Thomas Murner als Rezipient Sebastian Brants - Ein anderer Narrenbegriff


Hausarbeit, 2006

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Biografisches

Übernahme, Rezeption und Umwandlung des Brant’ schen Narrenschiffs und dem damit verbundenen Narrenbegriff
- Allgemein
- Bezüge
- Methode
- Reformationsliteratur?
- Der Narr

Das Weltbild der damaligen Zeit

Fazit und Ausblick

Thomas Murner als Rezipient Sebastian Brants- Ein anderer Narrenbegriff

Vorwort

In dieser Arbeit möchte ich mit einem Rezipienten Sebastian Brants beschäftigen, Thomas Murner. Hier geht es jedoch nicht nur darum, zu zeigen, inwieweit Murner eben nicht nur ein „sklavischer Nachahmer und Abschreiber Brants“[1] war, sondern durchaus dessen Ideen veränderte und abwandelte, sowohl inhaltlich als auch in der Form. Hier geht es auch darum zu zeigen, wie sich Ideen und Vorstellungen im Laufe der Zeit, im Wechsel der Generationen verändern können. Zu Beginn werde ich versuchen einen Überblick über die überaus interessante Biografie Thomas Murners zu geben, um dann zu beschreiben, wie Murner den übernommenen Stoff verarbeitete.

Biografisches

„ Er ist einer von jenen schweifenden und vielschichtigen Geistern, die sich schwer definieren lassen. Kaum scheint er sich irgendwo niedergelassen zu haben, ist er auch schon wieder davongeflogen, und oft weiß man nicht, wohin. So verhält sich’ s auch mit seinem Charakter: glaubt man, man hätte ihn gefasst, ist er einem bereits wieder entschlüpft.“[2]

Allgemein zu sagen ist, dass Thomas Murner der zweiten Generation der elsässischen Humanisten angehörte, also diesen, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geboren wurden. Seine „Vorgänger“, also die Angehörigen der ersten Generation, waren Sebastian Brant, Geiler und Wimpheling. Im Gegensatz zu diesen früher Geborenen sahen Murner und seine Altersgenossen sich direkt mit der Reformation konfrontiert und es galt Stellung zu beziehen. Keiner jedoch tat dies in dem Maße wie Thomas Murner. Dieser griff besonders Luther und Zwingli durch satirische Schreibart stark an, was ihn nicht nur der protestantischen Welt „entfremdete“[3], sondern auch in den eigenen Reihen, Thomas Murner war Franziskaner, Kritik einbrachte.

Philippe Dollinger zeichnet in seiner Murner- Biografie drei Lebensstationen auf, an denen ich mich hier orientieren will. Allgemein lässt sich vorwegnehmen, dass Murner nicht zu den sesshaften Menschen gehörte, dass er nie lange an ein- und demselben Ort verweilte. Die erste Periode seines Lebens lässt sich in die Jahre 1495-1510 einteilen, Dollinger nennt sie die Zeit „der Heranbildung, des Besuchs verschiedener Universitäten, des Ansammelns von Wissensstoff, der Unentschiedenheit zwischen Theologie, Jurisprudenz und den Wissenschaften der Artistenfakultät, aber auch der Gehversuche in einigen literarischen Gattungen“.[4]

Thomas Murner wurde im Jahr 1475 in Oberehnheim, heute Obernai, im Elsass geboren. Von Geburt an schien Thomas an einer angeborenen Krankheit zu leiden, Zeit seines Lebens hatte er eine nur schwache Gesundheit und er hinkte leicht. Diese Krankheit machte ihn schon früh zu einem Einzelgänger, mit 15 Jahren kommt er dann in ein Franziskanerkloster und besucht die dortige Schule, sein Lehrer wird Konrad von Bondorf. Seine Eltern waren 1481 nach Straßburg umgezogen.

Heute ist es erwiesen, dass Thomas Murner schon dort den Predigten Geilers lauschte und auch Sebastian Brants Narrenschiff sofort nach dessen Erscheinen las.

1494 wird Murner im Alter von 19 Jahren zum Priester geweiht, er war hiermit der einzige unter den Straßburger Humanisten, der einem Mönchsorden angehörte. Dies muss beachtet werden, denn die dadurch verursachte Dogmentreue und scharfe Ablehnung der Reformation grenzte ihn von den anderen ab.

