Giambattista Vico als Wegbereiter einer hermeneutischen Theorie in den Kulturwissenschaften


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Verhältnis zwischen Regierungsformen und geschichtlicher Entwicklung der Sprache
2.1. Vicos triadisches Geschichtsmodell
2.2. Poetische Logik - Die Sprachphilosophie der „Neuen Wissenschaft“
2.2.1. Die Tropentheorie
2.2.2. Die Fragwürdigkeit der Sprache
2.3. Übertragung der Sprachphilosophie auf die Geschichte

3. Eine „Neue Wissenschaft“ für die Ethnologie?
3.1. Zwischen Semiotik, Hermeneutik und metaphysischem Ursprungsdenken
3.2. Kultur aus der „Innenperspektive“
3.3. Der Kulturwissenschaftler als Geschichtenerzähler
3.4. Exkurs: Vico und die Geschichtsphilosophie im 19. Jh
3.5. Von der Wahrheit der Geschichte

4. Schlußbemerkungen

5. Bibliographie

1. Einleitung

In seiner Scienza Nuova entwirft Giambattista Vico ein geschichtsphilosophisches Evolutionsmodell, welches wesentlich auf sprachphilosophischen Vorüberlegungen gründet. Dieses Modell hat sich als in höchstem Maße fruchtbar für einen neueren Deutungsansatz in den Kulturwissenschaften erwiesen, der seit den 60er Jahren die Narrativität von Kultur in den Fokus gerückt hat. Grundlage für diesen Paradigmenwechsel im Theoriediskurs waren zum einen veränderte epistemologische Bezugspunkte und die Einsicht, daß positivistische Wissenschaftskonstrukte in eine Sackgasse geführt haben, die mit dem Straßennamen “Ethnozentrismus” weithin sichtbar diskreditiert war. Zum anderen ging es in Zeiten zunehmenden interkulturellen Austausches aufgrund der Medien und der globalisierten Wirtschaftsordnung in der Auseinandersetzung mit fremden Kulturen immer mehr um Fragen wie Verantwortung, Vermittelbarkeit und Verbindlichkeit oder Intersubjektivität im (fachwissenschaftlichen) Diskurs. In beiden Fällen kann dem Aufklärungsphilosophen aus Neapel bei der Suche nach Auswegen eine bedeutende Rolle zugeschrieben werden. In dieser Arbeit soll es daher vorrangig darum gehen, Vico als den “erste[n] große[n] Sozial- und Kulturwissenschaftler der Menschheit”[1] vorzustellen und ihn kritisch weiterzudenken.

Im Falle Giambattista Vicos ist es äußerst schwierig, einen unmittelbaren Einfluß auf andere Denker zweifelsfrei nachzuweisen – Vico war schon in seiner Zeit ein akademischer Außenseiter. Auf der anderen Seite ist es in unzähligen Fällen aber auch sehr schwierig, klar zu belegen, daß keine Beeinflussung durch Vico vorliegt. Die Gefahr ist groß, daß man Vico entweder gnadenlos unterschätzt oder aber Zusammenhänge auch da herstellt, wo bestenfalls Analogien, die vielleicht einfach durch typische zeitgenössische Denkmuster bedingt sind, bestehen. Vorsicht ist also in jedem Fall geboten. Selten wird Vico explizit als direkter Vorfahre einer narrativen kulturwissenschaftlichen Theorie genannt. Einer der wenigen großen Theoretiker aus den Kulturwissenschaften im 20. Jh., die sich immer wieder ausdrücklich auf Vico bezogen haben, ist der Historiker Hayden White. Ihm verdankt diese Arbeit entscheidende Impulse.

