Freiheit und Sachzwang in der modernen Gesellschaft. Zu denTheorien von Erich Fromm, Amartya Sen und Ulrich Thielemann


Bachelorarbeit, 2011

65 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Biographischer Einblick
1.1. Erich Fromm
1.2. Amartya Sen
1.3. Ulrich Thielemann

2. Charakteristiken einer modernen Gesellschaft

3. Freiheit
3.1 Freiheit in der modernen Gesellschaft
3.2 Freiheit unter den Bedingungen wirtschaftlicher und politischer Einflusse
3.2.1 Auswirkungen auf die auBere Freiheit
3.2.2 Auswirkungen auf die innere Freiheit
3.2.3 Politik unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft

4. Sachzwang
4.1 Die Instanzlosigkeit der Marktwirtschaft
4.1.1 Der Sachzwang als naturliche Gegebenheit
4.1.2 Wenn manche Menschen mehrwollen
4.2 Die Lebensqualitat in der Zwangslage

5. Problemlosungen als Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anhang : Datentrager mit gespeicherten Internetquellen

Einleitung

Aktuelle Nachrichten von historischer ebenso wie belangloser Bedeutung gehen im Sekundentakt um die ganze Welt, Menschen kampfen in Sudafrika um politische Freiheit und Demokratie, andernorts erschuttern Naturgewalten die Lebensraume von Mensch und Tier. Lebenswelten verandern sich durch Natur-ereignisse und aufgrund der Wirkungsweisen menschlichen Zusammenlebens. Die Weltbevolkerung wachst, Stadte werden immer groGer, Hochhauser immer hoher, ein kleiner Anteil der Menschheit wird immer Reicher, wahrend der grbBere Anteil immer armer wird. Und die Welt dreht sich immer weiter und die Menschen drehen sich mit, auch wenn die Welt sich nach dem Erdbeben in Japan ein bisschen schneller dreht1. Nun mag sich die minimal beschleunigte Erdrotation nicht weiter bemerkbar auf die Lebensweisen der Menschen auswirken und doch scheint der Rhythmus der Weltgesellschaft (auch schon vor dem Beben) stetig an Tempo zu zunehmen. Diese Beschleunigung ist jedoch keine Folge von Naturereignissen, sondern ein Ergebnis sozialer Wirkungszusammenhange und damit menschlichen Ursprungs. Die Schnelllebigkeit, insbesondere in modernen Gesellschaften, ist zum alltaglichen Bestandteil menschlicher Lebensweisen geworden, Mobilitat sowie Flexibility sind weitestgehend zu unverzichtbaren Charaktereigenschaften mutiert. Der Mensch befindet sich im Wandel, jedoch wird der Einzelne von Vorgangen gepragt die sich in groGer Feme ereignen, denn die AusmaGe und die Komplexitat der wechselseitigen Abhangigkeiten sind gigantisch. Durch das Verhalten jedes Einzelnen entstehen Veranderungen von bedeutender Reichweite, wovon nicht nur der Mensch, sondern insbesondere die Natur betroffen ist, da sie immer weiter umgestaltet wird, um dem Menschen bestmoglich von Nutzen zu sein.

Viele Menschen wollen ganz gleich worum es sich handelt ihren bestmoglichen Nutzen Ziehen, dafur ist das exorbitante Angebot von Informationen, Dienstleistungen und Konsumgutern in modernen Gesellschaften von Vorteil. Die globale, freie Marktwirtschaft macht dieses enorme Angebot moglich und bietet eine Plattform fur samtliche Kauf- und Verkaufsentscheidungen der Menschen. So hat jeder die Moglichkeit seinen bestmoglichen Nutzen durch seine freien Entscheidungen im Markt zu Ziehen. Doch bezieht sich die Freiheit im Markt in Wirklichkeit auf jeden Menschen? Wohl eher nicht, denn die systemischen Verkettungen folgen einem Muster, welches nicht ethisch neutral verlauft. Die Dynamik des Marktmechanismus hat sich verselbstandigt und obwohl jeder Akteur im Marktprozess ist, kennt die dynamische Macht keine Kontrolle. Verborgene Krafte treiben die Marktdynamik an und sorgen fur den Einzug der Marktlogik in alle Lebensbereiche. Der Mensch wird zur Ware, wahrend menschliche Eigenschaften auf Produkte projiziert werden, der Besitz wird zur Identitat und der Beruf zum Lebensmittelpunkt. Doch entspricht die marktorientierte Lebensweise wahrhaftig den menschlichen Vorstellungen eines guten Lebens? Denn ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu flihren, entspricht doch dem Bedurfnis eines jeden, oder?

Die Menschen passen sich an die Bedingungen die der Markt stellt an, ohne einen Blick in ihr Innerstes zu wagen und ohne die imaginare Macht des Marktes zu hinterfragen. Der Einzelne fuhlt sich isoliert und ohnmachtig, da er von einer Macht beherrscht wird, die auGerhalb seines Selbst liegt. Die Welt erscheint immer groGer und die eigene Identitat immer bedeutungsloser. So fliehen die Menschen in konstruierte Wirklichkeiten, um die allgemeine Unsicherheit nicht mehr wahrnehmen zu mussen, auch wenn sie dafur mit ihrer Freiheit bezahlen. Gefangen in der Illusion, die Realitat heiGt, glauben die Menschen, sie seien individuelle freie Wesen, die wlissten was sie wollen. Doch im Grunde genommen sind die Menschen von Zwangen bestimmt, welche aus einer marktkonformen Gesellschaft resultieren.

