Zufall und Schicksal in filmischen Erzählungen von Julio Medem


Magisterarbeit, 2005
104 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Theoretische Annäherung an die Kategorien Zufall und Schicksal
2.1. Zufall und Schicksal im Kontext von Religion und Naturwissenschaften
2.2. Begriffsbestimmung
2.2.1. Der Zufall
2.2.2. Das Schicksal
2.2.3. Fazit: Übergreifende Ganzheit und relative Einzelheit
2.3. Aspekte von Zufall und Schicksal
2.3.1. Freiheit und Notwendigkeit
2.3.2. Das Bewusste und das Unbewusste

3. Analyse: Filmisches Erzählen über Zufall und Schicksal
3.1. “Los amantes del Círculo Polar”
3.1.1. Die Figuren- und Handlungsebene
3.1.1.1. Der Zufall
3.1.1.2. Das Schicksal
3.1.2. Die Inszenierungsebene
3.1.2.1. Der Zufall
3.1.2.2. Das Schicksal
3.2. “Lucía y el sexo”
3.2.1. Die Figuren- und Handlungsebene
3.2.1.1. Der Zufall
3.2.1.2. Das Schicksal
3.2.2. Die Inszenierungsebene
3.2.2.1. Der Zufall
3.2.2.2. Das Schicksal
3.3. Zusammenfassung der Analyseergebnisse

4. Ausblick

5. Anhang: Zur Person Julio Medems
5.1. Biographie
5.2 Filmographie

6. Quellenverzeichnis
6.1. Filme
6.2. Selbstständige Schriften
6.3. Artikel und Aufsätze
6.4. Wörterbücher und Nachschlagewerke
6.5. Internet

1. Einleitung

Bestimmung und Koinzidenz, Schicksal und Zufall: Das ist ein großes Thema im internationalen Kunstkino der letzten Jahre, das Wong Kar-wai und Tom Tykwer behandeln, Stephan Elliott und Atom Egoyan, Vincent Ward und Kim Ki-Duk. Der heimliche Meister dieses Kinos, das in Liebesfilmen, die beständig zwischen Melodram und Thriller oszillieren, die Erzählkunst neu zu entdecken versucht, ist freilich der Baske Julio Medem.1

Julio Medem Lafont, der 1958 in San Sebastián geboren wurde, zählt neben Pedro Almodóvar, Alejandro Amenábar, Iciar Bollaín oder Fernando Trueba zu der Generation der Filmemacher des neuen spanischen Kinos, die auch internationale Anerkennung genießen.2 Zieht man weitere Rezensionen heran, die Medems jüngstes Filmschaffen besprechen, fällt die beständige Erwäh- nung seiner Themenschwerpunkte auf, die immer wieder um die Aspekte von Zufall und Schick- sal kreisen:

Liebe und Tod, Zufall und Schicksal - die Filme des spanischen Regisseurs Julio Medem sind Epen der Liebe, zwischen Vorherbestimmung und überraschender Wendungen, ein Kino des ‚Was wäre wenn?’3

Gibt es eine Fügung des Schicksals? Oder wird das Leben durch Zufälle be- stimmt? Dieser Frage spürt der spanische Kinovisionär Julio Medem nach [...].4

[...] Die Rede ist von Julio Medem, dem spanischen [...] Meister des metaphysi- schen Melodrams. Die großen Themen des postmodernen Kinos der Möglichkei- ten, stehen gerade auch im Mittelpunkt seiner Filme: das Spiel der Zeit und die Fügungen des Schicksals. Beherrscht der Zufall das Leben, oder gibt es ein Kis- met? [...].5

Wie gestaltet sich die filmische Vermittlung zweier Kategorien, die sich einem rein rationalen Zugang entziehen? Strapaziert und missbraucht durch Mainstream-Hollywoodproduktionen, die das Schicksal als „[...] unausweichliche Katastrophe, lauerndes Verhängnis, unwiderruflichen Untergang [...]“6 inszenieren, läuft der Begriff ‚Schicksal’ im filmischen Kontext Gefahr, assozi- ativ mit einem Filmschaffen in Verbindung gebracht zu werden, das den künstlerischen An- spruch dem Unterhaltungswert unterordnet.7 Dagegen steht der ‚Zufall’ als Narratem nicht zum ersten Mal im Zentrum des europäischen Autorenkinos. Filme wie „Smoking/No Smoking“8 (F 1993) von Alain Resnais, oder „Der Zufall möglicherweise“ (POL 1981) von Krzysztof Kieślowski und „Lola rennt“ von Tom Tykwer (D 1999), veranschaulichen über das Element der Wiederholung den kontingenten9 Charakter des Geschehens. „Der Zufall möglicherweise“ be- steht aus drei Durchläufen, die jeweils an demselben Ausgangspunkt der Erzählung einsetzen und drei verschiedene Handlungsverläufe zur Folge haben. Ebenso setzt sich „Lola rennt“ aus drei Varianten unterschiedlichen Ausgangs zusammen, die in der visuellen Umsetzung an den Wiederholungscharakter eines PC-Spiels erinnern. Ganz im Gegensatz zu solchen Filmen, bei denen der Zufall über die äußere Form der Erzählstruktur vermittelt wird und die lineare Ord- nung der Narration aufhebt, lässt sich in den Filmen von Medem kein solch völliger Aufbruch der zeitlichen Strukturen beobachten.

Im Rahmen dieser Arbeit soll anhand zweier Einzelbeispiele aus dem Schaffen des spanischen Regisseurs Julio Medem untersucht werden, wie sich die filmische Vermittlung von Zufall und Schicksal realisiert und worin sich die Faszination für diese Thematik begründen könnte, die als Charakteristika seines Filmschaffens ausgeschrieben wird und fast durchweg eine positive Be- wertung findet.

Bevor die Möglichkeiten des filmischen Erzählens über Zufall und Schicksal in all seinen Gestaltungs- und Vermittlungsformen genauer betrachtet werden können, ist es notwendig, diese im filmästhetischen Kontext zu erkennen. Die Verwendung des Begriffs ‚Zufall‘ kann im Bereich Film auf zwei Ebenen angewandt werden. Erstens, auf die Entstehung selbst, wobei der Zufall Einfluss auf die langwierigen und kollektiven Produktionsbedingungen nehmen kann. Andererseits auf den Zufall als erzielten und rezeptionsästhetisch analysierbaren Effekt, der den Gegenstand dieser Untersuchung bildet.

Die theoretische Annäherung an die Kategorien von Zufall und Schicksal steht zu Beginn der Untersuchung und eröffnet mit deren Betrachtung den analytischen Diskurs im Kontext von Re- ligion und Naturwissenschaften. Dieser Einstieg wurde gewählt, um das Problembewusstsein für die Komplexität der Begriffe zu schaffen, die sich weder religiös, noch naturwissenschaftlich eindeutig erklären lassen. Die anschließende Begriffsbestimmung beschäftigt sich mit der etymo- logischen Herkunft der Ausdrücke ‚Zufall’ und ‚Schicksal’, die Aufschluss über deren Bedeu- tungsvielfalt gibt und zugleich eine Beschränkung vornimmt. Das abschließende Fazit, „über- greifende Ganzheit und relative Einzelheit“, verweist auf die Notwendigkeit, trotz der Möglich- keit, beide Begriffe zueinander in Beziehung zu setzen, eine klare Trennung von Zufall und Schicksal bei der Bewertung von Ereignissen als zufällig oder schicksalhaft beizubehalten. Im Anschluss daran werden diejenigen Aspekte aufgeführt, die sich aus der Verbindung von Zufall und Schicksal mit dem menschlichen Dasein ergeben. Unter den Stichworten „Freiheit und Not- wendigkeit“ folgt ein Abriss der philosophischen Verhandlung dieser vagen Kategorien, die als zentrale Thematiken seit Anbeginn die Geschichte der Philosophie prägen. „Das Bewusste und das Unbewusste“ beleuchtet die psychoanalytische Herangehensweise, die in Anlehnung an Theorien der Psychoanalytiker Sigmund Freud und Carl Gustav Jung vorgestellt werden.

An diesen theoretischen Vorbau schließt sich die Filmanalyse an, die einleitend die Auswahl der Filme für “Los amantes del Círculo Polar” und “Lucía y el sexo” begründet. Der Aufbau der Analyse erklärt sich in Orientierung an die filmanalytischen Grundlagen nach David Bordwell, dargelegt in “The classical Hollywood cinema”. Die getrennte Behandlung beider Filme spaltet sich in eine weitere Zweiteilung auf. Zuerst werden auf der Figuren- und Handlungsebene die inhaltlichen Verweise, anschließend auf der Inszenierungsebene die formalen Möglichkeiten untersucht, die zur Vermittlung von Zufall und Schicksal beitragen. Den einzelnen Abschnitten folgt eine kurze Zusammenfassung der jeweiligen Ergebnisse, die in einem abschließenden Ka- pitel aufgeführt werden.

Am Ende der Untersuchung zielt ein Resümee darauf ab, der Faszination für die Thematik von Zufall und Schicksal nachzuspüren. Diese soll anhand von Theorien und Überlegungen aus anderen Disziplinen begründet werden, die den Begriffen im Kontext von Literatur und Kunst einen ästhetischen Gehalt zuschreiben, der in Übertragung auf das Filmschaffen Anhaltspunkte für die fast durchweg positive Aufnahme von Medems Arbeiten liefern könnte.

Da bei der Erörterung der Fragestellung der autobiographische Kontext des Regisseurs nicht zwingend relevant erscheint, findet sich eine Biographie sowie eine Filmographie von Julio Medem im Anhang der Arbeit und gibt Aufschluss über dessen beruflichen Werdegang.

2. Theoretische Annäherung an die Kategorien Zufall und Schicksal

2.1. Zufall und Schicksal im Kontext von Religion und Naturwissenschaften

Die Kategorien von Zufall und Schicksal werden in den unterschiedlichsten Disziplinen verhandelt. Die Kontextualisierung dieser Aspekte auf den Gebieten der Religions- und Naturwissenschaften soll dazu beitragen, einführend das Problembewusstsein zu schaffen, das der Umgang mit zwei derart schwer fassbaren Begriffen mit sich bringt.