Hier soll zunächst das sprachphilosophisch orientierte Geschichtsmodell Giambattista Vicos vorgestellt werden. In einem nächsten Schritt soll dann aufgezeigt werden, inwiefern die Scienza Nuova als Bezugspunkt für eine aktuelle ethnologische Theoriebildung geeignet ist. Andernorts sind bereits Affinitäten der strukturalistischen Anthropologie eines Claude Lévi-Strauss zur Scienza Nuova herausgearbeitet worden[2] ; ihnen soll daher an dieser Stelle nicht weiter nachgegangen werden. Hier soll es vielmehr um die Suche nach einer Theorie gehen, die jeglichen Neigungen zum Ethnozentrismus durch eine sprachkritische Wendung und Dialogorientierung zu begegnen weiß und die den Ansprüchen an eine verantwortungsvolle Dialogkultur Rechnung trägt. Dazu soll u.a. ein Abgleich mit einem exemplarischen Stellvertreter der interpretativen Ethnographie, Clifford Geertz, vorgenommen werden.

Noch eine Bemerkung zur Textgrundlage: der beschränkte Umfang dieser Arbeit gestattet es nicht, umfangreiche Recherchen zur Textgenese von Vicos Hauptwerk oder der Entwicklung seiner Gedanken durch sein ganzes Wirken hindurch anzustellen. Wenn im folgenden von der Position Vicos die Rede ist, dann bezieht sich dies ausschließlich auf die Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker in der Fassung von 1744.

2. Das Verhältnis zwischen Regierungsformen und geschichtlicher Entwicklung der Sprache

2.1. Vicos triadisches Geschichtsmodell

Vico stellte sich die Menschheitsgeschichte als ein zyklisches Modell in drei Stufen vor, die sich ewig wiederholen. Alle Völker, mit Ausnahme christlicher und jüdischer Zivilisationen, müssen zwangsläufig eine Entwicklung durchlaufen, die aus folgenden drei Stufen besteht: dem Zeitalter der Götter, dem Zeitalter der Heroen und schließlich dem Zeitalter der Menschen (Vico 1990, § 173). In jedem Zeitalter entwickeln die Menschen eine spezifische Beziehung zur Natur. Diese Beziehung zur Natur spiegelt sich in den Institutionen, mit denen sie sich das soziale Leben organisieren, wider.

Das Zeitalter der Götter ist gekennzeichnet durch Beziehungen, wie sie Kinder zu ihrer Umwelt entwickeln. Das Leben ist organisiert entlang sehr einfacher Muster, ist geprägt von naivem Glauben und der unvermittelten Rezeption von Erlebnissen. Die Menschen projizieren ihre Wünsche, Ängste und Begierden auf ihre unmittelbare, natürliche Umwelt, sie "beseelen" die Umwelt derart mit Geist. Sie wähnen sich als gelenkt und gesteuert von diesen Ausgeburten ihrer eigenen Vorstellungskraft.

Im zweiten Zeitalter, dem Zeitalter der Heroen, beginnen die Menschen sich mit den spirituellen Kräften zu identifizieren, die sie sich zuvor im Mythos selbst erschaffen hatten. Sie versuchen, ihren Göttern nachzueifern und deren Eigenschaften in ihrem eigenen Leben zu realisieren. Das Zeitalter ist gekennzeichnet durch eine zersplitterte Gesellschaft, und dies spiegelt sich auch in den Institutionen wider: es gibt gravierende Klassenunterschiede, unterschiedlich verteilte Rechte und Privilegien, Abhängigkeitsverhältnisse zwischen arm und reich, schwach und stark. Die höheren Klassen werden mit den Attributen der Götter belegt. Die sozialen Unterschiede werden durch das Wirken der Götter und Geister gerechtfertigt, die doch wiederum durch die Vorstellungskraft des Menschen überhaupt erst entstanden sind.

