Ungleiche Chancen im deutschen Bildungssystem. Der Einfluss des Kapitals auf die Chancen von Schüler_innen mit Migrationshintergrund


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Chancenungleichheit bei Schulerjnnen mit Migrationshintergrund
2.1 Leistungsunterschiede und ihre Folgen fur Schulerjnnen mit Migrationshintergrund
2.2 Lebenslagen von Menschen mit Migrationshintergrund

3 Der Kapitalbegriff von Pierre Bourdieu

4 Der Einfluss des Kapitals auf die Chancen von Schulerjnnen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem

5 Fazit

A Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit Jahrhunderten gibt es Migrationsbewegungen in Gesellschaften aller Art und dam it verbunden auch Anpassungsprozesse. Dabei spielten historisch be-trachtet Burgerrechte und Gesetze lange Zeit keine groGe Rolle, geschweige denn die Gleichberechtigung von unterschiedlichen Personen, bzw. Perso-nengruppen. Seitdem Burger-, Grund- und Menschenrechte einen zunehmen-den Stellenwert in modernen Gesellschaften genieGen, ist das Thema der so-zialen Ungleichheit und damit einhergehend das der Chancenungleichheit im offentlichen sowie professionellen Diskurs nicht mehrwegzudenken (vgl. Seitz 2006: 9ff.). Vor allem dann, wenn es sich um ernstzunehmende Zukunftsper-spektiven eines Individuums handelt, so wie es in einem staatlichen Bildungs-system der Fall ist, sollten faire Bedingungen fur alle Beteiligten gelten. Die PISA Studie 2000, sorgte in diesem Kontext fur groGe Aufmerksamkeit. Aus der Studie ging hervor, dass das Ausbleiben von Erflog im deutschen Bil-dungssystem vergleichsweise stark von der sozialen Herkunft, bzw. einem Migrationshintergrund1 abhangt (vgl. Berger et al. 2011: 14). Vor diesem Hin-tergrund soil in der vorliegenden Arbeit folgende Frage behandelt werden: In-wiefern wirkt sich der von Bourdieu konzipierte Begriff des Kapitals auf die Chancenungleichheit, die Schulerjnnen mit Migrationshintergrund im deut­schen Bildungssystem erfahren, aus?

Im ersten Kapitel werden die Lesenden in die Thematik der Chancenungleich­heit eingefuhrt und aufgezeigt, inwiefern die Gruppe der Schulerjnnen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem von dieser betroffen sind. Aufterdem wird dargestellt, wie sich diese in den schulischen Leistungen der Schulerjnnen auGert und in welchen Lebenslagen sie sich typischerweise wiederfinden. Der Inhalt des zweiten Kapitels beschaftigt sich mit dem „Begriff des Kapitals in alien seinen Erscheinungsformen" (Bourdieu 2015: 50), wel-cher in Pierre Bourdieus Werken Die verborgenen Mechanismen der Macht (1992) und in Die feinen Unterschiede (1982) beschrieben wird. Im dritten Ka­pitel wird analysiert, inwiefern sich der konzipierte Kapitalbegriff auf das zuvor beschriebene Phanomen auswirkt. Abschlieftend werden im Fazit die Ergeb-nisse der Arbeit zusammengefasst und die Forschungsfrage beantwortet.

2 Chancenungleichheit bei Schulerjnnen mit Migrationshintergrund

Wie sich Chancenungleichheit ausdruckt, kann mit den folgenden zwei Model-len unterschiedlich definiert werden. Die Auswahl der Modelle wurde getroffen, urn die Moglichkeiten differenter Auffassungen von Chancengleichheit und umgekehrt Chancenungleichheit aufzuzeigen.

Ausgehend vom Proporzmodell wird von Chancenungleichheit gesprochen, wenn nicht alle sozialen Gruppen, seien es ethnische Gruppen oder soziale Schichten, abhangig von den Anteilen in der Gesamtbevolkerung, in den hie-rarchischen Ebenen des Bildungssystems gleichermaften vorkommen (vgl. GeiGler 2008: 72ff.). Das meritokratische Modell hingegen beschreibt Chan­cenungleichheit, wenn beispielsweise die Zuordnung von leistungsstarken und leistungsschwachen Kindern nach der Grundschule, ungeachtet der ethni-schen oder sozialen Herkunft, nicht gerecht vorgenommen wird (vgl. Bo-janowski 2008: 35ff.). In diesem Fall wurde ein leistungsstarkes Kind nicht auf ein Gymnasium gelangen, wohingegen einem verhaltnismaftig leistungs-schwacheren Kind der Zugang gewahrt wurde.

Der folgende Abschnitt zeigt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland beiden Modellen von Chancenungleichheit zugerechnet werden mussen.