Beide Disziplinen schließen den Zufall in gewisser Weise aus, ohne sich jedoch seiner Existenz völlig entziehen zu können. Während die theologische Deutung den Zufall als gottgewollt aus- legt, versuchen sich die naturwissenschaftlichen Ansätze in einer kausalgesetzlichen Begrün- dung.

In der Bibel, der schriftlichen Grundlage christlichen Denkens, wird der Zufall nur an zwei Stel- len explizit genannt. Einmal bei der Tötung von König Ahab, die als Vollzug von Gottes Willen ausgelegt wird, da sich Ahab zuvor gegen Gott vergangen hatte. Die Textpassage „[...] er zielte in seiner Unschuld, in seiner Unwissenheit [...]“ des Urtextes, wird übersetzt mit: „Ein Mann aber spannte den Bogen von ungefähr, zufällig, und schoß den König Ahab von Israel zwischen den Panzer und die Eisenbänder.“10 Die zweite Stelle, die den Zufall erwähnt, ist die Geschichte vom barmherzigen Samariter, in der es heißt „[...] zufällig kam ein Priester denselben Weg her- ab; er sah ihn, und ging weiter.“11 Was hier als ‚zufällig‘ übersetzt wird, heißt auf Griechisch „katà syntychían“12, was bedeutet: Wie der Herr es so fügte. Zufällig auf Griechisch dagegen heißt ‚katá tèn tyché‘. Demnach spricht die Bibel nie explizit vom Zufall. Alles was geschieht, liegt in den Händen Gottes. Die Problematik, die sich aus dem völligen Ausschließen von Zufall ergibt, lässt sich unter dem Begriff der „Theodizee-Frage“13 zusammenfassen: Wie kann es in einer von einem gütigen Gott gelenkten Welt Schlechtes geben? Im Versuch, das Böse der Welt zu rechtfertigen, wurde im christlichen Denken die Gestalt des Teufels eingeführt. In positiver Auslegung eröffnet das Ablehnen zufälliger Existenz im Christentum dem Gläubigen die Möglichkeit, Trost und Geborgenheit bei Gott, als Herr aller Dinge, zu finden. In der Überzeugung von seiner Barmherzigkeit kann ihm der Glaubende bedingungslos vertrauen, auch ohne die Gedanken und den Willen Gottes zu kennen.14

Die Anfänge der Naturwissenschaften, angesiedelt im Spätmittelalter und der Renaissance, sind von einer theologischen Überzeugung geprägt, die lange Zeit in ihnen fortbestanden hat. Ihre Wirkung zeigt sich in der Tatsache, dass man die Naturgesetze zu Beginn als Gedanken Gottes verstanden hat. Darin lässt sich die Fernwirkung einer biblischen Überzeugung erkennen, welche die Existenz eines objektiven Zufalls ausschließt, da Gott es ist, der alles wirkt.

Der offizielle Auftakt der mathematischen Behandlung des Zufalls beginnt 1654 mit dem Brief- wechsel zwischen Pascal und Fermet, der die Wahrscheinlichkeitstheorie begründet, also die mathematische Theorie des Zufalls: „Mathematisch gesehen, wird Zufall so zur Wahrscheinlich- keit oder Unwahrscheinlichkeit eines Ereignisses.“15 Wolfgang Coy definiert in seinem Aufsatz „Berechenbares Chaos“ den Zufall in der präzisen Auffassung der Mathematik als „unwahr- scheinlich, nicht determiniert oder chaotisch, sicher aber als kompliziert zu berechnen.“16 Die Frage, ob objektiver Zufall existiere, bleibt ihm zufolge mit mathematischen Ansätzen genauso wenig entscheidbar wie die Frage nach der Existenz des freien Willens und lässt ihn mit der Er- kenntnis schließen: „Halten wir fest: Zufall entsteht erst in den Köpfen der Betrachter. Was Zu- fall ist, bestimmen wir!“17

In dem Bestreben das Weltgeschehen rational zu erfassen, tritt der Zufall als Gegenpol auf, der als entscheidendes Hindernis für den Fortschritt der Wissenschaft zur Entdeckung eindeutig be- stimmter, präziser Naturgesetze erlebt wird und nicht ignoriert werden kann. In dem Eintrag aus dem philosophischen Wörterbuch findet der Begriff ‚Zufall’ in Zusammenhang mit verschiede- nen naturwissenschaftlichen Disziplinen seine Erwähnung. Aus evolutionstheoretischer Sicht spielt der Zufall unter anderem als Gegenstand der Biogenetik eine Rolle. Bei der Entwicklung von Lebewesen treten neue Lebensformen auf, die nicht mit Notwendigkeit aus vorhergehenden kausalen Faktoren abzuleiten sind.

In der klassischen Physik werden die Zufälligkeiten eines Ereignisses auf die mangelnden Kenntnisse der Anfangsbedingungen zurückgeführt. Auch in der modernen Physik sind Zufällig- keiten von Belang, da es Unbestimmtheiten im mikrokosmischen Bereich gibt. Besonders bei quantenphysikalischen Vorgängen, deren Zeitpunkt, Ort oder Geschwindigkeit nicht exakt zu bestimmen sind, sprunghaft auftreten und insofern als „zufällig“ bezeichnet werden.18 Diese Er- kenntnisse auf dem Gebiet der Quantenphysik führen wiederum zu kaum überbrückbaren Diffe- renzen mit religiösen Lehren. In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreibt Sabine Löhrs von der Unvereinbarkeit der quantenphysikalischen Annahme von Zufall mit der östlichen Lehre des Buddhismus:

Nach dem buddhistischen Gesetz des abhängigen Entstehen (Pratitya-samutpada) stehen alle psychischen wie physischen Phänomene in einem Kausalnexus. Nur in und durch ihre Bedingtheit können sie bestehen. Reiner Zufall, nicht Kausalität ist damit im Buddhismus eigentlich ausgeschlossen - aber ein beobachtbares Phäno- men auf Quantenebene.19

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Beschäftigung mit dem Zufall im Bereich der Naturwissenschaften im Allgemeinen auf die Frage konzentriert, ob der Zufall in der Welt prinzipiell auszuschließen sei oder sich in irgendeinem objektiven Sinne mit der Idee einer gesetzmäßigen Welt vereinen ließe? Wird der Zufall in gewisser Hinsicht angenommen, konzentrieren sich die Naturwissenschaften darauf, das Verhältnis zwischen zufälligen Begebenheiten und der strengen Gesetzmäßigkeit des Naturgeschehens zu klären, wobei sich unvermeidlich Widersprüche zu religiösen Auffassungen einstellen.

Überwiegend stimmen die Religionen darin überein, das Weltgeschehen nicht rein empirisch zu verstehen, sondern als einen Tatbestand, der transzendenten Einwirkungen unterlegen ist, und in seiner Gesamtheit als ‚Schicksal’ bezeichnet wird. Im Islam erstreckt sich die Bandbreite von der fatalistischen Auslegung im „Buche des Schicksals“ bis zu der späteren Dogmatik der „Idschma“, die eine gewisse Willensfreiheit anerkennt. Im Christentum stehen Vertreter der „Prädestination“20 wie Calvin21, den Verfechtern der Freiheit wie den Jesuiten, gegenüber. All- gemein sieht Religion hinter dem Begriff Schicksal eine „[...] sinnvoll planende und handelnde Subjektivität, ‚Gott‘, […] wozu der Mensch in Furcht, Verehrung und Liebe in Beziehung treten kann.“22

In den Naturwissenschaften steht heute im Gegensatz zur Religion keine Subjektivität hinter dem Schicksalbegriff, sondern der Versuch, die Welt nach festen Gesetzen und in mechanischer Kau- salität verlaufender Objektivität zu erklären. Daher bezeichnet Müller-Freienfels in „Schicksal und Zufall“ diese einleitend als „außerwissenschaftliche Probleme“. Das Problem konstituiere sich aus dem Paradox, die Existenz dieser Begebenheiten einerseits nicht wissenschaftlich bele- gen zu können, und andererseits der Unmöglichkeit, sie aus dem Leben der Menschen zu leug- nen.23

2.2. Begriffsbestimmung

Schlägt man im Duden die Bedeutung von ‚Zufall‘ und ‚Schicksal‘ nach, finden sich folgende Einträge:

Zufall: etwas, was man nicht vorausgesehen hat, wofür keine Ursache, kein Zusammenhang, keine Gesetzmäßigkeit erkennbar ist [...].24

Schicksal: a) von einer höheren Macht über jmdn. Verhängtes, was sich menschli- cher Berechnung und menschlichem Einfluss entzieht und das Leben des einzel- nen Menschen entscheidend bestimmt. [...] Zus: Einzelschicksal, Lebensschicksal, Menschenschicksal. b) ‹ohne Plural› höhere Macht, die das Leben des Menschen bestimmt und lenkt [...].25

Der Zufall bezeichnet etwas, was weder notwendig, noch unmöglich, also kontingent ist. Im All- gemeinen ontologischen Sinne bezeichnet er diejenigen Ereignisse, die sich weder als gesetzmä- ßige Folge eines objektiven Kausalzusammenhangs noch als intendiertes Folgeereignis subjek- tiv-rationaler Planung erklären lassen.26 Das Schicksal beschreibt die „[...] Einwirkung auf das allem aber zur ↑ Freiheit (↑ Indeterminismus) […].“ In: Regenbogen, Arnim; Meyer, Uwe (Hrsg.): „Wörterbuch der philosophischen Begriffe.“ Philosophische Bibliothek; Bd. 500. Hamburg: Meiner 1998, S. 512.

Leben des Menschen, die außerhalb seiner Verfügungsgewalt liegt [...]“27 und erweckt eine Vor- stellung davon, woraus die Ahnung an eine dem Weltgeschehen übergeordnete Sinnordnung entsteht, die jedoch rational nicht völlig zu begreifen ist und religiös, logisch oder ethisch orien- tiert sein kann.

