Gesellschaftskritik und Pädagogik nach Rudolf Steiner und Otto Mühl. Ein Überblick über Gemeinsamkeiten und Gegensätze


Referat (Ausarbeitung), 2015

7 Seiten


Leseprobe

1. Einleitung

Otto Mühl und Rudolf Steiner, zwei Menschen die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben, nicht einmal das Jahrhundert in dem sie lebten.

Rudolf Steiner wurde vor mehr als 150 Jahren geboren. (1861-1925) Er war Philosoph, Esoteriker und der Begründer der Walddorfschule.

Otto Mühl, Jahrgang 1925, gehörte zu den Vertretern des Wiener Aktionismus. Er war Kommunengründer und ein nach österreichischem Recht verurteilter Straftäter.

Und wieder Frage, was haben diese beiden Männer gemeinsam?

Dieter Duhm publizierte 1979 ein Buch mit dem Titel „Synthese der Wissenschaft“. Dieses Werk widmet er Otto Mühl und Rudolf Steiner, da er beide als wichtigste Vorläufer einer neuen Epoche ansieht. Laut Duhm haben Mühl und Steiner Wilhelm Reichs Theorie in die Praxis umgesetzt.

Ohne Duhm übermäßig beipflichten zu wollen, kann in jedem Fall gesagt werden: Beide hatten die Intention die Gesellschaft zu verändern. Die Auflösung starrer Normen und die Förderung von Kreativität sollte der Menschheit ein besseres Leben bringen. Beide haben mit ihren Überlegungen Andere Menschen überzeugen können den Beweis ihrer Theorien in der Realität zu prüfen.

Im folgenden Text soll den Vergleich zwischen Bestehen und Scheitern vom Lebenswerk Steiners und Mühls aufgezeigt werden.

2. Gesellschaftskritik und die Suche nach neuen L ösungen

2.1. nach Steiner

Steiner war ein interessierter Mensch, der seinen eigenen Angaben zufolge mit 16 Jahren bereits Kant gelesen hat. Er studierte Naturwissenschaften, Philosophie, Literatur und Geschickte. Später publizierte er Abhandlungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Studien, war als bekannter Nietzsche Kenner, als Vortragsredner sehr beliebt. 1 Es gelang ihm jedoch nicht sich im akademischen Bereich zu etablieren.2

Die Erziehungsmodelle seiner Zeit waren von Gehorsam und Anpassung geprägt. Für Steiner gab es in dieser reglementierten, normierten Gesellschaft zu wenig Spielraum für persönliche Entfaltung. Das wollte er ändern. 1919 gründete er die erste Waldorf Schule in Stuttgart. Die Idee dazu stammte vom Emil Molt. Molt gehörte die Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria und wurde so Namensgeber der Schule.

Rudolf Steiner war offen für die unterschiedlichsten Theorien und Zugänge die die Welt erklärten. Er beschäftigte sich mit spirituellen Lehren wie Karma und Seelenwanderung. 1910 verwendeter der erstmals den Begriff „Anthroposophie. Dahinter stand die Bewusstwerdung.3

Was Steiner durch seine Pädagogik erreichen wollte, war vereinfacht gesagt die Entwicklung der Persönlichkeit, der Kreativität statt stures Auswendiglernen. Es ging ihm in seinen Lehren um das „Fühlen, Denken, Wollen“, das seelisch-geistige Sein“.

2.2.nach M ühl

Auch Mühl hatte Interesse an Pädagogik. Er absolvierte ein Lehramtsstudium in Deutsch und Geschichte. Anschließend hat er begonnen Kunstpädagogik an der Akademie der bildenden Künste in Wien zu studieren.

Für Mühl war die vorherrschende Gesellschaftsstruktur einengend. In Anlehnung an Reich stilisierte er die Kleinfamilie zum Feindbild der Kommune. Er suchte nach alternativen Formen des Zusammenlebens, nach alternativen Formen von Beziehungen.

Vor dem biographischen Hintergrund seiner Scheidung und der Tatsache, dass seine engsten Freunde keine Künstler WG mit ihm gründen wollten, ließ er junge Künstler in seine heruntergekommene Wohnung in der Praterstraße 32 bei sich wohnen. Unter den Mitbewohner waren Künstler, Studenten und skurrile Existenzen Es bildete sich eine Art inner- circle von ca. 10 Personen die ab 1971 mit ihm gemeinsam in der Wohnung lebten.

In den 1972/73-gier Jahren gründete Mühl eine Kommune aus der sich später die Aktionsanalytische Organistition (AAO) entwickelt hat.

Heiner Ullrich: Rudolf Steiner: Leben und Lehre. Beck, München 2011, S. 52. Zander Helmut: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, S. 250 Gerhard Wehr: Helena Petrovna Blavatsky. Dornach 2005, S. 122ff und 129 ff Mühl hatte zum Zeitpunkt der Kommunen Gründung bereits eine gewisse Bekanntheit als Künstler. 1968 fand im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäude der Wiener Universität (NIG) Mühls Piss-Aktion statt. Eine Aktionsveranstaltung bei der drei nackte Männer um die Wette urinierten. Gemeinsam mit Nitsch fand 1969 an der Kunsthochschule Braunschweig eine Aktion statt bei der ein Schwein geschlachtet wurde und das Blut und Urin und Kot über die nackte Frau geschüttet wurde. Teil der Aktion war, dass das Szenario mit Weihnachtsliedern über Lautsprecher begleitet wurde. Die Presse titulierte das als Skandal. Es folgten Haftstrafen für die Aktionskünstler.

