Individualisierung bei Georg Simmel und Ulrich Beck


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Individualisierung bei Simmel
2.1 Der Begriff der Vergesellschaftung
2.3 Die sozialen Kreise
2.4 Konzentrische Kreise
2.5 Zentrifugale Kreise
2.6 Die Rolle des Individuums in der Gruppe
2.7 Die Doppelrolle der Familie
2.8 Individualisierung und Modernisierung
2.9 Zusammenfassung

3. Individualisierung bei Beck
3.1 Der Begriff Individualisierung
3.2 Drei Dimensionen von Individualisierung
3.3 Reflexive Modernisierung
3.4 Modernisierungsschub
3.5 Der Fahrstuhleffekt
3.6 Institutionalisierung und Standardisierung
3.7 Zusammenfassung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Individualisierung. Doch was bedeutet Individualisierung eigentlich? Versteht man darunter eine Art von Egoismus, so wie es in den Medien häufig suggeriert wird? Lebt in unserer heutigen Gesellschaft wirklich jeder für sich? Im diesjährig erschienenen Spiegel Nr. 10 mit der Titelstory „Jeder für sich. Wie der Kindermangel eine Gesellschaft von Egoisten schafft“ wird der demographische Wandel in der Bundesrepublik Deutschland angesprochen, der den Leser alarmieren soll, dass die zukünftige Gesellschaft, die aus den Jetztgeborenen besteht, auf Probleme stoßen wird, deren Ursachen in der Vergangenheit und heute von der Politik nicht aufgehalten wurden, deren Ursachen allerdings auch durch die Gesellschaft selbst produziert worden sind (Spiegel 2006, Nr.10: 76ff.). Wie kann das aber sein? Wie kann eine Gesellschaft derart fehlgeleitet sein, dass sie sich selbst zum Verhängnis wird? Georg Simmels und Ulrich Becks soziologische Modelle zum Individualisierungsprozess könnten auf diese Fragen Antworten liefern.

In dieser Arbeit wird einleitend Simmels Verständnis von Individualisierung untersucht. Zuerst soll aber ein knapper historischer Rückblick in Simmels Lebenszeit erfolgen:

Simmel, der Philosophie studierte, veröffentlichte seine Werke zur Zeit der letzten Jahrhundertwende. Im Jahr 1858 wird er in der Großstadt Berlin geboren, über die er später eine soziologische Untersuchung schreibt. Das akademische und politische aber auch antisemitische Milieu kennzeichnen Simmels Leben und seine wissenschaftliche Laufbahn. Noch über seinen Tod im Jahre 1918 hinaus werden ihm die negativen Vorurteile, nämlich die Annahme, dass er Jude sei, zuteil. 1933 verbrennen Nationalsozialisten alle seine Bücher. (vgl. Nedelmann 2002: 127ff.).

Im Folgenden sollen sowohl Simmels Begriff der Vergesellschaftung untersucht werden als auch die damit einhergehende Individualisierung. Anhand des Modells der Sozialen Kreise macht Simmel deutlich, wie die Gesellschaft bzw. die „Vergesellschaftungsform“ entsteht und welche Rolle dabei das Individuum spielt. In welcher Form und warum ändern sich Soziale Kreise, welche Funktionen übernimmt die Familie und in welche Richtung wird sich die Gesellschaft entwickeln? Diese Fragen sollen in dieser Arbeit beleuchtet werden.

Im Anschluss folgt das Modell der Individualisierung von Ulrich Beck, einem Soziologen, der in unserer heutigen Zeit lebt und im Gegensatz zu Simmel eine vollkommen andere Herangehensweise an die Thematik vornimmt. Beck beschreibt einen Wandel der Gesellschaftsstruktur in dem Wohlfahrtsstaat der Bundesrepublik Deutschland der Nachkriegszeit, deren Folgewirkungen Ursache sind für die Individualisierung. Darauf stützt sich seine Argumentation.