In dieser Arbeit mochte ich anhand des Freiheitsbegriffes die Zwange der modernen Gesellschaften beschreiben. Da der Begriff der Freiheit ein weitlaufiges Themenspektrum umfasst, beschranke ich mich auf die Theorien von Erich Fromm, Amartya Sen und Ulrich Thielemann. In ihren Uberlegungen beschaftigen sich die Autoren mit verschiedenen Anknlipfungspunkten zum Freiheitsbegriff, hierbei liegen die Wirkungsweisen menschlichen Handelns im Vordergrund. Insbesondere mochte ich die Freiheit in der modernen Gesellschaft, im Hinblick auf die wirtschaftlichen Bedingungen und den sich daraus ergebenden Sachzwang beleuchten. Dazu beschreibe ich zu Beginn die Charakteristiken einer modernen Gesellschaft, um ein grundlegendes Verstandnis zu schaffen, auf welchen Gesellschaftstyp sich die folgenden Uberlegungen beziehen. Nach einer allgemeinen Betrachtung des Freiheitsbegriffs soil die Freiheit in der modernen Gesellschaft behandelt werden und zwar wie jene Freiheit unter den Bedingungen wirtschaftlicher und politischer Einflusse zu betrachten ist. Aus diesen Einflussen ergeben sich Konsequenzen, die sowohl die auBere wie auch die innere Freiheit beeintrachtigen. Welche Positionen die Politik, unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft einnimmt, wird anschlieGend thematisiert. Im anschlieGenden Teil der Arbeit beschaftige ich mich zunachst mit dem Begriff Sachzwang, um nachfolgend die Instanzlosigkeit der Marktwirtschaft zu verdeutlichen. Aus dieser Instanzlosigkeit resultiert eine veranderte Wahrnehmung, welche den Sachzwang als naturliche Gegebenheit erscheinen lasst, doch in Wahrheit stehen Personen beziehungsweise Personenkreise hinter den Sachzwangen, welche es zu identifizieren gilt. Aus all den Verknlipfungen ergibt sich dann die allgemeine Frage nach der Lebensqualitat in der Zwangslage und nach den wahrhaftigen Bedlirfnissen der Menschen. Die Problemlosungen als Ausblick sollen vor allem den Bogen zur Freiheit zurlickspannen, denn nachdem der Begriff der Freiheit zu Beginn viele Fragen aufwirft, scheint abschlieGend die Freiheit auch diese Fragen beantworten zu wollen.

1. Biographischer Uberblick

Wie bereits erwahnt, beschranke ich mich zur Bearbeitung des komplexen Themenbereichs auf die Theorien von Erich Fromm, Amartya Sen und Ulrich Thielemann. Jeder fur sich bereitet den Aspekt der Freiheit unterschiedlich auf und doch lassen sich einige Verbindungen herstellen. Diese Verknlipfungen liegen hauptsachlich in dem grundlegenden Verstandnis des Freiheitsbegriffs, aber auch in einer umfassenden Betrachtungsweise der Wirkungszusammenhange menschlichen Handelns. Besonders interessant ist, wie sich die facettenreichen Blickwinkel auf verschiedenen Wegen kombinieren lassen. Um die angrenzenden Blickwinkel der Autoren fur sich genommen zu betrachten, fasse ich zu Beginn die jeweiligen biographischen Hintergrunde kurz zusammen.

1.1 Erich Fromm

Erich Fromm wurde am 23. Marz 1900 in Frankfurt geboren und wuchs in einer streng religiosen Familie auf, aus der einige Rabbiner hervorgegangen waren (Funk, 1983, 14). Die Identifizierung mit jener spezifisch judischen Lebenspraxis, die ihm von den Vorfahren vermittelt wurde, fand Fromm in seinen Lehrern verwirklicht. Wahrend der Zeit, die Fromm in Frankfurt verbrachte, war sicherlich der Rabbiner Dr. Nehemia Anton Nobel der bedeutendste Talmud-Lehrer. Nobel war trotz seiner orthodoxen Lebensweise, ein an Goethe und Kant orientierter Humanist und Aufklarer. Damit eroffnete er Fromm eine ganz spezifische geistige und intellektuelle Welt (Funk, 1983, 28ff). In Heidelberg lernte Fromm den Talmud-Lehrer Rabbiner Salman Baruch Rabinkow kennen, dieser verband das traditionelle Talmud-Studium mit der modernen Kultur (Funk, 1983, 38f). Nachdem Fromm 1918 das Abitur machte, studierte er zunachst Rechtswissenschaften in Frankfurt wechselt dann aber nach Heidelberg urn Soziologie, Psychologie und Philosophie zu studieren. 1922 promovierte er bei Alfred Weber, seine Dissertation trug den Titel: Das judische Gesetz. Ein Beitrag zur Soziologie des Diasporajudentums.