Das dritte Zeitalter schließlich, das Zeitalter des Menschen, ist das Zeitalter des geschriebenen Gesetzes, in dem die Rechte auch der Armen anerkannt werden. Der Rechtsdiskurs ist institutionalisert. Konflikte werden von Gerichten im Namen eines abstrakten Gerechtigkeitskonzeptes verhandelt. Dieses Zeitalter ist geprägt von bewußter Reflexion über Außenwelt, Lebensumstände und Erkenntnisprobleme. Konflikte werden zunächst und zumeist diskursiv erörtert; offene, unvermittelte Machtkämpfe und Auseinandersetzungen sind von der Tagesordnung verschwunden.

Doch birgt dieses Zeitalter bereits den Anfang vom Untergang der Kultur in sich, “for ages of reflection and meditation, Vico argues, inherently tend toward relativism in morality and skepticism in belief.”[3]. Was noch viel schlimmer wiegt: jeder Bürger ist sich der Gemachtheit aller Institutionen durch den Menschen bewußt, das Gesetz wird als etwas wahrgenommen, wodurch das Freiheitsstreben des einzelnen unterdrückt wird. Die daraus resultierende mangelnde Identifikation mit den gesellschaftlichen Institutionen führt zu grassierendem persönlichem Glücksstreben - auf Kosten des Gemeinwohls. Die Gesellschaft verfällt daher am Ausgang dieses dritten Zeitalters in eine neue Barbarei, die noch weitaus archaischer und brutaler ist als die Gesellschaft des primitiven Wilden, denn das nun aufflammende Barbarentum wird nicht länger durch Furcht und Unkenntnis zurückgehalten. Eben die Furcht, die aus Unverständnis der natürlichen Phänomene resultiert, war es nämlich, die den Menschen der früheren Zeitalter in seinem Streben nach ungebremstem Ausleben seiner Begierden gezügelt haben.

Letztlich geht die Zivilisation an ihrer Dekadenz zugrunde und macht so Platz für einen neuen Durchlauf des triadischen Evolutionsmodells. Vico nennt diese Bewegungen corso und ricorso,“wobei zwar das Ziel jedes corso darin besteht, Humanität und Vernünftigkeit zu verwirklichen, nachdem diese Ziele aber erreicht sind, kann die Vernünftigkeit in eine von Vico als Barbarei der Reflexion bezeichnete Gegenbewegung umschlagen, wodurch eben das Einsetzen eines ricorso markiert ist.”[4]

Eine Sonderstellung räumt Vico jüdischen und christlichen Zivilisationen ein. Dies liegt darin begründet, daß ihnen Offenbarungen zuteil werden, “den Hebräern zuerst und dann den Christen mittels innerer Kundgebungen an den Geist, weil Verlautbarungen eines ganz Geist seienden Gottes”[5]. Offenbarungen wirken sich, salopp formuliert, vorteilhaft auf den Lernprozeß einer Gesellschaft aus, ohne ihren tatsächlichen Werdegang vorzuschreiben. Vico unterscheidet zwischen unmittelbarer Offenbarung der Beziehung des Menschen zu Gott und Natur (etwa durch die Apostel, die Kirche oder Jesus) und indirekter Offenbarung durch die Schöpfung selber. Aufgrund direkter Offenbarungen war es den Juden und Christen nach Vico in besonderer Weise vergönnt, Gemeinschaften und Lebensformen errichten, die dem Ideal einer “communitas” als Repräsentation Gottes nahekamen. Die Vorsehung wird in der Scienza Nuova daher als historische Evidenz behandelt, die den Charakter eines göttlichen Fingerzeiges hat: “Der welcher all dies gemacht, war selbst Geist, denn die Menschen taten es mit Einsicht; es war nicht Fatum, denn sie taten es mit Wahl; nicht ein Zufall, denn fortwährend, indem sie immer das gleiche tun, enden sie bei denselben Dingen."[6]

Die Frage drängt sich auf, wie dieses doch recht weit ausgreifende und abstrakt anmutende Theorem auf die historische Praxis zu beziehen sei. Es ergeben sich, in anderen Worten, eine ganze Reihe von Fragen, die nur durch einen Abgleich mit empirischen Untersuchungen beantwortet werden können. Welche konkrete institutionelle Ausprägung einer Zivilisation ist welcher Entwicklungsstufe zuzuordnen? An dieser Stelle ist es unumgänglich, das Evolutionsmodell vorerst zu verlassen und Vicos Sprachphilosophie, wie er sie in der Scienza Nuova entwickelt, in den Blick zu fassen.