Schlägt man die Synonyme dieser Begriffe nach, so findet sich für ‚Schicksal’ „Bestimmung, Fügung, höhere Gewalt, Los, [...] Vorsehung, [...] Geschick [...]“28 und für ‚Zufall’ „Gelegenheit, Glücksfall, Glückssache [...] Zufälligkeit [...].“29 Die Bandbreite der sinnverwandten Worte von Schicksal und Zufall spiegelt deren Bedeutungsvielfalt und Auslegungsspielraum wider. Im Fol- genden wird versucht, unter Rückgriff auf den etymologischen Ursprung, die Vorstellungen, die mit diesen Worten verknüpft sind, einzugrenzen. Um im weiteren Verlauf mit den Aspekten von Zufall und Schicksal im filmischen Kontext arbeiten zu können, gilt es als notwendige Voraus- setzung, die Bewertungsmaßstäbe für Ereignisse, die von den Figuren als schicksalhaft oder zu- fällig erlebt werden, eindeutiger festzulegen.

2.2.1. Der Zufall

Im Lateinische als „cāsus, ūs, m. (cado): [...] Zufall, Vorfall, Wechselfall [...]“30 bezeichnet, findet sich der Begriff ‚Zufall’ im Griechischen als ‚tyche‘ wider, der in der Übersetzung mit Glück, Glücksgöttin, Los oder dem von der Zufallsgöttin Gewolltem in Verbindung gebracht wird.31 Der ebenso aus dem Griechischen stammende Ausdruck ‚automaton‘ steht als Oberbegriff für alle Zufälle, ausgenommen dem Bereich, der die sinnvoll gewollten Handlungen von Wesen betrifft, die über die Fähigkeit zu planendem Vorsatz verfügen.32.

Der begriffsgeschichtliche Ursprung von ‚Zufall‘ geht zurück auf das griechische Wort ‚symbe- bëkos‘, das „[...] von Aristoteles eingeführt (Met., Buch Delta, 1025 a 14) und bestimmt wurde als ‚das, was einem Gegenstand zukommt und was man von ihm aussagen kann, aber nur das, was ihm nicht notwendig und nicht meistenteils zukommt’, d.h. die zufälligen, wechselnden, unwesentlichen Eigenschaften eines Gegenstandes […].“33 Die entsprechende lateinische Über- setzung lautet ‚accidentia‘, als das Anfallende, das plötzlich Eintretende, der Zufall. In die deut- sche Sprache gelangte das Wort ‚Zufall‘ durch Theologen der Mystik, wie Johannes Tauler und seine Zeitgenossen aus dem christlichen Mittelalter, die zufällige Ereignisse als von Gott zuge- fallen auslegen.34 Erstmals findet sich der Zufall (< 15. Jh.) frühneuhochdeutsch als „zuoval“35, verkürzt aus „[...] dem „Zusammenfallen mehrerer Ereignisse [...]“36 und bezeichnet „[...] alles, was nicht als notwendig oder beabsichtigt erscheint und für dessen unvermutetes Eintreten wir keinen Grund angeben können.“37 In der Abhandlung „Schicksal und Zufall“ von Müller- Freienfels werden daher für das Wort Zufall die drei möglichen Bedeutungen des Nichtwesentli- chen, des Nichtnotwendigen oder des Nichtbeabsichtigten aufgestellt. Das Nichtnotwendige be- zeichnet demnach den absoluten Zufall, der das „Kausalgesetz“38 durchbricht und die Möglich- keit teilweise freien, willkürlichen Geschehens, voraussetzt. Der relative Zufall dagegen betont die Unberechenbarkeit, die Unvoraussehbarkeit eines Geschehens im Einzelnen, abhängig von der individuellen Erfahrung einer Person. „Unter subjektivem Gesichtspunkt wird als zufällig jedes Ereignis bezeichnet, das nicht zu erwarten, nicht vorauszusehen oder auf Grund von Geset- zen und Regeln nicht berechenbar ist.“39 Müller-Freienfels geht im Weiteren davon aus, dass sich die Interpretation eines Ereignisses als zufällig verstärkt, wenn sich eben genannte Charak- teristika kombinieren, zum Beispiel, wenn ein Ereignis plötzlich und ohne erkennbare Ursache eintritt oder es zudem nicht nur unerwartet ist, sondern gar einer gegenteiligen Erwartung oder Berechnung zuwider läuft.

Allerdings gelten die Zufallskriterien des Unvorhersehbaren und Unberechenbaren nur als Prüf- steine für den Einzelfall. Dementsprechend schreibt Claus Grupen in der Einleitung zu seinem Aufsatz „Die Natur des Zufalls“ über das vermehrte Auftreten von Zufällen: „Läßt sich ein indi- viduelles Ereignis nicht aus einer Vorgeschichte ableiten, so nennt man dieses Ereignis zufällig. Für viele zufällige Ereignisse läßt sich aber immer eine Wahrscheinlichkeit angeben.“40 Treten zufällige Ereignisse gehäuft auf, sind sie als Gegenstand der Wahrscheinlichkeitsrechnung wie- der zu finden, die es gestattet, eine Wahrscheinlichkeit vorauszusagen und eine gewisse Kon- stanz des Auftretens zu berechnen. Betrachtet man die isolierten Zufälle als eine Kette von Ge- schehnissen, relativiert sich ebenso die Vermutung des Nichtbeabsichtigten. Diese zufälligen Ereignisse wirken als stünden sie in kausaler und finaler Beziehung zueinander, die - wie von einer unbekannten Planung geordnet - auf eine „ganzheitliche Ordnung im Zufälligen“41 zu ver- weisen scheinen.

In der subjektiven Wahrnehmung einer Person können Zufälle positive oder negative Färbung erhalten. Äußern sie sich in einzelnen erfreulichen Umständen, werden sie von der betroffenen Person als „Glück“42 empfunden. Die gegenteilige Auslegung im Sinne von Unglück betrifft häufig solche Ereignisse, die als Einzelerscheinungen auftretend, dem gewohnten Weltbild einer Person widersprechen. „Aber die meisten Fälle von Unglück und Unlust erscheinen nur als Zufälligkeiten, d.h. als Fälle, die sich in die ganzheitliche Ordnung der Welt nicht eingliedern, sondern als Ausnahmefälle erscheinen.“43

2.2.2. Das Schicksal

Die älteste griechische Spekulation bezeichnet die Kraft, die hinter allen Erscheinungen wirkt und das göttliche Urprinzip zu seiner vielfachen Ausgestaltung zwingt, mit „anankë“44, in der Bedeutung als Natur- oder Weltnotwendigkeit. Danach ist der Mensch im Vergleich zu dem Weltwerden nur eine augenblickliche und belanglose Gestaltwerdung des beseelten Anfängli- chen. In den verschiedenen philosophischen Strömungen wird dieser Aspekt auch mit dem grie- chischen ‚heimarmenë‘ bezeichnet, das als das Zugeteilte, das Verhängte, oder das Schicksal übersetzt wird.45. Im Lateinischen finden diese Aspekte in den Begriffen „fatum“46 oder „moi- ra“47 ihre Entsprechung. In dem Handwörterbuch „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ werden die schicksalspinnenden Moiren als Mondgottheiten erklärt, die als Herrinnen alles Le- bendigen die Schicksale weben. „Schicksal als der vom M[ond] gewebte ‚Lebensfaden‘ ist für den Menschen eine längere oder kürzere Spanne gelebte Zeit.“48 In der deutschen Sprachge- schichte wird der Begriff Schicksal erstmals in der niederdeutschen Entsprechung als zu ‚Ge- schick‘ in hochdeutsche Texte aufgenommen.49 Abgeleitet von zu ‚schicken‘, dass wiederum zu ‚[ge]schehen‘ ‚geschehen machen‘ gehört, umfasst es die Bedeutungen von ‚wirken‘, ‚fügen‘, oder ‚ordnen‘.50

Rollo May definiert in seiner Abhandlung „Freiheit und Schicksal“ das „[...] Schicksal als das Gefüge von Grenzen und Talenten, das die ‚Gegebenheiten‘ im Leben ausmacht.“51 Sinnver- wandt mit dem Begriff ‚destination‘ unter anderem als Endzweck und Bestimmung übersetzt, und dem Verb ‚destine‘, bestimmen, vorsehen, ausersehen, heben sich zwei wesentliche Aspekte von Schicksal hervor. Dazu gehören die Elemente der Richtung und des Plans, des Entwurfs, der Gestaltung.52

In Anlehnung an den angloamerikanischen Sprachgebrauch erstrecken sich die Begriffsbestim- mungen von Schicksal über unabänderliches Geschick, Los und Verhängnis, bis hin zu Notwen- digkeit und Schicksalsgewalt. Der Begriff ‚Schicksal‘ bezieht sich ausschließlich auf den Men- schen, Dinge dagegen sind schicksalslos. Auf der Ebene des menschlichen Daseins bezeichnet man Ereignisse dann als schicksalhaft, wenn diese aus der subjektiven Perspektive der betroffe- nen Person auf keine eindeutige Ursache zurückzuführen sind und kein Urheber auszumachen ist. Haben solche Ereignisse notwendigen Charakter verstärkt sich nach der Ansicht von May der Eindruck des Schicksalhaften. Als notwendig werden die Geschehnisse bezeichnet, die außer- halb des menschlichen Einflussbereiches und des freien Willens liegen, wie zum Beispiel der Tod.

Schicksal bezeichnet einerseits das Verhältnis des einzelnen zum Ganzen von Natur und Ge- schichte und andererseits die Geschichte des Ganzen selbst.53 Im Unterschied zu dem historisch variablen Ausdruck ‚Geschichte‘, der in ganz allgemeinem Sinne die „[...] Folge der Ereignisse [...]“54 beschreibt, schließt der Begriff Schicksal das „transzendente“55 Geschehen mit ein. Über die Kausalität der Einzelheiten hinaus weisend, betont die Verwendung von Schicksal den ein- heitlichen Sinn, der rational nicht zu erfassen, aber als Wirklichkeit dennoch zu spüren ist. „Wo immer von Schicksal gesprochen wird, ist jenseits der empirischen Einzeltatsachen eine mit dem Verstande nicht fassbare, aber doch wirksame Ganzheitlichkeit des Geschehens angenommen, die zum Teil, ungeachtet ihrer Transzendenz, sogar voraussehbar ist.“56

Von der Makro- auf die Mikroebene gehend, lassen sich in Anlehnung an die Abhandlung „Freiheit und Schicksal“ abschließend vier Ebenen des Schicksals ausdifferenzieren. 1. Die kosmische Ebene: Dazu zählen Geburt und Tod oder Naturkatastrophen als Ereignis- se, die sich auch ohne Rücksicht auf den menschlichen Willen ereignen. 2. Die genetische Ebene: Diese beinhaltet körperliche Merkmale, die das physische Ausse- hen und die Talente bestimmen.

