Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Problem der Ideologisierung in der Kunstgeschichte. Kunsthistorische Interpretationen sind nicht frei von Objektivität und können unbewusst vom subjektiven Eindruck des Autors oder bewusst, z.B. als politisches Propagandamittel, beeinflusst sein. Die Arbeit erläutert diese Problematik anhand eines Streits über die Reiterdarstellung auf einem der drei sogenannten Meisterstiche Albrecht Dürers (zumeist unter dem Titel) "Ritter, Tod und Teufel".
Der Kupferstich von Albrecht Dürer aus dem Jahre 1513 kann wohl als eines seiner bekanntesten Werke bezeichnet werden. Das Werk, das zum "Meisterstich" proklamiert wurde, beschäftigte die kunsthistorische Forschung schon früh und in der vielfältigsten Weise. Die Tatsache, dass das Pferd im Stich nach den Regeln der Proportionslehre konstruiert wurde und, dass Leonardos Skizzen von eben dieser Lehre sowie von seinem Sforza-Denkmal als Vorbilder dienten, ebenso wie die italienischen Reiterdenkmäler des 15. Jahrhunderts, war schon den Kunsthistorikern des vorangegangenen Jahrhunderts bekannt.
Die Suche nach dem "wahren Charakter" des Bildes und dem "wahren Wesen" des Künstlers – des "Künstlergenies" – beschäftigte diese jedoch so intensiv, dass der Blick für die Bedeutung dessen, was wirklich über den Kupferstich ausgesagt werden kann, hinter den zahlreichen oft sehr subjektiven Ausdeutungen der einzelnen Symbole und Details zurückblieb. Vor allem die Identität des Reiters stand meistens im Vordergrund und trieb ungeahnte Blüten, was bereits Heinrich Theissing bemerkte.
Der Mann auf dem Pferd wurde zum christlichen Ritter, zum idealisierten Symbol des Rittertums sowie zum genauen Gegenteil stilisiert. Auch ideologisch wurde der Stich vereinnahmt; von nationalsozialistischer Seite ebenso wie in der Nachkriegszeit aus einer marxistisch-sozialistischen Weltsicht heraus motiviert. So, dass Hans Schwerte bemüht war die verschiedenen Deutungen zu dem Stich im Kontexts ihres zeitlichen Ursprungs zu verstehen und die Formulierung von Matthias Mende treffend erscheint: "Jede Zeit macht sich Dürer dienstbar".
Inhaltsverzeichnis
1 EINFÜHRUNG
2 RITTER ODER REUTER? EIN REITER
2.1 DAS PFERD ALS PROPORTIONSSTUDIE
2.2 DER EINFLUSS LEONARDOS UND DIE FRAGE NACH DER BEINSTELLUNG DES PFERDES
2.3 DER „ITALIENISCHE CHARAKTER“ DES PFERDES – ANTIKE STATUEN UND ITALIENISCHE REITERDENKMÄLER
3 VON VERGLEICHEN UND WETTKÄMPFEN – DER REITER ALS PARAGONE
3.1 DER REITER ALS TEIL DES PARAGONE-DISPUTS
3.2 ANTIKE VORBILDER
3.3 DER WETTSTREIT MIT LEONARDO – EIN WETTSTREIT MIT ITALIEN?
4 SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Albrecht Dürers Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“ (1513) jenseits der traditionellen, oft ideologisch geprägten Deutungsversuche. Ziel ist es, die Darstellung des Reiters und seines Pferdes als konstruierte Figur unter Berücksichtigung von Proportionsstudien, italienischen Vorbildern und dem kunsttheoretischen Kontext des Paragone-Diskurses zu analysieren, um Dürers künstlerisches Selbstverständnis und sein Streben nach internationaler Ebenbürtigkeit im Wettbewerb der Künste aufzuzeigen.
- Analyse des Pferdes als konstruierte Form auf Basis von Dürers Proportionslehre.
- Untersuchung des Einflusses Leonardos da Vincis auf Dürers Reiterdarstellung.
- Einordnung des Werkes in den kunsttheoretischen Paragone-Diskurs des 15. und 16. Jahrhunderts.
- Erörterung der nationalen Dimension und des künstlerischen Wettbewerbsgedankens.
- Kritische Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschungsgeschichte und Rezeptionsweise.
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Pferd als Proportionsstudie
Dürers Faszination für das Pferd, bzw. für dessen ideale Darstellung ist an der Vielzahl von Studien zu erkennen, die er dem Tier widmete. So ist das Pferd das einzige Tier, dass er versuchte unter Berücksichtigung geometrischer und arithmetischer Beziehungen darzustellen. Ein Versuch, der ihn früh und zeitlebens beschäftigte. Dafür spricht ein genauer Blick auf einige seiner Pferdestudien ebenso, wie die Tatsache, dass die Proportionen des Pferdes ihm ein eigenes Kapitel in seinem Lehrbuch über die Malerei wert waren.
