Angststörungen in der Schule. Diagnose und Umgang damit


Seminararbeit, 2006

18 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Psychologische Konzepte von Angst
2.1. Behaviorale Modelle
2.1.1 Klassische Konditionierung
2.1.2 Operante Konditionierung
2.1.3 Anwendung behavioristischer Modelle
auf Angsterkrankungen
2.2. Kognitive Modelle
2.3 Psychoanalyse

3. Diagnostische Klassifikationssysteme
3.1 Trennungsangst
3.2 Phobische Störungen des Kindesalters
3.3 Soziale Ängstlichkeit
3.4 Soziale Phobie
3.5 Generalisierte Angststörung
3.6 Panikattacke und Agoraphobie
3.7 Akute Belastungsstörung
3.8 Posttraumatische Belastungsstörung

4. Epidemiologie, Verlauf und Nosologie
4.1 Epidemiologie
4.2. Verlauf
4.3 Nosologie

5. Schulangst

6. Schluss

Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Angststörungen. Sie tut dies aus der pädagogischen Perspektive. Das meint in erster Linie, dass Angststörungen von Kindern und Jugendlichen im Fokus der Betrachtung stehen und dass der soziale Interaktionsraum, auf den die hier angestellten Überlegungen angewandt werden sollen, die Schule ist.

Es ist ein oft beklagter Umstand, dass die Prävention oder die Früherkennung, die gerade bei psychischen Erkrankungen oft von großer Bedeutung für die Therapieprognose sein kann, stark vernachlässigt wird. Die Schule ist ein Ort an dem dieses Defizit verringert werden könnte, unter der Voraussetzung, dass das Lehrpersonal sich ein fundamentales Wissen aneignet und mit einer neuen Sensibilität auf die psychische Konstitution der Schüler achtet.

Diese Arbeit sieht ihre Aufgabe nun darin, dazu beizutragen, dass diese Wissensbasis geschaffen wird, indem Erkenntnisse aus der Psychologie für den Pädagogen aufbereitet werden. Zu diesem Zweck scheint es angebracht vor allem diagnostische Kompetenzen zu schulen. Neben der Kenntnis der Symptome, erscheint aber auch eine grobe Vorstellung über die Wirkmechanismen von Angst unverzichtbar, um in positiver Weise auf etwaige Phänomene im Schulalltag reagieren zu können. So wird ein erster Teil der Arbeit Grundkenntnisse über die gängigen Modelle von Angst und ihre Funktionsweise vermitteln, ein zweiter Teil ausführlicher die verschiedenen Störungen beschreibend abzugrenzen und symptomatisch fassbar zu machen versuchen. Ein dritter Teil wird einen knappen Exkurs zur sogenannten Schul- bzw. Prüfungsangst unternehmen, die ganz eindeutig in der Schule verortet ist und einige Überlegungen dazu auf Grund des bis dahin vorgetragenen anstellen.

Es soll darauf geachtet werden, immer wieder einen schulischen Bezug herzustellen, die Anwendung bzw. den Übertrag vom Abstrakten zum Konkreten mitzudenken. Allgemein ist ein pragmatischer Umgang mit den Informationen angestrebt, so dass bewusst auf problematische oder fachspezifische Termini verzichtet wurde, diese im mindesten weitgehend reduziert oder erklärt werden.

2. Psychologische Konzepte von Angst

2.1. Behaviorale Modelle

Das erfolgreichste therapeutische Interventionsverfahren bei Angsterkrankungen, die Verhaltenstherapie, beruht auf grundlegenden Erkenntnissen der Lernpsychologie. Sie fasst Angst als eine Reaktion auf einen aversiven, also bestrafenden Reiz auf und damit letztlich als eine gewöhnliche Lernleistung. Der Mechanismus, dem diese Reaktion wie jedes andere Verhalten unterliegt, kann mit den Modellen der Klassischen bzw. der Operanten Konditionierung beschrieben werden.[1]

2.1.1 Klassische Konditionierung

Bei der Klassischen Konditionierung findet eine Verknüpfung von einem neutralen oder unbedingten Reiz mit einem bedingten Stimulus statt, bis der neutrale Reiz soweit soweit „aufgeladen“ ist, dass er auch ohne Präsentation des bedingten Stimulus eine ähnliche Reaktion auslöst. Lernen ist demnach ein Assoziationsvorgang, der mittlerweile auch neuronal nachgewiesen werden kann.

Der Mechanismus geht auf die Beobachtungen des späteren Nobelpreisträgers Iwan Pawlow an Hunden zurück. Ihm gelang es, indem er bei der Futtergabe eine Glocke klingen ließ, den Speichelfluss des Hundes auf das Geräusch zu konditionieren, so dass dieser schließlich allein durch den Glockenton ausgelöst wurde.
Der Lernvorgang folgt dabei den Gesetzen der Kontiguität und der Koppelung, die besagen, dass eine zeitliche Nähe von unbedingtem und neutralem Reiz, sowie seine Wiederholung in mehreren Lerngängen Voraussetzung für eine stabile Konditionierung sind.

2.1.2 Operante Konditionierung

Beim operanten Konditionieren B.F.Skinners wird ein Verhalten durch einen positiven Verstärker belohnt. Die Verhaltensweise wird folglich häufiger gezeigt werden. Ein solcher Verstärker könnte im schulischen Bereich etwa in Lob oder Aufmerksamkeit bestehen. Analog wird ein negativer Verstärker die Wahrscheinlichkeit mindern, das bestrafte Verhalten zu zeigen. So wird ein stotterndes Kind, das dafür gescholten wird, es überhaupt vermeiden wollen, zu sprechen. Dieses Verhalten kann auf eine Person beschränkt bleiben, die etwa besonders streng ist, dann ist die Rede von Diskriminierung. Es kann sich aber auch auf alle seine sprachlichen Äußerungen ausweiten, allgemein gesprochen: auf ähnliche Bedingungen. Es liegt eine Generalisierung vor.

