In der Thomas-Mann-Forschung scheint die Gattungsbestimmung des >Zauberbergs< ein problematisches Unterfangen zu sein. Viele Literaturwissenschaftler haben sich hierüber bereits den Kopf zerbrochen. Es besteht keinesfalls Eindeutigkeit über die Kategoriezuordnung dieses Werks innerhalb der Romantheorie. Von der umfassenden und vollkommenen Erneuerung des Bildungsromans über die vielfältigsten Zwischenformen hinweg bis zu dessen absoluter Parodie hat man fast alle Deutungen unternommen. Manche Interpreten sprechen von einem Zeitroman, andere von einem Gesellschaftsroman, weitere von einem Entbildungsroman. Bestimmte Tendenzen lassen sich aber festmachen. So wurde der >Zauberberg< als Bildungs- und Entwicklungsroman aufgefasst, jedoch unter der Bedingung, dass nicht Hans Castorps Persönlichkeit im Zentrum stehe, sondern sein Bildungsverlauf. Der Roman entspricht quasi Castorps Krankheitsverlauf, er "fiebert sich hoch" (Scharfschwerdt, 1967: 114).
Es soll nun der Versuch unternommen werden, den Roman den Gattungsbegriffen Bildungsroman bzw. Gesellschaftsroman und Zeitroman zuzuordnen. Gegen Ende dieser Untersuchung werden Ausblicke auf weitere Interpretationsansätze gegeben.
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Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung
2. Gattungsbestimmung “Bildungsroman” und “Gesellschaftsroman”
2.1. Der Bildungsroman
2.2. Der Gesellschaftsroman
3. >Der Zauberberg<: ein Gesellschaftsroman oder ein Bildungsroman?
3.1. Aspekte und Elemente des Gesellschaftsromans
3.2. Aspekte und Elemente des Bildungsromans
3.3. Weitere Interpretationsmöglichkeiten
3.3.1. >Der Zauberberg< - ein Zeitroman
3.3.2. >Der Zauberberg< - eine Parodie des Bildungsromans
3.3.3. >Der Zauberberg< - ein Entbildungsroman
3.3.4. >Der Zauberberg< - ein Erziehungsroman
3.3.5. >Der Zauberberg< - eine Liebesgeschichte
4. Zusammenfassung und Bewertung
4.1. >Der Zauberberg< in der Tradition des >Wilhelm Meister<
4.2. Fazit
5. Verzeichnis über benutzte und zitierte Literatur
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattungszugehörigkeit von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. Ziel ist es, die Komplexität der Kategorisierung des Werkes innerhalb der Romantheorie zu analysieren, indem der Roman kritisch als Bildungs- sowie als Gesellschaftsroman beleuchtet und mit den Gattungstraditionen in Beziehung gesetzt wird.
- Gattungstypologische Einordnung von „Der Zauberberg“
- Analyse der klassischen Merkmale des Bildungsromans im Werk
- Untersuchung des Gesellschaftsromans und seiner zeitkritischen Aspekte
- Auseinandersetzung mit alternativen Interpretationsansätzen wie Zeitroman oder Parodie
- Traditionslinien zum „Wilhelm Meister“ von Goethe
Auszug aus dem Buch
3.1. Aspekte und Elemente des Gesellschaftsromans
Nach diesen theoretischen Vorbemerkungen stellt sich nun die Frage, in welche Kategorie sich Thomas Manns >Der Zauberberg< einordnen lässt. Zu diesem Zweck sollen zunächst die Bemerkungen von Thomas Mann selbst herangezogen werden. In der >Einführung in den >Zauberberg<. Für Studenten der Universität Princeton< spiegelt sich deutlich wieder, wie Thomas Mann seinen Roman positioniert sieht. Er betrachtet den Zauberberg als “ein Dokument der europäischen Seelenverfassung und geistigen Problematik im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts” (Mann. Gesammelte Werke, XI, 1974: 602). Animiert von eigenen Erfahrungen während eines Sanatoriumsaufenthaltes mit seiner Frau in Davos im Jahre 1912 entwirft Thomas Mann einen “Zeitroman in doppeltem Sinn” (Mann, Gesammelte Werke, XI, 1974: 611). Einerseits handelt es sich um einen historischen Zeitroman, der versucht, das gesellschaftliche und geistig-kulturelle Bild der Gegenwart, der zu Ende gehenden Wilhelminischen Ära, zu skizzieren. Andererseits steht der Zeitbegriff selbst als zentraler Gegenstand im Vordergrund, da sich jener im Roman letztlich auflöst.