Dem überlieferten Plan zufolge, wollte Dürer sich im vierten Kapitel mit dem Pferd beschäftigen. Außer dem Kapitel über den menschlichen Körper konnte kein Kapitel vollendet werden - Vaisse geht jedoch davon aus, dass das Kapitel schon weit ausgearbeitet sein musste; er vermutet im Rossbüchlein Sebald Behams (1528), dessen Erscheinung von der Stadt Nürnberg untersagt wurde, eine mögliche Kopie von Dürers Schriftstücken zu diesem Thema.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINFÜHRUNG: Die Einleitung skizziert die Forschungsgeschichte des Kupferstichs, kritisiert die einseitigen Deutungsversuche und etabliert den methodischen Ansatz, das Werk als Proportionsstudie und im Kontext des Paragone-Diskurses neu zu untersuchen.
2 RITTER ODER REUTER? EIN REITER: Dieses Kapitel analysiert das Pferd als zentrale, nach mathematischen Prinzipien konstruierte Figur, den Einfluss leonardesker Vorbilder auf die Beinstellung und die Einbettung des Pferdes in die Tradition italienischer Reiterdenkmäler.
3 VON VERGLEICHEN UND WETTKÄMPFEN – DER REITER ALS PARAGONE: Hier wird der Stich in den kunsttheoretischen Kontext des Paragone-Streits eingeordnet, wobei Dürers Bestreben, sich als Künstler theoretisch und praktisch mit italienischen Vorbildern zu messen und diese zu übertreffen, hervorgehoben wird.
4 SCHLUSSBETRACHTUNG: Das Fazit fasst zusammen, dass Dürer den Stich als Ausdruck seiner technischen Meisterschaft nutzte, um sich als gelehrter Künstler zu positionieren und im künstlerischen Wettbewerb mit der Antike und seinen italienischen Zeitgenossen erfolgreich zu bestehen.
Schlüsselwörter
Albrecht Dürer, Ritter Tod und Teufel, Kupferstich, Proportionslehre, Paragone, Leonardo da Vinci, Reiterdenkmal, Kunsttheorie, Renaissance, Künstlergenie, Idealfigur, Wettstreit der Künste, Naturstudie, Formkonstruktion, Antikenrezeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Dürers Kupferstich von 1513 („Ritter, Tod und Teufel“) mit Fokus auf die technische Konstruktion und die kunsttheoretische Einordnung, anstatt sich auf die (oft umstrittene) inhaltliche Ikonographie zu konzentrieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die mathematisch fundierte Proportionslehre bei Tieren, der Einfluss der italienischen Renaissancekunst auf Dürer und der historische Diskurs über den Stellenwert der Malerei im Vergleich zur Bildhauerei.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den „Reiter“ als bewusst konstruierte „Idealfigur“ zu verstehen, mit der Dürer sein technisches Können demonstrierte, um Anerkennung als gleichwertiger Künstler gegenüber italienischen Kollegen zu finden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin bedient sich einer kunsthistorischen Analyse, die sowohl auf älteren Forschungsergebnissen (wie denen von Wölfflin oder Panofsky) als auch auf neueren diskursanalytischen Ansätzen basiert, um eine unvoreingenommene Betrachtung des Werkes zu ermöglichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Proportionsstudien des Pferdes, den Vergleich mit leonardesken und antiken Reiterdarstellungen sowie die theoretische Aufarbeitung des Paragone-Disputs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Proportionslehre, Paragone, Dürers künstlerisches Selbstverständnis, Renaissance-Konkurrenz und die Verbindung von theoretischem Wissen und handwerklicher Umsetzung beschreiben.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Leonardos Einflüssen?
Die Arbeit bewertet Leonardos Einfluss nicht als bloße Kopie, sondern als bewusste und gezielte Aneignung von Darstellungsmerkmalen, die Dürer in seinen eigenen künstlerischen Stil integrierte, um ein höheres Ideal zu erreichen.
Welche Bedeutung kommt der „deutschen Tradition“ zu?
Die „deutsche Tradition“ wird hier als ein bewusst gewähltes Gegengewicht und zugleich als Positionierung innerhalb des Wettbewerbs (Paragone) verstanden, durch welches Dürer sein technisches Wissen und Können beweist.
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- Charlotte Steinhauer (Author), 2017, Die Problematik der Ideologisierung in der kunsthistorischen Wissenschaft am Beispiel von Albrecht Dürers "Ritter, Tod und Teufel", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/590989