Den Wohlfahrtsstaat zeichnen viele verschiedene Faktoren aus. Unter anderem sozialstaatliche Absicherung, Rente, kostenlose Ausbildung und ähnliches. Beck kristallisiert verschiedene Faktoren heraus, die unter den Bedingungen des Wohlfahrtsstaates Individualisierungsschübe auslösen. Zu diesen gehören unter anderem gesteigertes Einkommen, mehr Freizeit, höherer berufliche und geographische Mobilität, höheres Bildungsniveau etc. Diese Faktoren werden in dieser Arbeit nicht genau beschrieben, vielmehr wird eingegangen auf die Art und Weise, wie jene eine Individualisierung ermöglichen mit den entsprechenden positiven und negativen Folgen. Zudem wird eingegangen auf die Definition der Zweiten Moderne, so wie Beck sie versteht und welche Auswirkungen diese auf die Individualisierung in der Gesellschaft hat.

Im letzten Punkt werden die beiden Individualisierungsmodelle miteinander verglichen. Am Ende sollen Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten der Individualisierungs-modelle deutlich herausgestellt sein.

2. Individualisierung bei Simmel

2.1 Der Begriff der Vergesellschaftung

Die Beschreibung des Individualisierungsprozesses wird unter anderem im Kapitel „Die Kreuzung sozialer Kreise“ im Werk „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ aus dem Jahr 1908 behandelt.

Bewusst spricht Simmel in seinem Werk nicht über den Begriff „Gesellschaft“. Gesellschaft wird von Simmel als ein „methodischer Begriff“ verstanden, da die Gesellschaft das Produkt und Resultat der Vergesellschaftung ist. Nach Simmel entspricht nämlich Vergesellschaftung den Wechselwirkungen, die sich zwischen den Menschen als sozialen Akteuren abspielen (vgl. Jung 1990: 83). Nie ist von Gesellschaft selbst die Rede, da diese immer als Synthese vorausgesetzt wird.

„Gesellschaft ist nur der Name für die Summe dieser Wechselwirkungen“ (Simmel 1890: 131).

Der Prozess der sozialen Ordnung wird durch eben diese Wechselwirkungen angetrieben, die wiederum durch Interessen und Neigungen einzelner Individuen gesteuert werden. Das Handeln des Individuums, aus dem die gemeinten Wechselwirkungen entstehen, ist motiviert „aus bestimmten Trieben heraus oder um bestimmter Zwecke willen“ (Simmel 1908: 17).

Dadurch, dass Individuen aufgrund der Inhalte ihrer Interessen in wechselseitige Beziehungen treten, „vergesellschaften“ sich diese und können im Verlauf der Verwirklichung ihrer Ziele und Interessen zu einer Einheit zusammen wachsen. Simmel bezeichnet diese Einheit ebenfalls als Vergesellschaftung im Sinne einer Tatsache oder Form (vgl. Abels 2001:104).

Zur Verfolgung seiner Ziele tritt das Individuum in Kontakt zu anderen Individuen, die in verschiedensten Verhältnissen einander gegenüber stehen; entweder als Freund, Feind oder Beobachter etc.. Simmel betrachtet Wechselwirkungen nie wertend sondern neutral (vgl. Abels 2001: 105f.). Dies tut er, indem er sich rein auf die spezifische Form sozialer Wechselwirkungen bezieht, ohne dass die Inhalte dieser sozialen Wechselwirkungen zu interessieren brauchen. Nach Simmel muss sich die Wissenschaft „Soziologie“ nur mit den Formen der Wechselwirkungen befassen. Die Inhalte werden von anderen Wissenschaften untersucht (vgl. Mikl-Horke 1997: 101.) Simmel möchte in der Soziologie, die sich von den Inhalten abstrahiert, die Tatsache der Vergesellschaftung an sich untersuchen, „das heißt die Form des Sozialen und nicht seine Inhalte fokussier[t]en“ (Lahusen/ Stark 2000: 261f.). Aus diesem Grunde spricht man von der „Formalen Soziologie“ Georg Simmels.

2.3 Die sozialen Kreise:

Simmel versteht Individualität als eine Form der Vergesellschaftung. Die Entwicklung der sozialen Differenzierung lässt sich als stufenweiser Verlauf verstehen:

„Den Ausgangspunkt bilden zwei in sich homogene, in ihren Elementen jeweils eng zusammenhängende, gegeneinander deutlich abgegrenzte und sich hinsichtlich ihrer charakteristischen Eigenschaften scharf unterscheidende soziale Kreise“ (Ebers 1995: 74).

