Schulen mit mehreren Bildungsgängen - Die Gesamtschule - Geschichte und Entwicklung der Gesamtschulen in der BRD


Hausarbeit, 2005
15 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung und Entwicklung
2.1 Die heutige Situation

3. Grundzüge des Bildungsprogramms

4. Organisation des Unterrichts
4.1 Fachleistungsdifferenzierung
4.2 Flexible Differenzierung
4.3 Wahlpflicht und Wahldifferenzierung

5. Die Gesamtschul-Oberstufe
5.1 Ursprüngliche Konzepte für die Gesamtschul-Oberstufe
5.2 Die neue gymnasiale Oberstufe
5.3 Die Profiloberstufe - Ein Weg aus der Krise

6. Die Zukunft der Gesamtschule

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang
8.1 Grunddaten der integrierten Gesamtschulen 2001/2002

1. Einleitung

Diese Arbeit bezieht sich meist auf die integrierte Gesamtschule, da die kooperative nicht mehr viele von der ursprünglichen Idee der Gesamtschule erkennen lässt.

„Die integrierte Gesamtschule ersetzt die drei traditionellen Schulformen. Sie führt die Jahrgangsstufen 5-10 [...], oftmals auch eine eigenen gymnasiale Oberstufe. An die Stelle der starren Gliederung nach Schulformen tritt in der Sekundarstufe I eine vielfältiger und flexible Unterrichtsform innerhalb einer Schule. Als Organisationsform des Unterrichts ergänzen sich dabei die Jahrgangsklasse, der Unterricht in Fachleistungskursen, Wahlpflichtveranstaltungen und Wahlangebote. Dagegen bleiben in der kooperativen Gesamtschule die drei traditionellen Schulformen bestehen. Sie werden jedoch in einem Schulzentrum zusammengefasst, organisatorische und curriculare Abstimmungen sollen den Wechsel zwischen den Schulformen erleichtern.“[1]

2. Entstehung und Entwicklung

In den 60er Jahren wurde die Forderung nach mehr Chancengleichheit in der Bildung und der Schaffung größerer Durchlässigkeit der Schüler bei der Festlegung des Bildungsweges immer stärker. Um diesen Forderungen gerecht zu werden, setzten die ersten Modernisierungsmaßnahmen im deutschen Bildungssystem ein. Das Ziel ,,Bildung für alle” sollte unter anderem durch eine ,, Schule für alle“ erreicht werden. Geistiger Vorreiter für diese Idee war Wilhelm von Humboldt, der in seinem Schulgesetzentwurf von1819 das Modell einer Einheitsschule forderte.[2]

Früher war der bildungsgemäße, berufliche und gesellschaftlicher Ort im Gesamtleben durch Geburt, soziale Schicht und Tradition vorgegeben. Im Zuge des großen sozialen und politisch-kulturellen Wandels der letzten zwei Jahrhunderte musste sich für die vom Ursprung her als Säulensystem nebeneinander stehender Schulen das Problem eines organisatorischen Zusammenhanges aller verschiedenen Schulen ergeben, sollte der bildungsgemäße, berufliche und gesellschaftliche Ort im Gesamtleben nicht mehr durch Geburt, soziale Schicht und Tradition einfach vorgegeben sein. Der Grundgedanke einer Einheitsschule, wie sie seit 1918 in der Sowjetunion existiert, ist dann von der liberalen Volksschullehrerbewegung und der sozialistischen Arbeiterbewegung durch das 19. und 20. Jahrhundert weiter getragen worden. Im Vordergrund stand immer noch der Abbau des Standes. Es ging um die Schaffung einer einheitlichen Schule für alle, ohne Rücksicht auf Stand und Religion, Abbau von früher Trennung in Gebildete und einfaches Volk.