2.2. Poetische Logik - Die Sprachphilosophie der “Neuen Wissenschaft”

Giambattista Vico liefert wertvolle Vorarbeiten für die Erkenntnis, daß die Sprache selbst der Schlüssel für die Interpretation kultureller Phänomene ist. Er geht davon aus, daß die Sprache die Kategorien bereithält, durch die die evolutionären Stufen einer jedweden Kultur charakterisiert werden können.

Vico spricht von “poetische[r] Logik”[7], um die Art und Weise zu kennzeichnen, wie die sog. primitiven Menschen die Dinge und Phänomene benennen. In der poetischen Logik gibt es kein abstraktes Denken, keine rationale Gewißheit, sondern nur Gefühltes und Vorgestelltes, Imaginiertes. Poetische Logik ist eine Art nach außen, d.h. auf die phänomenale Ebene gerichtete Metaphysik, während die eigentliche Metaphysik in Vicos Vorstellung nach dem Sein der Dinge fragt.

2.2.1. Vicos Tropentheorie

In sog. primitiven Gesellschaften geschieht das Benennen von Objekten oder Phänomenen in der Form einer Projektion der Eigenschaften von Bekannten Phänomenen auf das Unbekannte. So werden z. B. unbelebte Gegenstände oder Phänomene mit Gemütslagen assoziiert – ein Beispiel wäre die Belegung des Donners mit dem Zorn. Das Denken nimmt dabei seinen Ausgangspunkt immer vom Konkreten aus. Die Sprache der sog. primitiven Kulturen ist daher eine phantastische Sprache, die sich die Dinge als von Gott beseelt konstruierte. Diese Identifikation des Unbekannten mit dem lebensweltlich Vertrauten stellt den Kern des Mythen- und Fabelschatzes dar, der sich bis in unsere Zeiten erhalten hat. Es geht dabei um viel mehr als um bloße Analogieschlüsse. Vico geht so weit, die Auffassung zu vertreten, daß alle sprachlichen Figuren auf vier Modi oder Tropen zurückgeführt werden können: Metapher, Metonymie, Synekdoche und Ironie (§ 404 – 409)[8]. Metonymie und Synekdoche begreift Vico als spezifische Ausprägungen der Metapher, die historisch erst später entstanden sind; die Ironie als dessen Verkehrung, als dessen Gegenteil.

Die Metapher ist konstitutiv für jede Fabel oder für jeden Mythos - so, wie eben am Beispiel der sog. primitiven Zivilisationen dargelegt. In ihrer Funktionsweise beinhaltet die Metapher bereits alles, was einen Mythos wesenhaft ausmacht. Die ersten Dichter “gaben den Körpern das Sein beseelter Substanzen, die allerdings nur für das empfänglich waren, wofür auch sie es waren, nämlich für Sinn und Leidenschaft, und schufen so aus ihnen die Mythen; so wird jede derartige Metapher zu einem kleinen Mythos.”[9]

Die erkenntnisfördernde Wirkung der Metapher – denn um eine solche geht es hier – verläuft dabei aber nicht nur in eine Richtung von der angeschauten Dingwelt über die kreative Verstandesleistung der Dichter zum sprachlich vermittelten Produkt, der Dichtung. Dies zu behaupten hieße, die hermeneutische Tragweite von Vicos Konzept zu verfehlen. Es geht vielmehr darum, festzuhalten, “that metaphor is not merely an embellishment of poetic discourse, or a means of enriching language, but is an authentic epistemological factor.”[10] Eine Übertragung von Sinnzusammenhängen in bewußt figurativen Sprachgebrauch, in abstrahierendes Denken ist aber nur durch die Entwicklung des Ironischen möglich, wie später zu zeigen sein wird.