2.1.3 Anwendung behavioristischer Modelle auf Angsterkrankungen

Für Angsterkrankungen bedeuten die Erkenntnisse der Klassischen Konditionierung, dass neutrale Reize, die mit Angst oder Schmerz gemeinsam aufgetreten sind, selbst zu Angstauslösern werden können. Nach den Regeln der Konditionierung geht ein solcher Lernprozess auf die häufige Präsentation oder auf ein besonders eindrückliches Ereignis zurück, das den Lernprozess verkürzen kann. Es ist an traumatische Erfahrungen zu denken, wie sie späterhin genauer erläutert werden sollen.

Ein Standardbeispiel der psychologischen Literatur ist eine Versuchsanordnung von Watson und Rayner bei der bereits 1920 ein elfmonatiger Junge, Albert, erfolgreich ein Vermeidungsverhalten einer Ratte gegenüber entwickelte. Beim Spiel mit dem Tier war ein lautes Geräusch präsentiert worden, das Albert ängstigte und schließlich dazu führte, dass er bereits anfing zu weinen, wenn er die Ratte nur sah, auch wenn längst kein lautes Geräusch mehr folgte. Im selben Experiment konnte auch eine Generalisierung nachgewiesen werden, indem Albert auch weißer Watte, einem ähnlichen Reizmuster gegenüber, die gleiche Reaktion zeigte. Operante Konditionierung kommt etwa dann zum Tragen, wenn Angstreaktionen in bestimmten Situationen belohnt werden. Es ist etwa denkbar, das das Kind, das davor gewarnt wurde, einen Hund anzufassen, diese Angst aufrecht erhält, auch wenn es keinen Anlass dazu gibt.

Da die Konditionierung ein weitgehend unbewusster Vorgang ist, ist es bedeutsam, ihn transparent zu machen, um beispielsweise bei der Intervention über die auch im schulischen Bereich noch zu sprechen sein wird, nicht manipulativ auf den Schüler einzuwirken.

Konditionierung erklärt dabei nicht das Zustandekommen aller Verhaltensweisen. Bestimmte Phobien (etwa vor Spinnen, Höhen oder Wasser) können oft nicht in Zusammenhang mit einem auslösenden Ereignis gebracht werden oder die Ängste wurden durch reines Beobachtungslernen erworben. Andere gehören bestimmten Altersstufen an; bei Kindern beispielsweise die Angst vor Dunkelheit oder vor Tieren. Solche Beobachtungen weisen auf eine biologische Prädisposition bestimmter Reize hin.[2] Trotzdem darf das auf Extinktion, also auf der Löschung bestehender angstauslösender Verknüpfungen beruhende Verfahren der Verhaltenstherapie als das therapeutische Verfahren zur Behandlung von Angsterkrankungen gelten.

2.2. Kognitive Modelle

Kognitive Modelle nehmen an, dass Personen mit Angststörungen Gefahren überbewerten. Die verzerrte Wahrnehmung bedingt eine Bereitschaft zu angstadäquatem aber der Situation unangepasstem Verhalten. So kann eine Fehlinterpretation der eigenen Körperfunktionen, wie Zittern, erhöhter Herzschlag, u.s.f. Initiator einer rational nicht begründeten Panikreaktion sein. Die Vorwegnahme der Angstreaktion, kombiniert mit äußeren, tatsächlich ängstigenden Reizen, die vergleichsweise schwach sein können, begünstigt die Eskalation. Betroffene zeigen eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit. Sie überprüfen also häufig ihren Körper auf Zeichen von Gefahr und verwenden übermäßig viel Energie auf Grübeleien über ihr Verhalten. Äußere Informationen werden demgegenüber vernachlässigt. Außerdem entwickelt sich ein stützendes Vermeidungsverhalten, das den negativen Interpretationsimpetus stabilisiert.

2.3 Psychoanalyse

Die Psychoanalyse nimmt einen hinter der Symptomatik verborgenen Konflikt als Auslöser der Angsterkrankung an, der im Sinne einer Ursache zu beheben ist[3]. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei Trieb-Regungen, die als verboten erlebt und verdrängt werden. Gelingt dies nicht, ängstigt sich der Betroffene und fühlt sich überwältigt. Das Objekt der Phobie ist dabei nur die meist symbolische Projektionsfläche des inneren Konflikts. Die zentrale Rolle spielt dabei der Sexualtrieb, der kulturell sanktioniert immer wieder zum Konfliktauslöser wird und nach dem Konzept der infantilen Libido auch schon als Erklärungsmuster für kindliche Ängste heranzuziehen ist.

[...]


[1] Die Darstellung folgt den Ausführungen in: Bierbaumer: Psychophysiologie der Angst, S.5-10.

[2] Essau: Angst bei Kindern und Jugendlichen, S.165.

[3] Essau: Angst bei Kindern und Jugendlichen, S.175f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Angststörungen in der Schule. Diagnose und Umgang damit
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Psychische Störungsbilder in der Schule
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V58820
ISBN (eBook)
9783638529150
ISBN (Buch)
9783656459408
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diagnose, Umgang, Angststörungen, Schule, Psychische, Störungsbilder, Schule
Arbeit zitieren
André Weikard (Autor), 2006, Angststörungen in der Schule. Diagnose und Umgang damit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58820

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