Den Zugang zur Psychoanalyse fand Fromm durch Frida Reichmann, die 1924 ein „Therapeutikum" eroffnete, in dem die freudsche Psychoanalyse praktiziert wurde. Daraufhin machte Fromm seine erste Psychoanalyse bei Reichmann, anschlieGend bei anderen Psychoanalytikern. 1929/30 schloss Fromm seine psychoanalytische Ausbildung am Berliner Institut ab. Im Anschluss eroffnete er in Berlin eine eigene Praxis. Da Fromm die Psychologie und die Soziologie, also das Individuelle und das Gesellschaftliche in einer eigenstandigen analytischen Sozialpsychologie verband, und diesbezliglichen Fragestellungen nachging, kam er ins Institut fur Sozialforschung in Frankfurt. 1934 Siedelte Fromm nach New York urn und verfolgte seine Tatigkeit am dortigen Institut fur Sozialforschung weiter, auGerdem eroffnete er gleichzeitig eine neue Praxis als Psychoanalytiker (Funk, 1983, 49ff). Wahrend Fromm seiner Arbeit nachging, bereitete es ihm jedoch Schwierigkeiten fur seinen sozialpsychologisch-analytischen Ansatz Verstandnis zu finden, aufgrund seiner Kritik an Freuds Libidotheorie (Funk, 1983, 95). Infolgedessen beendete Fromm 1938 seine Mitarbeit am Institut. Von 1940 bis 1941 dozierte Fromm an der Columbia University. Zudem unterstiitze er in dieser Zeit die Grundung des William Alanson White Institut of Psychiatry, Psychoanalysis and Psychologie, was ebenfalls eine Dozentur miteinschloss. Aufgrund einer Erkrankung an der Fromms zweite Frau lift, erfolgte 1949 ein spontaner Umzug nach Mexico. Doch die Aktivitaten am William Alanson White Institut gab Fromm nicht auf. So hielt Fromm an zahlreichen amerikanischen Universitaten, Colleges und Instituten Gastvorlesungen und auch in Mexico ergaben sich verschiedene Lehrtatigkeiten. 1950 erhielt Fromm eine Professur an der Medizinischen Fakultat der Nationalen Autonomen Universitat von Mexico und ubte diese Tatigkeit bis 1965 aus. In dieser Zeit grundete Fromm innerhalb der Copilco-Universitat das Mexikanische Psychoanalytische Institut. In Mexico ubte Fromm eher seine Aktivitaten als Psychoanalytiker und Sozialpsychologe aus, wahrend sich er zur gleichen Zeit in den Vereinigten Staaten als Gesellschaftskritiker und Gesellschaftspolitiker engagierte (Funk, 1983,95ff). Insgesamt lebte Fromm uber 25 Jahre in Mexico, bis er 1974 entschied seinen Lebensabend im Tessin zu verbringen. Infolge mehrere Herzinfarkte, starb Fromm am 18. Marz 1980.

1.2 Amartya Sen

Amartya Sen wurde 1933 in Santiniketan in Westbengalen geboren. Seine Schulausbildung erhielt Sen an der Tagore-Schule, wo die Grundlangen seiner heutigen Haltung gebildet wurde. Denn die Schule war recht fortschrittlich, wobei der Schwerpunkt der Ausbildung nicht nur auf das kulturelle, analytische und wissenschaftliche Erbe Indiens gerichtet war, sondern von einer kulturellen Vielfalt durchzogen war. Die zwei wichtigsten Erfahrungen mit sozialer Ungerechtigkeit, die Sen bereits in jungen Jahren pragten, erlebte er allerdings nicht unmittelbar im Unterricht. Eine dieser Erfahrungen fand wahrend den gewalttatigen Auseinandersetzungen zwischen den in Indien lebenden Hindus und Moslems statt, wo Sen Zeuge der direkten gewalttatigen Auseinandersetzungen wurde. Eine weitere bleibende Erinnerung ist die umfassende Hungersnot 1943 in Bengal, die mehrere Millionen Menschen das Leben kostete. Dabei konnte Sen in seiner direkten Umgebung keine Anzeichen der Katastrophe erkennen, da nur die untersten Schichten der Gesellschaft betroffen waren.

Nach seiner Schulausbildung in Santiniketan studiert Sen von 1951 bis 1953 Wirtschaftswissenschaften am Presidency College in Kalkutta. Wahrenddessen erwacht sein Interesse fur okonomische Ungleichheit, Wohlfahrtsokonomik und Armut, auch demokratische und rationale Auswahlverfahren gaben ihm Anlass zum Nachdenken. Um sein Studium zu vertiefen wurde Sen Student am Trinity College Cambrige und erwarb dort einen zweiten Bachelor- Abschluss in reiner Okonomie. Er promovierte mit einer Arbeit zum Technikwahlproblem. AnschlieBen kehrt er fur kurze Zeit nach Kalkutta zurlick, um das Angebot eines Lehrstuhls fur Okonomie an der neu gegrlindeten Jadavpur Universitat anzunehmen. Doch er erhalt auch ein Stipendium in Cambrige, und so entscheidet sich Sen fur das Studium der Logik, Epistemologie und politischen Philosophie. Ab 1963 ubernimmt Sen zunachst einen Lehrstuhl an der Delhi School of Economics, bis er 1971 eine Lehrtatigkeit an der London School of Economics ubernimmt. Sen bleibt vorerst in GroGbritannien und hat von 1977 bis 1987 eine Professur in Oxford inne und wird Mitglied des All Souls College. 1987 verlasst er England um an der Harvard Universitat zu lehren. Dort wird er sowohl Mitglied des Economics Department als auch des Philosophy Department. Nachdem Sen 1998 noch einmal nach Cambrige zurlickkehrt, um als "Master of Trinity College", sechs Jahre tatig zu sein, geht er 2004 an die Harvard Universitat zurlick, wo er bis heute seinen zweifachen Lehrstuhl vertritt. Besondere Anerkennung fur seine Wissenschaftliche Arbeit kam Sen im Jahre 1998 zu, als er vorwiegend fur seine Beitrage zur Wohlfahrtsokonomik und der „Social Choice" Theorie, den Nobelpreis fur Wirtschaftswissenschaften erhielt (Sen, 1998).

1.3 Ulrich Thielemann

Ulrich Thielemann wird 1961 in Remscheid geboren. Bereits wahrend der Schulzeit macht er sich Gedanken uber die Marktwirtschaft, wobei ihn die Intuition beschlich, „dass der Markt kein hinreichendes Konzept fur die Losung aller gesellschaftlichen Probleme sein kann" (Tiehlemann, 2010). Er entschied sich fur ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Bergischen Universitat Wuppertal. Von 1982 bis 1988 beschaftigte er sich innerhalb seines Studiums mit Watzlawik und Habermas im Rahmen der Volkswirtschaftslehre und mit Konzepten einer kritischen Betriebswirtschaftslehre. An der Universitat in Wuppertal traf Thielemann auf Peter Ulrich, der die Managementlehre mit einer bkonomismuskritischen Perspektive verband. Als Ulrich nach St. Gallen auf einen Lehrstuhl fur Wirtschaftsethik abberufen wurde, folgt Thielemann ihm unmittelbar nach seinem Abschluss als Diplom-Okonom. In St. Gallen konnte Thielemann, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut fur Wirtschaftsethik an der Universitat St. Gallen, seiner Intuition systematisch auf den Grund gehen. Von 1992 bis 1996 konzentrierte er sich auf seine Dissertation Das Prinzip Markt, anschlieBend folgte die Promotion zum Dr. der Okonomie (HSG, 2010). In seiner Promotionsarbeit befand er, „dass ein zum Prinzip erhobener Markt auf eine „Ethik" des Rechts des Starkeren hinauslauft" (Thielemann, 2010).