3. Die kulturelle Ebene: Familie und soziales Milieu, Herkunftsort und Geschichtsperiode, in die der Mensch hineingeboren wird.

4. Die von den Umständen bedingte Ebene: Krieg oder ökonomische Faktoren, die weder rückgängig noch vermieden, nicht ignoriert oder wiederholt werden können.

2.2.3. Fazit: Übergreifende Ganzheit und relative Einzelheit

Wie der Begriffsbestimmung zu entnehmen ist, weisen 57 Zufall und Schicksal beide auf etwas Existentes hin, das im Weltgeschehen mitspielt, sich aber dem rationalen Erfassen entzieht und dem nüchternen Verstand unzugänglich ist. Bei beiden Kategorien handelt es sich um zwei vielseitige und schwer fassbare Begriffe, die nie als rein objektiv verstanden werden können, sondern immer die subjektive Stellungnahme eines betroffenen Individuums mit einschließen. Je nach Kontext erhalten diese Kategorien positive oder negative Färbung, die Gefühle der Überraschung, der Verblüffung, der Verwunderung oder der Freude, genauso wie des Schreckens, der Unlust oder der Enttäuschung, auslösen können.

Bereits der begriffliche Ursprung von Schicksal als ‚anankë‘, als das Notwendige, schließt das Zufällige nach der klassischen Ontologie als das „Nicht-Notwendige“58 aus und besteht auf die vorausbestimmte Bedingtheit allen Geschehens. Auch der Kontingenzbegriff nach Niklas Luh- mann wird gerade durch das Ausschließen von Notwendigkeit und Unmöglichkeit gewonnen und bezeichnet etwas, „[...] was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.“59 Dennoch gibt es zahlreiche Versu- che, die beiden Konzepte unbekannter Größe einander anzunähern. In der Rekapitulation ästhetischer Theorien und Aktionen des 20. Jahrhunderts über die Positionierung des Zufalls konstatiert Hans Ulrich Reck in seinem Aufsatz „Aleatorik in der bildenden Kunst“ eine ganze Reihe unterschiedlicher Zufallsmodelle.60 Darunter erwähnt er auch den Ansatz, der den Zufall von der Definition des nicht Notwendigen zu befreien sucht: „Der Gegensatz von Notwendigkeit ist das Unmögliche, nicht das Zufällige. Gegensatz des Zufälligen ist das Unmögliche, der Zufall also ein Aspekt des Möglichen.“61 Ein anderes Beispiel ist die allgemein gängigere Bestimmung des Zufalls zuweilen als äußerliche Wirkung und Offenbarung des Schicksals, so wie im Volksmund unglückliche Zufälle häufig als „Schicksalsschläge“ bezeichnet werden. Um der Gefahr einer allzu subjektiven Auslegung eines Ereignisses als zufällig oder schicksalhaft zu entgehen, wird im weiteren Verlauf der Darstellung, in Orientierung an die zu Anfang vorgestellten Definitionen, die klare Trennung der beiden Begriffe bewusst beibehalten.

Folgt man den Erläuterungen von Müller-Freienfels in dem Kapitel „Schicksal und Zufall als Tatsächlichkeiten und Probleme“62, wird der Zufall als Einflussgröße dem Schicksal untergeord- net, da das Weltgeschehen nicht als bloße Aneinanderreihung von Zufälligkeiten verstanden werden könne. Über die Kausalität von Einzelheiten hinausweisend gibt „Schicksal“ zugleich der Vermutung Ausdruck, dass jenseits dieser Einzelereignisse etwas Ganzheitliches, vielleicht sogar Sinnvolles und Voraussehbares besteht, das mit dem Verstand nicht zu fassen ist. Als Zu- fälligkeit dagegen wird gerade das „Nichtvoraussehbare“63 definiert, das vom Regelfall abweicht und die Vorhersehbarkeit des Schicksals unmöglich macht. Aus Mangel einer erklärbaren Ursa- che werden diese einzelnen Ereignisse häufig als sinnwidrig eingestuft und somit auch als ord- nungswidrig gegenüber dem ganzheitlichen Charakter von Schicksal erlebt.64 Stellt man folglich die Wesenszüge einander gegenüber, scheint es in der Welt einerseits ganzheitliche, teilweise voraussehbare und sinnvolle Zusammenhänge zu geben, die man als „schicksalhaft“ bezeichnet. Daneben spricht man von Zufällen als singulären, unvoraussehbaren und scheinbar sinnlosen Tatsachen. Dementsprechend bezeichnet Michael Lommel in „Schau-Spiel des Zufalls“ den Zu- fall als „List der Determination.“65

2.3. Aspekte von Zufall und Schicksal

Bei Zufall und Schicksal handelt sich um zwei Begriffe, die beide die subjektive Stellungnahme eines Individuums mit einschließen. In Anbetracht dessen werden solche Begebenheiten unter- sucht, die sich in der personenspezifischen Auseinandersetzung mit Zufall und Schicksal erge- ben.

Dabei steht zu Beginn das Gegensatzpaar von „Freiheit und Notwendigkeit“. Seit jeher Gegenstand und Schwerpunkt philosophischer Diskurse müssen darin die Kategorien von Zufall und Schicksal miteinbezogen werden, die im Kontext der menschlichen Handlungs- und Willensfreiheit zum Teil als störend, zum Teil als förderlich, jedoch fast immer als rational nicht erklärbar erlebt werden. Später, in der Analyse der filmischen Erzählungen, unterstützt die Bezugnahme darauf die Charakterisierung der Personen. Der Umgang mit der freiheitlichen Gestaltung von Ereignissen, die aus Sicht der Figuren als zufällig oder schicksalhaft erlebt werden, gibt Aufschluss über deren Persönlichkeitsstrukturen.

Unter dem zweiten Gegensatzpaar, betitelt als „das Bewusste und das Unbewusste“, werden die Aspekte von Zufall und Schicksal unter Bezugnahme auf die Theorien von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung in psychoanalytischer Hinsicht betrachtet.

2.3.1. Freiheit und Notwendigkeit

Der Eintrag aus dem philosophischen Wörterbuch über den Zufall als ein „[...] nicht beabsichtig- tes und unvorhergesehenes Ereignis, ein Geschehen, eine Tatsache, die vom Willen unabhängig und der Erkenntnis unzulänglich [...]“66 ist, setzt den Zufall in der Betonung als eine vom Willen unabhängige Tatsache in engen Bezug zu der Problematik der Willensfreiheit. Die Frage, ob sich der menschliche Wille selbst bestimmen kann, also autonom ist, oder ob er heteronom und unfrei ist und von fremden Mächten bestimmt wird, stellt einen der am umfangreichsten diskutierten Aspekte in der Geschichte der Philosophie dar. Im Folgenden soll lediglich anhand von Auszü- gen philosophischer Wörterbücher ein Einblick in den enormen Umfang dieser Thematik gege- ben werden, wobei sich die Ausführung auf ausgewählte Vertreter philosophischer Strömungen beschränkt.

Der Exkurs beginnt im Zeitalter der mechanischen Naturauffassung mit Spinoza (1632-1677) als dem klassischen Vertreter des „Determinismus“67, der Lehre von der Willensbestimmung. Dem- nach ist ein Ding ‚frei’, das nur kraft der Notwendigkeit seiner Natur existiert und allein durch sich selbst zum Handeln bestimmt wird. Im Sinne Spinozas ist daher allein die unendliche, un- bedingte Substanz, Gott, freier Ursache, aus der alle anderen Dinge folgen. In dieser allgemeinen Kette der Notwendigkeit ist auch der Mensch ein einzelnes Glied, und deshalb so wenig frei, „[...] wie ein geworfener Stein.“68 Von einem neuen Standpunkt aus sucht der Philosoph Imma- nuel Kant (1724-1804) das Freiheitsproblem zu lösen. Als stärkster Vertreter des „Indeterminis- mus“69 spricht er in seiner praktischen Philosophie dem Menschen eine metaphysische, so ge- nannte ‚intelligible‘ Freiheit zu: „Die intelligible F[reiheit] ist die Fähigkeit des Menschen, eine Kette des Geschehens, die erst, sobald sie in Erscheinung tritt, nach Naturgesetzen abläuft, ur- sachlos durch Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit der praktischen Vernunft zu beginnen.“70 Arthur Schopenhauer (1788-1860) knüpft daran an und bezeichnet in seiner Willensmetaphysik den intelligiblen Charakter als den Willen an sich. Demnach ist das Tun zwar notwendig, aber die Freiheit liegt im Bereich des Seins. Aus dem, was der Mensch ist, folgt notwendig alles, was er jedes Mal tut. Aber das Sein des Menschen, der Wille, ist seine freie Tat.71 Zusammengefasst in dem bekannten Ausspruch von Schopenhauer: „Der Mensch kann tun was er will, aber nicht wollen, was er will [...].“ Entsprechend differenziert verhält es sich bei der Bestimmung der Freiheit in Anbetracht des Zufalls. Seit Kant und dem deutschen Idealismus wird als Gegenbeg- riff zur Notwendigkeit nicht nur der Zufall, sondern auch die Freiheit erwähnt. Auf Grund der Annahme eines durchgängigen Kausalzusammenhangs aller Vorgänge in der Welt, habe der kan- tischen Behauptung zufolge, auch alles Zufällige eine Ursache. Dem entgegen erklärt Schopen- hauer sowohl das absolut Zufällige, wie das absolut Notwendige, als unsinnig. In „Die Welt als Wille und Vorstellung“ fasst er den Zufall als einen momentanen, subjektiven Eindruck, als blo- ßes Zusammentreffen von Umständen auf, die ungerechtfertigter Weise als Kausalität interpre- tiert werden.72

Dieser Einschub repräsentiert nur einen Ausschnitt philosophischer Deutungsansätze zu dem Thema der menschlichen Freiheit. In Bezug auf den zentralen Gegenstand dieser Erörterung soll er Aufschluss darüber geben, inwiefern von einer freiheitlichen Gestaltung des Schicksals ge- sprochen werden kann und in welchem Grad sich die Verhaltensfreiheit von Personen in zufälli- gen Ereignissen bewegt. Im Folgenden gilt es, auf der Grundlage geisteswissenschaftlicher Ab- handlungen, die Freiheit des Menschen in seinem Verhalten in einzelnen, unerwarteten Situatio- nen, solche wie dem Zufall, zu untersuchen. Anschließend wird die Frage aufgeworfen, welche Freiheiten der Mensch in Bezug auf sein Gesamtverhalten und dessen Einfügung in das Weltge- schehen, also sein Schicksal, genießt.