Dass der Roman aufgrund seiner Handlungsarmut, welche durch eine breite Zustandsschilderung des Lebens im Sanatoriums und der damit gekoppelten zahlreichen langen und aussagekräftigen, tiefsinnigen Gespräche zwischen den einzelnen Figuren bedingt ist, ohne Probleme sich als Gesellschaftsroman bezeichnen lässt, bleibt außer Frage. Es ist nicht zu übersehen, dass die Grundstruktur des gesamten Romans durch die Darstellung von vielen “überindividuellen Problemen der gesellschaftlichen und geistigen Situationen der Zeit” (Scharfschwerdt, 1967: 136) geprägt ist. >Der Zauberberg< ist die “künstlerisch gestaltete Bankrotterklärung der Geistigkeit jener Gesellschaft, der das 19. Jahrhundert seine Prägung verdankt” (v. Einsiedel, 1928: 245).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkung: Einführung in die Problematik der Gattungszuordnung und Ankündigung der methodischen Vorgehensweise.
2. Gattungsbestimmung “Bildungsroman” und “Gesellschaftsroman”: Theoretische Definitionen der beiden literarischen Grundformen nach verschiedenen Literaturwissenschaftlern.
3. >Der Zauberberg<: ein Gesellschaftsroman oder ein Bildungsroman?: Analyse und Anwendung der theoretischen Gattungsbegriffe auf den Roman von Thomas Mann.
4. Zusammenfassung und Bewertung: Synthese der Ergebnisse mit Bezug zur Tradition des Wilhelm Meister und abschließende Einschätzung des Werks.
5. Verzeichnis über benutzte und zitierte Literatur: Auflistung der verwendeten Primär- und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Der Zauberberg, Bildungsroman, Gesellschaftsroman, Zeitroman, Hans Castorp, Gattungstheorie, Literaturgeschichte, Parodie, Moderne, Epik, Tradition, Wilhelm Meister, Krisen, Entwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in der Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literaturwissenschaftlichen Einordnung von Thomas Manns „Der Zauberberg“ in die Gattungen Bildungsroman und Gesellschaftsroman.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Gattungstypologie, die Frage nach der modernen Umgestaltung traditioneller Formen und die Funktion des Romans als Zeitdokument.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob der Roman eindeutig einer dieser Gattungen zuzuordnen ist oder ob er diese durch Modernisierung und Parodie überschreitet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und dem Abgleich des Textes mit den Gattungsmerkmalen und Traditionen der Literaturgeschichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Merkmale des Gesellschafts- und Bildungsromans theoretisch definiert und intensiv am Text von Thomas Mann überprüft sowie weitere Interpretationsansätze diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Bildungsroman, Gesellschaftsroman, Zeitroman, Thomas Mann, Tradition, Gattungstheorie und Hans Castorp charakterisiert.
Warum wird „Der Zauberberg“ auch als Parodie bezeichnet?
Der Text argumentiert, dass der Roman die Gattung des Bildungsromans aufgreift, sie jedoch durch das Fehlen eines positiven, zielgerichteten Reifeprozesses parodiert oder modernisiert.
Inwiefern spielt die Zeitstruktur eine Rolle für die Gattungsfrage?
Die Zeitstruktur ist essenziell, da die Auflösung des Zeitbegriffs im Sanatorium den Roman als Zeitroman kennzeichnet und somit die lineare Struktur klassischer Bildungsromane in Frage stellt.
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- Klaus Ludwig Hohn (Author), 2002, Thomas Mann: "Der Zauberberg" - ein Bildungsroman oder Gesellschaftsroman?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5876