Von 2001 bis 2010 war Thielemann als Vizedirektor des Institutes fur Wirtschaftsethik der Universitat St.Gallen tatig, innerhalb dieser Zeit war er zudem auch Lehrbeauftragter fur Philosophie und Wirtschaftsethik. 2008 schloss Thielemann sein Habilitationsmanuskript, Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept ab. Im Jahr darauf wurde Thielemann nach einer Flut von Kritik von dem Rektor der Universitat St. Gallen gerligt, weil er vor dem Finanzausschuss des deutschen Bundestags die Steuerhinterziehung und das Bankgeheimnis der Schweiz scharf in die Kritik nahm (NZZ, 2010). Seit 2010 ist Thielemann mit dem Aufbau eines wirtschaftsethischen Think Tanks in Berlin beschaftigt (HSG, 2010).

2. Charakteristiken einer modernen Gesellschaft

Fallt der Blick zurlick in die tiefe Vergangenheit der Menschheit, als der Mensch aus dem Gefuge der Verbundenheit mit der Natur heraustrat und sich selbst als eine von der Natur und seinen Mitmenschen losgeloste GroGe begriff, beginnt die Historie des Menschen als eines gesellschaftlichen Wesens. Erst nach langen, ambivalenten Geschichtsperioden beginnt schlieGlich der Prozess der starkeren Loslosung des Individuums von seinen ursprunglichen Bindungen. Doch auch heute noch ist der Einzelne durch die Natur und die Gesellschaft, aus der er hervorgegangen ist, gepragt und von ihnen abhangig (Fromm, 1941, 24). Meist ist in wissenschaftlichen Texten oder auch in der gewohnlichen Regenbogenpresse von einer „modernen Gesellschaft" die Rede. Doch wodurch zeichnet sich eine moderne Gesellschaft eigentlich aus? Und damit meine ich nicht nur die bezeichnenden Institutionen, sondern auch die Charakterstrukturen der Menschen, die in einer solchen modernen Gesellschaft leben.

Was die Herkunft der einzelnen Worter betrifft, wurde das Adjektiv „modern" Anfang des 18. Jahrhunderts aus dem franzosischen moderne „neu: modern" entdeckt und hat seinen Ursprung im lateinischen modernus „neu, neuzeitlich". Dabei wurde modern anfanglich eher der lateinischen Bedeutung nach gebraucht, was zugleich heiBt, dass modern im Gegensatz zu antik steht. Dies zeigt auch das Substantiv Moderne „neue, neuste Zeit; moderner Zeitgeist; moderne Kunstrichtung" (Duden, 2007, 535). Die Herkunft der „Gesellschaft" lasst sich uber den Gesellen erklaren und ist auf das deutsche Sprachgebiet beschrankt. Der Geselle ist eine Kollektivbildung zu dem Substantiv Saal und bedeutet eigentlich „ der mit jemandem denselben Saal teilt". Aber auch der Gefahrte Oder Freund ist mit Geselle gemeint, somit wird unter Gesellschaft die „ Vereinigung mehrerer Gefahrten; freund schaftliches Beisammensein; ...; Handelsgenossenschaft" verstanden. Seit dem 15. Jahrhundert wird das Wort Gesellschaft auch auf die soziale Ordnung der Menschheit bezogen (Duden, 2007, 272).

Daflir dass das Wort modern eine junge, neue Erscheinung unterstreichen soil, ist festzustellen, dass Zeit relativ zu betrachten ist. Vor allem in Betrachtung dessen wie schnelllebig uns die heutige Zeit erscheint, besonders in der Welt des Konsums. Insbesondere technische Neuerungen reihen sich unglaublich schnell aneinander. Was heute auf dem neusten Stand und beliebt ist, ist morgen schon wieder veraltet, und unpopular.

Urn also den zusammenhangenden Begriff moderne Gesellschaft als eine Art Situationsbeschreibung fur das Hier und Jetzt zu verstehen, mochte ich die Ausarbeitungen Antony Giddens^ aus seinem Werk Konsequenzen der Moderne (1990) heranziehen. Antony Giddens ist der Ansicht, dass wir Menschen in einer durch die Institutionen der Moderne charakterisierten Gesellschaft leben. Damit sind wir nicht uber die Moderne hinausgegangen, stattdessen erleben wir gerade ihre Radikalisierung. Urn die konstitutiven Merkmale der modernen Gesellschaft zu nennen, sind die Bestandteile neben einer industriell-kapitalistischen Wirtschaft, eine demokratische Grundordnung, sowie wissenschaftliche und technologische Instanzen. Im Unterschied zu den Gesellschaften frliherer Zeiten ist die Gegenwartsgesellschaft durch die hohere Geschwindigkeit und die groGere Reichweite ihres Wandels gekennzeichnet, was zur Folge hat, dass sich die modernen Institutionen uber die ganze Wellt ausgebreitet und durchgesetzt haben.