1495 bereits beginnt Murner mit seinen Reisen, die, wie oben beschrieben, nie enden werden. Die Reiselust unterscheidet Murner von den anderen Humanisten, die selten über die Grenzen des eigenen Reiches hinausgeblickt haben. Ein Aspekt, der nicht eindeutig zu bewerten ist, denn aus diesen Reisen müsste eigentlich, nach heutiger Sichtweise, ein sehr erweiterter Horizont hervorgegangen sein. Grund dieser Reisen war aber nicht nur die unbeschränkte Entdeckungslust Murners, sondern eben auch die Tatsache, dass er schnell in Konflikte verwickelt wurde oder diese selbst hervorrief. Von seinen Zeitgenossen wurde sein Umherziehen stets negativ bewertet und benutzt, um Murner als nicht ernstzunehmenden Menschen zu zeichnen. 1495- 1497 studierte Murner in Freiburg im Breisgau an der dortigen Artistenfakultät, danach in Paris mit dem Abschluss des Baccalaureus artium. 1498 hält er sich für kurze Zeit in Köln auf bis 1499, um dann in Freiburg im Breisgau noch den Abschluss des Magister artium zu erlangen. Im folgenden Jahr verweilt er nacheinander in Köln, Rostock, Prag und Krakau und erlangt den Baccalaureus theologiae. Bereits 1502 beweist Murner seine Streitlust und seine Kompromisslosigkeit in einem Streit mit Jakob Wimpheling, der in einem Traktat namens Germania[5] versuchte zu beweisen, das Elsass sei niemals französisch gewesen. Murner bringt dann sofort eine Widerlegung der gesamten Arbeit unter dem Titel Germania nova heraus, in der er mit ebenso fadenscheinigen Argumenten wie Wimpheling genau das Gegenteil zu beweisen versucht. Wimpheling ärgerte sich so über diesen Widerspruch, dass er das Traktat vom Magistrat beschlagnahmen ließ, außerdem hatte Wimpheling großen Einfluss. So trug er seinen Anhängern auf, die Defensio Germania zu verfassen, in der Murner mit allerlei bösartigen Schimpfnamen versehen wird. Der bekannteste davon ist der Name Mur- nar, was soviel wie närrischer Kater bedeutete und welcher ihm sein Leben lang anhängen wird. Ab diesem Zeitpunkt, kann man sagen, war Murner aus dem Kreis der Humanisten ausgeschlossen und blieb es, auch wenn er teilweise beachtliche Schriften verfasste.

Danach lebt er abwechselnd in Straßburg und Esslingen, bis er im Jahr 1505 in Wien seinen poeta laureatus erlangt, im Übrigen durch Kaiser Maximilian, der vorher die Beschlagnahmung seiner Germania nova gebilligt hatte. Murners Maxime wird der Wappenspruch Patientia. 1506 hält er sich wieder in Freiburg auf (erlangt den Doktor der Theologie), sowie in Rom und Venedig. Seine weiteren Stationen bis 1515 sind Krakau, Worms, Bern, Speyer, Frankfurt am Main, Baden- Baden und Straßburg.

Wie bereits angedeutet beschäftigte sich Murner in dieser ersten Lebensperiode mit den verschiedensten Wissenschaften, vor allem jedoch mit der Theologie und dem Recht. Hierbei ist ein auch aus didaktischer Sicht sehr interessanter Punkt hervorzuheben. Murner entwickelte nämlich, um seinen Studenten den schweren Stoff zu veranschaulichen, ein Kartenspiel. Diese Methode hatte er in Paris aufgegriffen und dann im Elsass etwa 172 Karten entworfen. Jede dieser Karten enthielt Abbildungen, die den Studenten den dazu passenden Paragraphen des römischen Rechts in Erinnerung rufen sollten. Im Unterricht waren diese Karten wohl sehr beliebt und Murner hatte mit dieser Methode großen Erfolg. Auch dies ließ die Oberen der Universität hellhörig werden und sie bezichtigten Murner der Magie. Jedoch schaffte er es in einer Anhörung alle vom Gegenteil zu überzeugen und konnte diese Methode in Krakau, Freiburg und Straßburg unter dem Titel Chartiludium institutae summariae publizieren .

Im Jahr 1629 wird seine Methode in Paris noch einmal zum Druck gebracht.

Vieler seiner Zeitgenossen betrachteten jedoch dieses Verfahren äußerst kritisch, darunter Wimpheling und auch der Humanist Erasmus von Rotterdam. Die Kartenspiele führten auf dieser Seite dazu, dass man Murner noch weniger ernst nahm.

Die zweite Periode seines Lebens von 1510-1521 steht unter dem Zeichen des Satireschreibens, zum Zweck der Belehrung der Menschen und der damit verbundenen Warnung sich zu bessern, wenn man der Hölle entgehen wolle.

Im Jahr 1511 übersetzt er im Auftrag der Franziskaner in Frankfurt am Main 24 kleinere Traktate aus dem Hebräischen, dass er sich nicht lange vorher erst angeeignet hatte.