In „Zufall - Tarnkappe der Freiheit?“ beschreibt der Verfasser Cornelius Grupen den Zufall als etwas, bei dem man weder wisse, noch bestimmen könne, was passiert. Bei der Vorhersagbarkeit wisse man es zwar, könne es aber nicht bestimmen. Freiheit hingegen bedeute wissen und bestimmen. Seine Schlussfolgerung lautet daher: „Der Zufall ist ein Argument gegen die Deter- mination, aber keines für die Freiheit.“73 Obwohl man den Zufall weder genau kennt, noch ein- deutig bestimmen kann, besitzt der Mensch im Moment des Eintretens eines zufälligen Ereignis- ses eine gewisse Handlungsfreiheit, die ihm nicht abgesprochen werden kann. Nach Müller- Freienfels ist von Freiheit nur dann zu sprechen, wenn, im vorausschauenden Bewusstsein auf die inneren und äußeren Folgen, unter mehreren Möglichkeiten des Verhaltens die wertvollste gewählt wird.74 In Bezug auf die Zufälligkeit ist der Mensch insofern objektiv als frei anzusehen, da er in der Lage ist, seine Entscheidungen auf Grund des Bewusstseins über mögliche, unerwar- tete Ereignisse sinngemäß zu variieren. Neben dieser Fähigkeit folgebewusst zu handeln, zeigt sich die zweckbewusste Ausrichtung seines Handelns daran, dass er diesen zufälligen Begebnis- sen Werte zu unterstellen vermag, an denen er sich orientiert. Die Wahl der wertvollsten Mög- lichkeit kann subjektiv an individuelle Werte oder objektiv auf überindividuelle und kulturelle Werte ausgerichtet sein.75 Demnach scheint der Mensch auch hinsichtlich einzelner Zufälle eine gewisse Freiheit zu genießen.

In Bezug auf das Verhältnis von Freiheit und der Ganzheitlichkeit des Schicksals lassen sich allgemein betrachtet zwei extreme Positionen differenzieren. Auf der einen Seite existiert die Anschauung eines Schicksals ohne jegliche Freiheit für das Individuum, wie zum Beispiel der „Fatalismus“76 oder die theologische Lehre des „Prädeterminismus“77. Auf der anderen Seite steht die gegenteilige Annahme einer absoluten Freiheit der Individuen ohne jede Schicksalsbestimmung, frei nach Sartre: „Wir sind zur Freiheit verurteilt.“78 Seit jeher wird der Versuch unternommen, die entgegengesetzten Positionen, Schicksalbestimmung oder völlige Freiheit, einander anzunähern. Mehr dem einem oder anderem Extrem folgend, gibt es Tendenzen, die zwar von einer schicksalhaften Bindung ausgehen, dennoch dem Menschen eine gewisse Freiheit einräumen. Von der Aufforderung zu einer freiwilligen und freudigen Bejahung des Schicksals der Stoiker, das „amor fati“79 als die Liebe zum Schicksal, über das von Spinoza geprägte Schlagwort des „amor intellectualis Dei“80 als die intellektuelle Liebe zu Gott und die erkenntnisgeleitete Hingabe an die Notwendigkeit. Der Diskurs Willensfreiheit versus Determinismus stellt einen der zentralsten Punkte in der modernen Handlungstheorie dar.

Hinsichtlich eines Lebensschicksals stellt sich in Bezug auf die Wahlfreiheit die Frage, ob der Mensch durch selbstständiges und freies Handeln in einzelnen Situationen Einfluss auf die vor- ausbestimmte Notwendigkeit, die Determiniertheit, nehmen kann. Das Verhältnis von Freiheit zu dem individuellen Schicksal wird im Folgenden auf Grundlage der Abhandlung von Rollo May, mit dem bezeichnendem Titel „Freiheit und Schicksal“, untersucht. Der Autor verwendet dabei den Begriff des Determinismus, den er ausschließlich auf die Freiheit des Handelns, nicht des Seins, bezieht.81 In Anlehnung an den Ausspruch von Martin Buber, „[...] Freiheit und Schicksal sind einander angelobt und umfangen einander im Sinn [...]“82, geht May von der gegenseitigen Bedingtheit aus, wonach Freiheit und Determinismus gleichermaßen auf das menschliche Leben einwirken. Frei von jeglicher Bestimmtheit würde ihm zufolge das Dasein in Anarchie verfallen, genauso wie das völlige Fehlen von Freiheit wiederum zu einem Dasein in Apathie führen könn- te. Daraus folgernd gebären sich Freiheit und Determiniertheit wechselseitig, wobei jede Zu- nahme an Freiheit der Beginn einer neuen Determiniertheit und jede Zunahme an Determiniert- heit eine neue Freiheit hervorbringe.83 Zusammenfassend definiert May das Verhältnis vom in- dividuellen Schicksal zur Freiheit als einander bedingende Gegensätze, die sich wechselseitig aktivieren: „Schicksal und Freiheit bilden ein Paradox, eine dialektische Beziehung [...] Freiheit ist keineswegs Schicksalslosigkeit [...]“84, denn ohne die Konfrontation eines Schicksals, gäbe es keine Freiheit.

Die Möglichkeiten, sich mit dem Schicksal im Bereich der eigenen menschlichen Existenz aus- einanderzusetzen sind zahlreich und schließen, je nach Situation, einander nicht aus. Die eher passive Umgangsform der Kooperation mit dem Schicksal, sich seiner gewahr werden und es anerkennen, trifft May zufolge „[...] - zumindest oberflächlich - in Fragen wie Körpergröße, Anatomie und Tod [...]“85 auf die meisten Menschen zu. Das persönliche Schicksal zu umfassen, es zu konfrontieren, herauszufordern, ihm entgegenzutreten oder zu rebellieren, zähle zu den aktiven Verhaltensweisen. Die gegenteilige Ausprägung äußere sich in dem Versuch, sein Schicksal bewusst zu leugnen, zu fälschen oder davor davonzulaufen. Das Schicksal gilt als ein Aspekt des Lebens, der nicht abzuschaffen ist. Demnach beschreibt der spanischen Philosoph José Ortega y Gasset (1883-1955) das oberste Ziel des Lebens darin, seinem Schicksal aktiv zu begegnen: „Leben bedeutet die unerbittliche Notwendigkeit den Daseinsentwurf, den ein jedes Individuum darstellt, zu verwirklichen.“86 Die freie Entscheidung diesem zu begegnen, in aktiver oder passiver Weise, binde den Menschen an Entscheidungsmöglichkeiten, die im Grad ihrer Freiheit variieren. May zufolge entspricht die Freiheit dabei dem Grad, in dem das Schicksal konfrontiert und in Verbindung mit ihm gelebt wird. In Anlehnung auf die von ihm postulierten vier Ebenen des Schicksals, nimmt das Ausmaß der Handlungsfreiheit von der von den Umstän- den bedingten Ebene, über die kulturelle und genetische, bis hin zur kosmischen Ebene stetig ab. Zwischen dem kosmischen und dem genetischen Bereich siedelt sich die Sexualität, in Form der Erzeugung von Geburt, als Aspekt des Schicksals an und bildet insofern einen einflussreichen Teil, als das der Mensch keinen Einfluss darauf habe, als Mann oder Frau geboren zu werden. In Bezug auf Natur, Geburt und Tod als weitere Aspekte der kosmischen Ebene, bewertet May das Bewusstsein des Todes als das anschaulichste Beispiel für das Schicksal: „Das Bewusstsein des Todes ist das Sichtbarwerden des Schicksals, nun als Notwendigkeit, in seiner strengsten und endgültigsten Form.“87 Der Mensch wisse, dass er eines Tages sterben wird. Er könne versuchen, den Tod hinauszuzögern oder herbeizuführen, ihn aber niemals vermeiden. Daher birgt May zufolge das Eingestehen der eigenen Sterblichkeit das Gefühl der Befreiung und Erlösung.

2.3.2. Das Bewusste und das Unbewusste

Als übergreifendes Merkmal von Zufall und Schicksal wurde erwähnt, dass beide auf etwas Be- stehendes im Weltgeschehen hinweisen, das dem nüchternen Verstand unzugänglich ist. Rational nicht zu erfassen, verfügt der Mensch dennoch über ein Bewusstsein von Zufällen, denn das „[...] menschliche Gedächtnis behält nicht nur Regelmäßigkeiten, sondern auch Zufälliges.“88 Geistige Vorgänge, die auf die bloße Wahrscheinlichkeit von Ereignissen abzielen, ermöglichen es, im Falle des Eintretens von Zufällen, das Handeln entsprechend zu variieren oder anzupassen. Folgt man der These von Müller-Freienfels, sind die Menschen, die sich der Zufälligkeit des Alltags bewusst sind, wenn auch nur rein gefühlsmäßig, denen überlegen, die es zu leugnen versuchen.89 Das Vorhandensein von Bewusstsein schafft auch den Kontext für den Begriff ‚Schicksal’. Ohne diesen Aspekt könne man auch den Ausdruck ‚Determinismus’ verwenden, der aus der Physik stammt und sich nicht auf physiologische oder neurologische Reaktionen bezieht, sondern im Allgemeinen eher für unbeseelte Dinge verwendet wird.90 Das Bewusstsein über Schicksal äu- ßert sich in Zwischenzuständen des Wissens und Nichtwissens, bezeichnet als Ahnen, Vermuten, Erraten, Annehmen oder Hoffen.

