Maurice Blanchots "Thomas l’Obscur". Der Eintritt in den literarischen Raum


Seminararbeit, 2013

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Der literarische Raum und die Uberschreitung von Grenzen

2. Thomas I'obscur- Der Eintritt in den literarischen Raum
2.1. BedeutungdesParatexts
2.1.1. Bezug zur literarischen Form
2.1.2. VerwendungdesBegriffs//yo
2.2. Analyse des ersten Kapitels
2.2.1. AbfolgederTransformationen
2.2.1.1. DerinitialeAntrieb
2.2.1.2. Der Ubergang ins Meer
2.2.1.3. Der Eintritt in den lieu sacre
2.2.1.4. Die Ruckkehr zum Ausgangspunkt
2.2.2. Wiederkehrende semantische Felder und Oppositionen
2.2.2.1. Semantische Felder
2.2.2.2. Oppositionen
2.3. Bezug zur literarischen Erfahrung

3. Vom Tod zur Existenz

Bibliographie

1. Der literarische Raum und die Oberschreitung von Grenzen

„Ce vide qui, au cours de la genese, marquait I'inachevement de I'oeuvre, etait la tension de ses moments antagonistes" (Blanchot 1955: S.269). Die Genese eines literarischen Werks, die sich durch Leere, einer antagonistischen Spannung und schliefclich im unvollendeten Zustand im Raum erstreckt: Maurice Blanchots Werk gleicht seiner eigenen widerspruchlichen Lebensform, einer Struktur aus Verwirklichung und Abwesenheit, aus schriftstellerischer Prasenz und einer Leere, die seine Person als Autor scheinbar zu verschlucken drohte. Das standige Uberschreiten von Grenzen, der Antagonismus von anfanglich als gegensatzlich betrachteten Zustanden und Begriffen fuhrt Blanchot zu dem Versuch, einige grundlegende Prozesse des menschlichen Daseins zu klaren, wenn auch die Betonung auf dem unvollendeten und unmoglichen Charakter einer eindeutigen Bestimmung liegt.

Die Themen Existenz, Tod und Literatur sind zentrale Aspekte in Blanchots Hauptwerk Thomas I'Obscur, die auf den ersten Blick, gerade in Bezug zur Literatur, nicht viele Gemeinsamkeiten besitzen, letztendlich aber doch eng miteinander verbunden sind. So wie bei Sartre „ce qu'il n'est pas" (Sartre 1943: 40), das was nicht ist, die Grundlage fur die Freiheit des Menschen in seiner Existenz darstellt und auch Hegel die „absolute Freiheit" nur in „reiner Negativitat", also im „Nichts und im Tod" sieht (Kojeve 1947: 557), so steht das Nichts auch bei Blanchot an zentraler Stelle und stellt eines der analogen Elemente der angesprochenen Themen dar. Da sich nicht nur dieser Aspekt auf viele Motive Blanchots ubertragen lasst, sondern auch andere Ideen nicht nur in Thomas I'Obscur, sondern im gesamten Werk Blanchots standig widerkehren, soil nun das Augenmerk auf das erste Kapitel eben dieses Buches gelegt werden, urn in erster Linie einen Bezug zum Eintritt in den literarischen Raum herzustellen. Raum ist nach seiner Vorstellung ein „espace ouvert", eine „profondeur vide" (Blanchot 1955: 256-259), etwas Abstraktes und Absolutes zugleich, was den Ubertritt in diesen zu einem einer Grenzerfahrung nahen Ereignis macht. In Bezug auf das literarische Erlebnis bedeutet das eine distanzierte Lekture, infolgedessen raumliche und zeitliche Strukturen aufgelost werden: Text und Bewusstsein des Lesers beginnen ihre Verschmelzung und es entsteht ein vollig neuer Raum, der eben gekennzeichnet ist durch Leere und Nichts, in dem die Worte durch den Leser transparent werden, aus ihrer Absenz hinaussteigen. So soil nun eine Analyse des initialen Kapitels begonnen werden und zwar ganz im Sinne Maurice Blanchots, einhergehend mit einer distanzierten, objektiven Lekture: „La lecture qui prend forme dans la distance de I'oeuvre, qui est la forme de ce vide" (Blanchot 1955: 272).