3. Theoretische Grundlagen der Gesellschaftskritik bei M ühl

Mühl wollte eine „befreite Gesellschaft“. Er stütze sich in seiner Gesellschaftkritik auf Wilhelm Reich. Der Psychiater und Sexualforscher Reich (1897 - 1957) entwickelte die Theorie, dass die Lebenskraft aller Wesen ihren Ursprung in einer speziellen Energie habe. Er bezeichnete diese als Orgon-Energie. Reichs Auffassung zufolge ist es notwendig, dass sich Menschen diesen Kräften unverkrampft öffnen, damit eine gleichmäßige Verteilung und Zirkulation im Organismus stattfinden kann. Krankheiten führte Reich gemäß seiner Theorie auf „Orgonmangel“ zurück.4

Reich zufolge werden Kindern in bürgerlichen Kleinfamilien zu verklemmten Wesen erzogen, die die Lust am Leben verlieren. Angestaute Lebens und Sexualenergien führen zu muskulären Verspannungen (Panzerungen). Abhilfe kann nur durch das Ausleben der „freien Sexualität“. Reich geht davon aus, dass die freie Energie des gesunden Menschen am besten während dem Orgasmus fließen kann.

Die Kommune war eine Mischung aus Psychoanalyse und Aktionismus. Die kritische Auseinandersetzung und Ablehnung der vorherrschenden Gesellschaftsordnung war für viele eine spannende Alternative. Die Gruppe der Mühl „Follower“ wurde zunehmend in der Wiener Anarcho und Kunstszene bekannt. Die Anhängerschaft wurde größer und machte den Kurzhaarschnitt und die Latzhose zu ihrem Markenzeichen.

4. Die hierarchische Ordnung bei Mühl

Die Mühl-.Kommune hatte ihre eigenen Vorstellungen von Hierarchie. Die Position jedes einzelnen Gruppenmitleids sollte offen verhandelt werden. Auch wurde die Gruppenstruktur turnusmäßig z.B. wöchentlich neu bestimmt. Jeder der wollte hatte die Gelegenheit durch seine gestalterischen Fähigkeiten die vor der Gruppe präsentiert wurden wie durch Singen, Musikmachen, Schauspielen eine neue Rolle innerhalb der Hierarchie einnehmen zu können. Einzig und allein unverhandelbar war, dass Mühl an der Spitze der Rangordnung stand.

Neben der sozialen und kommunikative Leistungen wurde auch die sexuelle Attraktivität innerhalb der Gruppe offen ausgesprochen. Und mit einer im Ranking höher stehenden Person wollten viele der anderen Mitglieder ein „Date“ haben. Kritiker bezeichneten diese Maßnahmen als Disziplinierungsinstrument. Bei Scheitern war ein Verlust des Selbstwertgefühls vorprogrammiert.

5. Die Gruppe als Überordnung

Mühl sprach sich klar gegen Zweierbeziehungen aus. 1973 verlangte er von allen Kommunenmitgliedern die Auflösung von Paarbeziehungen. Diejenigen die sich nicht trennen wollten, verließen zu diesem Zeitpunkt die Gruppe.

Das Credo der Gemeinschaft war auf „freie Sexualität“ ausgerichtet. Um emotionalen Bindungen zwischen einzelnen Gruppenmitgliedern entgegenzuwirken wurde täglich festegellegt wer mit wem. Darüber wurde auch Buchgeführt. Diese Aufzeichnungen wurden „Ficklisten“ genannt. Mühl steuerte ebenso die „Kinderproduktion“ innerhalb der Kommune.Mühls radikale Ansicht stand zeitlich in einem sehr nahen Verhältnis, als Mühl selbst von seiner Freundin Elke verlassen wurden.

6. Künstler-Kommune versus Gruppentherapie

Mühl hatte zum damaligen Zeitpunkt (1962)bereits Erfahrung mit Psychotherapie gemacht. Er selbst machte eine Gesprächstherapie bei Josef Dvorak. Dvorak sollte die Kommunenmitbewohner einer Gruppenanalyse unterziehen. Diese Vorhaben sind gescheitert und somit begann Mühl die Rolle des Therapeuten einzunehmen.

Mühl und seine Mitbewohner beschäftigten sich mit Psychoanalyse, dazu gehörten untern anderem die Körperarbeit von Wilhelm Reich, die Gestalttherapie von Fritz Perls und die Urschreitherapie von Arthur Janoy.Aus diesen bestehenden Therapieformen entwickelte sich die sogenannte Aktionsanalyse.

[...]


1 Heiner Ullrich: Rudolf Steiner: Leben und Lehre. Beck, München 2011, S. 52.

2 Zander Helmut: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, S. 250

3 Gerhard Wehr: Helena Petrovna Blavatsky. Dornach 2005, S. 122ff und 129 ff

4 David Boadella: Wilhelm Reich. Leben und Werk des Mannes, der in der Sexualit ät das Problem der modernen Gesellschaft erkannte und der Psychologie neue Wege wies. Scherz, Bern / München 1981, S. 253

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Details

Titel
Gesellschaftskritik und Pädagogik nach Rudolf Steiner und Otto Mühl. Ein Überblick über Gemeinsamkeiten und Gegensätze
Autor
Jahr
2015
Seiten
7
Katalognummer
V590542
ISBN (eBook)
9783346187246
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rudolf Steiner, Mühl Kommune, Pädagogik
Arbeit zitieren
Gertrud Theresa Niedermayr (Autor), 2015, Gesellschaftskritik und Pädagogik nach Rudolf Steiner und Otto Mühl. Ein Überblick über Gemeinsamkeiten und Gegensätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/590542

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