Wie Nicola Erny ausführt, unterscheidet Vico zwischen topischem und kritischem Denken. Das erstere ist eine kreative und aktive Kraft, bei der das Bewußtsein sich quasi in der Vielfalt des Denkbaren verliert. Zentrale Wirkmacht der Topik ist die fantasia, der Schlüssel zu Vicos Epistemologie, in der durch den Rückgriff auf vergangene Erlebnisse das subversiv-kreative Spiel der Sprache in Gang gesetzt wird. Das kritische Denken hingegen ist eher auf stringente Wahrheitsfndung bedacht, es arbeitet mit Ausschlußkriterien und wirkt darauf hin, aus der Vielfalt der Eindrücke einen “Kern” herauszuschälen. “Erst in der Synthese, bei der Topik selbst zur Kritik wird, liegt die Möglichkeit der Wahrheitserkenntnis.”[11] Diese beiden Antipoden bilden im Bewußtsein eine Spannung. Aus einer unterschwellig gefühlten Unzulänglichkeit der Sprache, den zu repräsentierenden Objekten nahezukommen und gerecht zu werden, wird letztlich die Bedingung für die grundsätzliche kreative Freiheit der Sprache. Dadurch, daß in der Rede der “wahre” Gehalt der abzubildenden Dinge verfehlt werden kann, dadurch, daß im Sprachgebrauch eigentlich Fehler entstehen, wird wieder etwas Neues geschaffen – die Sprache tritt als kreative Instanz in Erscheinung. Und auf diesen Vorüberlegungen baut Vico nun seine Tropentheorie auf.

Vico bezeichnet die Metapher als die lichtvollste, notwendigste und häufigste unter den Tropen[12]. Metaphern bilden den Grund jeder Erzählung. Allerdings meint Vico hier nicht jegliche denkbare Metapher im heutigen Sinne des Begriffes, sondern solche, bei denen den Phänomenen der durch Sinneswahrnehmung faßlichen Welt Gefühle und Leidenschaften zugeschrieben werden.

Ein ganz zentraler Punkt ist nun, daß gerade im metaphorischen Sprachgebrauch die kreative Qualität der Sprache zum Tragen kommt: durch die Benennung der Dinge und Phänomene mit Begriffen, die sie eben nur dem metaphorischen Sinn nach treffend bezeichnen, nicht aber in ihrer reinen Phänomenalität, entsteht eine Spannung - z.B. wenn im alltäglichen Umgang mit den Dingen der Lebenswelt gewisse Diskrepanzen zutage treten. Diese Spannung erfordert immer weitergehende, genauere Bestimmungen der Erscheinungen und feingliedrigere begriffliche Ausdifferenzierungen. Dieser Prozeß vollzieht sich natürlich auch wieder durch tropologische Variation[13], also wiederum durch einen uneigentlichen, metaphorischen Sprachgebrauch.

In diesem System ist quasi ein infiniter Regreß angelegt, der dazu führt, daß der Sprache eine niemals endende kreative Kraft innewohnt. Von hier aus wird auch der vichianische Grundsatz, der Mensch könne nur das Gemachte verstehen, in seiner vollen Tragweite verständlich. Die Entstehung der Institutionen wie auch die Entwicklung der Ideen vollzieht sich zunächst dadurch, daß der Mensch eine Handlung erstmalig vollführt, ohne sich über ihre Bedeutung im einzelnen klar zu sein. Das freie, kreative Spiel der Topik hat aber ganz beiläufig die Schaffung neuer Sinnzusammenhänge zur Folge, die der Mensch erst von einer anderen, späteren Warte aus erkennen und bewerten kann – dann nämlich, wenn er dem unter spontan-kreativen Umständen entstandenen als etwas von ihm selbst Geschaffenen distanziert-reflektierend gegenübertreten kann.