Zu Beginn der phylo- und ontogenetischen Entwicklung sieht Simmel das Individuum in einer Umwelt, die seiner Individualität mit einer relativen Gleichgültigkeit begegnet und die den Einzelnen „an ihr Schicksal fesselt und ihm ein enges Zusammensein mit denjenigen auferlegt, neben die der Zufall der Geburt ihn gestellt hat“ (Simmel 1908: 305).

In solchen sogenannten sozialen Kreisen wie z.B. Sippen, Familien, Staaten oder Berufsgruppen, die sich inhaltlich sehr voneinander unterscheiden, finden unterschiedliche Wechselwirkungen statt. Jedoch handelt es sich formal um die Integration von Menschen, die jeder für sich von spezifischen Voraussetzungen ausgehen, wenn sie miteinander agieren (vgl. Lahusen/ Stark 2000: 262). Die Gesellschaft setzt sich aus Bewusstseinsträgern zusammen. Ihre gedanklichen Konstruktionen bilden eine Einheit sowohl im Innern des einzelnen Menschen als auch im Realitätsverständnis der Gesellschaft (vgl. Hesse 1988: 125). Nach Simmel wäre eine sinnvolle Wechselwirkung ohne dieses soziale Vorverständnis erst gar nicht möglich (vgl. Lahusen/ Stark 2000: 262).

2.4 Konzentrische Kreise:

Nach Simmel errichtet sich Individualität nach zwei Modellen: nach dem Modell der konzentrischen und der zentrifugalen Kreise. Beide Modelle sollen hier kurz erläutert werden.

Wie bereits erwähnt sieht Simmel die Familie, die eine Anzahl verschiedener Individualitäten umschließt, als Ausgangspunkt, also als primären sozialen Kreis an, in den das Individuum per Zufall hinein geboren wird. Gleichsam gehört eine Familie z.B. einem Stand an, der diese in Verpflichtungen einschließt und nur einen kleinen sozialen Spielraum gewährt. Ebenso gehört das Individuum seit der Geburt einer Nationalität an, die es sich nicht aussuchen kann. Die Bindungen an die Mitglieder dieser Kreise sind eng, und ihre Tätigkeiten sind beinahe identisch. Eine solch kleine Gruppe jedes Kreises lässt nur eine geringe Individualität zu. Genauso verhält es sich mit den weiteren Kreisen, zu denen die Familie Kontakt pflegt und zu denen analog das Individuum in Verbindung tritt. Entwicklungsgeschichtlich gesehen erweitert das Individuum mit fortwährender Entfaltung die Anzahl der Kreise durch den Besuch einer Schule, durch die Zugehörigkeit zu einem Berufsstand und ähnliches. Simmel beschreibt den Fortgang des Individualisierungsprozesses folgendermaßen:

„Mit fortschreitender Entwicklung aber spinnt jeder Einzelne ein Band zu Persönlichkeiten, welche außerhalb dieses ursprünglichen Assoziationskreises liegen und statt dessen durch sachliche Gleichheit der Anlagen, Neigungen, Tätigkeiten usw. eine Beziehung zu ihm besitzen; die Assoziation durch äußerliches Zusammensein wird mehr und mehr durch eine solche nach inhaltlichen Beziehungen ersetzt“ (Simmel 1908: 305).

Es findet eine Veränderung der Beweggründe statt, nach denen sich das Einfügen in einen neuen sozialen Kreis richtet. Naturgegebene, formale Bedingungen, die innerhalb der konzentrischen Kreise das Eintreten in einen sozialen Kreis bedingt haben, schränkten das Individuum in seiner Persönlichkeitsentwicklung ein.

„Ihre Bestimmtheit wird nun eine um so größere sein, wenn die bestimmenden Kreise mehr nebeneinander liegende, als konzentrische sind; d.h. allmählich sich verengende Kreise, wie Nation, sociale Stellung, Beruf, besondere Kategorie innerhalb dieses, werden der an ihnen teilhabenden Person keine so individuelle Stelle anweisen, weil der engste derselben ganz von selbst die Teilhaberschaft an den weiteren bedeutet, […]“ (Simmel 1890: 241).

