationalistische Note, die schon bei Fichte aufscheint.

Als weitere Beispiele für eine Funktionalisierung der Fremdwortfrage zur Aufwertung des nationalistischen Selbstbewusstseins der Deutschen seien hier Arndt und Grimm abgehandelt. Arndt ist sicherlich als einer der Höhepunkte dieses, in den darauf folgenden Jahrhunderten fatale Auswüchse erfahrenden, Denkens zu betrachten. Auch Grimm ist bei genauer Betrachtung in diesen Diskurskontext einzuordnen.

Zunächst seien das Fundament und die Prämissen des nicht erst im 18. Jahrhundert aufkommenden Diskurses über Fremdwortgebrauch geklärt: welcher Art ist der Gebrauch über den kritisch verhandelt wird und welche Argumentationsstränge fußen in voraufklärerischer Zeit. Danach sollen aufklärerische Diskursbeiträge den von mir als verklärt eingeschätzten Sichtweisen entgegengestellt werden. Es wird abschließend zu klären sein, welche außersprachwissenschaftlichen und sprachwissenschaftlichen Hintergründe für die jeweiligen Ansätze Pate stehen.

2. Fundament und Prämissen des Fremdwortdiskurses im 18. Jahrhundert

Mit der um sich greifenden Alphabetisierung der deutschen Bevölkerung und der Schaffung neuer medialer Möglichkeiten der Verbreitung verschriftlichter Texte, löst sich die noch im Mittelalter stabile Diglossie von Mittellatein und Mittelhochdeutsch zunehmend auf. Die Volkssprache gewinnt, besonders nach der standardisierend wirkenden und Selbstbewusstsein stiftenden Bibelübersetzung Luthers, vermehrt Zugriff auf die Schriftlichkeit, die bis dahin immer noch dominiert wurde vom Lateinischen. „Ein schneller Übergang zur Volkssprache in allen Domänen der Schriftlichkeit [war] absehbar, hätte nicht die große geistesgeschichtliche Bewegung der Renaissance der Antike dem Klassischen Latein eine überraschende Widergeburt beschert.“[3]

Munske sieht hierin die Ursache für eine noch schärfer akzentuierte Diglossie zwischen dem nun bewusst vom mittelalterlichen ‚Küchenlatein’ abgehobenen Neulatein als einer internationalen Wissenschaftssprache und dem Deutschen. Die neue Verehrung des Lateinischen, die sich zum Beispiel darin zeigte, dass lateinische Wörter in deutschen Texten weiterhin lateinisch flektiert und in frakturschriftlichen Texten in Antiqua gedruckt wurden, ist womöglich als das Fundament für die Entwicklung des spezifisch deutschen Fremdwortbegriffs und Fremdwortgebrauchs überhaupt zu sehen. Diese Stigmatisierung und Isolierung der fremden Wörter zeigt sich bis heute in der Abwehr gegen orthographische Reformen, zum Beispiel der typischen Digraphe ph, th, rh, ch.[4]

Dadurch, dass die Volkssprache zunehmend in neuen schriftlichen Domänen Gebrauch fand, erklärt sich, dass besonderer Bedarf an neuen Begriffen entstand. Die Verehrung des Neulateins war Motiv genug, in vielen Fällen keine neuen indigen deutschen Wörter zu bilden, sondern die lateinischen Begriffe zu entlehnen. Die umfangreiche Entlehnungspraxis bei gleichzeitiger Stigmatisierung des Fremden hielt bis zum Ende des 18. Jahrhunderts an.

Schon im 17. Jahrhundert ergaben sich als Gegenpart zu dieser realen Sprachmischung das Bestreben und die Forderung nach Sprachreinheit. Diesem Ziel, das unter dem Einfluss des lateinischen Stilideal Ciceros stand, verschrieben sich die schon dort aufkommenden Sprachgesellschaften.[5] Das Aufeinanderprallen der sich real vollziehenden Sprachmischung und der (patriotischen) Ablehnung derselben bezeichnet Munske als „Loyalitätskonflikte zwischen introvertierter und extrovertierter Sparcheinstellung“[6], welche in ihrem Ausmaß „auffälliges Merkmal deutscher Sprachgeschichte“[7] sind.

