Die große Mehrzahl aller berufstätigen Übersetzer arbeitet heutzutage im Bereich der Technik. Bei den zu übersetzenden Texten handelt es sich dementsprechend mehrheitlich um Fachtexte. Dass diese Fachtexte nicht, wie lange von einer Mehrheit von Übersetzungstheoretikern vertreten, kulturell unspezifisch sind und durch simples „Ersetzen“ der Fachtermini der Ausgangssprache durch solche der Zielsprache zu Übersetzen sind, ist bekannt und anerkannt. Es gibt zahlreiche sehr gute Bücher und Veröffentlichungen darüber, wie man Fachtexte richtig übersetzt beziehungsweise was man beim Übersetzen von Fachtexten zu beachten hat. Zum großen Teil sind diese Abhandlungen sogar im Stil von Lehrbüchern oder Nachschlagewerken gehalten und stellen mit ihren zahlreichen Beispielen, Tips und Ratschlägen eine echte Bereicherung für die alltägliche Arbeit von Übersetzern dar. Leider ist damit aber nicht allen Übersetzern geholfen. Jeder der schon einmal versucht hat, ein Nachschlagewerk zum Übersetzen von Fachtexten für das Sprachenpaar Deutsch-Spanisch zu finden, wird wissen, dass er damit vor einer unlösbaren Aufgabe steht. Alle diese hervorragenden Bücher brillieren mit Beispielen für das Sprachenpaar Deutsch-Englisch, was sicher damit zu begründen ist, dass die absolute Mehrheit an Fachveröffentlichungen in der lingua franca Englisch geschrieben ist und somit auch die meisten Fachtexte aus dem Englischen oder ins Englische übersetzt werden. Es gibt aber vor allem eine Fachtextsorte, für die solche Nachschlagewerke und Lehrbücher auch für andere Sprachenpaare durchaus sinnvoll wären: die Bedienungsanleitung. In der Regel verkaufen namhafte Hersteller von Geräten für den privaten Gebrauch ihre Produkte in aller Welt oder haben dies zumindest als Ziel. Dass aber alle Welt die Sprache Englisch in solch einem hohen Maß beherrscht, dass die Übersetzung der Bedienungsanleitungen in die jeweiligen Landessprachen nicht notwendig ist, ist nicht anzunehmen. Es besteht also ein Übersetzungsbedarf für die Textsorte Bedienungsanleitung in allen erdenklichen Sprachenpaaren. Hilfreiche
Nachschlagewerke für alle erdenklichen Sprachen sind aber Mangelware. Aus diesem Grund möchte ich mit dieser Arbeit einen (zumindest kleinen) Beitrag zu diesem vernachlässigten Thema leisten und mich dem Vergleich von Bedienungsanleitungen im Sprachenpaar Deutsch-Spanisch widmen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Inhalt und Ziel der Arbeit
3 Kulturspezifik vs. Corporate Identity
3.1 Kultur und Kulturspezifik
3.2 Corporate Identity
3.3 Kulturspezifik vs. Corporate Identity
4 Formale Inkongruenzen
4.1 Äussere Form
4.1.1 Anteil nonverbaler Textelemente
4.1.2 Art und Ausführung nonverbaler Textelemente
4.1.3 Format, Layout, Typographie & Makrostruktur
4.1.4 Einfluss der Corporate Identity auf die äußere Textform
4.2 Innere Form
4.2.1 Standardtexte
4.2.2 Verbale Proposition
4.2.3 Nonverbale Proposition
4.2.4 Beispiele & Produktempfehlungen
4.2.5 Stil
5 Ergebnis & Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit der Übersetzungstheorien von Peter A. Schmitt, insbesondere im Hinblick auf Bedienungsanleitungen, auf das Sprachenpaar Deutsch-Spanisch. Dabei wird analysiert, inwieweit formale Gestaltungskriterien von Bedienungsanleitungen durch nationale Kulturspezifika beeinflusst werden oder ob diese zugunsten einer einheitlichen Corporate Identity zurücktreten.
- Analyse der Interaktion von Kulturspezifik und Corporate Identity in Produktdokumentationen.
- Vergleichende Untersuchung deutscher und spanischer Bedienungsanleitungen verschiedener technischer Geräte.
- Untersuchung von formalen Inkongruenzen auf makro- und mikrotextueller Ebene.
- Bewertung der Rolle des Übersetzers bei der Anpassung nonverbaler und verbaler Elemente.
- Identifikation von Übersetzungsfehlern bei der Handhabung kulturspezifischer Standardtexte.
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Verbale Proposition
Auch hier geht es Schmitt wie gesagt vor allem um Standardtexte, anders als bei den gerade erläuterten allerdings hat deren semantischer Inhalt nur in einer der beiden Kulturen einen Sinn oder Zweck. Der Standardtext erhält dadurch eine Kulturspezifik. Für den Umgang mit dieser Kulturspezifik gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder schreibt die Ausgangskultur einen bestimmten Standardtext vor und die Zielkultur nicht. In diesem Fall wird er nicht übersetzt und kann schlicht im Zieltext ausgelassen werden. Umgekehrt kann es aber auch vorkommen, dass ein Standardtext in den Zieltext eingefügt werden muss, da die Zielkultur einen solchen vorschreibt, die Ausgangskultur allerdings nicht.