Doch bekannt werden aus dieser Zeit seine zahlreichen Satiren, beginnend 1512 mit der Narrenbeschwörung[6] und der Schelmenzunft[7]. Bei erstgenanntem Titel fällt sofort die Parallele zu Sebastian Brants Narrenschiff auf, an der sich Murner orientierte. Seine Narrenbeschwörung sollte eine Erweiterung zum Narrenschiff darstellen. In wie weit Veränderungen auftraten soll an anderer Stelle beschrieben werden. Die Aufnahme dieses volkstümlichen Themas jedenfalls sorgte dafür, dass auch dieses Werk ein großer Erfolg war und in mehreren Ausgaben erschienen ist. Die Schelmenzunft dann kann als Fortsetzung der Narrenbeschwörung angesehen werden. Eine weitere Satire veröffentlicht Murner 1519 unter dem Titel Geuchmat[8], auch sie ist des gleichen Stils wie die beiden früheren. Geuchmat bedeutet Wiese der Lüstlinge, auf der sich die schläfrigen, naiven Männer befinden, die von den Frauen ausgetrickst, blamiert und schließlich ruiniert werden, ein frauenfeindliches Werk also, wobei es „natürlich auch tugendhafte Frauen gebe“[9].

Außer seinen Satiren hat Murner in dieser Zeit auch die Aeneis übersetzt, sowie ein Traktat über die Heilung der Syphilis vermittels des Guajakholzes verfasst und ein Gedicht, „ Ein andächtig geistliche Badenfahrt“[10], das er während einer Kur in Baden- Baden anfertigte. In diesem symbolischen Gedicht über eine Thermalkur stellen das Bad die Buße und der Bademeister Jesus dar.

Weiterhin erlangt Murner in dieser Zeit die Doktorwürde im Bereich Jura in Basel im Jahr 1519.

1515 dann muss Murner aus Trier fliehen, da man ihn beschuldigte, ein Gefolgsmann Reuchlins[11] zu sein. Er flüchtete nach Straßburg, welches er bereits 1524 wieder gezwungenermaßen verlassen musste, da sich seine Mitbrüder mit der, schon die Reformation befürwortenden, Bevölkerung zusammengetan hatten.

[...]


[1] Zarncke, Friedrich. Zitiert nach: Zylmann, Peter: Zu Murners Narrenbeschwörung und Schelmenzunft. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 38 (1913), S. 567.

[2] Schmidt, Charles: Histoire littéraire de l’Alsace: à la fin du XVe et au commencement du XVIe siècle. Reprograf. Nachdruck der Ausgabe Paris 1879. Hildesheim: Olms 1966. Zitiert Nach: Dollinger, Philippe: Das Leben Thomas Murners. In: Thomas Murner: elsässischer Theologe und Humanist. Eine Ausstellung d. Bad. Landesbibliothek, Karlsruhe u. d. Bibliothèque Nationale et Univ., Strasbourg; Ausstellungskatalog. Hrsg. v. d. Bad. Landesbibliothek Karlsruhe. Karlsruhe: Bad. Landesbibliothek 1987, S. 34.

[3] Dollinger; Philippe: Das Leben Thomas Murners, S. 21.

[4] Ebd., S.21.

[5] Wimpheling, Jacob: Iacobi Wimpfelingii Germania ad rempublicam Aregntinensem. Argentorati: Schmidt 1874.

[6] Murner, Thomas: Narrenbeschwörung. Mit einem Briefe Murners in Handschriftendruck. Hrsg. v. Meier Spanier. Berlin: de Gruyter 1926.

[7] Murner, Thomas: Die Schelmenzunft. Hrsg. v. Meier Spanier. Berlin: de Gruyter 1925.

[8] Murner, Thomas: Die Geuchmat. Hrsg. v. Eduard Fuchs. Berlin: de Gruyter 1931.

[9] Zitiert nach: Dollinger, Philippe: das Leben Thomas Murners, S. 29.

[10] Murner, Thomas: Badenfahrt. Hrsg. v. Victor Michels. Berlin u.a.: de Gruyter 1927.

[11] Johannes Reuchlin wurde mit dem Vorwurf der Ketzerei belegt, wovon er nur durch päpstliche Weisung freigesprochen werden konnte. Dies führte zur so genannten Reuchlin- Affäre, einem Streit zwischen den Dominikanern aus Köln und Reuchlin unterstützenden Humanisten.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Thomas Murner als Rezipient Sebastian Brants - Ein anderer Narrenbegriff
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Ältere deutsche Literatur)
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V58950
ISBN (eBook)
9783638530088
ISBN (Buch)
9783638930185
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Murner, Rezipient, Sebastian, Brants, Narrenbegriff, Narrenschiff
Arbeit zitieren
Nadine Merten (Autor), 2006, Thomas Murner als Rezipient Sebastian Brants - Ein anderer Narrenbegriff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58950

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