Zum einen fallen sie unter die Definition von Chancenungleichheit des Pro-porzmodells, wie der Deutsche Bildungsbericht 2018 zeigt. Er verdeutlicht un­ter anderem inwiefern Schulabschlusse von Menschen mit und ohne Migrati­onshintergrund, gegliedert nach den verschiedenen Schulformen, unproporti­onal zur Gesamtbevolkerung erfolgen. Beispielweise ist das nicht Vorliegen eines Abschlusses oder der Hauptschulabschluss signifikant ofter bei Men­schen mit Migrationshintergrund zu verzeichnen als bei der Kontrastgruppe, den Menschen ohne Migrationshintergrund (vgl. Autorengruppe Bildungsbe-richterstattung 2018: 55). Zum anderen zeigt der Professor fur Schulpadago-gik, Hartmut Ditton, auf, dass Kinder mit Migrationshintergrund deutlich bes-sere Leistungen als Kinder ohne Migrationshintergrund zeigen mussen, urn eine Gymnasialempfehlung von ihren Lehrern zu erhalten (vgl. Ditton 2008: 53ff). Diese Feststellung bekraftigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund auch dem Chancenungleichheitsmodell mit meritokratischem Ansatz zugeteilt werden mussen.

Nach Betrachtung der beiden Modelle lasst sich festhalten, dass es dem deut-schen Bildungssystem nicht gelingt Chancengerechtigkeit, gemaG den hier an-gefuhrten Definitionen, gegenuber Menschen mit Migrationshintergrund zu ge-wahrleisten.2 3

2.1 Leistungsunterschiede und ihre Folgen fur SchuleMnnen mit Migra­tionshintergrund

Es hat Grunde, dass wie bereits aufgezeigt wurde, nicht von Chancengleich-heit gegenuber SchuleMnnen mit Migrationshintergrund ausgegangen wer­den kann. Diese sind unter anderem in den schulischen Leistungen wieder zu finden. „Jugendliche mit Migrationshintergrund schneiden bei den Schulab-schlussen merklich ungunstiger ab, als Jugendliche ohne Migrationshinter­grund." (Beicht et al. 2011: 6) Im Hinblick auf den Mechanismus der nach der schulischen Laufbahn greift2, ist ein genauerer Blick auf die schulischen Leis­tungsunterschiede von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu autochtho-nen3 Jugendlichen, im Kontext der Chancenungleichheit wichtig.

Die Erfolgschancen beim Ubergang in eine Berufsausbildung hangen deutlich von der schulischen Qualifikation der Jugendlichen ab (vgl. Beicht et al. 2011: 37f.). Sie sind es, die als Produkt der Chancenungleichheit hervorgehen und einen unmittelbaren Benachteiligungsfaktor im Hinblick auf die Ausbildung, bzw. den weiteren beruflichen Werdegang darstellen (vgl. Schneider 2012: 66).

Die Notendurchschnitte in Mathematik und Deutsch, im Halbjahreszeugnis der vierten Jahrgangsstufe einer Stichprobe, die von der BiKS-Studie-8-144 erhoben wurden, zeigen die Unterschiede beispielhaft auf. Sogar vor dem Hinter-grund einer Unterteilung der Vergleichsgruppen in verschiedene Klassen5, schnittenjenemitMigrationshintergrund, undzwaralledrei Klassen, im Schnitt schlechter ab als ihre autochthonen Vergleichsgruppen (vgl. Zielonka et al. 2013: 139). Fur den Zeitpunkt am Ende der Schulpflicht6 eines jeden Schulers, bzw. einer jeden Schulerin, ist nach PISA 2009 festzustellen, dass „das Leis-tungsgefalle zwischen Schulerjnnen mit und ohne Migrationshintergrund [...] in alien Domanen in Deutschland erheblich [ist]" (Schneider 2012: 75). Schnei­der bezieht sich hierbei auf die Domanen Mathematik, Lesen und Naturwis-senschaften (vgl. Schneider 2012: 75). Da die Erfolgschancen beim Ubergang in eine Berufsausbildung deutlich von der schulischen Qualifikation Jugendli-cher abhange, kann bei Kombination der genannten Aspekte von keiner er-folgreichen Weiterbildungssuche ausgegangen werden (vgl. Beicht et al. 2011: 8). Des Weiteren seien die Chancen eine Hochschulzugangsberechtigung zu erlangen, da Menschen mit Migrationshintergrund „sehr haufig nur einen mitt-leren oder nur einen Hauptschulabschluss" erreichen, „schon formal fur einen GroGteil der Migranten nicht moglich." (Hunkler2010: 213)