Nach Giddens sind fur die gegenwartige Dynamik drei fundamentale Veranderungen verantwortlich. Zum einen sind durch die raumzeitliche AbstandsvergroBerung soziale Interaktionen nicht mehr zwangslaufig an gemeinsame raumliche und zeitliche Bedingungen festgemacht. In Verbindung damit stent zweitens die Entstehung von Einbettungsmechanismen, welche bestimmte soziale, gesellschaftliche Handlungen aus den ehemals ortsgebundenen Verkettungen exponiert und uber groGere raumliche Entfernungen hinweg ermoglicht haben. Der Alltag des Menschen wird von Vorgangen, die sich in groGer Feme ereignen gepragt und ist somit aus seiner lokalen „Einbettung" herausgelost. Durch das Verhalten jedes Einzelnen, entstehen Veranderungen von bedeutender Reichweite. An die Position von unreflektierten Traditionen, die fur den Zusammenhalt vormoderner Gesellschaften verantwortlich waren, tritt drittens die reflexive Aneignung von Wissen. Hinsichtlich des Liberflutenden Angebots von Informationen, Dienstleistungen und Konsumgutern bleibt den Menschen nichts anderes Librig, als die wachsende Zahl an Optionen in experimenteller Vorgehensweise in den Alltag zu integrieren. So ist jeder Einzelne damit beauftragt, sein Leben kontinuierlich auf sich standig verandernde Situationen einzustellen, urn seine sozialen Beziehungen neu zu ordnen (Giddens, 1990, 20ff). Das Leben richtet sich aufgrund der Modernitatsbedingungen, nicht mehr nach traditionellen Bezugspunkten. Insbesondere die Natur ist davon betroffen, da sie immer weiter ihres Wesens beraubt und immer weiter umgestaltet wird urn dem Menschen bestmoglich von Nutzen zu sein. Diese Umformungen sind unwiderruflich und somit sind wir „hergestellten Unsicherheiten" schutzlos ausgeliefert und so muss jeder fur sich selbst Sinn und Stabilitat im Leben finden. Damit alltagliche Vorgange funktionieren, ist das Vertrauen in das komplexe Handlungs- und Beziehungsgeflecht der modernen Gesellschaft unausweichlich (Giddens, 1990, 102ff). An die Stelle von traditionsbasierten und ortsgebundenen Inhalten von Handlungen treten nicht-ortsgebundene Expertensysteme, die durch ihr universal anwendbares Wissen gekennzeichnet sind. Auch wenn ein natlirliches Vertrauen in bewahrte Dinge aller Wahrscheinlichkeit nach nicht taglich erschlittert wird, wie beispielsweise die Energieversorgung, so sind wir dennoch auf die Expertensysteme angewiesen und dazu angehalten ihnen zu vertrauen, gleichgultig ob wir dies bewusst Oder unbewusst tun. Ungeachtet dessen sind wir vor den Gefahren des Lebens nie vollends abgeschirmt.

Paradoxerweise stellt Giddens fest, dass der Mensch die Kontrolle uber die Dinge durch die Herrschaft uber sie verloren hat (Giddens, 1990, 179ff). Bereits Jahre zuvor vertritt Fromm eine ahnliche Sicht der Dinge und sagt, dass „die Entfremdung in unserer modernen Gesellschaft" fast total ist, da der Mensch „eine komplizierte Gesellschaftsmaschinerie zur Bedienung des von ihm gebauten technischen Apparats geschaffen" hat. Sobald jedoch die vom Menschen geschaffenen Krafte groGer und machtiger werden, fuhlt er sich ohnmachtig in seinem Wesen (Fromm, 1960, 123). Nach Giddens Ansicht ist es unmoglich das soziale Leben zu kontrollieren, weil Planungs- und Bedienungsfehler von Menschen unvermeidbar sind. Deshalb sollte im Interesse der gesamten Menschheit die Zielsetzung eine Minimierung der von der Moderne ausgehenden Gefahren sein und der sture Blick nicht auf einen weiteren Wandel gerichtet sein (Giddens, 1990, 187ff).

Auch Fromm stellt interessante Uberlegungen uber die Auspragungen der modernen Gesellschaft an, die zu einem groBen Teil in seinem Werk Wege aus einer kranken Gesellschaft zu finden sind. Dabei kommt Fromm bei der Anwendung der freudschen Erkenntnisse auf gesellschaftliche GroGen zu einem neuen psychoanalytischen Erklarungsansatz, bei dem der Mensch als Bezogenheitswesen gesehen wird (Funk, 2000, 21).

In seinen Ausformulierungen beschaftigt sich Fromm mit der mangelnden psychischen Gesundheit einer ganzen Gesellschaft, wobei die Annahme im Gegensatz zu dem soziologischen Relativismus der derzeitigen Sozialwissenschaftlern steht. Diese setzen voraus, dass eine Gesellschaft solange sie funktioniert auch normal ist und nur, wenn der Einzelne sich mangelhaft an die Lebensweise seiner Gesellschaft anpasst, von Krankheit zu sprechen ist. Urn festzustellen, ob es eine kranke Gesellschaft als solche geben kann, muss es laut Fromm universale Kriterien fur psychische Gesundheit geben, die fur die Menschen als solche von Bedeutung sind und somit auch fur den Gesundheitszustand einer jeden Gesellschaft gelten. Entwickelt sich der Mensch entsprechend den Gesetzen der menschlichen Natur und den charakterlichen Eigenschaften, kommt eine seelische Gesundheit zustande. Scheitert diese Entwicklung, kommt es zur psychischen Erkrankung. Damit ist die Grundvoraussetzung fur die seelische Gesundheit fur alle Menschen gliltig und liegt nicht in der jeweiligen Anpassung des Einzelnen an eine bestimmte Gesellschaft.