2. Thomas I'obscur - Der Eintritt in den literarischen Raum

2.1. Bedeutung des Paratexts

2.1.1. Bezug zur literarischen Form

Blanchot wahlte fur die erste Version von Thomas I'Obscur, die er 1932 begann und 1941 veroffentlichen lieB, zunachst die Romanform. Die 1950 veroffentlichte zweite Version, die dieser Arbeit zugrunde liegt, ist nun in Berichtsform verfasst, im Paratext heifst es, „[elle] n'ajoute rien, mais [...] leur ote beaucoup", sie fiigt der alten Version nichts hinzu, nimmt ihr jedoch einiges weg. Sie kann nun als neu betrachtet werden, aber dennoch gleicht sie inhaltlich vollig ihrem Vorganger. Wieso nun wahlt Blanchot eine abgespeckte Version?

Der Roman bildet die gesellschaftlichen Verhaltnisse ab, zeigt Individuen innerhalb dieser Verhaltnisse und verleitet zum Einfuhlen und Miterleben. Das narrative Element spielt hier eine grofce Rolle, der Erzahler prasentiert nicht selten seine Erzahlkunst. Das Verstandnis vom Autor, das jedoch Blanchot hat, ist das des Schriftstellers, der ein Werk erschafft, dann aber vollig in den Hintergrund tritt, sozusagen stirbt, der individuelle Einfluss dessen auf seine Texte sind quasi nicht prasent, der Autor soil dies strikt vermeiden (Blanchot 1949: 310). So ist zu erklaren, dass in Blanchots Sinne die nijchteme Berichtform angebrachter ist, „cette simple forme, sans poids ni materialite", die nur das Reelle in seiner Meteralitat darstellt (Faye 1972: 15). Die Zerschlagung der bisherigen Form lasst eine neue entstehen, was seinem Verstandnis von der Entstehung von Neuem entspricht, namlich aus der Vernichtung von Anwesendem. Die Uberschreitung von Grenzen kann auch im Bericht stattfinden, durch die Illusion einer fiktiven Welt, eines „centre imaginaire" (Blanchot 1950: 7).

2.1.2. Verwendung des Begriffs II ya

„ll y a pour tout ouvrage, une infinite de variants possibles" (Blanchot 1950: 7).

Dies ist der Beginn des Paratexts und aufgrund der Verwendung des Ausdrucks il y a ist eine genauere Einsicht in dessen Bedeutung von grower Wichtigkeit. Die Moglichkeit der Verwendung verschiedener literarischer Formen zur Realisierung des Werkes wurde soeben erlautert, nun fallt die genauere Herkunftsbeschreibung deren Existenz, die es gibt. Zur phanomenologischen Geschichte des il y a zunachst ein Ruckblick auf eine Erklarung von Emmanuel Levinas 1. So sei es nicht moglich, aus dem „anonymen und unpersonlichen Strom des Seins" auszubrechen, das standige ZuruckstoGen ins Sein impliziert eine Gebundenheit an die Existenz, das heifct, es gibt das Sein (Blanchot 1949: 320). 2 Urn es mit Heideggers Worten auszudrucken: Das Sein kann ohne Seiendes existieren, nicht aber andersherum- das Seiende ist in das Sein geworfen (Levinas 1989: 25). Mit anderen Worten: Es gibt das Sein (Heidegger 2006: 335f.). Was bedeutet diese Feststellung nun im Zusammenhang mit Blanchots Intention? Betrachtet man das Sein ohne Seiendes (und da beide getrennt voneinander gesehen werden konnen, ist dies moglich), so impliziert eine Ruckkehr ins Nichts trotzdem ein Geschehen, wie zum Beispiel das des Schweigens. Dieses Geschehen ist allerdings unbestimmt, der Begriff des etwas gleicht hier dem es der dritten Person. Der anonyme Charakter des Entgleitens, des Aufreibens des Seienden durch das Sein ist nun das il y a, in dem nur noch das Geschehen des Seins bleibt (Gelhard 2005:108).