Die Diskussionen um die Einheitsschule, wie sie in der Weimarer Verfassung am 11. August 1919 festgelegt wurde, setzte erst wieder 1945 ein. Allerdings lief ihre Entwicklung im geteilten Deutschland unterschiedlich ab. 1946 wurde in der SBZ bzw. DDR die demokratische Einheitsschule mit achtjähriger Grundschule errichtet, später zur polytechnischen zehnjährigen Oberschule umgebaut. In Westdeutschland setzte sich besonders die KPD für die Einheitsschule ein. Wohl gerade deswegen und infolge des sich verschärfenden Ost-West- Gegensatzes hat die Einheitsschule in der BRD keine echte Chance gehabt.

Für die schulorganisatorische Vereinheitlichung im Sinne eines horizontal-stufigen Schulaufbaus in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt als großes Beispiel die USA mit ihrer High School und die Comprehensiv Schools aus England. Auch im Hinblick auf das Reformgesetz der einsetzenden Schulreform in Frankreich und der lange, konsequente Reformprozess der reformierten neunjährige Grundschule in Schweden oder die einschneidende, schlagartige Reform in Italien von hielt in den sechziger Jahren der Bundesrepublik Deutschland im internationalen Vergleich klar vor Augen, dass sie sich im Modernitäts- und Qualifikationsrückstand befand. Zu groß war der Unterschied der sozialen Schichten bei Bildungsabschlüssen. Nur ein geringer Anteil der Arbeiterkinder erhielt die Möglichkeit eines Hochschulstudiums. Dies musste im Motivkomplex, der zu Gesamtschulversuchen führte, mit berücksichtigt werden

Die Konzeption einer integrierten und differenzierten Gesamtschule entwickelte sich in Deutschland Anfang der 60er Jahre, als Versuch auf die Kritik des dreigliedrigen Schulwesens und dessen Rückständigkeit zu antworten.

Die Entwicklung der integrierten Gesamtschule begann Anfang der 60er Jahre in Berlin. Zwar gab es schon vorher Versuche das dreigliedrige Schulwesen in eine einzelne Schule zusammenzuführen, dies gelang aber nicht in dem Ausmaß, wie es sich in Berlin durchsetzen konnte. Durch das Beispiel von Berlin inspiriert, folgten nun bald auch andere Bundesländer mit ähnlichen Initiativen.

Die Bündelung regionaler Reformansätze, ihre systematische Begründung und den politischen Schwung gewann die Gesamtschule durch die 1969 vorgelegte Empfehlung des Deutschen Bildungsrates. Dieser veranlasste 40 Gesamtschulen als Versuchsschulen einzurichten.[3] In seiner Empfehlung schlug der Bildungsrat das Modell einer integrierten und differenzierten Gesamtschule als Versuchsschulen vor. Dieser wollte ein Schulsystem, welches sich von den verschiedenen Bildungsideen distanzierte; weg von dem Nebeneinander von Schulen und hin zu einer Schule für ,,alle”. Diese sollte durch einen einheitlichen Lehrplan und Lehrorganisation eine einheitliche wissenschaftsorientierte Allgemeinbildung vermitteln.[4]

Im Anschluss daran wurden mit finanzieller Unterstützung der Regierung in allen Bundesländern Modelversuche durchgeführt. So entstanden Gesamtschulen, sowohl in ländlichen wie auch in städtischen Gebieten.

Allerdings doch teilweise mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Absichten. Einige Bundesländer, darunter Hessen, Bremen und Berlin, verstanden den Versuch als einen ersten Schritt zur Verwirklichung der Gesamtschule. Die hessische Bildungspolitik ging Anfang der 70er Jahre davon aus, die Gesamtschule bis zum Beginn der 80er Jahre flächendeckend einzuführen. Berlin begnügte sich hingegen mit der Gründung einiger Gesamtschulen und entwickelte daraus ein Grundmodell und erweiterte das Angebot erst nach der Konsolidierung des Gesamtschulangebotes. Bremen versuchte die Integration durch die Zusammenführung mit den traditionellen Schulformen in kooperativen Schulzentren näher zu kommen. Eine weitere Gruppe von Bundesländern verstand den Schulversuch als ein Experimentieren mit Gesamtschulvarianten. Vor Allem in Niedersachsen und Hamburg lies die Schulbehörde diese Optimierungsstrategie der Länder zu. Auch in Nordrhein-Westfalen besaßen die Gesamtschulen diesen Charakter und daraus entwickelte sich ein aus der Nachfrage regulierendes Angebot integrierter Schulen. Dieses Verfahren hat sich in fast allen sozialdemokratischen Bundesländern im Laufe der Zeit durchgesetzt. Der Frage, ob diese Schulform sich im Vergleich zu dem gegliederten Schulsystem bewähren könne, gingen vor Allem Bayern und Baden-Württemberg nach.[5] Somit wurde das Modell des Gesamtschulversuches in den jeweiligen Bundesländern sehr unterschiedlich umgesetzt.