In der Betrachtung des seelischen Zustandes der einzelnen Personen innerhalb einer Gesellschaft, wird die allgemeine Konformitat uber die Gultigkeit ihrer Vorstellungen falsch interpretiert. Das heiBt, nur weil Millionen von Menschen, den gleichen Irrtumern erliegen, werden diese Irrtumer nicht zu Wahrheiten. Folglich ist die Tatsache, dass Millionen von Menschen die gleichen psychischen Stbrungen aufweisen kein Anzeichen dafur, dass die Menschen psychisch gesund sind. Bei psychischen Erkrankungen an sich ist allerdings zwischen einer individuellen psychischen Erkrankung, einer Neurose und dem Begriff des Defektes, der sich auf die Gesellschaft bezieht zu unterscheiden. Vorausgesetzt, Freiheit und Spontanitat zu erlangen und sein Selbst unmittelbar zum Ausdruck zu bringen, sind allgemein gultige Ziele, die ein Mensch erreichen sollte, so liegt bei einem Scheitern die Annahme nahe, dass der Mensch unter einem schweren Defekt leidet (Fromm, 1960, 20ff). Schlagt die Erreichung der Ziele bei der Mehrheit der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft fehl, spricht Fromm (I960, 23) von „dem Phanomen eines gesellschaftlich ausgepragten Defekts". Des Weiteren wird der Defekt dadurch, dass er weit verbreitet ist, nicht als ein solcher empfunden, sondern er vermittelt ein Gefuhl der Zusammengehorigkeit, urn das, was an echtem innerem Reichtum fehlt, zu kompensieren. Vielmehr kann sogar der gemeinsame Defekt von der jeweiligen Kultur moglicherweise zur Tugend erhoben werden, und so das Gefuhl etwas zu leisten, verstarken (Fromm, 1960, 23f).

Urn die Eigenschaften einer modernen Gesellschaft zu skizzieren, mochte ich den „Gesellschafts-Charakter" naher beschreiben, da die Auswirkungen dieses Pragungsvorgangs fur die Situation einer Gesellschaft von Bedeutung sind. Freud nimmt in seiner Triebtheorie an, dass die Triebe, die gesellschaftliche Handlungen motivieren, Sublimierungen der sexuellen Instinkte sind. Fromm versucht in seinem Erklarungsmodell zu zeigen, dass diese Triebe Produkte des gesellschaftlichen Prozesses sind, respektive Reaktionen auf bestimmte Konstellationen, unter denen der Mensch seine Instinkte befriedigen muss. Wahrend die naturlichen Faktoren, wie Durst, Hunger und Sexualitat sowohl beim Menschen als auch beim Tier gleich sind, sind die zu vor genannten Triebe spezifisch menschliche Produkte und nicht biologisch, sondern aus der gesellschaftlichen Lebenspraxis heraus zu verstehen (Fromm, 1992e 1937, GA XI, S. 129-175; zit. in Funk, 2000, 25).

Somit unterscheidet Fromm zwischen „natural gegebenen physiologischen Trieben" und „historisch, sich im gesellschaftlichen Prozess entwickelnden psychischen Impulsen", was ihm ermoglicht die psychische Struktur als durch die Umwelt gepragt zu verstehen (Fromm, 1992e 1937, GA XI, S. 152; zit. in Funk, 2000, 28). Die Uberwindung der Triebtheorie ist der ausschlaggebende Punkt fur die weitere Betrachtung des Menschen als Bezogenheitswesen und urn den Gesellschafts-Charakter als Auspragung der Gesellschaft nachzuvollziehen. Eine Gesellschaft besteht aus lebendigen, fassbaren Individuen und das Individuum kann nur als vergesellschaftetes Einzelwesen leben (Fromm, 1992e 1937, GA XI, S. 163; zit. in Funk, 2000, 29).