Ein mitreifcender Strom im Sein bedeutet letztendlich Anstrengung, da das Sein nicht beherrschbar ist, kann aber durch das Eintreten in einen neuen Raum, in dem Passivitat und Stillstand vorherrschen, gebandigt werden. Dies kann insofern auf den literarischen Raum bezogen werden, da es verschiedenste Moglichkeiten der literarischen Verwirklichung gibt, die den Wortern Anwesenheit geben konnen und das durch eine Negation des vorhandenen Raumes, der sich stets anders lesen lasst, was die beiden Varianten von Thomas I'Obscur zeigen. Aus dem Nichts entsteht so etwas, das genauso wieder zerstort werden kann, das Gabe- Ereignis lasst das Seiende, in diesem Fall, die Worter im literarischen Raum existieren.

2.2. Analyse des ersten Kapitels

2.2.1. Abfolge derTransformationen

2.2.1.1. Der initiale Antrieb

Das erste Kapitel beginnt mit Thomas, der scheinbar statisch am Meeresufer sitzt und auf das weite Meer blickt. Dieser Blick ist allerdings eingeschrankt durch Nebel, der ihn den Horizont nicht klar erkennen lasst. Die Situation verandert sich, als eine Welle, also eine externe Kraft Thomas ins Meer gleiten lasst: „[...] une vague plus forte I'ayant touche, il descendit [...] et glissa au milieu de ramous" (Blanchot 1950: S.9). Die Betonung liegt hier auf der Bewegungsart des Gleitens, er geht langsam in ein anderes Milieu uber, das zunachst auch einen Eintritt in eine andere Materie darstellt, namlich von der der Luft in die des Wassers. Auf abstrakter Ebene uberschreitet Thomas die Grenze zwischen passivem Beobachten und einem aktivem Sich-Loslosen des Bewusstseins, was auch auf andere Situationen innerhalb Blanchots Werk zutrifft. So verlauft der Ubergang in die Nacht, in Thomas Haus, in den Tod und vor allem in den literarischen Raum nach demselben Muster (Starobinski 1966: 500).

2.2.1.2. Der Obergang ins Meer

Normalerweise schwimmt Thomas lange ohne mude zu werden, doch dieses Mai bricht er mit der Gewohnheit und lasst sich auf etwas Neues ein, einen Jtineraire nouveau", in den ihn die Kraft des Meeres fuhrt (Blanchot 1950: 9). Das Wasser tritt zunachst als gefahrliche, kraftvolle Materie auf, die Thomas in einen regelrechten Kampf verwickelt und die Versuche, gegen die Stromungen des Meeres anzukampfen, scheitem. Schnell schlagt die materielle Prasenz des Wassers in Abwesenheit dessen urn, so stellt sich bald die Sicherheit ein, dass das Wasser fehlt, „[l]a certitude que I'eau manquait" (Blanchot 1950: 10). Diese Nichtung des Wassers fuhrt zu einer Stille, die die Zerstorung und Naturgewalt uberlagert und sich auch in Thomas Bewusstsein breitmacht: Er selbst wird zum Abwesenden in einem abwesenden Milieu und es entsteht ein neuer, leerer Raum, in dem das Heraustreten aus dem eigenen Bewusstsein zum Jvresse" wird, zum Rausch (Blanchot 1950: 11). Durch die Verschmelzung von abstrakter und konkreter Ebene ist dieser Raum gekennzeichnet von Neutralist zwischen Subjektivitat und Objektivitat, Bewusstsein und Meer werden eins (Starobinski 1966: 504).