Anfang der 80er Jahre war die Versuchsphase der Gesamtschulen nach einem wahren „pädagogischen Glaubenskrieg“[6] abgeschlossen. Einen formellen Schlusspunkt fand die Diskussion in der Vereinbarung der Kultusminister von 1982. In dieser einigte man sich auf die wechselseitige Anerkennung von Gesamtschulabschlüssen. Auch die grundsätzlichen Anforderungen einer Gesamtschule wurden festgelegt.[7] Dieser Kompromiss, dass unterschiedliche Formen der Gesamtschule nebeneinander existieren durften signalisierte auch die Akzeptanz unterschiedlicher schulpolitischer Entwicklungen in den einzelnen Bundesländern.[8]

In den neuen Bundesländern vollzog sich eine ähnliche Entwicklung, wie sie bis dahin in den alten Bundesländern stattgefunden hatte, nur in einem Zeitraffer. Zwar wurden auf Drängen der Bevölkerung Gymnasien (außer in Thüringen und Sachsen-Anhalt) und in einem erheblichen Umfang auch Regel-, Mittel oder Sekundarschulen (also ein Zusammenschluss von Real- und Hauptschulen) gegründet, doch in den sozialdemokratisch mitregierten Ländern wurden von Beginn an auch Gesamtschulen errichtet. Jedoch sind diese keine Integrationsmodelle im ursprünglichen Sinne, da sie nur auf die Real- und Hauptschule abzielen und unter anderem nur vereinzelt eine gymnasiale Oberstufe anzutreffen ist

2.1 Die heutige Situation

Nach der Einführungs-, folgte eine Etablierungsphase. Diese mündete in der Akzeptanz der Gesamtschule als Wahlalternative für weiterführende Schulen, aber auch in einer deutliche Ernüchterung in der Einschätzung ihrer Leistungsfähigkeit, die stark mit der Skepsis der Elternschaft verbunden war. Anstatt das gegliederte Schulwesen zu ersetzen, wie es das ursprüngliche Anliegen der Gesamtschule war, sieht sie sich nun in einem nicht geplanten Wettbewerb mit diesem.

Olaf Köllner verweist in seiner Arbeit auf veränderten Arbeitsbedingungen die sich für die Gesamtschulen aus dieser Entwicklung ergeben. „Je nach Expansionsgrad in einer Region und je nach lokalem Umfeld ergeben sich nun sehr unterschiedliche Entwicklungschancen …“[9]. Drei kennzeichnende Situationen unterscheidet er darin. Die Gesamtschule als Einzelschule besonderer Prägung innerhalb eines reichhaltigen Schulangebots, als Teil der schulischen Basisversorgung einer Kommune und die Gesamtschule unter Konkurrenzdruck.[10]

Zu dem ersten Typus zählen die Gesamtschulen aus städtischen Bereichen, die somit nur als Teil eines großen Schulangebots gelten und daher keinen nennenswerten Teil der Schülerschaft rekrutieren können. Hier versuchen die Gesamtschulen durch ein besonderes pädagogisches Programm attraktiv für eine gewisse Klientel von Schülern zu wirken und so eine Alternative zur Regelschule darzustellen.

In der Situation als Teil der schulischen Basisversorgung einer Kommune befinden sich Gesamtschulen, die infolge demographischer Entwicklungen und unter bestimmten Bedingungen sich zu einer attraktiven Lösung für kommunale Schulversorgungsprobleme entwickelt haben. Somit werden Schulen, als Konsequenz für zurückgehende Schülerzahlen und dadurch resultierende Schließungen, zu Gesamtschulen umgewandelt, um dadurch die komplette Bandbreite der Schulabschlüsse abdecken zu können.