Die Gesellschaft wiederum kann nur existieren, wenn sie sich im Rahmen ihrer speziellen Strukturen bewegt. Dadurch ist die Lebenspraxis des Einzelnen, durch die der Gesellschaft bedingt und schlieGlich auch dadurch, wie diese Gesellschaft organisiert ist. Damit die Bedlirfnisse derjenigen erfullt werden, die Teil dieser Gesellschaft sind. Die Mitglieder der Gesellschaft mussen sich also so verhalten, wie es das Gesellschaftssystem erfordert. Es gibt unterschiedliche Bedingungen, die auf die Gesellschaft einwirken, dazu gehoren beispielsweise die geographischen Faktoren samt Klima und die Bevolkerungsdichte, die politischen Faktoren sowie kulturelle Traditionen, die Produktions- und Verteilungsmethoden. Da die vielfaltigen Gesellschaften unterschiedliche Lebensweisen haben und unterschiedlich organisiert sind, werden diverse, fur die jeweilige Gesellschaft typische Charakterstrukturen herausgebildet (Fromm, 1960, 82ff). Unter dem Begriff Gesellschafts-Charakter versteht Fromm den Kern der Charakterstruktur, den die meisten Personen derselben Kultur gemein haben. Der individuelle Charakter bezeichnet dagegen die Unterschiede der Menschen, die derselben Kultur angehoren. Doch Fromm mochte den Gesellschafts-Charakter nicht statistisch ergrunden. Ihm geht es vielmehr urn seine Funktion und diese sieht er allgemein in dem fortbestehen der Gesellschaft. Genauer formuliert, bringt der Gesellschafts-Charakter die Energien der Einzelnen in eine solche Form, dass das Verhalten nach keiner bewussten Entscheidung hinsichtlich des gesellschaftlichen Modells verlangt. Stattdessen will der Einzelne so handeln, wie er muss, damit die Gesellschaft auch weiterhin funktioniert. Urn das am Beispiel der modernen Industriegesellschaft zu verdeutlichen, musste zur Notwendigkeit, des effizienten Arbeitens, der innere Trieb zur Erreichung der Ziele umgewandelt werden. Daflir musste die Gesellschaft einen Gesellschafts-Charakter schaffen, dem dieser Drang zum effizienten arbeiten innewohnten. Da das starkste Motiv des Menschen die Uberlebenssicherung ist und nicht das Verlangen nach materiellem Gewinn, kann der Einzelne sich erst nach Sicherstellung des eigenen Uberlebens, um die Befriedigung weiterer Bedlirfnisse bemlihen. Dabei lasst es sich nicht vermeiden, dass der Mensch um zum Uberleben produzieren muss. Neben der notwendigen Nahrung und einem schlitzenden Obdach, werden selbst fur bruchstlickhafte Produktionsprozesse Werkzeuge benotigt. Wie produziert wird und wie die Lebensweise und Lebenspraxis bestimmt ist, hangt von den sozialen Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft ab (Fromm, 1960, 81ff). Um den gesamten gesellschaftlichen Prozess verstehen und untersuchen zu konnen, ist neben der wahrhaftigen Situation des Menschen und den physiologischen sowie den psychologischen Eigenschaften, die Wechselbeziehung zwischen den spezifisch auGeren Bedingungen und der Natur des Menschen zu nennen. Denn in der menschlichen Natur sind Bedlirfnisse wie das Streben nach Harmonie, Gluck, Liebe und Freiheit verankert (Fromm, 1960, 84ff). Doch wie wird unter Betrachtung der einzelnen Bedingungen dann der Gesellschafts-Charakter genau gebildet? Tatsachlich besteht zwischen den Faktoren, die fur die speziellen Inhalte des Gesellschafts-Charakters verantwortlich sind und den Methoden, wie der Gesellschafts-Charakter gebildet wird, ein Unterschied. Fromm nimmt an, dass die Gesellschaftsstruktur und die Funktion des Individuums innerhalb dieser Struktur, den Inhalt des Gesellschafts-Charakters definiert. Wahrend die Methode, wie der Gesellschafts-Charakter gebildet wird, die Familie als Institution ubernimmt, und zwar mit der Aufgabe dem heranwachsenden Kind die gesellschaftlichen Erfordernisse zu ubermitteln. Dabei spielt die Beeinflussung durch den Charakter der Eltern auf das Kind eine groGere Rolle als die angewandte Erziehungsmethode, weil im Charakter der Eltern der Gesellschafts-Charakter zur Geltung kommt (Fromm, 1960, 84ff). Dadurch vermitteln die Eltern, „die wesentlichen Zlige der gesellschaftlich wunschenswerten Charakterstruktur" (Fromm, 1960, 85). Desweitern wird der Charakter des Kindes durch die Jewells ublichen Methoden der Kindererziehung in die gesellschaftsgeeignete Form gebracht. Doch uber die verschiedenen Methoden und Techniken der Kindererziehung lasst sich der Gesellschafts-Charakter nicht erklaren, ihre Bedeutung liegt in der Funktion als Ubermittlungsmechanismus. Dabei ist zu berlicksichtigen, dass die jeweilige Gesellschaftsstruktur die erstrebenswerte Charakterstruktur bestimmt (Fromm, 1960, 85).

Fromms Theorie einer kranken Gesellschaft, findet sich in den heutigen Untersuchen uber berufsbedingten Stress wieder. Von gesellschaftlichen Veranderungen und dem wachsenden Druck in der Arbeitswelt sind immer mehr Menschen betroffen. Einem Spiegelartikel (2011) zu Folge erklart die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den beruflichen Stress zu einer der groGten Gefahren des 21. Jahrhunderts. Psychische Storungen wie beispielsweise Erschopfungssyndrom, Depression und Anpassungsstorung werden zu psychischen Volksleiden. Experten haben fur jede Weltregion die Belastungen durch liber hundert Krankheiten untersucht, mit dem Ergebnis, dass die Depression, bedingt durch verlorene Lebensqualitat, insbesondere in den reichen Landern die hochste Krankheitslast verursacht. Bedingt durch die Ausbreitung, konnte bereits 2030 die Depression, vor Herz-Kreislauf-Storungen und Aids die weltweit groBte Ursache von Krankheitslasten sein. In Deutschland leidet, so der Spiegel (2011) jeder dritte innerhalb eines Jahres an einer psychischen Storung. Damit verdoppelt sich fast die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Belastungen.

3. Freiheit

Innerhalb der Entwicklung moderner Gesellschaften wurde viel um die Freiheit gekampft, sei es, um sich von geistigen, religiosen, politischen oder wirtschaftlichen Ketten zu befreien, oder sei es, dass sich der Kampf auf einer individuellen Entwicklungsebene abspielte. International betrachtet haben verschiedene Gesellschaften so manchen Kampf um die Freiheit, noch vor sich, oder er wird aktuell ausgefochten. So haben die Unterdrlickten gegen diejenigen um ihre Freiheit gekampft, die ihre Privilegien verteidigen wollen, mit dem Glauben fur die menschliche Freiheit als solche zu kampfen. In der gesellschaftlichen Entwicklung haben sich viele Philosophen, Soziologen, Psychoanalytiker und viele mehr mit dem Freiheitsbegriff und dem Zustand der Autonomie beschaftigt. Demzufolge hat sich eine Vielzahl Definitionen zum Freiheitsbegriff entwickelt, wobei die Uberlegungen ein groGes Gebiet des menschlichen Daseins abdecken mlissen.

Die Freiheit in der modernen Gesellschaft ist wohl ein Gut, dass von den Menschen innerhalb der Gesellschaft als naturlich vorausgesetzt wird.

Doch betrachtet man die Weltgesellschaft in seiner Ganze, scheint Freiheit eher ein Privileg zu sein. Selbst in modernen Gesellschaften kann der Schein von einer umfassenden Freiheit trligen.