2.2.1.3. Der Eintritt in den lieu sacre

Die Negation in Thomas Bewusstsein lasst nun einen Raum entstehen, der als unklar und konkret zugleich, als „vague" und „precise" beschrieben wird (Blanchot 1950: 12). In diesem lieu sacre erreicht Thomas einen absolut transzendenten Zustand, der ihn zu sich selbst fiihrt und eine Einheit zwischen Raum und Bewusstsein schafft. Unmittelbar vor dem Eintritt andert sich die Perspektive, Thomas wird von aufcen wie durch ein „microscope geant" betrachtet und durch die Beobachtung aus der Distanz als winzig dargestellt, bis er in den neuen Raum gleitet. Thomas fiigt sich in diese Tiefe leicht ein, da die Form fur ihn schon als vorgegeben beschrieben wird: „son empreinte y etait deja marquee" (Blanchot 1950: 12). Diese Vorgabe erlaubt eine Interpretation im Sinne des il y a, namlich als etwas, das sich als Geschehen des Seins bezeichnen lasst, quasi als Existenzgrund. So findet Thomas durch diesen transzendenten Zustand der Intimitat zum Sein, dem das Seiende entglitten ist, zum Ursprung seiner Existenz (Starobinski 1966: 508). Die Zerstorung, die diesem Zustand vorausging, ist verantwortlich fur diesen Moment der absoluten Leere, sie hat vielmehr durch ihre (Ver-) Nichtung von Materie und Bewusstsein einen Raum fur einen neuen Zustand geschaffen, der dem der absoluten Freiheit gleicht.

2.2.1.4. Die Ruckkehr zum Ausgangspunkt

Nach dieser Erfahrung begibt sich Thomas auf den Ruckweg und kommt schliefclich wieder am Ursprungsort, dem Meeresufer, an. Gezeichnet vom Kampf im Meer unter anderem durch die „brulure dans les yeux" nimmt er wieder die ursprungliche Position des statischen Beobachters ein, nun aber mit veranderter Wahmehmung (Blanchot 1950: 13). So ergibt sich eine emeut distanzierte Wahmehmung, nun aber zusammen mit einem Nahegefuhl, das Thomas sowohl einen Schwimmer am Horizont, als auch den Nebel genauer wahmehmen lasst. Mit dem Schwimmer besteht eine intime Verbindung, die gerade uber die Distanzierung entsteht. Dieses Paradoxon lasst sich durch eine veranderte Perspektive wie bei dem Blick durch das Mikroskop auf Thomas erklaren: War es im Meer noch Thomas, der durch das Erreichen von Transzendenz uber sich hinausgeht und schliefclich aus der Distanz objektiv beobachtet wird (wobei es jedoch unklar bleibt, wer der Beobachter ist), so ist es jetzt das Geschehen auf dem Meer, das von Thomas selbst mit distanziertem, aber auch absolut intimem Blick betrachtet wird. Durch die Erfahrung auf dem Meer, durch das Uberschreiten raumlicher und materieller Bewusstseinsgrenzen, scheint Thomas Wahmehmung soweit verandert zu sein, als dass er nach der Ruckkehr aus der Einsamkeit in die Allgemeinheit grofcte Nahe nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu seiner materiellen Umwelt aufbaut. Dies geschieht mittels einer neu gewonnenen Objektivitat, die zu bewussterer Wahmehmung fuhrt, dessen genauere Beschreibung Blanchot allerdings offen lasst.

2.2.2. Wiederkehrende semantische Felder und Oppositionen
2.2.2.1. Semantische Felder

Blanchot bedient sich im ersten Kapitel von Thomas I'Obscur einiger semantischer Felder, die jedoch auch in darauffolgenden Kapiteln stets wiederkehren und deswegen einer Erlauterung bedurfen. Vor allem bei der Uberschreitung von Grenzen spielt ein Verstandnis dieser eine grofce Rolle, so auch beim Eintritt in den literarischen Raum.

[...]


1 Blanchot und Levinas pflegten einen regen literarischen und gedanklichen Austausch, wahrend dem beide von den Kenntnissen des anderen profitierten. Der Ausdruck // y a ist ein zentrales Element zahlreicher gedanklicher Gemeinsamkeiten.

2 Blanchot geht hier auf Levinas De /'existence a I'existance (1955) ein.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Maurice Blanchots "Thomas l’Obscur". Der Eintritt in den literarischen Raum
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Romanishe Philologie)
Veranstaltung
Sartre und Blanchot
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V590968
ISBN (eBook)
9783346177377
ISBN (Buch)
9783346177384
Sprache
Deutsch
Schlagworte
blanchots, eintritt, maurice, raum, thomas
Arbeit zitieren
Christian Heilmeier (Autor), 2013, Maurice Blanchots "Thomas l’Obscur". Der Eintritt in den literarischen Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/590968

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