Sigmund Freud (1856-1939), der Begründer der Psychoanalyse, beschreibt in seiner determinis- tischen Theorie der menschlichen Psyche neben dem Bewussten das Vorhandensein eines Un- bewussten. Dieses enthält die inadäquaten Bedürfnisse, die mit den äußeren Erlebnissen nicht im Einklang stehen und daher vom Bewusstsein abgelehnt werden. Die Ursachen menschlichen Handelns sind demnach sowohl von bewussten, wie auch von unbewussten Vorgängen be- stimmt. Daher bezeichnet Freud den Menschen als ‚überdeterminiert‘: Von vielen Ursachen gleichzeitig bestimmt.“91 Freud nimmt keine Zufälle im Seelenleben an. In „Das Unbewußte“ (1915) schreibt er:

Wer die pathologischen Tatsachen nicht kennt, die Fehlhandlungen der Normalen als Zufälligkeiten gelten läßt und sich bei der alten Weisheit bescheidet, Träume seien Schäume, der braucht dann nur noch einige Rätsel der Bewußtseinspsycho- logie zu vernachlässigen, um sich die Annahme unbewußter seelischer Tätigkeit zu ersparen.92

Mithilfe der Psychoanalyse führt Freud das scheinbar Unerklärliche, Zufällige, im Verhalten von Menschen auf verborgene Gründe zurück. Die Psychoanalyse bietet verschiedene Wege an, diese unbewussten Motive aufzudecken, um sie dem freien Willen zugänglich zu machen.93 Gelingt es, sich verdrängten Erlebnissen bewusst zu werden, erlebe der Mensch Authentizität. Bleiben diese Bedürfnisse auf Grund von Angst, Unsicherheit oder aus einem Konflikt mit den Möglichkeiten verhüllt oder unterdrückt, fühle sich der Mensch unwirklich, unaufrichtig oder unglaubwürdig.94 Später, in „Jenseits des Lustprinzips“ (1920), revidiert Freud allerdings seine strikte Ablehnung des Zufalls: „Wenn man schon nicht selbst sterben will, und vorher seine Liebsten durch den Tod verlieren soll, so will man lieber einem unerbittlichen Naturgesetz [...] erlegen sein, als einem Zufall, der sich noch hätte vermeiden lassen.“95

Carl Gustav Jung (1875-1961), ehemals ein Schüler von Freud, integriert den Aspekt des Zufalls in seine Theorie der ‚Synchronizitätsphänomene’, die Rosemarie Boenicke in dem Aufsatz „Ma- terie mit latenter Psyche“ in dem Band „Spielzüge des Zufalls“ erläutert.96. Synchronizitäten beschreiben solche Ereignisse, bei denen eine innere Situation, die von affektiver Betroffenheit gekennzeichnet ist, auf eine äußere stößt, die ebenfalls Bedeutungselemente dieser subjektiven Erregtheit aufweist. Zum Beispiel das Stehen bleiben einer Uhr bei dem Tod eines nahe stehen- den Menschen. Oder Träume, die synchronistischen Charakter haben, wenn sie auf tatsächliche Ereignisse hinweisen, die gleichzeitige oder kurze Zeit später auftreten. Die äußere Situation verhält sich dabei wie ein Kommentar zu dem subjektiven Erleben einer Person. Solche Erfah- rungen, die man in schwierigen Lebenssituationen macht, wobei unberechenbare, dem Willen entrückte Umstände störend oder fördernd in die menschliche Planung eingreifen, erfahren be- sonders in Stunden seelischer Erregung und Spannung bedeutungsvolle Aufladung.97 Diese Ko- inzidenz, rational nicht zu erklären, wird von dem Erlebenden als eine irgendwie geartete Inten- tionalität verspürt, bewertet als seltsamer Zufall. Als entscheidendes Wesensmerkmal bleibt fest- zustellen, dass synchronistische Ereignisse im subjektiven Empfinden einer Person nicht trivial sind, sondern ein entscheidendes Moment beinhalten, das sich durch außerordentlicher Bedeut- samkeit und Einzigartigkeit äußert.

In Bezug auf das Schicksal betont Jung die Bedeutung des Unbewussten: „Das individuelle Schicksal hängt sogar weitgehend von unbewußten Faktoren ab.“98 Er erweitert den von Freud postulierten Begriff und schreibt der menschlichen Psyche neben dem individuellen Unbewussten, das persönliche Erfahrungen und Erwerbungen enthält, einen kollektiven Anteil zu. Das „kollektive Unbewusste“ beinhaltet die geschichtlich variablen Ausdrucksformen von „Archetypen“99 die seit alters vorhanden sind und sich erst durch das Wahrnehmen im individuellen Bewusstsein verändern. Zusammenfassend beschreibt Jung das Unbewusste als Quelle solcher Faktoren, die das Schicksal einer Person mitbestimmen:

Das Unbewusste hat ein Janusgesicht: einerseits weisen seine Inhalte zurück in eine vorbewußte prähistorische Instinktwelt, [die Archetypen], andererseits nimmt es potentiell eine Zukunft vorweg, eben gerade auf der Grundlage einer instinktiven Bereitstellung der schicksalentscheidenden Faktoren. Eine völlige Kenntnis der von Anfang an in einem Individuum unbewußt liegenden Grundzeichnung könnte dessen Schicksal weitgehend voraussagen.100

3. Analyse: Filmisches Erzählen über Zufall und Schicksal

Im Folgenden werden zwei ausgewählte filmische Erzählungen des spanischen Regisseurs Julio Medem auf die Kategorien von Zufall und Schicksal hin untersucht. Von insgesamt sechs Lang- filmen, in denen Medem als Drehbuchautor und Regisseur die künstlerische Verantwortung trägt, fällt die Wahl der Analyse auf die letzten beiden Kinofilme: “Los amantes del Círculo Po- lar” (1998) und “Lucía y el sexo” (2000), (der alleine in Spanien mit über 1,2 Millionen Kinozu- schauern den vorangehenden Überraschungserfolg noch übertroffen hat), gelten als seine bisher größten Regieerfolge und sichern Medem seine Position unter den international anerkannten Vertretern des neuen spanischen Kinos.101 Die Entscheidung für diese Filme begründet sich we- niger in dem hohen Popularitätsgrad, als vielmehr in den inhaltlichen Analogien. Deren Gemein- samkeit, die Themenbereiche von Zufall und Schicksal zum Hauptgegenstand ihrer Erzählung zu haben, wird bereits in zahlreichen Filmrezensionen und -kritiken hervorgehoben.102 Darüber hin- aus erklärt sich die Filmauswahl in Anlehnung an Aussagen des Regisseurs selbst, der beide Filme in untrennbarer Einheit betrachtet, wobei er den einen als aus dem anderen hervorgegan- gen beschreibt: „Ich wollte vor meinem letztem Film fliehen und bin doch in der Vergangenheit versunken.“103

Julio Medem: „Lucía ist Teil des letzten Weges von Ana aus ‚Die Liebenden des Polarkreises’. Bei den ‚Liebenden’ hatte ich das Gefühl, dass dieser letzte Weg von Ana, der ein Gang in ihren eigenen Tod war, [...] dem Film einen so dunklen Aspekt [gab] und eine so düstere Stimmung, dass er niemanden interessierte. So beschloss ich, dass mein nächster Film, ein Weg an einen warmen, hoffnungsvol- len Ort sein sollte.“104

Zur besseren Übersicht und um thematische Sprünge zu vermeiden, wird in der folgenden Analyse eine strikte Trennung der beiden Filme bevorzugt. In der Betrachtung des ersten Teils mit “Los amantes del Círculo Polar” werden grundsätzliche Bezüge zu den einzelne Aspekten von Zufall und Schicksal geklärt, die im zweiten Teil der Analyse bei “Lucía y el sexo” herangezogen und als bekannt vorausgesetzt werden.

Die Analyse dieser narrativen Filme, im spanischen Wortgebrauch als “cine narrativo”105 be- zeichnet, richtet ihr Augenmerk auf die vielfältigen, sowohl inhaltlichen wie auch formalen Aus- drucks- und Gestaltungsmöglichkeiten, die zur filmischen Vermittlung von Zufall und Schicksal beitragen können. In Anlehnung an den formalistischen Ansatz, den David Bordwell in “The classical Hollywood cinema”106 bei der Analyse des fiktionalen Erzählfilms verfolgt, ergibt sich die Zweiteilung der Untersuchung in eine Figuren- und Handlungsebene, und eine Inszenie- rungsebene. Bordwell versteht den Film als ein umfassendes System von Beziehungen, die auf- einander beruhen und die der Zuschauer zu erkennen und einzuordnen hat: “Classical films call forth activities on the part of the spectator […] the spectator participates in creating the illusi- Oder: Martínez, Irene, Rubio, Mar: „Destino [Schicksal]como azar [Zufall], aparente contradicción entre lo que con toda certeza está por venir y lo que fortuitamente se da. Ese artificioso y armónico discurso sobre las casualidades que caló en muchos de nosotros con la poética de las casualidades en Los Amantes del Círculo Polar, está de nuevo presente en “Lucía y el sexo.“ Zitiert nach: “Lucía y el sexo. El azar como forma de contar.“ In: http://www.pliegosdeopinion.net/pdo5/barandal/cine/lysexo.htm, SD: 04.08.2005.

[...]


1 Schifferle, Hans: „Landkarten der Sehnsucht. Die metaphysischen Kinomelodramen des Julio Medem.“ In: epd Film. München: Evangelischer Presseverband für Bayern e.V. 9/2002, S. 26.

2 Heredero, Carlos F.; Monterde, José Enrique: “Los Nuevos Cines en España. Ilusiones y desencantos de los años sesenta”. Instituto Valencia de Cinematografia Ricardo Muñoz Suay. Festival Internacional de Cine de Gijón, Centro Galego de Artes da Imaxe. Filmoteca de Andalucía: Filmoteca Española 2003, S. 222.