Um den Freiheitsbegriff naher zu erlautern mochte ich mich nicht allgemein auf eine Definition von Freiheit beziehen. Allumfassende Definitionen wurden an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Daher werde ich keinen weitreichenden, geschichtlichen Ruckblick zum Thema Freiheit vornehmen. Stattdessen beschaftige ich mich eher mit dem Freiheitsbegriff, der dem heutigen Verstandnis zugrunde liegt und im Zeitalter der Aufklarung entwickelt wurde. Dabei mochte ich den Freiheitsbezug des Individuums innerhalb einer modernen Gesellschaft anhand der Theorien von Erich Fromm, Armatya Sen und Ulrich Thielemann beschreiben. Aber auch wie Freiheit unter den Bedingungen politischer und wirtschaftlicher Einflusse zu betrachten ist und welche Auswirkungen diese Einflusse auf die Freiheit haben konnen.

3.1 Freiheit in der modernen Gesellschaft

Nachdem der Mensch sich seiner selbst innerhalb der Natur bewusst wurde, begann ein Prozess, in dem sich das Individuum immer starker von seinen ursprlinglichen Bindungen losloste, den Fromm (1941, 24) als individuation" bezeichnet. Dieser Prozess gehort zu der lebensgeschichtlichen Entwicklung jedes Einzelnen und orientiert sich nicht an einer bestimmten Zeitspanne. Solange zwischen dem Einzelnen und der AuGenwelt noch eine bezeichnende Verbindung besteht, ist der Einzelne nicht frei und der Prozess der Individuation zur volligen Loslosung ist noch nicht vollendet. Jene „primaren Bindungen" sind Bestandteil der normalen menschlichen Entwicklung, wie beispielsweise die Verbindung von Mutter und Kind. Dabei vermitteln diese Bindungen Orientierung und Sicherheit, aber schlieGen auch einen Mangel an Individualist mit ein. Im Hinblick auf den Individuationsprozess des Einzelnen fordert die Erziehung die allgemeine Entwicklung. Dabei lernt das Kind durch die eigene Aktivitat, sich selbst und die Welt auGerhalb kennen. Wahrend das Kind heranwachst und sich von seinen primaren Bindungen lost, erwachst der Wunsch nach Freiheit und Unabhangigkeit. Innerhalb des fortschreitenden Individualisierungsprozesses und dem Schicksal des Suchens nach Freiheit sind zwei Aspekte von tieferer Bedeutung (Fromm, 1941, 24ff). Zum einen entsteht durch die geistige, korperliche und seelische Entwicklung eine organisierte Struktur, die von dem Willen und der Vernunft des Einzelnen gelenkt wird. Fromm bezeichnet dieses organisierte und integrierte Ganze der Personlichkeit als das Selbst. Damit ist „die eine Seite des Wachstumsprozesses der Individuation das Wachstum der Starke des Selbst" (Fromm, 1941, 26). Jedoch ist das Wachstum der Individuation zum Teil durch individuelle Bedingungen, hauptsachlich aber durch die gesellschaftlichen Umstande eingeschrankt. Damit kann der Einzelne nicht uber ein gewisses Individuationsniveau, welsches jede Gesellschaft kennzeichnet, hinausgelangen (Fromm, 1941, 26).

Daraus lasst sich schlieGen, dass nicht jedes Individuum die gleichen Chancen hat seine Lebensfuhrung frei zu wahlen. So ist laut Sen (2009, 255), ein Aspekt der Lebensqualitat, die Freiheit besitzen zu konnen, die Art und Weise des Lebens selbst zu bestimmen. Wie eng Chancen und Freiheit verbunden sind, macht Sen anhand von zwei Argumenten deutlich. Demnach bedeutet erstens, mehr Freiheit auch mehr Chancen die individuellen Ziele im Leben zu verfolgen. Die Freiheit, beziehungsweise die Chancen sind also ausschlaggebend fur das Treffen von Entscheidungen im Leben und welche Ziele verfolgt werden, jedoch gibt das keine Auskunft dariiber, welcher Weg zum Ziel fuhrt. Denn nach Sen steht zweitens dem Entscheidungsprozess auch eine Bedeutung zu. Gemeint ist damit, dass wir beispielsweise nicht durch das Ausuben von Druck eines Anderen, in eine Lebenslage gezwungen werden, auch wenn das Endergebnis dem entspricht, woflir sich eine Person selbst entschieden hat (2009, 256ff). Sen (2009, 257) unterscheidet deswegen zwischen „einfachem Ergebnis" und „umfassenden Ergebnis" und betrachtet daraufnin den Chancenaspekt der Freiheit. Entweder richtet sich der Chancenaspekt lediglich danach, wie sich eine Person am Ende entscheidet, das heiGt Wahlfreiheit und andere Optionen werden nicht miteinbezogen. Oder der Chancenaspekt wird hinsichtlich der „umfassenden Ergebnisse" betrachtet, dann spielt es auch eine Rolle wie eine Person zu ihrer Entscheidung kommt, ob freiwillig oder unter Zwang. Die Frage dabei ist, ob alle Alternativen die im Rahmen des tatsachlichen Vermogens einer Person zur Verfligung stehen mit berlicksichtigt werden (Sen, 2009, 257f). Welche Bedeutung der Entscheidungsprozess der Individuen einer modernen Gesellschaft hat, wird in einem spateren Abschnitt verdeutlicht.

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1 Das Beben anderte die Masseverteilung der Erde leicht und beschleunigte so die Rotation der Erde. Ein Tag ist jetzt um 1,8 Mikrosekunden kurzer (Spiegel-online, 2011).

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Freiheit und Sachzwang in der modernen Gesellschaft. Zu denTheorien von Erich Fromm, Amartya Sen und Ulrich Thielemann
Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
65
Katalognummer
V588077
ISBN (eBook)
9783346191168
ISBN (Buch)
9783346191175
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freiheit, Sachzwang, Erich Fromm, Marktmechanismus, Individualisierung
Arbeit zitieren
Britta Tümmers (Autor), 2011, Freiheit und Sachzwang in der modernen Gesellschaft. Zu denTheorien von Erich Fromm, Amartya Sen und Ulrich Thielemann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/588077

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