2.5 Zentrifugale Kreise:

Geleitet von inhaltlichen Interessen sucht das Individuum eigenständig nach Gruppen, in denen die Mitglieder gleiche Neigungen besitzen. Somit können sich vollkommen Fremde aus verschiedenen Kreisen durch eine gemeinsame Neigung oder durch ein gemeinsames Interesse gelenkt zusammenschließen, und es entstehen neue Berührungskreise, die sich stark von den früheren, naturgegebenen Kreisen unterscheiden (vgl. Simmel 1908: 305f.). Im Mittelalter waren die Kreise konzentrisch um die Person herum gelagert. Somit verwies eine Gruppenzusammengehörigkeit automatisch auf eine andere und schloss sie mit ein. Moderne Verbände beziehen sich nur noch auf einen objektiv umschriebenen Zweck, somit auch nur noch auf einen eingegrenzten Teil der Individuen (Ebers 1995: 80).

„Je weniger die Teilnahme an einem Kreis auf die in einem anderen verweist, desto bestimmter ist die einzelne Person als Individuum. Der strikt r e l a t i o n a l gefasste Persönlichkeitsbegriff ist definiert als jeweils individuelle Kreuzung und Kombination sich prinzipiell nicht überschneidender sozialer Kreise“ (ebd.: 80).

Infolge der Berührung der Kreise entstehen Schnittmengen, in deren Zentrum das Individuum steht. Die Kreise liegen nun bildlich gesehen nicht mehr konzentrisch über dem Individuum, sondern eher nebeneinander und in verschiedenen Größen, sich berührend, auf dem Individuum. Je mehr Kreise in das Leben des Individuums hinzu treten, desto größer ist die Möglichkeit zur Persönlichkeitsentfaltung des Individuums. Jedes Mitglied eines Kreises gestaltet diese Veränderung durch soziale Wechselwirkungen mit. Folglich kann Individualisierung auch als das Herauslösen aus dem engen, provinziellen Bereich überschaubarer Sachverhältnisse verstanden werden. Das Individuum richtet sich nach außen, d.h. es sucht nach einer Kontaktaufnahme zu regional fernlebenden Menschen. Somit besteht ein Zusammenhang zwischen regionaler Ausdehnung und Individualisierung. Simmel bezeichnet dieses Merkmal des zentrifugalen Kreises als die Tendenz zu kosmopolitischer Orientierung (vgl. Helle 1988: 50).

Die Anzahl der Kreise, denen der einzelne zugehört, gibt Aufschluss über den Grad der kulturellen Entwicklung der Gesellschaft. Jedes Individuum steht in einem Koordinatensystem von Gruppen. Jede Gruppe, die in dieses System neu hinzukommt, bestimmt das Wesen im Bezug auf seine Individualität genauer. Je mehr Gruppen bzw. Kreise sich im Koordinatensystem über dem Individuum kreuzen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass ein anderes Individuum genau die gleiche Schnittmenge der sich kreuzenden Kreise erhält (vgl. Simmel 1890: 239f.).

Es wäre nun falsch zu sagen, dass eine hohe Anzahl an Kreisen durch ihre Summe an spezifischen Geltungen die Individualität eingrenzt. Genau Gegenteiliges ist nach Simmel der Fall. Die Individualität kann sich gegen eine solche Vielzahl von Erwartungen profilieren. Denn je zahlreicher die sozialen Kreise sind, desto geringer ist ihr Gewicht für die Persönlichkeit des Individuums, umso mannigfaltiger sind die allgemeinen Erwartungen und umso größer ist der Spielraum des Einzelnen. Kein Kreis bestimmt alleine die Persönlichkeit eines Individuums (vgl. Abels 2001: 107).

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Individualisierung bei Georg Simmel und Ulrich Beck
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Individualisierung
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V59024
ISBN (eBook)
9783638530620
ISBN (Buch)
9783640858859
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Individualisierung, Simmel, BeckIndividualisierung, Georg, Ulrich, Beck
Arbeit zitieren
Katharina Alt (Autor), 2006, Individualisierung bei Georg Simmel und Ulrich Beck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59024

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