Der zuletzt genannte Typus von Gesamtschulen ist in Ballungszentren anzutreffen. Der Konkurrenzdruck hat infolge abnehmender Schülerzahlen deutlich zugenommen und die Gesamtschule muss sich gegenüber dem gegliederten Schulsystem bewähren. Die gegliederten Schulen haben sich ihrerseits durch die Aufnahme gesamtschulspezifischer Elemente verändert, dass zum Einen den Wettbewerb für die Gesamtschulen sehr erschwert und zum Anderen die Kritik an dem dreigliedrigen Schulwesen, von der die Gesamtschulidee ausging, nicht mehr gilt.[11]

Verstärkt werden die soeben angesprochenen Probleme durch die Beratung der Grundschullehrer in der Phase des Schulwechsels. Die Gesamtschulen, wie einleitend angeführt, werden nur noch als Bereicherung des Schulangebots angesehen. Meist wird nur Schülern mit unausgeglichenem Leistungsprofil, deren Schullaufbahn schwer vorhersehbar ist, oder die aufgrund ihrer familiären Situation eine ganztägige Betreuung benötigen, der Gang in die Gesamtschule geraten. Schwierigen und leistungsschwachen aber auch leistungsstarken und psychosozialen stabilen Schülern empfiehlt man hingegen meist nicht die Gesamtschule. Somit entlastet man die Gesamtschulen zwar von besonders leistungsschwachen Schülern, ihnen fehlen hingegen aber auch die Leistungsspitze. Auf diese Tatsache reagieren die Schulen auf unterschiedlichsten Weisen. Beispiele hierfür wären die verstärkte Werbung um leistungsfähige und -starke ausländische Kinder oder das Werben mit der Attraktivität einer Ganztagsschulen.[12]

[...]


[1] Zit. nach Köllner, O.: Gesamtschule – Erweiterung statt Alternative, In: Cortina, K. S. et al (Hrsg.): Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick, Reinbeck 2003, S. 463;

[2] Vgl. http://www.ggg-nrw.de/Aktuell/Rosenthal1999.HistGe.html;

[3] Vgl. Köllner, O.: Gesamtschule – Erweiterung statt Alternative, S. 462 f;

[4] Die Merkmale die eine Gesamtschule laut des Bildungsrates aufweisen sollte: Siehe im Anhang unter 6.1;

[5] Vgl. Köllner, O.: Gesamtschule – Erweiterung statt Alternative, S. 463 ff;

[6] Zit. nach ebenda., S.465;

[7] Vgl. http://www.ggg-nrw.de/Lager/Theis.GE30.html;

[8] Zum Vergleich der unterschiedlichen Entwicklung der einzelnen Bundesländer: Siehe im Anhang die Tabelle unter 6.2;

[9] Zit. nach Köllner, O.: Gesamtschule – Erweiterung statt Alternative, S. 467;

[10] Vgl. ebenda, S. 467;

[11] Vgl. Köllner, O.: Gesamtschule – Erweiterung statt Alternative, S. 467 f;

[12] Vgl. Köllner, O.: Gesamtschule – Erweiterung statt Alternative, S. 468;

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Schulen mit mehreren Bildungsgängen - Die Gesamtschule - Geschichte und Entwicklung der Gesamtschulen in der BRD
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Bildungswesen in der BRD – Befunde und Reformperspektiven
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V58956
ISBN (eBook)
9783638530125
ISBN (Buch)
9783640866373
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schulen, Bildungsgängen, Gesamtschule, Geschichte, Entwicklung, Gesamtschulen, Bildungswesen, Befunde, Reformperspektiven
Arbeit zitieren
Sebastian Gottschalch (Autor), 2005, Schulen mit mehreren Bildungsgängen - Die Gesamtschule - Geschichte und Entwicklung der Gesamtschulen in der BRD, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58956

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