3 Moles Kaupp, Cristina: „Liebe auf der Flucht.“ In: tip Magazin. Berlin: tip Verlag GmbH 18/02, S. 46.

4 Fuhry, Anna; Schweckendiek, Helge (Hrsg.): „24. Festival des Europäischen Films. Spanische Länderfilmtage.“ Veranstalter Kino Lumiere, Film- und Kinoinitiative Göttingen e.V. Göttingen: Aktiv Druck 2003, S. 17.

5 Medem, Julio (Regie): „Die Liebenden des Polarkreises.” DVD. e-m-s new media AG 2001. Hauptmenü: Specials, Pressestimmen: Schifferle, Hans. In: Süddeutsche Zeitung vom 03./04. April 1999, o. S.

6 May, Rollo: „Freiheit und Schicksal. Anatomie eines Widerspruchs.“ Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1983, S. 109.

7 Vgl. dazu Filme wie: “Final destination” von James Wong (USA 2000); “Final destination II” (USA 2003), “Final Call” (USA 2004) von David R. Ellis; “The Alamo” (USA 2004)/( „Alamo. Der Traum, das Schicksal, die Legende“) von John Lee Hancock, etc.

8 „[…] Der Zufall und die spontane Entscheidung werden zu Grundprinzipien eines filmischen Spiels, das seine Künstlichkeit nicht verleugnet und immer neue Perspektiven auf die Figuren anbietet.“ Zitiert nach: Lux, Stefan: „Smoking/No Smoking.“ In: film-dienst. Bonn: Deutsche Zeitung GmbH 21/1994, S. 24/25.

9 „kontingent ‹lat.›: zufällig; wirklich od. möglich, aber nicht [wesens]notwendig [...].“ In: „Duden. Das Fremdwörterbuch.“ 6., auf der Grundlage der amtlichen Neuregelung der deutschen Rechtschreibung überarbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben und bearbeitet vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. (Duden Band 5) Mannheim u. a.: Dudenverlag 1997, S. 442.

10 „Die Bibel. Einheitsübersetzung der heiligen Schrift.“ Hrsg. im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, des Bischofs von Lüttich, des Bischofs von Bozen - Brixen, des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland und der deutschen Bibelgesellschaft. Gesamtausgabe. Stuttgart: Katholisches Bibelwerk GmbH 1996, AT, 1. Könige 22, 34 bzw. AT, 2. Chr. 18, 33.

11 Ebd., NT Lukas 10, 31.

12 Aland, Kurt; u. a.; (Hrsg.): „Novum Testamentum Graece”. 27. revidierte Auflage. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 2001, S. 193.

13 „Theodizee (franz. théodicée v. gr. theos = Gott und dikaioun = rechtfertigen) heißt die Rechtfertigung Gottes gegen die Anklage, daß er am Übel und der Sünde in der Welt schuld sei. Der bewegende Gedanke der Theodizee ist, den Zweifel an der Existenz Gottes oder an der Gerechtigkeit und Güte Gottes zu beseitigen, den Übel und Sün- de im Menschen erwecken. Daher ist der Kern der Theodizee so alt als das Denken der Menschen und kehrt in myt- hischer, poetischer und philosophischer Form bei allen Völkern wieder. Im Alten Testament gehören dahin das Buch Hiob und die Psalmen (37. 49.) […].“ In: http://www.textlog.de/2114.html, SD: 22.07.2005.

14 Vgl. „Chaos und Zufall. Interdisziplinäres Forum mit Vorträgen, Diskussionen und Musik.“ 28./29. Januar 1993. Hrsg. vom Fachbereich Musik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Wiesbaden: Fritz Druck 1993, S. 1-5.

15 Coy, Wolfgang: „Berechenbares Chaos.“ In: Gendolla, Peter: „Die Künste des Zufalls“, S. 39.

16 Ebd., S. 46. Der ,chaotische Zufall’ bezeichnet im mathematischen Sinne die statistische Verteilung ähnlicher oder gleicher Elemente, also eine Vielzahl von Zufallskoinzidenzen, die mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung umso genauer zu berechnen ist, je größer die Zahl der Zufallsereignisse ausfällt.

17 Ebd., S. 46.

18 Vgl. Halder, Alois (Hrsg.): „Philosophisches Wörterbuch.“ Völlig überarbeitete Neuausgabe. Freiburg u. a.: Herder 2000, S. 385.

19 Löhrs, Sabine: „Erleuchtung aus der Petrischale. Die Welt feiert den Dalai Lama, Buddhismus ist chic. Auch unter Physikern und Klonforschern.“ In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3. Juli 2005, Nr. 26, S. 61.

20 „Prädestination, lat. ›Vorherbestimmung‹, die theologische Lehre, nach der alles Geschehen in der Welt nach dem Willen eines persönliches Gottes vorherbestimmt sein soll, im Unterschied zum Glauben an das ↑ Schicksal als eine unpersönliche Macht (↑ Fatalismus) und zur Vorherbestimmung durch das Naturgesetz (↑ Determinismus), vor

21 Johannes Calvin: geb. 10. 07. 1509 in Noyon, Picardie; gest. 27. 05. 1564 in Genf, Schweizer Reformator und Begründer des Calvinismus.

22 Müller-Freienfels, Richard: „Schicksal und Zufall. Eine wissenschaftliche Erörterung außerwissenschaftlicher Probleme.“ München, Berlin: Wissenschaftliche Editionsgesellschaft m. b. H. 1949, S. 225.

23 Ebd., S. 7.

24 „Duden. Das Bedeutungswörterbuch.“ 3., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Hrsg. von der Dudenredaktion. (Duden Band 10) Mannheim u. a.: Dudenverlag 2002, S. 1080.

25 Ebd., S. 768.

26 „Metzler Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen.“ Hrsg. von Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard. Stuttgart, Weimar: Metzler 1996, S. 590.

27 Ebd., S. 459.

28 „Duden. Das Synonymwörterbuch. Ein Wörterbuch sinnverwandter Wörter.“ 3., völlig neu erweiterte Auflage. Hrsg. von der Dudenredaktion. (Duden Band 8) Mannheim u. a.: Dudenverlag 2004, S. 746.

29 Ebd., S. 1081.

30 Stowasser, J. M, u. a.: „Der kleine Stowasser. Lateinisch deutsches Schulwörterbuch.“ Unter der Gesamtredaktion von Hubert Reitterer und Wilfried Winkler. Bearb. und erw. von Robert Pichl. München: Freytag 1979, S. 70.

31 Regenbogen, Arnim: „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, S. 678.

32 Seifen, Johannes: „Der Zufall - eine Chimäre? Untersuchungen zum Zufallsbegriff in der philosophischen Tradition und bei Gottfried Wilhelm Leibniz.“ Band 2. Academia - Hochschulschriften Philosophie. Sankt Augustin: Academia Verlag 1992, S. 6/7.

33 Apel, Max; Ludz, Peter: „Philosophisches Wörterbuch.“ 6. Auflage. Band 2202. Sammlung Göschen. Berlin, New York: Walter de Gruyter 1976, S. 23.

34 „Chaos und Zufall. Interdisziplinäres Forum mit Vorträgen, Diskussionen und Musik. 28./29. Januar 1993.“ Hrsg. vom Fachbereich Musik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Wiesbaden: Fritz Druck 1993, S. 5.

35 Kluge, Friedrich: „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache.“ 23. erweiterte Auflage. Bearbeitet von Elmar Seebold. Berlin, New York: Walter de Gruyter 1999, S. 916.

36 Müller-Freienfels, Richard: „Schicksal und Zufall“, S. 90.

37 Regenbogen, Arnim; Meyer: „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, S. 751.

38 Das Kausalgesetz umfasst den „[...] der Grundsatz, daß für jedes Geschehen eine ↑Ursache vorhanden sein muss [...].“ In: Ebd., S. 341.

39 Müller-Freienfels, Richard: „Schicksal und Zufall“, S. 90.

40 Grupen, Claus: „Die Natur des Zufalls.“ In: Gendolla, Peter: „Die Künste des Zufalls“, S. 15. 10

41 Müller-Freienfels, Richard: „Schicksal und Zufall“, S. 104.

42 „Glück (gr. eudaimonia, lat. beatitudo), mhd. Gelücke, das Gefühl der Harmonie, der Zustand des inneren Ein- klangs von Wunsch und Befriedigung, der einzelne günstige Umstand (↑ Zufall), aber auch das günstige Zusammen- treffen von inneren Tendenzen mit äußeren Umständen […].“In: Regenbogen, Arnim: „Wörterbuch der philosophi- schen Begriffe“, S. 266.

43 Müller-Freienfels, Richard: „Schicksal und Zufall“, S. 65.

44 „anankë, gr. ›Zwang‹, Notwendigkeit, das ↑Schicksal, das Verhängnis, auch die Schicksalsgöttin [...].“ In: Regenbogen, Arnim: „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, S. 38.

45 Ebd., S.285.

46 „fatum, lat. (von fari ›aussprechen‹), der Ausspruch, Ratschluss eines Gottes, die Weissagung (↑Vorsehung); dann die Weltordnung und das durch die unabänderliche Weltordnung vorherbestimmte, verhängte ↑Schicksal des Menschen, das Geschick, das Verhängnis [...].“ In: Ebd., S.217.

47 „moira, gr. der ›Teil‹, Anteil, das dem Menschen Zukommende, Gebührende, sein ↑Schicksal, sein Los; [...]“ In: Ebd., S. 425.

48 Ebd., S. 1095.

49 Kluge, Friedrich: „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache”, S. 719.

50 Regenbogen, Arnim: „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, S. 582.

51 Ebd., S. 110.

52 May, Rollo: „Freiheit und Schicksal“, S. 110.

53 Regenbogen, Arnim: „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, S. 582.

54 Ebd., S. 254.

55 „transzendent* ‹lat.›: 1. die Grenzen der Erfahrung u. der sinnlich erkennbaren Welt überschreitend [...].“ In: „Duden. Das Fremdwörterbuch“, S. 822.