Ein Beispiel für eine verbale Proposition in einem Standardtext des Ausgangstext findet sich auch in den von mir analysierten Bedienungsanleitungen. Im Abschnitt „Vor dem Gebrauch / Anschliessen“ in der deutschen Version der Bedienungsanleitung für die Geschirrspülmaschine von Bauknecht findet sich folgender kulturspezifischer Hinweis:
[7a] Für Österreich: Wird ein FI-Schalter dem Gerät vorgeschaltet, muss dieser pulsstromsensitiv sein.
Der Übersetzer dieser Bedienungsanleitung dürfte also sofort die Kulturspezifik dieses Standardtextes erkannt haben, da er ja quasi durch den Zusatz „Für Österreich“ mit der Nase darauf gestoßen wurde. Die richtige und auf der Hand liegende Lösung ist hier in jedem Fall das Weglassen des Textsegments im Zieltext. Überraschenderweise findet sich allerdings in der spanischen Bedienungsanleitung an dieser Stelle folgender Hinweis:
[7b] Para Austria: Si el aparato se conecta en serie a un interruptor de corriente de fallo, éste tiene que ser sensible a la corriente pulsatoria.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Mangel an spezialisierten Nachschlagewerken für technische Übersetzungen im Sprachenpaar Deutsch-Spanisch und begründet die Relevanz der Untersuchung von Bedienungsanleitungen.
2 Inhalt und Ziel der Arbeit: Dieses Kapitel definiert die Auswahl der analysierten Bedienungsanleitungen verschiedener internationaler Hersteller und legt den Fokus auf die Untersuchung der formalen Kulturspezifik.
3 Kulturspezifik vs. Corporate Identity: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Kulturspezifik sowie der Corporate Identity erläutert und deren Spannungsverhältnis bei der Gestaltung von Produktdokumentationen beleuchtet.
4 Formale Inkongruenzen: Das Hauptkapitel analysiert detailliert äußere und innere formale Aspekte wie Layout, nonverbale Textelemente, Standardtexte und Stil im Hinblick auf ihre kulturelle Bedingtheit.
5 Ergebnis & Zusammenfassung: Das Fazit bestätigt, dass die theoretischen Ansätze von Schmitt auch für das Sprachenpaar Deutsch-Spanisch relevant sind, wobei die Corporate Identity häufig die Kulturspezifik der Nationalkulturen überlagert.
Schlüsselwörter
Bedienungsanleitungen, Übersetzungswissenschaft, Kulturspezifik, Corporate Identity, Fachtext, Deutsch-Spanisch, formale Gestaltung, Standardtexte, verbale Proposition, nonverbale Proposition, Produktdokumentation, Lokalisierung, Übersetzungspraxis, technisches Übersetzen, interkulturelle Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der formalen Gestaltung von Bedienungsanleitungen und der Frage, wie diese bei Übersetzungen zwischen Deutsch und Spanisch unter Berücksichtigung von kulturellen Aspekten und Unternehmensvorgaben angepasst werden müssen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Einfluss von Kulturspezifika auf Texte, die Bedeutung der Corporate Identity bei der Produktdokumentation und die Analyse formaler Inkongruenzen in technischen Texten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, inwiefern die im Buch „Translation und Technik“ von Peter A. Schmitt dargelegten Theorien auf Bedienungsanleitungen im Sprachenpaar Deutsch-Spanisch anwendbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Untersuchung, bei der vorhandene Bedienungsanleitungen verschiedener technischer Geräte von internationalen Herstellern auf ihre formale Struktur und kulturelle Anpassung hin analysiert wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden auf Basis der Schmittschen Theorie verschiedene formale Ebenen wie das äußere Layout, die Verwendung nonverbaler Elemente, Standardtexte, verbale Propositionen sowie stilistische Konventionen untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Bedienungsanleitungen, Kulturspezifik, Corporate Identity, Lokalisierung und Fachtextübersetzung charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Corporate Identity bei den untersuchten Anleitungen?
Die Corporate Identity fungiert oft als übergeordnetes Gestaltungselement, das bei internationalen Herstellern dazu führt, dass Bedienungsanleitungen unabhängig von der jeweiligen Nationalkultur ein einheitliches Erscheinungsbild wahren.
Warum ist die Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Form wichtig?
Die Unterscheidung hilft dabei, gezielt zu analysieren, an welchen Stellen Anpassungen für das Zielpublikum notwendig sind (innere Form) und wo globale Formate die nationale Kulturspezifik übertrumpfen (äußere Form).
Warum wird im Beispiel [7b] der Hinweis auf Österreich kritisiert?
Die Kritik basiert darauf, dass der Übersetzer einen länderspezifischen Sicherheitshinweis für Österreich fälschlicherweise in die spanische Zielversion übernommen hat, obwohl dieser für den spanischen Nutzer irrelevant ist.
- Quote paper
- Kathrin Jendrzeyewski (Author), 2006, Kulturspezifik bei der formalen Gestaltung von Bedienungsanleitungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58641