Diese weitergehenden Ausdifferenzierungen in der Benennung der Dinge werden dann sprachtheoretisch in der Ausbildung der verfeinerten Unterarten Metonymie und Synekdoche greifbar.

Soweit also Vicos "poetische Logik", die auf Metapher, Metonymie und Synekdoche fußt und letztlich als Beschreibungsmodell aber nur für die sog. primitiven Gesellschaften zutreffend sei. Was die poetische Logik in Vicos Auffassung nun vom modernen Denken unterscheidet, ist die Tatsache, daß der moderne Mensch diese verschiedenen Formen des bildlichen Sprachgebrauches als Kunstgriff verwenden kann. Er kann sich von einem eigentlich gemeinten metaphorischen Sprachgebrauch distanzieren, er kann zwischen bildlichem und buchstäblichem Sprachgebrauch unterscheiden, während der primitive Mensch das nicht kann. Der Primitive muß das, was er sagt, ernst meinen, weil er die Dinge, weil er seine Umwelt eigentlich nicht versteht. Die Diskrepanz zwischen den Worten und der Welt ist dem primitiven Menschen als solche nicht bewußt.

In dem Moment, in dem nun aber durch die immer weiter voranschreitende Ausdifferenzierung der Phänomene, der beschreibbaren Außenwelt und vom Menschen erschafften Objekte, ein Bewußtsein für die Differenz und für die Unzulänglichkeit der bekannten Ausdrücke entsteht, beginnt auch der ironische Sprachgebrauch. Ironie zeigt an, daß das menschliche Bewußtsein eine Stufe erreicht hat, auf der die Sprache selbst zum Objekt der Reflexion geworden ist. Ironische Rede signalisiert, daß es möglich ist, falsch zu liegen, falsch zu reden und - zu lügen. Davon betroffen sind ganz besonders im modernen Sinne literarische, prosaische oder auch diskursive Ausdrucksformen.

[...]


[1] Hösle in Vico 1990 Band I, S. CCLXXVII.

[2] Siehe dazu Mainberger, Gonsalv K.: Rhetorica II. Spiegelungen des Geistes. Sprachfiguren bei Vico und Lévi-Strauss. Stuttgart-Bad Cannstatt, 1988. Oder auch Gardner, Howard: Vico`s Theories of Knowledge in the Light of Contemporary Social Science. In: Tagliacozzo, Giorgio und Donald Phillip Verene (Hg.) 1976, S. 351 – 364.

[3] White 1985, S. 200 – 201.

[4] Erny, S. 115.

[5] Vico 1990 Band II, S. 504.

[6] Vico 1990 Band II, S. 607.

[7] Vico 1990 Band II, S. 188.

[8] Die Kenntnis der vier Tropen in ihrer philologischen Bedeutung soll in dieser Arbeit vorausgesetzt werden. Für heutige Definitionen von Metapher, Metonymie und Synekdoche, die sich hinsichtlich ihrer Bestimmungen der Funktionalität nicht wesentlich von Vicos Auffassungen unterscheiden, siehe beispielsweise: Arnold, Heinz Ludwig und Detering, Heinrich (Hg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft. 2. Auflage. München, 1997.

[9] Vico 1990 Band II, S. 191.

[10] Dorfles in Tagliacozzo und White 1969 (Hg.), S. 585.

[11] Erny, S. 1xx.

[12] Vico 1990 Band II, S. 191.

[13] White 1985, S. 206.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Giambattista Vico als Wegbereiter einer hermeneutischen Theorie in den Kulturwissenschaften
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Giambattista Vico
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V59032
ISBN (eBook)
9783638530682
ISBN (Buch)
9783638882859
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Giambattista, Vico, Wegbereiter, Theorie, Kulturwissenschaften, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Boris Kruse (Autor), 2005, Giambattista Vico als Wegbereiter einer hermeneutischen Theorie in den Kulturwissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59032

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