56 Müller-Freienfels, Richard: „Schicksal und Zufall“, S. 39.

57 May, Rollo: „Freiheit und Schicksal“, S. 110/111.

58 „Zufall, all. das Nicht-Notwendige, die Nicht-Notwendigkeit […]“ In: Halder, Alois (Hrsg.): „Philosophisches Wörterbuch“, S. 384.

59 Luhmann, Niklas: „Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie.“ Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 666 1987, S. 152.

60 Gendolla, Peter: „Die Künste des Zufalls“, S. 13.

61 Reck, Hans Ulrich: „Aleatorik in der bildenden Kunst.“ In: Gendolla, Peter: „Die Künste des Zufalls“, S. 187.

62 Müller-Freienfels, Richard: „Schicksal und Zufall“, S. 13ff.

63 Ebd., S. 60.

64 Vgl. ebd., S. 45.

65 Lommel, Michael: „Schau-Spiel des Zufalls. Imagination und Theaterspuk in Rivettes ‚Céline et Julie vont en bateau’.“ In: Gendolla, Peter; Kamphusmann, Thomas (Hrsg.): „Die Künste des Zufalls“, S. 148.

66 Apel, Max; Ludz, Peter: „Philosophisches Wörterbuch“, S. 314. 15

67 „Determinismus: das Bestimmt- und Bedingtsein durch Ursachen, besonders die Behauptung der ursächlichen Bestimmtheit der Willenshandlungen im Gegensatz zur Annahme der Willensfreiheit, zum Indeterminismus [...].“ In: Ebd., S. 63/64.

68 Ebd., S. 308.

69 „Indeterminismus, von lat. indeterminatus ›unbestimmt‹, die Lehre von der Nichtbestimmtheit der physischen Vorgänge durch das Kausalprinzip oder der Handlung durch Charaktere und Motive (↑ Determinismus, ↑ Heisen- bergsche Unschärferelation, ↑ Willensfreiheit) [...].“ In: Regenbogen, Arnim; Meyer: „Wörterbuch der philosophi- schen Begriffe“, S. 311.

70 Ebd., S.229.

71 Vgl. Apel, Max; Ludz, Peter: „Philosophisches Wörterbuch“, S. 308/309.

72 Vgl. Schopenhauer, Arthur: „Die Welt als Wille und Vorstellung.“ In: „Sämtliche Werke.“ Textkritisch bearbeitet und hrsg. von Wolfgang Freiherr von Löhneysen. Bd. I. Frankfurt am Main: 1986, S. 110. Zitiert nach: Gendolla, Peter: „Erdbeben und Feuer. Der Zufall in Novellen von Goethe, Kleist, Frank und Camus.“ In: Gendolla, Peter; Kamphusmann, Thomas (Hrsg.): „Die Künste des Zufalls.“ Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999, S. 197.

73 Grupen, Cornelius: „Zufall - Tarnkappe der Freiheit?“, S. 30. In: „Diagonal I.“ Siegen: Universitätsverlag 1/1994,

S. 25-30. Zitiert nach Lommel, Michael: „Schau-Spiel des Zufalls. Imagination und Theaterspuk in Rivettes ‚Céline et Julie vont en bateau’.“ In: Gendolla, Peter: „Die Künste des Zufalls“, S. 152.

74 Müller-Freienfels, Richard: „Schicksal und Zufall“, S. 116.

75 Vgl. ebd., S. 124.

76 „Fatalismus, von lat. fatalis (↑ fatum) ›vom Schicksal bestimmt‹, ›schicksalhaft‹, ›verhängnisvoll‹, der Schick- salsglaube und die Weltanschauung, nach der alle Vorgänge in der Welt durch eine blinde Notwendigkeit bestimmt sind, gegen die der Mensch machtlos ist [...]“ In: Regenbogen, Arnim: „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, S. 217.

77 „Prädeterminismus: Neub. aus lat. prae ›vor‹ und ↑ Determinismus, die Lehre von der Vorherbestimmtheit aller menschlichen Handlungen und Schicksale durch den Willen Gottes (↑ Allmacht, ↑ Willensfreiheit)“ In: Regenbogen, Arnim: „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, S. 512.

78 Halder, Alois (Hrsg.): „Philosophisches Wörterbuch“, S. 275.

79 Regenbogen, Arnim: „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, S. 32.

80 Spinoza geht von einer durchgängigen Bestimmtheit aus, in der es keine Willensfreiheit gibt, weder für Gott, noch für den Menschen. Vgl. Halder, Alois (Hrsg.): „Philosophisches Wörterbuch“, S. 302.

81 May, Rollo: „Freiheit und Schicksal“, S. 107.

82 Buber, Martin: „Ich und Du.“ Heidelberg: Schneider 1974, S. 72. Zitiert nach: May, Rollo: „Freiheit und Schick- sal“, S. 103. (Zur Person von Martin Buber: Jüdischer Religionsphilosoph und Schriftsteller, geb. am 8.02.1878 in Wien/Österreich, gest. am 13.06.1965 in Jerusalem/Israel. Vgl. http://www.philoforum.de/philosophen/index.html? acn=s&sar=Buber, SD 22.07.2005.

83 May, Rollo: „Freiheit und Schicksal“, S. 103/104.

84 Ebd., S. 117.

85 Ebd., S. 112.

86 Ortega y Gasset: „Um einen Goethe von innen bittend.“ Ges. Werke, Bd. 3 Stuttgart: deutsche Verl. Anst 1980, S. 273. Zitiert nach: May, Rollo: „Freiheit und Schicksal“, S. 114.

87 Ebd., S. 131.

88 Müller-Freienfels, Richard: „Schicksal und Zufall“, S. 113.

89 Vgl. ebd., S. 222.

90 Vgl. May, Rollo: „Freiheit und Schicksal“, S. 107.

91 Ebd., S. 107.

92 Freud, Sigmund: „Das Unbewußte“ (1915). In: „Studienausgabe“ Bd. III, Frankfurt am Main: S. Fischer 1975. Zitiert nach: Gendolla, Peter: „Die Künste des Zufalls“, S. 34/35.

93 Zum Beispiel psychoanalytisches Therapiegespräch durch Bewusstmachung in freier Assoziation, Traumdeutung, Verhaltenstherapie, etc.

94 Vgl. May, Rollo: „Freiheit und Schicksal“, S. 115.

95 Freud, Sigmund: „Jenseits des Lustprinzips“ (1920). In: „Studienausgabe“ Bd. III, Frankfurt am Main: Fischer 1975. Zitiert nach: Gendolla, Peter: „Die Künste des Zufalls“, S. 35.

96 Vgl. Boenicke, Rosemarie: „Materie mit latenter Psyche. C. G. Jungs Begriff der Synchronizität.“ In: Hilmes, Carola; Mathy, Dietrich (Hrsg.): „Spielzüge des Zufalls. Zur Anatomie eines Symptoms.“ Bielefeld: Aisthesis Ver- lag 1994, S. 55 ff.

97 Vgl. Müller-Freienfels, Richard: „Schicksal und Zufall“, S. 27. 21

98 Jung, C.G.: „Die Archetypen und das kollektive Unbewusste.“ Hrsg. von Lilly Jung-Merker † und Dr. Phil. Elisabeth Rüf. 7. Auflage. Olten, Freiburg: Walter-Verlag 1989, S. 299.

99 Archetypen als „psychophysikalische Naturkonstanten“, die eine Brückenfunktion zwischen der Psyche und der physikalischen Welt einnehmen; Universalien, die außerhalb von Zeit und Raum existieren. Vgl. Boenicke, Rosemarie: „Materie mit latenter Psyche“, S. 60.

100 Jung, C.G.: „Die Archetypen und das kollektive Unbewusste“, S. 297.

101 Röhrig, Meike: „Eklat um Medem Film. Ohne ¡Basta Ya!“ In: taz Nr. 7162 vom 20.9.2003, S. 15.

102 Vgl. Kritiken: Z. B. Hamdorf, Wolfgang: „Wobei auch hier eine Feuerwerk von Zufälligkeiten den Wege der Protagonistin bestimmt [...].“ In: „Lucia und der Sex.“ Film-dienst. Bonn: Deutsche Zeitung GmbH 18/2002, S. 29.

103 Überschrift der dt. Übersetzung eines Interviews mit Julio Medem. In: “La gran ilusión.“ Übersetzung: Mari Serrano. Zitiert nach: Presseheft: “Lucia y el sexo.“ Pressebetreuung Ana Radica. Als PDF Datei unter: http://www.movienetfilm.de/lucia_und_der_sex/lucia.pdf, SD: 02.04.2005, S. 5/6.

104 Medem, Julio: “Lucia y el sexo parte de la carrera final de Ana en ,Los amantes del Círculo Polar’. Yo tuve la sensación cuando acabé ,los amantes’, de que esa carrera final de Ana que era una carrera, digamos, dentro de su propia muerte, [...] que le daba a la película un aspecto y un signo tan [...] debastador y triste que no iba a interesar a nadie, entonces decidí, que mi próxima película iba a ser realmente una carrera hacia un lugar muy cálido y muy esperanzador.” In: Medem, Julio (Regie): „Lucia und der Sex.“ Doppel - DVD. Impuls Home Entertainment 2003. DVD II, Interviews, Julio Medem. (die Übersetzung entspricht der dt. Untertitelung).

105 “Un cine narrativo, pero una narrativa muy particular.” Zitiert nach: Martínez, Irene; Rubio, Mar: “Lucía y el sexo. El azar como forma de contar.“

106 Bordwell, David: “The classical Hollywood cinema”. New York: Columbia University Press 1985. 23

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Zufall und Schicksal in filmischen Erzählungen von Julio Medem
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Theater-und Medienwissenschaft)
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
104
Katalognummer
V59010
ISBN (eBook)
9783638530521
ISBN (Buch)
9783640932559
Dateigröße
871 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zufall, Schicksal, Erzählungen, Julio, Medem
Arbeit zitieren
Magister Christiane Hagn (Autor), 2005, Zufall und Schicksal in filmischen Erzählungen von Julio Medem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59010

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