2.2 Lebenslagen von Menschen mit Migrationshintergrund

„Soziologisch wird dem Begriff der Lebenslage der aufcere, durch sozialstruk-turelle Bedingungen konstituierte Handlungsspielraum eines Menschen zur Entfaltung und Befriedigung seiner Interessen und zur Herausbildung seines Lebensstils bezeichnet. Er stellt damitden Inbegriff dersozialen und Lebens-chancen des Einzelnen dar. Lebenslagen werden von sozial-strukturellen Faktoren beeinflusst, wie dem Einkommen, den Wohn-, Arbeits- oder Freizeit-bedingungen, der Infrastruktur an Diensten und Einrichtungen, den Rechten, die einem zustehen, und den sozialen Beziehungen, in die man eingebettet ist." (Beck etal. 2010:65)

Urn zu verdeutlichen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund tendenziell geringere Lebenschancen besitzen ihre Interessen zu befriedigen, werden den im Zitat genannten Faktoren der Lebenslage kurze Beispiele angefuhrt. Es sei festzustellen, dass Migrantenfamilien „doppelt so oft an der Armuts-grenze wie Familien ohne Migrationshintergrund" (Beicht et al. 2011: 11) leben. Auch leben diese Familien „uberproportional haufig in schlechten Wohn-verhaltnissen und zudem in Wohnquartieren oder Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Hartz IV-Empfangern." (Beicht et al. 2011: 11) Diese Wohngegenden seien haufig durch unzureichende Angebote an Bildung und sozialen Diensten gepragt (vgl. Beicht et al. 2011: 11). Dadurch wurde auch ein forderlicher Ein-fluss auf Ubergangschancen in eine Berufsausbildung durch „aktive Mitarbeit bei Feuerwehr, Technischem Hilfswerk oder Rettungsdiensten" (Beicht et al. 2011: 41) erschwert. Aber auch die Hilfestellungen der Eltern, wie deren be-rufliche Netzwerke oder ihre Informationslage in Bezug auf die Berufswelt, seien von niedrigerer Qualitat, als die der autochthonen Eltern (vgl. Stein et al. 2012: 97).

In Bezug auf die sprachlichen Voraussetzungen, seien Kinder mit Migrations-hintergrund in vorschulischen Erziehungs- und Bildungsinstitutionen ofter von Lernruckstanden betroffen als deren deutsche Vergleichsgruppen. Dieses De-fizit ginge auf die familiare Erziehung zuruck und wirke sich im weiteren Bil-dungsverlauf negativ aus (vgl. El-Mafaalani 2012: 23).

Zusammenfassend lasst sich sagen, dass Jugendliche mit Migrationshinter-grund erheblich haufiger in Familien mit einer ungunstigen soziookonomischen Positionierung" (Beicht et al. 2011: 6) aufwachsen und deshalb die angefuhr-ten Faktoren, die eine Lebenslage ausmachen, meist schwacher ausgepragt sind.

3 Der Kapitalbegriff von Pierre Bourdieu

Laut Bourdieu sei Kapital akkumulierte, also zusammengefasste und ange-sammelte, Arbeit, die in Form von Material oder als inkorporierte, also verin-nerlichte Form vorliege (vgl. Bourdieu 2015: 49). Es seien „drei grundlegende Arten" (Bourdieu 2015: 52) zu differenzieren: kulturelles, soziales und okono-misches Kapital (vgl. Bourdieu 2015: 52).

[...]


1 Als Menschen mit Migrationshintergrund sollen in dieser Arbeit Menschen und deren Nach-fahren bezeichnet werden, die auf Dauer „ihre Heimat bzw. ihr Herkunftsland verlassen ha-ben und sich in einem anderen Land eine neue Bleibe gesucht respektive auch gefunden haben." (Seitz 2006: 9)

2 Ubergang von der Schule in eine Ausbildung, Studium, bzw. beruflicher Werdegang.

3 Autochthon = einheimisch, eingeboren, indigen. (vgl. Duden 2019)

4 Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vorschul-und Schulalter.

5 Es sind Arbeiterklasse, mittlere soziale Klasse und Dienstklasse gemeint. (vgl. Hadjar 2013: 139)

6 Das Ende der Schulpflicht ist in Deutschland mit Abschluss der neunten Klasse erreicht. (vgl. Schneider 2012: 75)

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Details

Titel
Ungleiche Chancen im deutschen Bildungssystem. Der Einfluss des Kapitals auf die Chancen von Schüler_innen mit Migrationshintergrund
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Geisteswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V590541
ISBN (eBook)
9783346195166
ISBN (Buch)
9783346195173
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildungssystem, chancen, einfluss, kapitals, migrationshintergrund, schüler_innen, ungleiche
Arbeit zitieren
Nelson Jung (Autor), 2019, Ungleiche Chancen im deutschen Bildungssystem. Der Einfluss des Kapitals auf die Chancen von Schüler_innen mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/590541

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