Meiner Meinung nach sind die Reflexionen über Fremdwortgebrauch besonders des 18. Jahrhunderts nicht nur über den soziolinguistischen Begriff eines Loyalitätskonflikts zu fassen. Vielmehr sind es grundsätzlichere sprachphilosophische Probleme, die die Grundlage der Argumentationen bilden.

Die Ansätze, die den tatsächlichen Sprachgebrauch völlig ignorieren und sich in ihrem Idealismus nur von der Überzeugung leiten lassen, „dass einer jeden Sprache bestimmte strukturelle Prinzipien inhärent sind, die man nutzen kann, um fremde Lexik zu umgehen“[8], haben schon in Schottelius einen Wegbereiter. Erstmals beschäftigte jemand sich systematisch mit Neubildungen, die das exogene Wortgut vollständig ersetzen könnten. In allen Bestrebungen dieser Art wird ein sprachinhärentes Analogieprinzip postuliert, das bei Georg Philipp Harsdörfer 1677 in der Konstruktion des sog. „Fünffachen Denckring[s] der Teutschen Sprache“[9] gipfelt, einem aus 264 Einzelelementen bestehenden kombinatorischen System, mit dem sich 97.209.600 potentiell indigen deutsche Wörter bilden lassen.

Das Wollen einer strukturell vollständig durchsichtigen Sprache, in der ein Fremdwort stört, ist in der Argumentation geknüpft an Überlegungen zum Wechselverhältnis von Sprache und Denken: Nur mit einer strukturell klaren Sprache ist klares Denken möglich. Anspruch der Argumentationen gegen den Fremdwortgebrauch ist es im 18. Jahrhundert zunehmend, nicht mehr nur die Möglichkeit des Verzichts aufzuzeigen, sondern auch die Notwendigkeit eines solchen Verzichts zu begründen oder zumindest plausibel zu machen.

[...]


[1] Gardt (2001): Seite 31.

[2] Gardt (2001) systematisiert die Argumentationslinien der Diskussion über den Fremdwortgebrauch und unterscheidet zwischen sprachstrukturellem, sprachideologischem, sprachpädagogischem/-soziologischem und sprachpflegerischem Diskurs.

[3] Munske (2001): Seite 18.

[4] Bezeichnenderweise wurde in Schweden die Fremdwortorthographie bereits 1801 durch den Sekretär der schwedischen Akademie Karl Gustav Leopold derart reformiert, dass klassische und französische Fremdwörter völlig in das Schriftbild des Schwedischen integriert sind, z. B. filosof, teater, retorik, följeton. Eine derart radikale Fremdwortintegration scheint bis heute für das Deutsche, wie auch für das Englische und Französische, schwierig.

[5] Nach Munske (2001: Seite 22.) ein europäisches Phänomen, in dem sich die Deutschen mit ihren Verdeutschungsvorschlägen wesentlich an niederländischen Vorbildern, für die die Ersetzung fremdsprachlicher Wörter eine alte frühbürgerliche Tradition war, orientieren.

[6] Munske (2001): Seite 27.

[7] ebd.

[8] Gardt (2001): Seite 39.

[9] vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der sprachtheoretische Fremdwortdiskurs im 18. Jahrhundert - Aufklärerische vs. verklärte Sprachkritik
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Das Fremdwort in der deutschen Sprachgeschichte
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V58566
ISBN (eBook)
9783638527224
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fremdwortdiskurs, Jahrhundert, Aufklärerische, Sprachkritik, Fremdwort, Sprachgeschichte
Arbeit zitieren
Clara Maria Schreiber (Autor), 2006, Der sprachtheoretische Fremdwortdiskurs im 18. Jahrhundert - Aufklärerische vs. verklärte Sprachkritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58566

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